dem kostbaren Gut der menschlichen Sprache zu versündigen. Schnell wollten sie sich miteinander verständigen, weil sie einen Augenblick lang gemeinsam das Grauen unendlicher Einsamkeit erlebt hatten.
Sie sprachen über alles mögliche, über ihren Ausflug, über den Himbeersaft, der nun wohl schon fertig und auf Maschen gezogen war, und über ihre Pläne für die nächsten Tage. Nur über das, was ihre Herzen erfüllte, sprachen sie nicht, über die glühende kameradschaftliche Liebe, die sie füreinander empfanden, und über ihr Glück, wieder versöhnt zu sein. Aber das war auch nicht notwendig. Denn wenn Menschen aus Liebe miteinander sprechen, ist es nicht notwendig, daß sie ihre Gedanken sagen, um sich zu verständigen.
Oie Arkanisten.
Goldmacher, Abenteurer und Betrüger in alter Zeit.
Von Dr. W. Schürmeyer, Frankfurt a. M.
Die Erfindung der Herstellung des so sehr begehrten Porzellans vollzog sich in engster Verbindung mit dem jahrhundertalten Bemühen der Alchimisten, künstliches Gold zu erzeugen. Immer wieder tauchen, besonders an den Fürstenhöfen, Persönlichkeiten auf, die mit gelehrten Phrasen und geheimnisvollen Mienen vorgaben, im Besitze des großen Geheimnisses zu sein. Bei der großen Bedeutung, die nun einmal das Gold im Leben der Menschen besitzt, ist es nicht verwunderlich, daß die Goldmacher stets neue gläubige Ohren sanden, und daß darum die Feuer in den mit vielen mysteriösen Geräten und Zeichen gefüllten Laboratorien niemals erlöschen. Die prunkvolle Hofhaltung der Fürstenhöfe des Barocks und Rokokos gab den schwindelhasten Gelehrten neue Nahrung, da die Verwandlung minderwertiger Stoffe in Gold durch das „Arkanum" die letzte Möglichkeit war, die Mittel für das verschwende-; rische Hofleben aufzubringen. Auch Johann Friedrich B ö t t g e r war ein solches Kind seiner Zeit. Es ist heute nicht mehr zu entscheiden, ob der einzelne von vornherein in betrügerischer Absicht seine Dienste anbot, oder ob er wirklich überzeugt war, auf dem Wege zur Entdeckung des großen „Geheimnisses" zu sein. Tatsache ist jedenfalls, daß Böttger, nachdem es ihm gelungen war, König Friedrich I. von Preußen längere Zeit über seine erfolglosen Bemühungen in der Kunst des Goldmachens hinwegzutäuschen, eines Tages heimlich von Berlin nach Wittenberg entfloh, um sich dort unter kursächsischen Schutz zu begeben. Durch diese Flucht wurde König Friedrichs Glauben an Böttgers Kunst nur noch bestärkt und er versuchte, durch Versprechungen und Drohungen den inzwischen berühmt gewordenen Mann wieder zurückzugewinnen.
Aber in Sachsen hatte man ein ebenso großes Interesse an solchen Künstlern, und besonders König 21 u g u ft II. war der Alchemie sehr zugetan. Er ließ Böttger unter Kavalleriebedeckung nach Dresden bringen, wo man ihm in dem sogenannten Goldhause, dem alten Alchemistenlaboratorium des Schlosses, einen Arbeitsraum anwies. Durch Jahre hindurch verstand es Böttger immer wieder seine Mißerfolge, die dem König recht ansehnliche Summen kosteten, zu bemänteln. Innerhalb von zwei Jahren soll Böttger nicht weniger als 40 000 Taler durch den Rauchfang seines Laboratoriums gejagt haben. Da Böttger sehr wohl wußte, daß ihm eines Tages der Galgen winke, wenn er sein Versprechen nicht zu erfüllen vermöge, beschäftigte er sich nebenher mit Versuchen, eine dem chinesischen Porzellan ähnliche Masse zu erfinden. Unterstützung fand er hierbei von feiten des kursächsischen Rates Christoph v. Tschirn- haus, der ebenfalls bereits feit einigen Jahren mit ähnlichen Experimenten beschäftigt war. Als es nach langen Versuchen Böttger 1709 endlich gelungen war, ein wirkliches Porzellan herzustellen, hatte er zwar nicht dem König sein Versprechen, Gold zu machen, eingelöst, ihm aber dafür ein Aequivalent geboten, das geeignet war, die Taschen des Königs ebenfalls mit Gold zu füllen. Natürlich war man in Sachsen ängstlich bemüht, das große gewinnversprechende Geheimnis sorgfältig zu hüten und schloß die mit der Herstellung der Masse betrauten Arbeiter auf der Albrechtsburg in Meißen ein.
