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der Wett sprang auf gegen das des heiligen. Was war das Theater? Grelle Farben schwirrten jetzt über die Wände. Ein Tanz von Masken bub an und weitete die enge Zelle zu einem Labyrinth, das eben ein ©arten war, jetzt ein Schiss aus schaumigen Meereswogen, dann wieder eine Arena mit wilden wuifletschenden Tieren, ein Marktplatz mit Aus­rufern und Charlatans, eine Gaststube voll unflätiger Mäuler, voll Ge­brüll und Gesang, voll entblößter Weiber und Degenklirrens. War das Theater? Und was war sein Sinn? Askese, im Kloster gepflegt oder Lust der Welt, taumelnd von Genuß zu neuer Begierde? Durfte sich der Teufel erfrechen, hier mit Gott ringen zu wollen? Das immer wieder zu erleben in den entgegengesetzten Visionen war das Seligkeit und Fluch zugleich der Dichter? Und drängte nicht eine Urgewalt das strenge Gesetz d°r lateinischen Sprache mehr und mehr beiseite, anderen eigeneren Tönen des Volkes Raum zu geben und ein ganz neues Leben zauberhaft zu erschaffen? Von dem Gerberga, die gütige Aebtissin, ebenso wenig etwas wußte wie der Erzbischof ober gar der König und der Papst zu­sammen! Was war Theater und wie konnte es werden? Die Taten Ottos waren es ganz bestimmt nicht und auch nicht die Geschichte ihres lieben Klosters Gandersheim. Vielleicht die Passion des heiligen Pelagius oder Cordoba, die maurische Blume, ober wie Abraham in Gestatt eines Jüng­lings seine Nichte zur Gottseligkeit zurückführt oder--Weiche von

mir, o Satan! Golt, nimm mir alle Gesichte aus den innersten Augen! Laß mich demütig sein und wieder einfältig werden, rote ich es war, da ich zuerst diese kleine enge Zelle betrat! Nicht mehr dichten müssen und Schöpfer eines Theaters zu sein, von dem wir nicht wissien, ob es von dieser ober jener höheren Welt ist! Nicht mehr dichten zu müssen und als Gesäß allzu vielen Gestalten zu dienen, über deren Rede uns keine Gewalt mehr gegeben ist!--*

Knapp sechs Jahrhunderte später war es, daß Conrad Celtis Pro- dueius aus Wipfeld bei Würzburg, der Humanist, zu Heidelberg der Be­gründer der Akademie, zu Wien der Scdalitas Danubiana, Interpret des Tacitns, in des Meisters Albrecht Dürer Haus auf dem Milchmarkt zu Nürnberg eintrat mit der Anfrage: ob er die kürzlich von ihm im Kloster St. Emmeran zu Regensburg aufgefunbenen Werke der Roswita, einer berühmten sächsischen Nonne, für ben herauszugedenben Druck mit Holz­schnitten versehen wolle.

Dürer, der eben sein Selbstporträt beendet, das wir heute in München bewundern, riß es gleich zum Vorlagenzeichnen für die Holzschnitte. In der prächtigen Folge zur Offenbarung Johannis hatte er seine Liebe zum Holz entdeckt. Roswita überreicht Otto dem Großen und dem Erzbischof Wilhelm von Mainz ihre Werke das sollte das erste Blatt, sein für diese germanische Muse, die zuerst ein Theatrum sich erdichtete, kirchlichste und weltlichste Frau zugleich, die geniale Bändigerin der lateinischen Sprache war, in der sich auch Celtis aus der Hand des Kaisers Fried­rich III. ben Lorbeerkranz errungen hatte. Ritsch das Holz ratsch das Holz weiche des Messers Schärfe, zersplittere dich, sei zerkleinert um des gleicherweise göttlichen wie teuflischen Geistes willen, der da Theater heißt. Ritsch, ratsch! himmlische Nonne, höllische Nonne dein Theatrum der Welt! Mag Neapel für die Krone Aragon erobert sein! Christoforo Columba, spanisch jetzt Christobal Colon, in Ketten vom Oberrichter Bo­badilla heimgebracht, in die alten Ehren des Admirals wieder eingesetzt Theater der Welt! Philipp von Kleves Flaggschiff mit sechshundert französischen Edelleuten im Archipelagus gescheitert Theater! Ein hübsch lieb von sünsf Frawen, wy sie einander dagten über jre man in des schillers don gedruckt zu Nürnberg von Ambrosius hueber do wart ich fünff fraroen geroar, heimlich in einnem orte ritsch, ratsch das wär' des großen Kaisers Bart und sein Antlitz eigentlich mit viel zu viel melancholia sei's drum Theater dafür ist der Veichsapfel desto heiterer! himmlisches Nöimleln, höllisches Nönnlein einen schonen Schleier sollst du kriegen, wie ihn die Agnes Freyin, meine zänkische Eheliebste, nicht hat Theater! Gehfs eben um die Kunst! Soll in Erfurt ein Martin Luther Baccalaureus worden {ein. himmlisches Nönnlein, höllisches Nönnlein! Ist des Schneiders Jörgen Sachs Sohn Hans Sachs, so Schuster werden soll, über Regensburg, Passau, Wels nach Innsbruck gewandert und roies Gott will beim Kaiser Weidgesell worden Theater und wieder Theatrum der Welt! Gehts eben um die Kunst! Gott schütze sie! Sind wir Trübsal in ihr und preißlicher Spatz wenn unser herze, das pochende in der Brust, auch genug der Narben davon kriegen mag. Gehört eben dazu ritsch, ratsch!

