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Gießener ZaMeMMer

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang 1929 Freitag, den 2t. Juni Nummer 4?

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An die Entfernte.

Von Nikolaus Lenau.

Diese Rose pflück' ich hier, in der fremden Ferne;

liebes Mädchen, dir, ach dir, brächt' ich sie so gerne!

Doch bis ich zu dir mag ziehn viele weite Meilen, ist die Rose längst dahin, denn die Rosen eilen.

Nie soll weiter sich ins Land Sieb von Liebe wagen, als sich blühend in der £)an* läßt die Rose tragen;

Oder als die Nachtigall Halme bringt zum Neste, oder als ihr süßer Schall wandert mit dem Weste.

vollen, naiven, heroischen Neugierde mehr fähig, wie diese unsere Vor­gänger. Sie leihen uns nicht nur die Schärfe ihrer Augen, sondern auch die Spannkraft ihrer Seele. Verschieden aber steht es in diesem Betracht mit solchen alten Reiseberichten, ob sie den Orient oder den Okzident $um Schauplatz haben.

Im Okzident (zu dem wir die beiden Amerika hier mitzählen müssen), also in den Ländern der geschichtlichen Veränderung, fließt ihr Zauber mit denen der Chroniken und der historischen Romane zusammen. Ge­rade dadurch, daß sie aber zum Unterschied von den Romanen, ein festes, bleibend wahres Hauptelement in sich tragen, das geographische erschüttert uns die Gewalt der Veränderung in allem Menschlichen, die sie uns vor Augen bringen. Doch entsteht ein eigentümliches Vergnügen hier dadurch, daß wir das rastlos sich Verändernde an einem früheren Punkte auffangen und dann die Entwicklung von dort auf uns zukommen sehen. Im Orient ist es aber gerade umgekehrt die Stabilität, die uns ergreift. Wir gewahren das Dauernde nach den Maßen der eigenen Dauer dürfen wir fast sagen das Ewige, an dem gemessen, die Jahr­hunderte geringfügig erscheinen. Die Einfachheit der Grundverhältnisse alles Menschlichen tritt uns vor die Seele. Wenn wir von da wieder auf unsere Verhältnisse zurückschauen, erscheint uns alles über die Maßen verworren, kleinlich, verwickelt.

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Lockung »er AZeite.

Von Hugo von Hoffmannsthal.

Fast alles, worauf das Trachten der Menschen geht, führt dazu, sie an eine bestimmte Stelle der Erdoberfläche zu befestigen. Sie heiraten und gründen ein Haus, sie verankern ihre Interessen, sie erwerben irgendwo ein Stückchen Macht ober Einfluß ober Besitz, und das alles bindet sie an. Sie reifen auch; aber es sind wiederum chre Geschäfte, ihre Bedürfnisse oder ihre gewohnten Vergnügungen, um derentwillen sie reifen und von denen sie umgeben bleiben, während sie den Ort wechseln.

