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Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger
Jahrgang MV Zreitag, den 25. April Kummer 32
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Note Dächer.
Von Arno Holz*.
Aus den Schornsteinen, hier und da, Rauch, oben, hoch, in sonniger Luft, ab und zu, Tauben.
Es ist Nachmittag.
Aus Mohdrickers Garten gackert eine Henne, die ganze Stadt riecht nach Kaffee.
Ich bin ein kleiner, achtjähriger Junge und liege, das Kinn in beide Fäuste, platt auf dem Bauch, und gucke durch die Bodenluke.
Unter mir, steil, der Hof.
Hinter mir, weggeworfen, ein Buch. ... Franz Hoffmann ... Die Sklavenjäger ...
Wie still das ist!
Nur drüben in Knorrs Regenrinne zwei Spatzen, die sich um einen Strohhalm zanken, ein Mann, der sägt, und dazwischen, deutlich von der Kirche her, in kurzen Pausen, regelmäßig hämmernd, der Kupferschmied Thiel.
Wenn ich unten runter sehe, sehe ich grade auf Mutters Blumenbrett: ein Topf Goldlack, zwei Töpfe Levkojen, eine Geranie und mitten drin, zierlich in einem Zigarrenkistchen, ein Hümpelchen Reseda.
Wie das riecht? Bis zu mir rauf! Und die Farben! Jetzt! Wie der Wind drüber weht! Die wunder-, wunderschönen Farben!
Ich schließe die Augen. Ich sehe sie noch immer.
Nachruhm im Kleinen.
Von Fedor v. Zabeltitz.
Ich suhr einmal mit der Görlitzer Bahn tief in das märkische Land hinein. Es galt einen Besuch bei einem Domünenpächter, und ich wußte, daß ich mich da langweilen würde. Und so beschloß ich denn, diesen Besuch aufzuschieben und statt dessen irgendwo anders auszusteigen. Aber wo? Cs war ein Bummelzug, der hielt jede Viertelstunde. Gerade jetzt hielt er wieder. Da riß ich die Tür auf und sprang aus dem Kupee. Wie die Station hieß, wußte ich nicht, doch dies Nichtwissen kvnnie auch seine Reize haben.
Ich sah also geflissentlich das Schild nicht an, das den Stationsnamen trug, ging durch die Sperre, umschritt das winzig kleine Bahnhofsgebäude und hatte nun eine Landschaft vor mir, die sicher keinen Maler gereizt hätte. Es war nicht das übliche kitschige Bild mit einem blitzenden Flußiauf zwischen saftig grünen Wiesen, üppigen Saatfeldern und einem lieblichen Laubwald auf ferner Anhöhe. Es war eigentlich eine trostlose Serienb, doch immerhin in ihrer Langeweile von kräftiger Realistik. Nicht einmal ein Mädchen mit blonden Zöpfen saß am Rain und flocht sich einen Kranz aus Butterblumen, kein Gänseliesel hütete ihre Herde, kein Lebespärchen schnitt ein Herzensmonogramm in den Stamm einer breil- wipfeligen Linde, dieweil keine Butterblumen, keine Gänse, keine Linde und kein Mensch zu sehen waren. Es war eine herrliche Einsamkeit.
nc einsam war es auch in dem Ackerbürgerstädtchen, das ich von der ^Isteite aus betrat. Zwischen den ersten fleinen Häusern und schindel- gedeckten Scheunen war quer über die Straße ein Draht gespannt, an eine große Laterne baumelte. Hier gab es also noch nicht das grelle ,,fische Licht und zweifellos auch kein Gas, hier war die Straßen- , Achtung und das Innenleben in den Wohnungen auf Del und Petro- ""Schiefen tnie in der guten alten Spitzweg-Zeit. Es war köstlich MhLre1?1 Gegensatz zu der fürchterlichen Ruhelosigkeit unserer Groß- c' i'n Mann zerkleinerte Holz vor seiner Haustür, eine Frau goß * Aus dem „Kindheitsparadies", I. H. W. Dietz Nachf., Berlin.
einen Eimer voll Schmutzwasser armschwingend auf das holperige Pflaster, ein paar Kinder spielten auf einem Sandhaufen, das war das ganztz Leben.
Ich sage, das Pflaster war holperig, aber es bot doch eine angenehme Abwechslung in bezug auf die Steinarten. Man hatte spitze und runde Feldsteine gewählt. Trat man auf die spitzen, so tat dies natürlich weh att Zehen und Sohlen, doch dann freute man sich, wenn man wieder auf die runden geriet. Auf dem Marktplatz tauchten auch die ersten Bäume auf, zwei Oleander mit grauen Blättern in großen Holzgefäßen, auf denen noch die Bezeichnung „ff. Margarine" zu lesen war. Sie standen rechts und links des Treppenaufgangs eines rosenrot angestrichenen Häuschens, in dem sicher der Herr Bürgermeister wohnte. Gegenüber erhob sich das viereckige, etwas nach rechts geneigte Rathaus, mit dem Kriegerdenkmal davor, einer schlicht schlanken Säule aus zersprungenem Zement, oben mit einem gußeisernen Adler, der nur den Schnabel ein wenig zu weit aufriß. Sonst war er gut gebildet.