Alte Säulenpracht lebt auf

Die Tempelstäkken von Selinunt und Agrigent.

Von Professor Dr. Walter Bomb e.

Man kann ein Feind derstilgemäßen'" Wiederherstellungsversuche an unseren alten Schlößern, Burgen und sonstigen Bauwerken früherer Jahrhunderte sein, aber trotzdem bedauern, daß die verlassenen Trümmer- ftätten von Selinunt und Agrigent auf Sizilien, wo die einzelnen Qua­dern, Säulentrommeln, Kapitelle und Gebälkstücke durch ein Erdbeben reihenweise hingeschmettert baliegen, keine ordnende Hand gesunden ha­ben, die diese Bauteile wieder zusammensügte.

Fast zwei Jahrtausende lang war Selinunt, die äußerste Grie­chenkolonie an der Westküste Siziliens, verlassen und vergessen, bis erst jetzt, nachdem durch eine südamerikanische Stiftung die Mittel aufgebracht waren, an eine Wiederaufrichtung der Teinvel gedacht und mit plan­mäßigen Grabungen begonnen wurde. Am Zeustempel, der neben dem von Agrigent und dem Didymäum von Milet ter größte aller Grie- chentempel war, hat man eines der riesigen Kapitelle von vier Meter Breite wieder zusammengesetzt. Man ist auch dabei, die Säulen weder aufzurichten. Der Tempel war nie vollendet, wie die mit wenigen Aus­nahmen unkanellierten Säulenschäste zeigen. Er hatte 113 Meter Länge, jede Säule maß 16,27 Meter höhe bei 3,41 Meter unterem Durchmesser. Der Bau war gerade im Gange, als im Jahre 409 der karthagische Feld­herr hannibal Gisgon die Stadt eroberte und zerstörte und ihre Einwoh­

ner teils erschlug und teils in die Sklaverei führte Ein zweites Mal wurde die inzwischen neu bef^bdte Kolonie im ersten Pumschen Kriege, 250 v. Ehr. metergeworfen und ihre Bevölkerung nach Lilybäum verpflanzt. Seitdem war Selinunt völlig verödet. Nur selten verirrt sich in bie(e Ein­samkeit einer der unentwegten Verehrer der griechischen Baukunst, um die ergreifende Stille und Großartigkeit dieser Trümmerstätte am asrika- nischen Meer auf sich wirken zu lassen.

Noch heute sind in dem antiken Steinbruch von Campobello dis schon zum Teil fertig zugehauenen Säulentrommeln für den Dau des Zeusternpels erhalten. Bei der Eroberung Sclinunts durch d.e Karthager wurden die Arbeiten unterbrochen und danach niemals wieder ausgenom­men. Man kann hier den Arbeitsgang von den ersten Anfängen in alle Einzelheiten hinein bis zur Vollendung verfolgen. Einige Säulentrommeln find erst aus dem anstehenden Felsen heran-g-schnlltsn, andere der Voll­endung nahe oder auch ganz vollendet und zur Beförderung nach Sel.nunt fertig, wieder andere sind auf dem Wege von hier nach Selinunt liegen» geblieben. Diese Arbeitsstätte griechischer Steinmetzen, die hier für den Zeustempel von Selinunt die Werkstücke hergerichtet haben, bietet einen ganz einzigartigen Anblick.

