Eichener KmiilieiüMer
________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang Mv Sreitag, den lr. Januar Kummer 5
Winterreise.
Von Friedrich Hebbel. Wie durch so manchen Ort Bin ich nun schon gekommen, Und hab aus keinem fort Ein freundlich Bild genommen.
Man prüft am fremden Gast Den Mantel und den Kragen, Mit Blicken, welche fast Die Liebe untersagen.
Der Gruß trägt so die Spur Gleichgültig-offner Kälte, Daß ich ihn ungern nur Mit meinem Dank vergelte.
Und weil sie in der Brust Mir nicht die Flamme nähren, So muß sie ohne Lust Sich in sich selbst verzehren.
Da ruf ich aus mit Schmerz, Indem ich fürbaß wandre: Man hat nur dann ein Herz, Wenn man es hat für andre.
Leben und Tod eines Neichen.
Von Anton Schnack.
Er hieß Alexander Kobosky und war an dem Abend, wo ihn das Schicksal furchtbarer als jemals an seine große Vergangenheit erinnerte, ein alter zusammengefallener Mann von siebzig Jahren, in einen schäbigen blauen Anzug gekleidet, von dem die Knöpfe zum großen Teil herunter- geriffen waren. Seine Wohnung war ein Zimmer in der Rue de ia Croquette, in das kein Licht fiel und das am frühen Morgen so dunkel und traurig roar wie in der Abenddämmerung.
Dieser Mann hatte anderes gesehen. Er war ein großer Herr, die Grafenkrone war in seine Wäsche gestickt. Sein Amt war bedeutend und voll Einfluß; denn er war der allesvermögende Zeremonienmeister des letzten russischen Zaren. .In Wolhynien rauschten ihm riesige Wälder. In der Krim hatte er Landgüter, die bis ans Meer hinunterreichten und schön waren wie Paradiese. Im Ural besaß er Bergwerke, in denen Hunderte von Muschiks arbeiteten. Er hatte violette und erdbeerrote Seidengewänder getragen, menn er den Diners profitierte, die ihn zu einem russischen Lukullus machten.
Dieser Mann, vom Schicksal nach Paris in irgendein unterirdisches Loch getrieben, dachte oftmals an die Herrlichkeiten des zugrunde gegangenen Petersburg, wo der Sänger Schaljapin von ihm begönnert wurde und wo er den kleinen elfenbeinernen Fuß der Karsawina geküßt hatte, als sie bei ihm ihre wunderbaren vogelhasten Tänze durch die Säle trug.
Er war den ganzen Vormittag in Paris herumgelausen, am Nachmittag sah er mit Emigranten in einem kleinen billigen Cafe auf dem Montmartre und nun war er müde und erschöpft zurückgekehrt. Er wunderte sich über die geheimnisvolle Kraft, die ihn am Leben erhielt. Sie bewirkte es, daß alles, Vergangenheit und Gegenwart, zu einem einzigen Traumbild Zusammenstoß und ihm die Wirklichkeit, die grausam gegen ihn wütete, verwischte. Er hatte sich auf sein kaltes und graues Eisenbett gesetzt, da er keinen Stuhl im Zimmer hatte, in irgendeiner Zimmerecke nagte ein Tier, die Luft in seinem Verschlag war dick und roch nach alter Wäsche und faulem Essen. Dieser reiche Mann, Graf Kobosky, Mann, der Menschen beglücken und vernichten konnte, war in das Land der Armut eingetreten, aus dem fein Engel und kein Weg, keine Zeit und keine Umstürzung ihn mehr zu führen schien.
Es klopfte an diesem Abend an der wurmstichigen Türe, die nicht zu verriegeln und nicht zu verschließen war und nur noch mit einer Angel im Rahmen hielt. Zaghaft stand er auf, flüsterte sein Herein und öffnete selbst. Vor ihm stand eine ältere Frau, unerkennbar fast, bis er die heruntergebrannte Kerze entzündete, die auf dem breibeinigen Tische feines Zimmers stand.
„Was wünscht Madame?", sprach er sie an, „ich glaube, Madame, hat sich in meiner Türe geirrt!"
Aber die Frau, die gekleidet war wie eine französische Kleinbürgerin, schwarz und unauffällig, schüttelte den Kopf, „ich bin Frau Ingres aus Beaurivage; früher hieß ich Louise Schiut und war, wenn sich Euere Exzellenz noch erinnern wollen, Kammerzofe der Gräfin Kobosky, meiner gnädigen Herrin."
Es entstand eine Stille zwischen den beiden, die ganz aus den geheimen und verschütteten Kammern der Herzen kam. Der alte Mann lächelte vor sich hin mit dem matten glanzlosen Lächeln einer aufwachen- den Erinnerung, die durch die Schmerzen und Brände der Trauer gezogen ist. Es dauerte lange, bis er aus dem riesigen und phantastischen Bild seiner Vergangenheit das kleine Stück Louise Schiut herausgelöst hatte.
