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Rach einem Jahre sind den Menschheitsfesten für Beethoven die deutschen Festlichkeiten für Schubert gefolgt. Noch ist sich Oesterreich seiner Zukunft nicht klar. Wir alle aber, die nicht daran glauben, daß die Probleme Europas nach alten Formeln gelöst werden können, wir olle, die aufrichtigen Herzens neue Formen suchen, in denen der Genius jeder Nation sich frei und friedlich entwickeln kann, wir bleiben dem Geiste Beethovens treu. Und jedes menschliche Wesen sollte, wenn es reines Herzens ist, sich Rat und Beispiel bei dem herrlichen Schöpfer suchen, der uns in gleicher Weise die Hingabe in seine Kunst, das Streben nach menschlicher Vollkommenheit und glühende Begeisterung für den Frieden zu lehren hat.
(Autorisierte Uebersetzung von H. A. v. Maktzahn.)
Des Menschen unsichtbare Freunde,
t Von Dr.-Jng. Otto Huppert.
(Nachdruck verboten.)
In den Märchen von den Heinzelmännchen wird vorahnend etwas erzählt, was Menschenverstand später erst klar erkennen sollte. Myriaden solcher Heinzelmännchen arbeiten Tag und Nacht für uns — manche, ober verhältniswenig wenige, auch gegen uns — in der Erde, im Wasser, in der Luft, in uns selbst, und, wenn wir die kleinen Gesellen mit unserm Mikroskop um die Wirkung ihrer Tarnkappe bringen, dann sehen wir, was für zahlreiche, verschiedenartige Klassen von Bakterien es auf der Erde gibt. Die meisten Menschen kennen sie auch heute noch nur von ihrer schlechten Seite, nämlich als Krankheits- und Fäulniserreger. Daß ober diese Kleinlebewesen höheren Pflanzen und Tieren das Leben erst ermöglichen, ist wenig bekannt. Verschwänden die Bakterien mit einem Male von der Erde, so wäre nach einigen Wochen alles Leben tot.
3eder lebende Körper, ob Pflanze oder Tier, besteht im wesentlichen aus den Elementen Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff. Diese sind in äußerst verwickelter Weise zu den Bausteinen, den Zellen, miteinander verbunden, die dem betreffenden Pflanzen- oder Tierkörper ureigen sind und in ganz der gleichen Zusammensetzung bei keinem ein« sigen anderen Lebewesen wieder vorkommen. Stirbt das Tier oder die Pflanze, so beginnen gewisse Bakterien, die beständig überall vorhanden / sind, auf den Tod ihrer Opfer wartend, ihr Werk. Sie vermehren sich — die guten Zeiten ausnutzend — und bauen die Zellen des Leichnams ab, das heißt, sie machen unter Mithilfe des Luftfauerstoffs aus dem verwickelten Gebilde einfache chemische Verbindungen, nämlich Kohlensäure, , aus Kohlenstoff und Sauerstoff bestehend, und Salpetersäure, aus Wasserstoff, Stickstoff und Sauerstoff zusammengefetzt. Diese dienen dann den Pflanzen als Nahrung, wobei wieder andere Bakterienarten mithelfen. Die Pflanze baut alsdann für sich wieder ihre besonderen Zellen auf, dient als Tiernahrung oder verwelkt, und der Kreislauf beginnt von neuem.
Außer diesen Aasvernichtern gibt es auch Bakterien, die die Aufgabe haben, tkerische und menschliche Abfallstoffe in einfachere Verbindungen iibcrzuführen. Solche Bakterien finden sich in großen Mengen im Ackerboden sowie in allen stehenden und fließenden Gewässern. Wie groß \ die reinigende Kraft, die sogenannte Selbstreinigung des Wassers infolge der Bakterienwirkung ist, geht daraus hervor, daß ein Teich von der Größe eines Hektars und 50 bis 70 Zentimeter Tiefe genügt, die Abwässer eines Ortes von 2000 bis 3000 Einwohnern aufzunehmen. Durch die Düngung des Teick)es können zwölf Zentner Karpfen im Jahr ge- \ Wonnen werden. Das geht so vor sich: Die Bakterien stellen, ähnlich wie die vorhin erwähnten Aasvernichter, aus den Abfallstoffen Kohlensäure und Salpetersäure her, diese dienen Algen und Pilzen zur Nahrung, die daun von kleinen Wafsertierchen, z. B. winzigen, mit bloßem Auge nicht mehr sichtbaren Krebsen, ausgenommen werden; der Karpfen freut sich dieser kleinen Tierchen, und der Mensch freut sich des Karpfens, und wenn auch die Bakterien nach unserem Gefühl die unangenehmste Arbeit zu leisten haben, so gedeihen sie doch vorzüglich dabei, und jeder kommt i« dein Kreislauf zu seinem Rechte.
