SiehenerKmilienblätter
________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Joljriioiifl 1929__________________________Mwtoi), öcu 22. juii Hummer 56
Lilieneron.
Von Gustav Falke.
Lilieneron, der edle Ritter, fegte wie ein Lenzgewitter durch die teutfche Litratur, Onkel, Tante, tief erschrocken, zerrten zitternd alle Glocken: Herr, schütz unsre fromme Flurl Blitz und Donner! Welch Geknatter! Eingeschlagen hat's, Gevatter! Und die alte Scheune brennt. Seht den roten Hahn, da steht er auf dem Strohdach, höhnisch kräht er Kikeriki! Potz Element!
Alles rennt mit Tassen, Topfen, Kellen-, Kübeln Wasser schöpfen, Hannchen nimmt den Fingerhut. Doch sie löschen nicht die Flammen, und das Alte stürzt zusammen in der Frühlingswetterglut.
Als der erste Schreck verflogen, funkelte der Friedensbogen herrlich über Land und See. Die erquickten Fluren dampften, und die frommen Rinder stampften friedlich wieder durch den Klee. Also brach der edle Ritter feurig wie ein Lenzgewitter ln die teutsche Lyrik ein. Wie das blitzte, wie das trachte, wie das jauchzte, wie das lachte: Kinder, nur nicht ängstlich fein!
Doch man stand in Furcht verloren, spitzte lang' und längste Ohren: Hannchen, welch ein frecher Ton! Aber bald fiel man im Kreise trunken in die neue Weise ein: Viktoria! Lilieneron!
und
e Eigenart zu ihm haben wir
„Vorbei ist die Mufike..
Line kurze Liliencron-wü rdigung. Von Dr. Siegfried Mauermann.
SJor genau zwanzig Jahren, am 22. Juli 1909, ist einer unserer buntesten modernen Lyriker von uns gegangen: Detlev von Lilieneron. Aus der Buntheit feiner lyrischen Stoffe wollen wir fast so wahllos, wie er bald in gebundenster, bald in ausgelassenster Form dichtete i drauflos schwelgte, einige Verse herausgreifen, um seine Eigenart würdigen. Den für solche Darstellung nötigen Abstand von i' bereits gewonnen. Neues von ihm kann uns leider nicht mehr beschieden werden; er wandelt bereits im Elysium. Es giht sein eigenes militärischburschikoses Wort von ihm selbst: „Vorbei ist die Musiki; und doch nicht m dem Sinne, daß uns nicht noch ein Nachklang ertönte, den er ja auch lEst in dem eben angedeuteten „Tubaton"-Liede stimmungsvoll flimmern und zittern läßt.
Richard Dehmel ist sein erster Herold gewesen; er hat durch eine Gesamtausgabe der Werke Liktencrons das Können dieses Niederdeut- Ichen aller Welt verkündet. Wir greifen den wirrkrausen Band heraus, ber sich „Der Mäcen" betitelt und in halb Raabescher Manier, halb in Goethe-Werther-Form des Briefes und Tagebuches nordsüdliche Eindrücke und Empfindungen aneinanderreiht, durcheinanderglüht. Der Verfasser ist ein Kind der Stadt Kiel und befindet sich in Afrika. Für öen Lyriker Lilieneron ist es besonders deswegen bezeichnend, weil der 4iuor in das Buch Betrachtungen einstreut, die er ,Lichter-Tage" nennt.
stellt er Gedichte anderer, verstorbener und noch lebender Lyriker suiammen, die so recht nach seinem — nun brauchen wir einmal das Mögliche Wort — so recht nach seinem Geschmack gestaltet sind. Am großen Vorbild erkennen wir leicht die Eigenart des Jüngers.
Hauptsächlich bei Storm, Gottfried Keller, Eonrad Ferdinand Meyer, graten, Lenau, Uhland, Eichendorff, Avenarius, Prinz Emil zu Schönaich- r-arolath, Peter Hille, Ernst Ziel und Otto Ernst findet Lilieneron etwas -»orblldliches. Es fällt ziemlich leicht, Verse und Stimmungen aus nn* tron herauszusuchen, die diesen Vorbildern entsprechen. Den« ot9 bleibt unser Dichter originell; er ist eben eine Summe aus allem
gewaltige Eigenart des unbezwingbaren deutschen Nordadligen dazu. In Ernst von Wolzogen lebt noch ein Stück feiner Ursprünglichkeit; es ist sicherlich kein Zufall, daß mit Wolzogens . auch die Liliencronschen Verse vom soldatischen Durch- dlestadtmarschieren, eben jenes „Vorbei ist die Musike", volkstümlich wurden. Auch der große Balladenschöpfer Börries von Münchhausen ähnelt in manchem Ahnen- und Adelton unferm Detlev.
fln Unabhängigkeit und Freiheit, bald in wilder Jägerart, in rauhem Wettergewohntsein, bald in lautenhaft frohem Singsang des Bohemiens: da Haven wir die Grundgewalt Liliencrons; und damit find zwei ober drei seiner Vorbilder eng berührt.