Es dauerte jedoch nicht lange, bis trotz der strengsten Absperrungsmaßnahmen das Geheimnis der Porzellanbereitung verraten wurde. Es läßt sich denken, daß die andern Fürstenhöfe alles daran setzten, durch große Versprechungen Arbeiter aus der Meißener Fabrik zu sich herüberzulocken. Zuerst gelang es dem in Wien ansässig gewordenen niederländischen Hofkriegsratagenten Claudius Jnnocentius du Paquicr, durch Bestechung im Jahre 1717 den Emailleur und Vergolder Hunger von Meißen nach Wien zu holen. Ihm folgte zwei Jahre später der Werkmeister der Meißener Manufaktur Samuel Stölzel. Diel 5reuw hatte du Paquier an diesen Ueberläufern nicht. Es ist bezeichnend, dog man die Arbeiter der Porzellanmanufakturen, die das Geheimnis der l Fabrik andern Unternehmern mitteilten, fahnenflüchtigen Soldat!" gleichsetzte. Stölzel wird auch bereits ausdrücklich als „Arkanist", d. h. als Mann, der im Besitze des Arkanums, der Zusammensetzung der Porzellanmasse, ist. Aber nicht allein die Zusammensetzung der Masse, auq die Zubereitung der zur Bemalung dienenden Farbe, gehörte zu de» Fabrikgeheimnisien, da nicht jede Farbe den hohen Temperaturen des Brennofens standzuhalten vermochte. Es war darum doppelt schmerzlich für das junge Wiener Unternehmen, daß Stölzel, als er ohne o“ Paquier das Arkanum vollständig mitgeteilt zu haben, reumütig w Meißen zurückkehrte, auch den sehr tüchtigen Porzellanmaler H ö r o l o mitnahm, der später in der Geschichte der Meißener Manufaktur ei" große Rolle spielte. Vorher aber hatte der treulose Arkanist den Wiener noch den größten Teil ihrer Modelle zerstört, wodurch diesen ein g- walliger Schaden entstand. 1720 entfloh auch Hunger, der dann e Spezialist im Gründen neuer Porzellanfabriken wurde. Er wandte I > zuerst nach Venedig und von dort nach den nordischen Staaten.
Die Begründung der Höchster Porzellanmanufaktur beginnt eo . ; falls mit einem Kapitel aus der Geschichte jener Abenteurer, die von 1 behaupteten, im Besitze des Arkanums zu sein. Dort gelang es - Porzellanmaler Adam Friedrich v. Löwenfinck, zwei Frankm I Kaufleute zu überreden, neben der Fayencemanufaktur eine Parze I fabrik ins Leben zu rufen. Löwenfinck ist der ausgesprochene W 1
konnte mit Pfirsichen und Frühbirnen ganz gut den Durst stillen. Lena aber konnte das nicht, die vergeblich« Erwartung steigerte ihr Verlangen ins Unerträgliche, auch war sie empört, weil Robert vergaß, daß auch sie ein Anrecht auf einen Teil des Geldes hatte, und daß sie über diesen Teil nach ihrer Lust verfügen konnte. Aber man muß sprechen können, um seiner Empörung Lust zu machen, und sprechen — um keinen Preis! ' ,,... . ,
Da stand plötzlich Hans auf, ging in die Schutzhutte und kam eine kurze Weile darauf zurück, gefolgt von einer Kellnerin, die eine Flasche und ein Glas trug,
„Der Herr da zahlt", sagte er und wies mit dem Kopf nach dem Bruder. Und dann trank er seine Flasche leer, ein Glas nach dem andern, ohne für Lena einen Tropfen übrigzulassen. Und da sie sich unmöglich dem Vorwurf aussetzen konnte, etwas „nachzumachen", ging sie ihrerseits nicht zu der Kellnerin, sondern beschloß, schweigend zu verdursten.
Hans legte sich auf den Rücken und schlief, so schien es wenigstens, sogleich ein. Robert zog ein verlesenes Reclambuch aus der Tasche (nein, was der alles in der Tasche hatte) und begann zu lesen. „Gespenster" stand auf der Rückseite des Buches, und Lena dachte, das müsse eine jener herrlich-gruseligen Geschichten sein, die einem immer einfallen, wenn man gerade allein im Zimmer ist, so daß man schnell hinauslaufen und irgendwelche Menschen suchen muß. — So allein aber, wie sie jetzt war, war sie noch nie in ihrem Leben gewesen. AMn mit ihrem Durst, ihrem schmerzenden Arm und ihrem tiefbeleidigten Herzen. Sehnsüchtig sah sie hinüber nach einem Rudel Wandervögel, die unter Lachen und vielem Geschrei in einem Riesentopf Suppe kochten.
Da sah sie auch den kleinen Esel, der vielleicht schon eine ganze Weile lang knapp neben ihr weidete, das unentbehrliche Tier der Schutz- hüttenwirte, das alle Lebensmittel vom Tal bergan schleppt, und der kleine Esel sah mit großer Nachdenklichkeit auf das kleine Mädchen, er fraß gelassen ein Büschel Gras aus ihrer Hand und duldete, daß sie ihn streichelte. Und nach einer Weile legte er sogar seinen großen sanftblickenden Kopf auf ihre Schulter, da hätte Lena um ein Haar vor Freude geschrien und „schaut! schaut doch!" gerufen, und daß sie das nicht durfte, machte sie am allertraurigsten. Denn es ist viel schwerer, seine Freude für sich zu behalten als seinen Schmerz.