Von sehr großer Bedeutung für Gesundheit und Leben des Menschen is! die Erscheinung, daß Bakterien sich gegenseitig zerstören, wodurch die Gclbftreinigung des Wassers noch ihre besondere Bedeutung bekommt. Alle Arten von Krankheitserregern, wie die des Typhus, der Tuber- kulofe, der Diphtheritis usw. gehen in kurzer Zeit in fließenden und sichenden Gewässern zugrunde, vorausgesetzt, daß die Zahl der Bakterien 'm Vergleich zur Wassermenge nicht zu groß ist. In Davos z. B. leitet man das Abwasser unterhalb des Kurortes in das sehr rasch fließende Landwasser ein. Schon nach zwei bis drei Kilometern enthält das Wasser keine Krankheitserreger mehr. Diese Abwasserdeseitigung ist also völlig einwandfrei.
In den letzten beiden Jahrzehnten ist eine neue Wissenschaft entluden, die Gärungstechnik, deren Einfluß auf den landwirtschaftlichen ««trieb zunehmend größer wird. Jede Gärung ist eine durch Kleinlebewesen verursachte Zersetzung organischer Stoffe; somit ist auch die vor- ■ 2!n, erwähnte Arbeit der Bakterien im Ackerboden eine Gärung. Das uaiser-Wilhelm-Jnftitut für Gärungsgewerbe in Berlin-Dahlem befchäf- "St sich zur Zeit unter anderem auch mit der Frage, auf welche Weise der Landwirtschaft durch richtig geleitete Gärungstechnik geholfen werden wnnte. Gras, frisch geschnitten, verfüttert, hat einen wesentlich höheren ^iahrwert als im getrockneten Zustande, und zwar kann man annehmen, > kw» ein Viertel vom Werte des Grases bei der Heuwerdung verloren sieht. Es sind daher mit wechselndem (Erfolge Versuche gemacht worden, was, Rüben, Kartoffeln usw. dadurch in ihrem Grünfutierzustande zu erhalten, daß man sie in Futtertürmen aufftapeltc. Das Futter nahm rwrin mit der Zeit eine saure Beschaffenheit an, die es aber zum Ver- juttern durchaus nicht ungeeignet machte. Nach dem Bericht von Prof. Dr. 0 a yd u ck, dem Leiter des genannten Instituts, kennt man heute die «vrgange im Futterturm genügend genau, um sie nach Wunsch zu leiten. Jfan weiß, daß es sich um eine Milchsäuregärung handelt. Diese Säure
wird durch Bakterien aus Zucker hergestellt. Fehlt "es an diesem, so tarnt nicht genügend Milchsäure gebildet werden, um den Gärungsvorgang von einer bestimmten Zeit an zu unterbrechen, und die Fäulnisbakterien treten in ihr Recht. Ist aber genügend Milchsäure vorhanden, so wird die Bakterienwirkung gehemmt oder unter Umständen sogar aufgehoben, und weitere Zerfetzungserfcheinungen im Futterturm sind nicht möglich. Da man die Zusammensetzung der verschiedenen Futtermittel kennt, ist es nicht schwer, bei etwa fehlendem Zuckergehalt durch geschnitzelte Zuckerrüben oder Melasse — einem bei der Herstellung von Zucker verbleibenden Rückstand — nachzuhelfen.
Man sck)ätzt den Wert der jährlichen Heuernte in Deutschland auf drei Milliarden Mark. Eine Milliarde Mark geht demnach durch die Heuwerdung verloren. Jedes Hunderteil der Grasmenge, dessen Vollwert im Futterturm bis zum Gebrauche erhalten werden kann, ist daher von volkswirtschaftlicher Bedeutung. Besonders das letzte Beispiel zeigt, daß sich unsere Freunde, die Heinzelmännchen, die einstmals so arbeiteten, wie cs sich gerade für sie ergab, heute dazu bequemen müssen, sich ebenso sehr dem menschlichen Willen zu unterwerfen, wie ihre großen, sichtbaren Geschwister aus der Pflanzen- und Tierwelt.
Kinder des Volks.
Von Alfred Bock. »
(Fortsetzung.)
