Bei Gott, Herr, ich bin ausgegangen, um zu rasteren, und... und ich habe bloß sehen wollen, ob das Wasser schnell fließt."

Das lügst du. Und das Lügen hilft dir nichts. Sei so gut, mir ordentlich zu antworten."

Ich bin gerne bereit, Euer Gnaden zweimal in der Woche, sogar dreimal zu rasieren, und ganz umsonst", erwiderte Iwan Jakowle­witsch. , ,

Narrenspossen, mein Freund! Mich rasieren schon drei Barbiere und rechnen es sich noch zu hoher Ehre an. Sei jetzt mal so gut und erzähle, was du da gemacht?"

Iwan Jakowlewitsch erblaßte ... Jedoch von hier ab hüllen sich die Ereignisse in Nebel, und was weiter geschah, bleibt uns verborgen.

2.

Der Kollegien-Assessor Kowalew erwachte früh am Morgen und machte mit den Lippen:brrr." Das tat er immer, wenn er aufwachte, ohne daß er hätte sagen können, warum er es tat. Er streckte sich, reckte sich und ließ sich einen kleinen Spiegel reichen, der auf dem Tische stand. Gestern abend hatte er bemerkt, daß auf seiner Nase ein kleines rotes Bläschen hervorgesprossen war, und dieses Bläschen wollte er jetzt betrachten. Zu seinem größten Erstaunen aber sah er, daß sich an Stelle seiner Nase eine vollkommen glatte Stelle in seinem Gesicht befand. Erschreckt ließ er sich Wasser reichen und rieb sich mit dem an­gefeuchteten Handtuch die Augen: Tatsächlich, die Nase war weg! Er fühlte mit der Hand hin. Dann begann er sich an verschiedenen Stellen zu kneifen, um festzustellen, ob er schlafe oder wache. Nein, er schlief nicht. Er sprang aus dem Bett und schüttelte sich, die Nase war und blieb weg! ... Er befahl, sofort alles Nötige für seine Toilette vorzu­bereiten, und als er diese beendet hatte, eilte er schnurstracks zum Ober-Polizeimeister.

Jedoch, es wird nötig sein, einiges Nähere über diesen Kollegien- Ässessor mitzuteilen, damit der geneigte Leser sich ein Bild von ihm machen könne. Er führte seinen Titel erst seit zwei Jahren, und darum konnte er keinen Augenblick darauf vergessen. Und da er kein gewöhn­licher Kollegien-Assessor war, sondern einkaukasischer", so nannte er sich niemals einfachKollegien-Assessor", sondern immerMajor". Also werden auch wir diesen Kollegien-Assessor fortan Major nennen.

Der Major Kowalew also hatte die Gewohnheit, jeden Tag auf dem Newski Prospekt spazieren zu gehen. Sein Hemdkragen war stets von außerordentlicher Sauberkeit und schön gestärkt. Seine Bartkoteletten waren von der Art, wie man sie auch jetzt noch bei Landmessern, Ar­chitekten und Regimentsärzten und überhaupt bei allen solchen Männern findet, die volle, roten Backen haben und ausgezeichnet Boston spielen. Diese Bartkoteletten verlaufen über die Mitte der Wange geradlinig bis zur Nase. Er trug an seiner Uhrkette eine Menge von Siegelsteinen, solche, in die Wappen hineingeschnitten waren, und andere, mit denen man: Mittwoch, Donnerstag, Montag und dem ähnliches siegeln konnte. Der Major Kowalew war in wichtigen Angelegenheiten nach Peters­burg gekommen, nämlich: eine seinem Range angemessene Stellung zu finden, wenn's gelang, als Vizegouverneur, und wenn nicht dies, so vielleicht irgend etwas anderes in irgendeinem vornehmen Depar­tement. Major Kowalew hatte auch nichts dagegen zu heiraten, freilich nur in dem Falle, daß die Mitgift der Braut nicht weniger als zrvei- malhunderttausend Rubel betrug. Und hiernach wird der geneigte Leser selber beurteilen können, was es für den Major bedeutete, als er an Stelle feiner nicht unschönen regelmäßigen Nase diese leere, glatte, dumme Stelle in seinem Gesicht erblickte. Unglücklicherweise zeigte sich auch nicht eine Droschke auf der - Straße, und so mußte er zu Fuß gehen. Er schlug den Mantel fester um sich und hielt sich ein Taschen­tuch vors Gesicht, als habe er Nasenbluten.Vielleicht habe ich mich getäuscht," dachte er,es kann nicht (ein, daß die Nase so mir nichts dir nichts verlorengegangen ist." Und da er eben an einer Konditorei vorüberkam, ging er hinein, bloß um noch einmal in den Spiegel zu blicken. Zum Glück befand sich in der Konditorei niemand außer den bedienenden Knaben, die den Fußboden kehrten und die Stühle zu­rechtrückten. Einige von ihnen mit verschlafenen Augen brachten auf Teebrettern kleine Kuchen herbei. Auf den Tischen und Stühlen lagen kaffeeübergossene Zeitungen vom gestrigen Tage umher.Gott sei Dank,"-sagte Kowalew,niemand hier, jetzt kann ich schnell mal Hin­schauen." Zaghaft ging er an den Spiegel und blickte hinein.Weiß der Teufel, was für eine Gemeinheit!" murmelte er, indem er ausspie. Wenn wenigstens irgend etwas an Stelle der Nase da märe, aber so einfach nichts!"

