SietzenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang 1950
Montag, den 6. Oktober
Nummer 77
Liebesglück.
Don Eduard Morike.
Wenn Dichter oft in warmen Phantasien Don Liebesglück und schmerzlichem Vergnügen Sich oder uns, nach ihrer Art, belügen, So sei dies Spielwerk ihnen gern verziehen.
Mir aber hat ein gütiger Gott verliehen, Den Himmel, den sie träumen, zu durchfliegen, Ich sah die Anmut mir im Arm sich schmiegen, Der Anschuld Blick von raschem Feuer glühen.
Auch ich trug einst der Liebe Müh' und Lasten, Verschmähte nicht, den herben Kelch zu trinken, Damit ich seine Lust nun ganz empfinde.
And dennoch gleich' ich jenen Erzphantasten: Mir will mein Glück so unermeßlich dünken, Daß ich mir oft im wachen Traum verschwinde.
Wenn es Abend wird.
Von Hermann Hesse.
Es ist dunkel geworden und die Gaffe vor meinen Fenstern ist schon seit einer Stunde totenstill, nur der hohe Brunnen träumt und redet unermüdet weiter. Die verhängte Messingtampe beleuchtet die alte Wohnstube mit ihren matten Holzwänden, die schmale Wandbank, den starken Cichentisch, die bleichen Holzschnitte an der Wand. Und hinträumend genieße ich die Ruhe meines Hauses und meiner Stube, die Stille und Weltferne, die mir niemand stört. Annötiges Reden lieben wir am Abend nicht; es ist so schön und wunderlich, der Stille zuzuhören und zu lauschen, wie die Erde einschläft, wie der letzte späte Eimer am Brunnen klirrt und jenseits über dem See der letzte ferne Eisenbahnzug leise pfeift und fährt und verschwindet.
Ein Buch liegt auf dem Tifch, vielleicht werde ich später darin lesen. Es ist ein großer Quartband aus dem vorigen Jahrhundert, eine Übersetzung des Qssian. Daneben stehen mein Glas und ein Krug Meersburger. Er ist nicht sauer, wie man vom Seewein zu sagen Pflegt, sondern zart und wohlschmeckend, einer der besten oberrheinischen Weine. Von den zwei Krügen, die ich habe, faßt der kleine knapp ein halbes Literchen, aber ich nahm heute - es geschieht selten - den größeren, weil mir sonderbar wohl zumute war, und weil mir heute, nach einem arbeitsreichen und zu- friedenenTag, ein friedlich schöner Abend zu blühen schien. Während ich nachdenklich den Decher leerte, beginnt in der kleinen Aebenstube meine Frau leise Klavier zu spielen. Sie hat den großen Krug gesehen und meine Stimmung erraten. Sie spielt kleine verwehende Stücke von Schumann. Die feinen leisgleitenden Töne kommen zusammen mit dem schwachen rötlichen Kerzenlicht durch die weit offene Tür herein. Aber der Tür auf dem altmodischen, schmalen Gesims stehen einander zugewandt, zwei tönerne Kuckucke, Männchen und Weibchen, Schwarzwälder Bauernkunst, und werfen zwei wahnsinnig verlängerte, fidel-groteske Schatten an die Wand. And wie immer, wenn ich abends müde bin und Musik höre, sehe ich alle diese kleinen Dinge verwandelt und ferner gerückt, und zugleich geht mein Sinn ungeheißen rückwärts und sucht Pfade der Vergangenheit, Erinnerungen steigen aus den Tönen, aus dem Lampenschein, aus dem Becher, aus der sacht wölkenden Pfeife, Erinnerungen in langen, sanften Beigen; es kommt eine der närrischen Stunden, in denen wir rasten und nichts tun, während doch die Phantasie, das Gedächtnis, die Sehnsucht und hundert feine, tätige Verven arbeiten und schaffen und fiebern. Selbstverständliches wird rätselhaft und unerklärlich. Gelesenes wird Erlebtes, Erlebtes wird Geträumtes, Dergeffenes wird gegenwärtig, Erreichtes wird wieder zum Wunsch. Ferne vor Jahren gelebte, seit Jahren vergeffene Tage und Stunden sind so gegenwärtig und tatsächlich wie Asch und Zimmer, wie meine eigene Hand, während das eben erblickte Bild, der eben gehörte Ton, die eben gemachte Gebärde traumfern und 3U alten, alten Erinnerungen werden.
Halt, das ist nicht Schumann mehr! Was ist das doch? Ja, Chopin. Natürlich Chopin, die erste Rocturne. Oder die dritte. Glaszarte, scheue -Lvne, verwischte und traumwandelnde Takte, wundersam geschlungene, elegante Figuren, und die Akkorde erregend, wie verzerrt, Harmonie und Assonanz nicht mehr zu unterscheiden. Alles auf der Grenze, alles un» getoiß, nachtwandlerisch taumelnd, und mitten hindurch mit dünnem Fluß «ne süße, milde, kinderselig reine Melodie. Chopin! Diese Musik voll Heim- Sehnsucht und Erinnerung, und im Hintergründe Paris. Richt Paris vir heute, sondern ein anderes, ironischer und sentimentaler, mit anderen apeten und Kostümen, mit Chopin und Heinrich Heine.
Es ist schön, es ist schmeichelnd und wohlig, an seinem sicheren Tisch zu sitzen, ein sicheres Dach über sich, einen zuverlässigen Wein in der Kanne, eine wohlgefüllte große Lampe brennend, und nebenan bei offener Tür eine Frau am Klavier, Chopin-Stücke und Kerzenlicht... Plötzlich steigt mir wie eine Seifenblase die Frage auf: Bist du eigentlich glücklich?
