- «Nb Der!«,: Vrühl fche UniverfitLtS-B«ch- »nd Steindruckerei,D. Lang«, eHe9tfl>

Verantwortlich: Dr. Han» Thyriot.

eher als irgendein anderer im Dorf gesehen zu haben. Denn Schneide­müller Igel, oder derSchneidige!", wie man ihn kurzwcg und in der Regel mit absichtlich undeutlicher Aussprache nannte, war ein Topfgucker- Aber so topfguckrig er war, so stolz und hochmütig war er auch, und so wandt er sich in demselben Augenblicke, wo der Wagen an ihm vor­überfuhr, rasch wieder auf sein Haus zu, bloß um nicht grüßen zu müssen. Hier nahm er, um seine Neugier, deren er sich schämen mochte, vor nie­mandem zu verraten, Hut und Stock mit besonderer Langsamkeit vom Riegel und folgte dann dem Wagen, den er übrigens bald danach schon vor dem Hradscheckschen Hause Vorfahren sah.

Frau Hradscheck war nicht da. Statt ihrer übernahm es Kunicke, den sie darum gebeten haben mochte, den Wirt und sozusagen die Honneurs des Hauses zu machen. Er führte denn auch den Justizrat vom Flur her in den Laden und von diesem in die dahinter befindliche Weinstube, wo man einen Imbiß bereit gestellt hatte. Vowinkel nahm aber, unter vor­läufiger freundlicher Ablehnung, nur ein kleines Glas Portwein und trat dann in den Garten hinaus, wo sich bereits alles, was zur Dorsobrigkeit gehörte, versammelt hatte: Schulze Woytasch, Gendarm Geelhaar, Nacht­wächter Mewissen und drei bäuerliche Gerichtsmänner. Geelhaar, der, zur Feier des Tages, seinen Staats-Czako mit dem armslangen schwarzen Lampenputzer aufgesetzt hatte, ragte, mit Hilfe dieser Paradezutaten, um fast drei Haupteslängen über den Rest aller Anwesenden hinaus. Das war der innere Zirkel. Im weiteren Umkreis aber standen die, die bloß aus Neugier sich eingefunden hatten, darunter der schon stark gefrühstückte Kantorssohn und Dorfdichter, während einige zwanzig eben aus der Schule herangekommene Jungens mit ihren Klappantinen auf das Kegel­haus geklettert waren, um von hier aus Zeuge zu fein, was wohl bei der Sache herauskommen würde. Vorläufig indes begnügten sie sich damit, Schneebälle zu machen, mit denen sie nach den großen und kleinen Mädchen warfen, die hinter dem Gartenzaun der alten Jeschke standen. Alles plapperte, lachte, reckte den Hals, und wäre nicht Hradscheck ge­wesen, der, die Blicke seiner alten Freunde vermeidend, ernst und schwei­gend vor sich hinsah, so hätte man glauben können, es sei Kirmes oder eine winterliche Jahrmarktsszene. ,

Die Gerichtsdiener flüsterten und steckten die Kopfe zusammen, wah­rend Woytasch und Geelhaar sich umsahen. Es sch.en noch etwas 31t fehlen, was auch zutraf. Als aber bald danach der alte Totengräber Wonnekamp mit noch zwei von seinen Leuten erschien, rückte man naher an den Birnbaum heran und begann den Schnee, der hier lag, fortzu- fchippen. Das ging leicht genug, bis statt des Schnees die gefrorene Erde kam, wo nun die Pickaxt aushelfen mußte. Der Frost indessen war nicht tief in die Erde gedrungen, und so konnte man den Spaten nicht nur bald wieder zur Hand nehmen, sondern kam auch rascher vorwärts, als man anfangs gehofft hatte. Die herausgeworfenen Schollen und Lehmstucke wurden immer größer, je weicher der Boden wurde, bis mit einem Male der alte Totengräber einem der Arbeiter in den Arm fiel und mit der seinem Stande zuständigen Ruhe sagte:Nu giw mi moal; nu kämmt wat." Dabei nahm er ihm das Grabscheit ohne weiteres aus der Hand und fing selber an zu graben. Aber ersichtlich mit großer Vorsicht. Alles drängte und wollte sehen. Und siehe da, nicht lange, so war ein Toter aus­gedeckt, der zum großen Teile noch in Kleiderresten steckte. Die Bewegung wuchs, und aller Augen richteten sich auf Hradscheck, der, nach wie vor, vor sich hin sah und nur dann und wann einen scheuen Seitenblick in die Grube tat. ,

Nu hebben se'n", lief ein Gemurmel den Gartenzaun enlang, unklar lastend, ob man Hradscheck oder den Toten meine; die Jungens auf dem Kegelhäuschen aber reckten ihre Hälse noch mehr als vorher, trotzdem sie weder nah noch hoch genug standen, um irgend 'was sehen zu können.

Eine Pause trat ein. Dann nahm der Justizrat des Angeklagten Arm Und sagte, während er ihn dicht an die Grube führte:Nun, Hradscheck, was sagen Sie?" .. ' m , , < - .