Ach, ja: Louise Schiut, eine fahlblonde hübsche Baltin, 1900 war es ober 1905, vielleicht auch einige Jahre später; doch er erinnerte sich. Es war zum Lachen; dieser Frau, die jetzt vor ihm stand, bieder, ein wenig bedrückt und alt, hatte er manchesmal in die runden Arme gekniffen, wenn sie aus den Gemächern seiner Frau kam und er gerade dahin wollte. Ja, ja, es stimmte, eines Tages mußte diese Louise unter die Haube gebracht werden; es fand sich der französische Kammerdiener Pierre des Fürsten Muschkin zum Heiraten bereit. Er, Graf Kobosky, hatte dem Paar tausend Rubel geschenkt, damit sie heiraten konnten. Sie zogen nach Paris.
Auch Louise Ingres lächelte; der Graf, den sie früher als einen großen eleganten Herrn gesehen hatte, mit der Schnur seiner Orden, halbgötter- haft über ihr stehend, getrennt von ihr durch unüberbrückbare Abstände, war heute klein, bescheiden, gebrochen und müde und ihr, der Frau aus dem Volke, nicht mehr weiter entfernt als der abgenutzte Nagel an irgendeinem ihrer Finger. Sie sah nur noch den Menschen, der einsam war und verwahrlost, herabgesunken aus seiner göttlichen Höhe in die Tiefe der Armut und des Schmutzes. Auch sie erinnerte sich an die hinuntergesunkene Zeit des Glanzes und der Pracht, an den herrlichen Wirbel der Feste, an die Stimme der Gräfin, an ihre Schultern und noch an manches ihrer Kleider. Wie eine schimmernde Blase stieg dies alles aus dem Grund der Erlebnisse herauf, hier vor ihr stand der ehemalige funkelnde Kavalier, der einmal ihr Gebieter gewesen war.
Und sie erzählte dem alten Mann, der sich wieder auf den Rand des Eisenbettes gesetzt hatte und sie ebenfalls sich darauffetzen hieß: „Pierre, mein Mann, ist gestorben; kurz nach dem Weltkrieg, beim Pflücken der Aepfel bekam er eine Lungenentzündung, von der er sich langsam erholte. Aber kaum konnte er den Fuß recken, da mußte er schon wieder in den ©arten gehen, er hat gegraben und die Rosenstöcke eingeschlagen. Es war nicht gut, zwei Tage darauf ist er gestorben. Und seitdem lebe ich allein in meinem Häuschen in Beaurivage; es ist klein, aber hell und viel zu viel Platz für mich allein. Und ich möchte Sie, Exzellenz, wenn Sie es gestatten, einlaben zu mir zu kommen, ba ich gehört habe, daß Ihr Leben nicht mehr das ist, was es einst war. Es ist besser, wenn ein Mann im Hause ist. Denken Sie: fünf Fenster haben eine schöne Morgensonne; Ihr Zimmer, das ich schon gerichtet habe, geht auf den Obstgarten und wenn die Pfirsiche und Aprikosen blühen." Der alte Mann faßte ihren Arm an und unterbrach sie; denn es schien ihm undenkbar, Gast einer früheren Dienerin zu sein, obwohl alles, was ihn einst zum Herrn machte, hinweggefegt war.
„Geliebte Louise," stotterte er leise zwischen seinen Zähnen hervor, „lassen Sie mich hier in der Armut und Lichtlosigkeit meines Zimmers, bas der Raum meines zweiten Lebens geworben ist, eines Daseins, das wie durch Jahrtausende von der Schönheit und dem Glück meines ersten Lebens geschieden ist. Ich bin arm. Ich bin ärmer als arm. Ich habe nur noch die Hoffnungslosigkeit und die Nähe des Todes, der jeden Tag zu mir fjerantreten kann."
Aber die ehemalige Zofe und jetzige Witwe des Kammerdieners Pierre nahm die zitternde Exzellenz am Arm und sagte nur: „Kommen Sie!"
In diesem Augenblicke fühlte Kobosky noch einmal die riesenhafte Veränderung der Welt, in die ihn die Faust der Bolschewisten gestoßen hatte. In dem Erscheinen de.r einstigen Dienerin sah er wieder das spukhafte und gestorbene Panorama seiner Vergangenheit, jenen herrlichen Wirbel von Festen, Abenteuern, Liebschasten, Würden, Jntriguen, an denen sein ganzes Herz hing. Will sie, die Zeugin seiner Bedeutung und Herrlichkeit, ihn in diese Welt wieder zurückbringen? Der alte Mann, der allmächtige Zeremonienmeister des Zaren zitterte bis in das Herz hinein, das sonst nie gezittert hatte. Sein Kopf, der müde und vergilbt war wie der Kopf eines alten Sumpfvogels, war von den vielen Entbehrungen der Flucht und des Exils weiß und verhärmt geworden. Bild für Bild stieg ihm aus der zusammengebrochenen Welt seiner Erinnerungen auf, Seifenblasen eines zurückgelassenen Lebens, das vor der Grausamkeit des gegenwärtigen keine Bedeutung mehr hatte und nicht einmal mehr wahrscheinlich schien. Er sah sich an: vor sich stand er als siebzigjähriger Mann, elende Schuhe, verwahrloste Kleider, zermürbtes