Verdrossen, mit eingekniffenen Lippen trat er auf die Straße hin­aus und beschloß, ganz gegen seine Gewohnheit, auf keinen der Vor­übergehenden zu blicken und keinem zuzulächeln. Plötzlich, vor der Tür eines Hauses, blieb er wie erstarrt stehen. Seine Augen sahen eine unerklärliche Erscheinung. An der Vorfahrt des Hauses hielt, eine Ka­lesche. Die Tür des Wagens öffnete sich. Heraus sprang gebückt ein Herr in Uniform und eilte die Treppe hinauf. Wie groß war das Entsetzen und zugleich das Erstaunen Kowalews, als er in diesem Herrn wen erkannte? seine eigene Nase! Bei diesem Anblick drehte sich ihm alles vor den Augen. Er fühlte sich kaum noch imstande, aufrecht zu stehen. Zugleich aber war er fest entschlossen, die Rückkehr des Herrn zur Kalesche abzuwarten. Er zitterte wie im Fieber. Nach wenigen Minuten kam die Nase wieder zum Vorschein. Sie, oder viel­mehr er (den es war ja ein Herr Nase) war in Uniform, goldgestickt, mit rotem Stehkragen, die Hosen aus feinem Leder, an der Seite den Degen. Der Federbusch, der den Hut schmückte, ließ darauf schließen, daß sein Träger im Range eines Staatsrates stand. Die ganze Aus­machung zeigte, daß der 'Herr eben Visiten machte. Er sah sich erst nach der einen, dann nach der andern Seite um, rief dem Kutscher Pferde her!" zu, stieg in den Wagen und fuhr davon.

Der arme Kowalew verlor fast den Verstand. Er wußte nicht, was er von diesem seltsamen Ereignis halten sollte. Wie war es denn in der Tat möglich, daß dieselbe Nase, die sich gestern noch in seinem

Gesichte befand und weder fahren noch gehen konnte, heute plötzlich in Uniform auftrat? Er lief hinter der Kalesche her, die zum Glück nicht weit fuhr, sondern bald wieder hielt, und zwar vor der Kasan- schen Kathedrale.

(Fortsetzung folgt.)

Kirdjali.

Don Alexander Puschkin.

Kirdjali versetzte mit seinen Naudtaten die ganze Moldau in Schrecken. Alm v'on ihm einen Begriff zu geben: Eines Nachts über­fielen er und der Arnaut Michalaki ein Dorf. Sie zündeten es an beiden Enden an und sprangen von Hütte zu Hütte. Kirdjali mordete, und Michalaki schleppte die Beute. Beide schrien:Kirdjali! Kirdjali!" Das ganze Dors stob auseinander.

Er schloß sich dem Griechen-Aufstand von 1821 an und nahm an der traurig berühmten Schlacht bei Skuljani teil. Stellen Sie sich 700 Arnauten, Albaner, Griechen, Bulgaren und jegliches Pack vor, das eine Ahnung vom Kriegführen hat und sich angesichts von 15 000 Mann türkischer Kavallerie an das Pruth-Ufer, die russische Grenze, zurückzieht. Ihre ganze Artillerie bestand aus zwei winzigen Kanön- chen, mit denen der Gospodar von Jassy während seiner Bankette die Salute hatte feuern lassen.

Die Türken hätten gerne kartätscht, wagten dies aber nicht aus Angst vor den Aussen, denn die Kartätschen wären unbedingt aufs russische Alfer hinübergeprasselt. Der Grenzkommandeur hatte, in seinen vierzig Dienstjahren noch nie Kugeln pfeifen gehört, doch jetzt gab das Schicksal Gelegenheit: einige summten ihm an den Ohren vorbei. Das alte Männchen wurde schrecklich wütend und schimpfte deswegen den Major durch, dem die Grenzstation unterstellt war. ©tiefer wußte sich nicht anders zu helfen, lief zum Fluh, wo bereits die türkischen Einzelreiter .courbettierten, und drohte iFinnen mit dem Zeigefinger. Die Aeiter sahen das, machten kehrt, und galoppier­ten fort und mit ihnen auch das ganze türkische Heer.