Schon zwei Jahre nach der Zerstörung durch d.e Karthager hat der Grieche Hermokrates, der Schwiegersohn des großen Dionys, des Ty­rannen von Syrakus, wieder eine Griechenkolonie nach Selinunt geführt und rings um die wie Inseln belassenen Tempel eine neue Stadt an­gelegt, von der das Straßennetz des westlichen Hügels jetzt wiederaus­gegraben ist. Zwei Hauptstraßen durchzogen diesen ältesten Teil der an­tiken Stadt von Osten nach Westen und von Norden nach Süden, und in diese mündeten rechtwinklig d.e Nebenstraßen. An der Kreuzung der beiden Hauptstraßen erhebt sich die Akropolis, in deren Nähe vier nach Osten gerichtete Tempel liegen. Die gewaltigen Befestigungsanlagen, die an die Griechenfeste Euryelos in Syrakus erinnern, hält man für ein gemeinsames Werk des Dionys und des Hermokrates. In die runden Bastionen und den halbrunden Turm sind, wie die Grabungen gezeigt haben, ältere Bauteile, Kapitelle und Triglyphen, aus dem Karthager- fchutt hinein verbaut. Der älteste der Tempel, ein Bau aus dem Anfang des 6. Jahrhunderts, prangt wieder im Schmuck von 17 ausgerichteten Säulen von säst 9 Meter Höhe bei 2 Meter Durchmesser; sogar ein Teil des Gebälks wurde wieder aufgefunben. Die Trümmer der Tempel sind zum Teil in die Erde gesunken, von Eppich und Moos bewgchfen und ost bis zur Unkenntlichkeit bedeckt. Manches hat auch der Dünensand verweht. Die ganze Stätte von Selinunt ist mit Eppich überwuchert, nach dessen griechischem Namen Selinon die Stadt ihren Namen trägt und der auch auf ihren alten Münzen als Wappen abgebildet ist. Flinke Eidechsen schlüpfen in die Fugen des Gemäuers, Ziegen und Schafe suchen in dem Gesträuch zwischen den Trümmern ihre Nahrung. Im Sommer verödet die Malaria alles. Ein armseliges Landvolk ringt den einst üppigen Ge­filden derKornkammer der Welt" einen kärglichen Ertrag ab. Nur mühsam bahnt man sich einen Weg in dem wirren Durcheinander von Säulentrommeln und verwitterten Quadern. Durch Erdbeben hingeschmet­tert, liegen reihenweise umgelegt die Bauteile, die jetzt wieder zusammen- gefügt werden sollen. Was an plastischem Schmuck noch erhalten ist, be­wahrt das Museo Nationale in Palermo. Sehr viel ist vernichtet wor­den ; das Uebriggebliebene aber erfüllt trotz des trümmerhaften Zustandes, In dem es sich befindet, Auge und Herz mit staunender Bewunderung. Hier hat der Genius des Griechentums frei, reich und schöpferisch gestal­tet und verschwenderisch seine Gaben ausgeschüttet.

Wie Selinunt, so war auch Agrigento, das griechische Akragas, bis vor kurzem dazu verurteilt, eine wüste, ungeordnete Trümmerstätte zu bleiben. Ein englischer Offizier, der Captain Hardcastle, hat vor einigen Jahren hier die sogenannte Villa Aurea erworben. Als lei­denschaftlicher Verehrer der griechischen Kunst hat er unter den größten persönlichen Opfern Grabungen und Wiederherstellungsarbeiten unter­nommen, die das Antlitz der riesigen Tempelstätte von Agrigento von Grund aus umgestaltet haben. So hat Hardcastle an der Südseite des Heraklestempels, wo vor kurzem nur ein einziger niedriger Stumpf aufrecht stand, acht Säulen auf eigene Kosten cmfrichten lassen und für vier dieser Säulen auch die Kapitelle gefunden. Große Hebema­schinen arbeiten an der Aufrichtung weiterer Säulen an der Nordseite dieses Tempels. Diese Arbeiten, die von dem Oberintendanten der Kunst- denkmäler Siziliens, dem Senator Paolo Orsi in Syrakus, und von dessen wissenschaftlichen Mitarbeitern beaufsichtigt und ausgeführt werden, verdienen die höchste Bewunderung. Mit weichen Hüllen werden die riesigen Säulentrommeln aus Kalkstein vor der Berührung durch die Stricke und Ketten der Hebemaschinen geschützt, bis eine nach der anderen wieder ihre ursprüngliche Stelle einnimmt. Sorgsam wird Stück für Stück gesammelt, geborgen und wiederhergestellt, wobei man von Ergänzungen selbstverständlich absieht. Hardcastle beschäftigt ständig mit diesen Arbeiten 40 bis 50 Leute und hat dafür bisher mehr als 600 000 Lire aus gegeben.

In ihrem witteren Verlaufe führten die Grabungen zur Freilegung eines bedeutenden Stückes der griechischen Stadtmauer von Agrigento und der Entdeckung zweier archaischer Altäre aus der Zeit um 550 v. Ehr., eines quadratischen von 4'A Meter Seitenlänge und eines Rundattars von VA Meter Durchmesser, des größten bisher bekannten griechischen Altars feiner Art. Diese ältesten griechllcken Altäre Siziliens stammen aus einer Zeit, als die Tempel noch aus Holz bestanden und mit Schmuck­werk aus gebranntem Ton verziert waren. Solche Bauteile fanden sich auch bei Grabungen auf dem Gelände des Hephästostempels, zu­gleich mit Teilen des älteren Holzbaues.

Außerdem ist jetzt der oanze Unterbau des Demeter-Tempels freigelegt und der antike Bestand gegenüber dem, was feiner Zeit die sorgfältigen Untersuchungen d-r deutschen Archäologen Vuchsteln und Koldewey ergaben, viel klarer und vollständiger herausgefommen. Der Tempel besteht aus einer einfachen Cella mit Vorhalle, ober ohne Säulenkranz. Nicht weniger als dreihundert Lampen lagen bei den ge­mauerten Altären neben dem Tempel. Es ist aurb gelungen, in das chaotis-be Gewirr zertrümmerter Stirnbalken und Säulentrommeln auf dem Gelände des Zeusternpels Ordnung zu bringen.