Frei will ich sein.
Meinen Jungen im Arm, in der Faust den Pflug, Und ein fröhlich Herz, und das ist genug ...
Bietet der Staat mir Würden und Amt, Und trüg' er’s mir an auf purpurnem Samt, Ich winke den Bringern, ich lache dem Tand Und wehre sie ab mit verneinender Hand.
Diese herrlich übermütige selbstfrohe Stimmung findet sich auch i« seinem Gedichte „Bruder Liederlich"; es klingt dort sogar dieselbe Reim- silbe. Allerdings mischt sich ironisches Ausschneiden hinein.
5Bar haben süperb uns die Zeit vertrieben, hallil Ich wollte, wir wären zusammengeblieben, hallo! Doch wurde die Sache mir stark ennuyant. Ich sagt' ihr, daß mich die Regierung ernannt, Kamele zu kaufen in Samarkand. Haiti und Hallo!
ni) Genau so spielerisch behandelt er das weibliche Geschlecht in den, Marschliede, das unserer Betrachtung die Ueberschrift gegeben hat.
Die Mädchen alle, Kopf an Kopf, Das Auge blau und blond der Zopf, Aus Tür und Tor, aus Hof und Haus Schaut Mine, Trine, Stine aus. Vorbei ist die Mufike. >
So entschwindet sanft abebbend den einen wie den andern di« stramme und die anmutige Begegnung. Leben ist Weiterwandern.
Sa kommt eine Sanftheit der Stimmung, eine Gefühlsfeinheit bet lone in Liliencrons Lyrik. Wir denken an feinen Lenau,' an feinen Elchendorff, an feinen Storm. Von welch inniger Zartheit sind beispiels- weise feine Heidebilder! Schlicht Hauptsatz an Hauptsatz gereiht; und e» entsteht ein Gedicht von der schmachtenden Heide, die endlich erlöst wirb? Klopstock und Werther tauchen in unsrer Seele auf. Ballnacht, Batt- geroitter, Erdgeruch durchs geöffnete Fenster, Frühlingsfeier!
Im Zickzack zuckt ein Blitz, und Wasserfluten Entstürzen gierig feuchtem Zelt.
Es jauchzt der Sturm und peitscht mit seinen Ruten Erlösend meine Heidewelt.
Auch Platen war von Lilieneron hochgeschätzt. Sofort erhebt sich die Frage nach der Formengewandtheit des Dichters unserer Tage. Ganz wie Platen hat Lilieneron auch in italienischen Strophen geschwelgt, und zwar mit wohlklingender Meisterschaft. Sollen wir an die Stanzen des „Poggfred" erinnern, an die nonnenhaften Sizilianen Frühling und Herbst mit wundervollem Antithesenklang? Auch sein Friedhofsgedicht bringt solch Gegenstückliches. Es friert ein Gewesen; es taut ein Genesen. Damit kommen wir auch zu Liliencrons Gewandtheit im Kehrreim. Wie neckisch klingt die erst einsame "kleine blonde Conitesie in das erreichte Zweisame um: „Ich und die kleine Comtesse"! Dagegen wie trübernst das eintönige „Der Orgeldreher dreht sein Lied!" Jrn Gewoge und Gewimmel der Großstadtmenschen ist's nicht anders. Immer dasselbe.
Und fragen wir uns, ob das alles bewußt ober unbewußt aus Herz und Hirn Liliencrons hervorgegangen ist, so müssen wir zur Antwort wiederum auf den „Mäcen" Hinweisen. Dort spricht Liliencron mit Eifer von reinen Reim, von der möglichsten Vermeidung des Hiatus, von der Vermählung des Tonfalles mit dem auszudrückenden Inhalte. Die lyrische Formung bringt auch in Liliencrons Episches hinein.
Die Stanzen aus dem „Poggfred" waren bereits erwähnt. In seinen Balladen spricht lyrischer Temperamentsklang mit. Wie oft wird dec „Blitzzug" deklamiert mit seinem lyrischen Geratter, mit seinem stimmungsvoll traurigen Ausgange! Wie oft läßt ein Deklamator Liliencrons .Leidebrand" wüten, weniger um des epischen Geschehens als um der klanglichen Ausmalung willen! —
Vorn Roman- und Bühnendichter Liliencron ist nicht so viel des Erfolgreichen zu künden; freilich seine aus dem Erleben geschaffenen Kriegserzählungen glühen ursprünglich und zünden; .Leben und Lüge" nennt er, der Aufrechte, äußerst bezeichnend seinen autobiographischen