Das Erscheinen eines zweiten Gastes unterbrach feine düsteren Gedanken. Es war Herr Palmer, der Vikar, der im Löwen feinen Frühschoppen trank. Sein langer, blauer Rock war mit Fettflecken besät; seine Beinkleider waren so kurz, daß die rissigen Stiefelschafte zum Vorschein kamen. Von seiner fchäbchen Bekleidung hob sich der glänzend weiße Hemdkragen seltsam ab. Seine Frau behauptete, es verlohne sich nicht, ihm einen guten Anzug zu geben, er vexschlampe ihn doch. Das einzige, worauf sie bei ihm halte, fei reine Wäsche. Das fei sie ihrem Renommee als Waschfrau schuldig.
Herr Palmer klopfte auf den Tisch.
„Wirtschafti"
Da niemand kam, trat er an den Schrank und zapfte sich selbst. Als Stammgast konnte er sich das erlauben. Darauf ließ er sich Schollas gegenüber nieder.
„Wie ist mir denn, Herr Schollas? Sie wollten doch heut nach Frankenhain?"
„Wollt' ich auch. Hab' mir’s aber anders überlegt. Hab' in der Stadt zu tun."
„Aha, eine Versicherung!"
„Keine Spur."
„Will's noch immer nicht?"
„Nein, Herr Vikar."
„Der Neid, lieber Schollas, der gemeine Neid."
„Wie meinen Sie das?"
„Daß Sie jetzt in der Wolle sitzen, das gönnt man Ihnen nicht." „Glauben Sie?"
„Jawohl, lieber Schollas, da liegt der Hund begraben. Sie müssen wissen, ich kenne die Menschen. Wenn jemand Grütze im Kops und Geld im Kasten hat, das ertragen sie nicht. Da werden alle niedrigen Instinkte frei, da sündigen sie wider das achte Gebot, und ihre Zungen sind schärfer denn ein zweischneidig Schwert. Wie ist mir es ergangen? Sie müssen wissen, hab' mein Handwerk verstanden. Aus purem Neid haben sie mich geschaßt. Wollten mich mundtot machen. Aber sie haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Sie müssen wissen, ich arbeite an einem großen Werk: Die Kirche der Zukunft. Es ist das Hohelied von der Verbrüderung aller denkenden Menschen. Und wird wie der Föhn über Länder und Meere wehen. Eine große Wallfahrt wird fein zu mir. Und sie werden sagen: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. Hosianna!"
Er leerte fein Glas auf einen Zug, ging'an den Schrank und zapfte sich wieder.
„Pröstchen, Herr Schollas! Pröstchen!"
Der Schreiber, der nur mit halbem Ohr zugehört hatte, tat ihm mechanisch Bescheid.
Palmer lachte.
„Wo sind denn Ihre Gedanken, junger Ehemann? Natürlich bei der Frau Liebsten. Das muß der blasse Neid ihr lassen, sie hat sich ganz brillant gehalten. Wer es nicht weiß, der gibt ihr höchstens fünfundzwanzig. Diese Elastizität, phänomenal! Obendrein die Revenuen. Sie haben einen guten Griff getan. Pröstchen, Herr Schollas! Pröstchen! Die Frau soll leben!"
„Soll leben", brachte Schollas gezwungen heraus und nippte an feinem Glas.
Palmer fang das Lob der Stadlern weiter. Er rühmte ihre Verträglichkeit. In ihrem Haufe wohnten vier Parteien; mit allen lebe sie in Frieden, allen erweise sie sich gefällig und gütig. Treue fei der Grundzug ihres Charakters. Wer einmal den Weg zu ihrem Herzen gefunden,' den lasse sie nimmer fallen. Man brauche bloß ihre Freunde zu fragen. Die gingen allesamt für sie durchs Feuer, ließen Geschäft und Verdienst im Stich und leisteten ihr Gesellschaft, wenn der Herr Gemahl abwesend fei.
Schollas verfärbte sich. Bon diesen Freundschaftsbezeugungen wisse er gar nichts. Er verlange sofort Aufschluß.
„Sie meinen doch, Sie bitten darum", sagte der Vikar mit einer Schärfe, die man ihm gar nicht angetrant hätte. Zufällig fei er orientiert. Mittwoch habe der Bahnmeister Zapf seine Aufwartung gemacht, Freitag der Schuster Reining. Jetzt eben stattet der Buckelmüller feine Visite ab.
„Sie müssen wissen," setzte er stolz hinzu, „ich habe mehr zu tun, als darüber Buch zu führen, wen Ihre liebe Frau empfängt."
Der Eintritt des Wirts machte der Unterhaltung ein Ende. Schollas zahlte feine Zeche und ging.