Am nächsten Tage jedoch attackierten die Türken. Aus Angst vor Grenzverletzung, ganz gegen ihre Gewohnheit allein mit der kalten Waffe. Es war ein schauerliches Schlachten mit Ja tagaus. Endlich durften sich die Hetairisten, mit Erlaubnis der russischen Regierung, über den Pruth und hinter die Grenzwache flüchten. K-m- tagoni und Safianos blieben als die letzten auf dem türkischen Alfer. Kirdjali, am Tage vorher verwundet, lag bereits in der Grenzstation Kantagoni, der ungeheuer dick war, bekam eine Pike in den Leib. Mit einer Hand hob er den Säbel, mit der anderen griff er nach der Pike, stach sie tiefer in sich hinein, um so an seinen Gegner heran­zukommen, und stürzte, mit ihm zugleich sterbend, nieder.

Alles war zu Ende. Die Türken blieben Sieger. Die Moldau war geräumt. Die letzten Reste der Arnauten zerstreuten sich über Bess­arabien. Man konnte sie ständig in den Kaffeehäusern sitzen sehen mit ihren langen Tschibuks, wie sie den Kaffee aus den winzigen Täßchen schlürften. < ..

©er Pascha von Jassy verlangte auf Grund der Vertrage die Auslieferung des Räubers. Die Polizei fing ihn in Kischinewa, als er in der Dämmerung mit sieben Kameraden nachtmahlte.

Ein junger Beamter hat mir seine Abreise beschrieben.

Bor dem Gefängnis hielt eine Caruzza ein niedriges gefloch­tenes Wägelchen, an das man acht kleine Pferdchen gespannt hatte.. Jungfrauen, nachlässig gekleidet und mit schlüpfenden Pantoffeln, Arnauten in zerlumpter, malerischer Tracht, schone Moldauerinnen mit schwarzäugigen Kindern auf dem Arm alles umstand die Earuzza. Die Männer hüteten ein Schweigen, die Frauen schienen fieberhaft irgendetwas zu erwarten.

Das Tor tat sich auf, und einige Polizeioffiziere schritten auf die Straße! hinter ihnen führten zwei Soldaten den eisengefesselten Kirdjali. _ ,

Er schien dreißig Jahre alt. Die Züge seines braunen Gesichtes waren regelmäßig und finster. Er war hoch von Wuchs, breitschultrig und überhaupt von ungewöhnlicher körperlicher Kraft. Ein bunter Turban sah schief auf seinem Kopf, ein breiter Gürtel umschlang Die schmalen Hüften; ein Tolman von grobem blauem Tuch, ein ge­bauschtes Hemd und schöne Pantoffeln machten den übrigen Anzug aus. Sein Aussehen war stolz und ruhig.

Einer der Beamten, ein rotfratziges altes Männchen in ver­schossener Uniform, an der drei Knöpfe baumelten, sattelte seinen bläulichen Höcker, Rase genannt, mit einer riesigen Zinnbrille, ent­faltete ein Papier und begann krächzend in moldauischer Sprache zu lesen. Von Zeit zu Zeit blidite er verächtlich auf den gefesselten Kirdjali, auf welchen sich anscheinend das Papier bezog. KirdM hörte ihm aufmerksam zu. Der Beamte hatte jetzt sein Vorlesen beendet, faltete das Papier zusammen, schrie wütend das Volk an, daß es auseinandergehen solle, und befahl nun, die Caruzza vor- zilsühren. Da wandte sich Kirdjali an ihn und sagte ihm einige Worte auf Moldauisch; seine Stimme zitterte, sein Gesicht hatte sich verändert; er brach in Tränen aus und wälzte sich im Staub vor den Füßen des alten Männchens, wobei seine Ketten erklirrten Der Beamte fuhr ängstlich zurück, die Soldaten wollten KiroM Hochreißen, doch er sprang allein auf, nahm feine Ketten zusammen, stieg in die Caruzza und schrie: Gai-daaa! Ein Gendarm setzte fw neben ihn; der moldauische Dauer knallte mit der Peitsche, uni> die Caruzza rollte weg. .,

Was hat Ihnen Kirdjali gesagt? fragte der junge Beamte Da­alte Männchen.

Er hat, sehen Sie, mich da um etwas gebeten versetzte M grinsend der Polizeibeamte: daß ich mich um seine Fran uno sein kleines Kind kümmern solle, die in einem bulgarischen Awi,