Schließlich, nach einer endlosen Stunde, klappte Robert sein Buch zu, schnürte den schmal gewordenen Rucksack zusammen und stand auf. Dann pfiff er, mit zwei Fingern im Mund, schrill wie eine Bahnwärters- pseife. Aber Hans erwachte nicht. „Das Wandern ist des Müllers Lust", fang nun Robert, recht falsch, aber mit brüllender Stimme. Hans erwachte nicht. Und Lena sah grinsend zu, wie Robert mit zusammenge- zogenen Brauen nachdachte. Schließlich nahm er den Rucksack auf die Schulter und begann einfach loszumarschieren. Aber er marschierte, als ob er Hans gar nicht sähe, so über ihn hinweg, daß er kräftig mit dem Fuß an seine Beine stieß. Und marschierte weiter, ohne sich umzusehen, als sei das Hindernis ein Stein gewesen und nicht sein Bruder, der sich nun wütend die Augen rieb und, nach einer Weile trotziger Störrigkeit, hinter den andern hertrollte.
Es war jetzt vier Uhr, die Sonne stand hoch, in voller Augustgewalt. Vielleicht hatte die Hitze die Kinder müde gemacht, vielleicht hatte der viele hinabgewürgte Aerger dieses Tages ihre Unternehmungslust gebrochen — jedenfalls nahmen sie den Abstieg wirklich über die Serpentinen.
Sie waren schon fast im Tal, als Hans plötzlich wie ein Hund, der Wild aufgespürt hat, in scharfem Winkel vom Weg ab. und zu den Felsen lief. Dieser Hans, er hatte seine Augen überall! Nie hätten Robert oder Lena den Mann an der Felswand gesehen, dieses kleine verhutzelte Wesen, grau und zerfurcht wie das Gestein ringsum. Mitten in der prallen Sonne faß er, zwischen den glühendheißen Steinen, vielleicht schlief er? Nein, er schlief nicht, er hatte die Augen weit offen, und mit einer Hand hatte er den Zweig einer Fichte umklammert, offenbar war er gefallen.
„Haben Sie sich wehgetan?" fragte Hans. Der Alte antwortete nicht, er sah müde und teilnahmslos der Reihe nach die Kinder an. „Sind Sie krank?" fragte nun auch Robert, und Lena fragte: „Ist Ihnen schlecht?"
Keine Antwort. Auf der grauen schmutzigen Stirn des Alten stand der Schweiß in großen Tropfen. Aber feine Erstarrung hatte sich gelöst, er ließ den Fichtenzweig fahren, und nun machte er mit den Händen eine ganze Reihe merkwürdiger Bewegungen, sehr rasch, er machte auch Bewegungen mit den Lippen, mit dem ganzen kläglichen Gesicht. Aus seinem Mund kamen heiser bellende, unverständliche Laute. Schließlich, als er sah, daß die Kinder seine Zeichen nicht verstanden, griff er nach feinem Ohr und schüttelte den Kopf.
Taubstumm: wußten alle drei gleichzeitig und fühlten jenes ehrfürchtige Grauen, das gesunde Kinder angesichts eines Krüppels empfinden. Sie standen ganz still, mit herabhängenden Armen und wünschten, irgendein ganz großes Opfer bringen zu dürfen. Aber was konnten sie schon viel tun? Sie halfen dem Unglücklichen auf die Beine, führten ihn aus der Sonne, setzten ihn an den Wegrand und standen dann ein Weilchen unschlüssig, sie wollten ihn nicht ohne weiteres verlassen. Robert hatte seinen Rucksack aufgepackt und dem Alten die letzte Käsestulle angeboten, der aber hatte den Kopf gefchüttelt.
Dann kam ein blasses, etwa siebenjähriges Mädchen aus dem Wald, das offenbar zu dem alten Mann gehörte. Der schien sehr beglückt über ihren Anblick, beide machten ganz rasch eine Unmenge Zeichen mit den Fingern, dann nahm das kleine Mädchen den Alten bei der Hand, und sie verschwanden im Wald.
Und nun begann Lena und die Klappholzbrüder, alle drei auf einmal, zu sprechen. Was war das mit diesem armen Alten gewesen? Warum war er zu den Felsen gestiegen, warum war er zusammengefallen? War das kleine Mädchen seine Enkelin? War auch sie taubstumm? Wie durste es sein, daß einer ganz ohne Schuld mit so entsetzlichem Unglück geboren wird? Ach, sie sprachen und fragten, nicht weil eins vom andern Antwort erhoffte, sie sprachen um zu sprechen, um sich nicht länger an
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