Der Marktplatz war die City. Links lag die Apotheke, zwei Salben» töpfe im Fenster, dazwischen eine Anzahl Hühneraugenringe; daneben ein kleines Haus mit kümmerlichen Efeuranken und einer Gedenktafel über der Tür. Die hemmte meinen Schritt. Die Inschrift lautete:
„In diesem Hanse lebte und wirkte
Friedrich Funk
geb. 6.10. 47.
gest. 22.12.05."
Wer war Friedrich Funk? — Ein Bürger schritt über den Platz, sicht» lich ein besserer Herr, in grauem Tuchrock, wenn auch ohne Hemdkvageit und in gestickten Morgenschuhen. Einen Hut trug er nicht. Dafür zog ich höflich den meinen und fragte: „Entschuldigen Sie, können Sie mir wohl sagen, wer Friedrich Funk war?"
Der Bürgersmann lächelte, fast schien mir, ein wenig verächtlich. „Das wissen Sie nicht?" entgegnete er. „Das war unser Dichter. Er hat int hiesigen Wochenblatt auch eine Geschichte der Stadt veröffentlicht, sie ging durch acht Nummern. Es ist eine sehr alte Stadt. Im vorigen Jahre ist leider der Rest des früheren Torbogens abgebrochen worden, weil man damit die Kirche ausbessern mußte. Aber der Herr Bürgermeister hat eine Photographie des Torbogens machen lassen, wie er aussah, di« kriegen Sie drüben bei Netschke."
Er wies mit der Hand links herum zu Netschke und ging weiter« Netschke war der Wertheim des «tüdichens, mit Strümpfen, Blechdosen, Blusen, Messerbänkchen, Weinflaschen, zwei Vogelbauern, Schlittschuhen, «pielzeug und hundertlei mehr im Schaufenster. Darüber hing ein Plakat: „Inventur-Ausverkauf".
Ich trat ein. Die Türglocke schrillte heftig und weckte einen Mann, der hinter dem Ladentisch geschlafen zu haben schien. Er winkte mir gleich mit der Hand ab. „Ich danke", sagte er, „ich brauche nichts."...
Es ivährte einige Zeit, bis ich ihm klar gemacht hatte, daß ich zwar ein Reisender sei, doch kein „Reisender," und da wurde Netschke sofort außerordentlich freundlich und pries mir mit geläufiger Zunge seinen Warenbestand an. „Alles unter dem Preise," schloß er...
„Man merkt," antwortete ich lächelnd, „Sie haben Inventur-Ausverkauf ..."
„Das gerade nicht," entgegnete er harmlos, „der Zettel hängt noch von vor zwei Jahren im Fenster. Aber ist ließ die Preise herabgesetzt —< damit man seine Ruhe hat..."
Die Logik war mir neu, doch einleuchtend. Dann bat ich um eine Photographie des alten Stadtbogens. Netschke verstand nicht gleich, schlug sich hierauf vor die Stirn und rief: „Ich weiß schon! Es muß noch eine unter den Ansichtskarten liegen..." Er zog einen Kasten auf und kramte in Stapeln von schönen Bilderkarten mit lieblichen Mädchenköpfen und sich schnäbelnden Tauben und derlei. Es staubte etwas. Endlich sand er die gewünschte Photographie, wischte mit dem Hier nie! darüber und reichte
sie mir.
Ich verbarg mein Erstaunen nicht. Man sah auf dem Bilde nur zwei Haufen große Steine, zwischen denen ein dicker Mann stand, der die rechte Hand in den Westenausschnitt gelegt hatte, so etwa in der Positur Napoleons. „Wo ist denn der Torbogen?" fragte ich.
„Abgerissen", antwortete Netschke. „Aber Herr Funk meinte, es müsse eines der schönsten Beispiele mittelalterlichen Spitzbogenstils gewesen feilt Der auf der Photographie ist unser Bürgermeister, Herr Funk lebt leider nicht mehr, unser berühmter Dichter — wir haben auch eine Straße nach ihm die Funk-Allee getauft — von der habe ich noch ein paar gute Ansichten da..
Er kramte wieder und reichte mir ein neues Bild. Mein Erstaunen wuchs. Die Aufnahme zeigte ein flaches Gelände mit Andeutung eines Weges und einer Art Wegweiser, auf dem in schön gemalten Buchstaben „Funk-Allee" zu lesen war.
„Ich sehe aber gar keine Allee", wagte ich zu äußern...