Dieser verzog keine Miene, faltete die Hande wie zum Gebet und sagte dann fest und feierlich:Ich sage, daß dieser Tote meine Unschuld be-

So waren seine Worte.

Und diese Worte gefielen den Bauern ungemein.Er will nicht an seinem eignen Tisch zu Gaste sitzen und das Brot, das er gebacken, nicht als Gnadenbrot essen. Da hat er recht. Das möcht' ich auch nicht."

Gendarm Geelhaar ging an dem Zaun entlang, über den, samt an­dern! Weibervolk, auch Mutter Jeschke weggeguckt hatte

Geelhaar tippte dieser mit dem Finger aus den Dutt und sagte:Nu Line, was macht der Zopf?"

Meiner?" lachte diese.Hören's, Herr Gendarm, jetzt kommt Ihrer an die Reih'."

Wird so schlimm nicht werden, Lineken ... Und Mutter Jeschke, was ägt die dazu?"

Joa, wat fall se seggen? He is wedderrut. Awers he kämmt ovk woll wedder 'rin."

XII.

Eine Woche war vergangen, in der die Tschschiner viel erlebt hatten. Das wichtigste war: Hradscheck, nachdem er noch ein Küstriner Schluß­verhör durchgemacht hatte, war wieder da. Schlicht und unbefangen, ohne Lücken und Widersprüche, waren die Dunkelheiten aufgeklärt worden, so daß an seiner Unschuld nicht länger zu zweifeln war. Es seien ihm, so hieß es in seiner vor Vowinkel gemachten Aussage, durch Unachtsamkeit, deren er sich selber zu zeihen habe, mehrere große Speckseiten verdorben, und diese möglichst unbemerkt im Garten zu vergraben, habe er an jenem Tage vorgehabt. Ec sei denn auch, gleich nachdem seine Gäste die Wein­tube verlassen hätten, ans Werk gegangen und habe, genau so wie's die Jeschke gesehen und erzählt, an dem alten Birnbaum ein Loch zu graben versucht; als er aber erkannt habe, daß da was verscharrt liege, ja, dem Anscheine nach ein Toter, habe ihn eine furchtbare Angst gepackt, infolge deren er nicht weiter gegraben, sondern das Loch rasch wieder zugeschüttci habe. Der Koffer, den die Jeschke gesehen haben wolle, das seien eben jene Speckseiten gewesen, die, dicht übereinander gepackt, an der Gartentür ge­legen hätten.Aber wozu die Heimlichkeit und die Nacht?" hatte Vowinkel nach dieser Erklärung etwas spitz gefragt, woraus Hradscheck, in seiner Erzählung fortfahrend, ohne Verlegenheit und Unruhe geantwortet hatte: ,^u dieser Heimlichkeit seien für ihn zwei Gründe gewesen. Erstens hab' er sich die Vorwürfe seiner Frau, die nur zu geneigt sei, von seiner Un­achtsamkeit in Geschäftsdingen zu sprechen, ersparen wollen. Und er dürfe wohl hinzusetzen, wer verheiratet sei, der kenne das und wisse nur zu gut, wie gerne man sich solchen Anklagen und Streitszenen entziehe. Der zweite Grund aber sei noch wichtiger gewesen: die Rücksicht auf die Kundschast. Die Bauern, wie der Herr Justizrat ja wisse, seien die schwierigsten Leute von der Welt, ewig voll Mißtrauen, und wenn sie derlei Dinge, wie Schinken und Speck, auch freilich nicht in seinem Laden zu kaufen pflegten, weil sie ja genug davon im eignen Rauch hätten, so zögen sie doch gleich Schlüsse vom einen aufs andere. Dergleichen hab' er mehr als einmal durchgemacht und dann wochenlang aller Ecken und Enden hören müssen, er passe nicht auf. Ja, noch im letzten Herbst, als ihm ganz ohne seine Schuld eine Tonne Heringe tranig geworden sei, habe Schneidigel überall im Dorf geputscht und unter anderem zu Quaas und Kunicke ge­sagt:Uns wird er damit nicht kommen; aber die kleinen Leute, die die ..."