Ja, natürlich. Aber warte noch - nein, so eigentlich glücklich,- nein, doch ich muß mich erst besinnen. Und wie ich mich besinne, fällt mir ein. daß man nicht vom Glück reden soll. Glück ist ja nichts, ein Wort, ein Unsinn; es kommt aus anderes an. Indem ich nachdenke, verwandelt sich die Frage. Ich möchte nun auf einmal wissen, wann mein frohester Tag, meine seligste Stunde war.
Mein frohester Tag! Ich muß lachen. In meinet Erinnerung, da wo die guten, reinen köstlichen Augenblicke ausgeschrieben sind, steht einer neben dem andern, zehn und hundert und viel mehr als hundert, und jeder ist fehlerlos, mit ungetrübter Lust erfüllt, und einer ist so schön wie der andere und keiner gleicht dem andern. Da ist ein Tag, vor Jahren im Hochgebirge verbracht, auf einer hohen Alp, zwischen Enzianen und kletternden Ziegen und Geißbubenjvdel, ein feuchter blanker Himmel darüber und in der Rähe das Rufen eines weißen Waffersalls. Dann eine Morgenstunde noch vor Sonnenaufgang auf einer Odenwaldstraße, im Gesvräch mit einem verirrten Landstreicher, voll von Morgenkühle. Frühlicht, Erwartung und Humor. Und eine andere Morgenstunde auf der schwäbischen Alp, da saß ich im schüttelnden Postwagen und vorn und hinten goß der Regen herunter, und mir gegenüber eine kleine Sechzehnjährige, halb froh, halb ängstlich mit dem Unbekannten plaudernd, bann zuversichtlicher und schließlich fröhlich und ausgelaffen wie ein Bub.
Aber wie kann ich den Abend vergeßen, den warmen Juniabend am See, auf der dunklen Bank! Und unser langsames Gespräch, alle paar Minuten ein Wort, und unseren ersten Kuß! Oder die wunderbare Märchennacht, als ich zum ersten Male, das Herz selig bedrückt von der Erfüllung jahrelanger Jugendsehnsucht, durch die Gaffen von Florenz lief, und über den Ponte und wieder durch die alten Winkel auf die Piazza vor den schweigenden, kühnen himmelhohen Turm! O, und der erste Anblick des Meeres - der Vormittag, da ich über Genua auf den Hügeln schweifte und unten schrie im Sturm das blaue und weiße Meer an den steilen Felsen empor! Auch jene Mittagstunde darf ich nicht vergessen, die ich im Hofe eines südlichen Klosters auf dem herrlich glühenden Pflaster verschlief, und wie der Pförtner mich tadelnd weckte, und wie wir Freunde wurden und einen ergiebigen Gang in die kalten, massiv gewölbten, mächtigen Keller unternahmen. Auch nicht den schwülen Hochsommer- Mittag, da ich bei Rheinfelden mich seufzend entkleidete und an still brütenden Wäldern vorbei unter einem stählernen Gewitterhimmel aufatmend rücklings den Rhein hinabschwamm.
Ich finde kein Ende. Wieviel Sonnen haben mich verbrannt. Wieviel Flüsse und Ströme mich gekühlt, wieviele Wege mich getragen und Bäche mich begleitet! Wieviele Blicke in blaue Himmel und in unvergeßlich lebendige, liebe Menschenaugen habe ich getan, wieviele Tiere lieb gehabt und an mich gelockt! Don diesen Augenblicken ist keiner schöner als der andere. Auch dieser gegenwärtige, da ich den Becher langsam leere, der Musik lausche, und liebe Erinnerungen hege, auch dieser gegenwärtige Augenblick ist keiner von den schlechten.
O nein, und ich träume weiter. Und sie, andere Bilder steigen aus dem Meer des Erlebten — Stunden des Leides, Tage der Trauer, der Scham, der Reue, Augenblicke des Erliegens, der Todesnähe, des Grauens. Ich sehe den Tag wieder, da meine erste, unvergessene Liebe betrogen ward und unter Qualen starb. Den Tag, da ein Bote tarn und grüßte und Geld heischte und die Botschaft da ließ, daß fern in der Heimat meine Mutter gestorben war. Die Rächt, da mich mein Jugendfreund im Rausch beschimpfte. Die Tage, da ich nicht wußte, woher die Pfennige zu einem Brot nehmen, während meine Mappe von Gedichten und leidenschaftlichen Artikeln überquoll. Die vielen, vielen Stunden, da ich liebe Freunde leiden und verzweifeln sah und daneben stand und litt, und nicht helfen, nicht trösten, nicht lindern konnte.
And die Augenblicke, in denen ich vor Leuten stand, die reich waren und Macht über mich hatten und ihre geringschätzigen Worte hörte und meine im Krampf geballte Faust verbergen mußte. Die Gesellschaft, in der ich die Hand beständig auf die schmählich geflickte Stelle meines letzten Dockes legte- Alle die Rächte, in denen ich schlaflos lag und nicht wußte, wozu ich dies Leben weiterführe. Und alle die Rächte, da ich am Wirtshaustisch mitlachte und Poffen riß, und lustig tat, während mit innen elend und traurig zumute war. Auch die Zeiten hoffnungsloser Liebe, die Zeiten der Glaudenslosigkeit und Sellstverhöhnung, wenn wieder ein begonnenes Werk mißglückt, ein Ideal verloren, ein Versuch sehlgeschlagen war.
Auch hier kein Ende! Aber welche von diesen Stunden möchte ich hergeben, welche ausstreichen und vergeffen? Keine, keine einzige; auch die bittersten nicht. Lieber noch einen von den frohen Tagen; es sind ohnehin, wenn ich nachrechnen will, viel mehr als böse.