Der Justizrat hatte hierbei gelächelt und zustimmend genickt, weil er die Bauern fast so gut wie Hradscheck kannte, so daß, nach Erledigung auch dieses Punktes, eigentlich nichts übrig geblieben war als die Frage, was denn nun, unter so bewandten Umständen, aus dem durchaus zu beseitigenden Speck geworden sei?" Welche Frage jedoch nur dazu bei­getragen hatte, Hradschecks Unschuld vollends ins Licht zu stellen.Er habe die Speckseiten an demselben Morgen noch an einer anderen Gartcn- stelle verscharrt; gleich nach Szulskis Abreise."Nun, wir werden ja sehen", hatte Vowinkel hierauf geantwortet und einen seiner Gerichts­diener abgeschickt, um sich in Tschechin selbst über die Richtigkeit oder Un­richtigkeit dieser Aussage zu vergewissern. Und als sich nun in kürzester Frist alles bestätigt oder mit anderen Worten der vergrabene Speck wirk­lich an der von Hradscheck angegebenen Stelle gefunden hatte, hatte man das Verfahren eingestellt, und an demselben Nachmittage noch war der unter so schwerem Verdacht Gestandene nach Tschechin zuräckgekehrt und in einer stattlichen Küstriner Mietschaise vor seinem Hause vorgefahren. Ede, ganz verblüfft, hatte nur nach Zeit gefunden, in die Wohnstube, darin sich Frau Hradscheck befand, hineinzurufen:Der Herr, der Herr ...", worauf Hradscheck selbst mit der ihm eigenen Jovialität und unter dem Zurufe:Nun-Ede, wie geht's?" in den Flur seines Hauses eingetreten, aber freilich im selben Augenblick auch wieder mit einem erschrecktenWas is, Frau?" zurückgefahren war. Ein Ausruf, den er wohl tun durfte. Denn gealtert, die Augen tiel eingesunken und die Ham wie Pergament, so war ihm Ursel unter der Tür entgegengetreten

Hradscheck war da, das war das eine Tschechiner Ereignis. Aber das andere stand kaum dahinter zurück: Eccelius hatte, den Sonntag daraus, über Sacharja 7, Vers 9 und 10 gepredigt, welche Stelle lautete:vo spricht der Herr Zebaoth: Richtet recht, und ein jeglicher beweise an feinem Bruder Güte und Barmherzigkeit. Und tuet nicht Unrecht den Fremd­lingen und denke keiner wider seinen Bruder etwas Arges in (einem Herzen." Schon bei Lesung des Textes und der sich daran knüpfenden Ein­leitungsbetrachtung hatten die Bauern aufgehorcht; als aber der Pastor das allgemeine fallen ließ und, ohne Namen zu nennen, den Hradscyew schen Fall zu schildern und die Trüglichkeit des Scheines nachzuwei en begann, da gab sich eine Bewegung kund, wie sie seit dem Sonntag ik» ging nun ins fünfte Jahr), an welchem Eccelius auf die schweren Nttl qen Vergehen eines als Bräutigam vor dem Altar stehenden reichen Bauern sohnes hingewiesen und ihn zu besserem Lebenswandel ermahnt »am, nicht mehr dagewesen war. Beide Hradschecks waren in der Kirche S» gegen und folgten jedem Worte des Geistlichen, der heute viel Bibelspr zitierte, mehr noch als gewöhnlich.

(Fortsetzung folgt.)

zeugen wird." _ ... ...

Und während er so sprach, sah er zu dem alten Totengräber hinüber, der den Blick auch verstand und, ohne weitere Fragen abzuwarten, ge­schäftsmäßig sagte:Ja, der hier liegt, liegt hier schon lang. Ich denke zwanzig Jahre. Und der Pohlsche, der es sein soll, is noch keine zehn Wochen tot."

Und siehe da, kaum daß diese Worte gesprochen waren, so war ihr Inhalt auch schon bewiesen und jeder schämte sich, so wenig kaltes Blut und so wenig Umsicht und Ueberlegung gehabt zu haben. In einem ge­wissen Entdeckungseifer waren alle wie blind gewesen und hatten unbe­achtet gelassen, daß ein Schädel, um ein richtiger Schädel zu werden, auch sein Stück Zeit verlangt und daß die Toten ihre Verschiedenheiten und ihre Grade haben, gerade so gut wie die Lebendigen.

Am verlegensten war der Justizrat. Aber er sammelte sich rasch und sagte:Totengräber Wonnekamp hat recht. Das ist nicht der Tote, den wir suchen. Und wenn er zwanzig Jahre in der Erde liegt, was ich keinen Augenblick bezweifle, so kann Hradscheck an diesem Toten keine Schuld haben. Und kann auch von einer früheren Schuld keine Rede sein. Denn Hradscheck ist erst im zehnten Jahre in diesem Dorf. Das alles ist jetzt erwiesen. Trotz alledem bleiben ein paar dunkle Punkte, worüber Auf­klärung gegeben werden muß. Ich lebe der Zuversicht, daß es an dieser Aufklärung nicht fehlen wird, aber ehe sie gegeben ist, darf ich Sie, Herr Hradscheck, nicht aus der Untersuchung entlassen. Es wird sich dabei, was ich als eine weitere Hoffnung hier ausspreche, nur noch um Stunden und höchstens um Tage handeln."

Und damit nahm er Kunickes Arm und ging in die Weinstube zurück, woselbst er nunmehr, In Gesellschaft von Woytasch und den Gerichts­männern, dem für ihn servierten Frühstück tapfer zusprach. Auch Hrad­scheck ward ausgefordert, sich zu setzen und einen Imbiß zu nehmen. Er lehnte jedoch ab und sagte, daß er mit seiner Mahlzeit lieber warten «olle, bis er im Küstriner Gefängnis fei.