Aber die wirkliche Reiselust, die alles abwirft um des Neuen willen, und den Menschen von Land zu Land treibt, ist unter d-esem Anschein von Seßhaftigkeit verborgen und unzerstörbar. Die Wirklichkeit stellt ihr Hindernisse aller Art entgegen, aber sie sucht sich ihre Kompensation sum- mindesten in der Einbildungskraft und wird nicht müde, denen zuzu­hören, die von ihren Reisen erzählen. Es gibt viel mehr Reisebeschrei- bungen unter den Büchern, die ort Liebe gelesen werden, als man bentt, denn dieses Element mischt sich mit anderen und teilt ihnen seine Kraft und Spannung mit, und unsere Phantasie reift so gern mit dem Aben­teueret als mit dem Forscher, so gut mit Cortez und Pizarro als mit <5Den Hedin und Stanley. Wir reisen ebenso nut Don. Quijote und Wilhelm Meister als mit Loti, der alle Farben der Weltteile auf seiner Netzhaut auffängt, und mit Keyserling, der in den Waldklöstern von ff ufon und an chinesischen Seen die Konversation der Weisen sucht. Ja sogar ein Buch w>e Nadlers Literaturgeschichte zieht, glaube ich, einen Teil der vitalen Kraft, die es ausströmt, aus demselben Geheimnis. Nämlich wir schlagen es auf, und die Physiognomie eines geistigen Menschen ober einer Epoche in uns hervorzurufen (und nie ohne leben­digen Gew nn), aber zugleich führt es uns in eine der deutschen Land­schaften hinein, die wie Becken, aber miteinander kommunizierende, mit geistiger Vitalität gefüllt sind; da sie kommunizieren, und geistiges Leben auf Berührung und Austausch ruht, fo gleiten wir von einer in bte andere; ungleich aber gleiten wir von einem Jahrhundert in ein nächstes. Wir waren in Schlesien und im siebzehnten und finden uns am oberen Rhein und im vierzehnten. Was wir durchgemacht haben, ist das aus­erlesenste Vergnügen und das europäischeste: eine Reise zügle»ch im Raum und in der Zeit. Ich nenne dieses Vergnügen darum das auserlesenste, well es zugleich einen Sinn schmeichelt, der uns eingeboren ist und sich auf bas Ganze des Daseins richtet, und zugleich die Avpet-te und Neu­gierde befriedigt, die gleichfalls zu unserem inneren Haushalt gehören und die unsere Aufmerksamkeit für bas einzelne beanspruchen: folgen wir aber einem Reisenden auf feinem Wege über b;e Erde, die Berg für Berg und Fluß für Fluß, ja Dorf für Dorf immer noch da ist, und zu­gleich in einer Vergangenheit, die für immer verschwunden ist, fo erfüllen wir, das Dasein unseres Planeten zugleich in tre Breite und m die Tiefe umfassend, das geheime Wesen unseres Jchs,^ groß zu fern (wie Macbeth es ausbrückt)wie die allbeherrschende Luft".

Ich führe auf diese Subtilitäten unseres Inneren die Vorliebe, zurück, die ich von jeher für alle Reisebeschreibungen selbst gehabt und bei vielen Menschen in den verschiedenen Ländern wahrgenommen habe. Auch Hai es etwas Beglückendes, die Merkwürdigkeiten der Erde ieweils nut öen Augen dessen zu sehen, der sie als erster (ober ungefähr als erster) gesehen hat. Es ist, als hätte er sie mit klareren Augen gesehen, schon darum, weil er sie nicht mit ben unseren sieht, unb als müßten wir, um fo rem ju sehen wie er, die unseren erst mit einem Quell waschen, ber nicht numer Zur Hanb ist ... Es ist aber vielleicht auch dies: wir finb keiner fo krast-

Tessiner Reiselagebuch

Von Max Geifenheyner.

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Alle Reiseberichte sollten mit dem Bahnhof beginnen. Der Durchgang an ber Sperre ist die Geburt einer Reise. Der erste Schritt auf den grauen Bahnsteig, die geknipste Fahrkarte in der Hand, bedeutet Los­lösung vom gewohnten und Beginn eines neuen, rätselhaften Lebens. Die Lokomotive, über deren kurzem Schornstein leiser Rauch wie zitternder Atem quillt, wird das noch Unwirkliche wirklich machen. Lang und schwarz steht sie in der Halle, die Brust mit weit vorstehenden Schilden gepanzert, bereit zu donnerndem Sturm in die Welt, heldisch, krafterfüllt, ein friedlicher Eroberer. Hinter ihr die Gefolgschaft ber schönen, gleich­mäßigen, blinblings folgenden rotlackierten Schlafwagen. Fahrende Pup­penstuben mit ihren schmalen, weißen, übereinanberliegenben Betten

Wir waren wieder einmal fünf, wie vor einem Jahre, wo wir nach Dalmatien fuhren unb ich auf einer kleinen Station, während der Zug davonrollte, mitten im unwirtlichsten Karst stehen blieb, ohne Billett, ohne Gepäck, ohne Geld, ohne Kenntnis der kroatischen Sprache. Nur weil ich schnell noch meine Reisemütze aus dem Speisewagen holen wollte, der dort abgehängt ward. Das Ereignis wurde noch einmal durchgelächelt. Meine Reisegefährten überlegten, was ich wohl diesmal anstellen würde. Inzwischen setzte sich ber Zug heimlich in Bewegung. Ein paar Laternen schwammen am Fenster vorüber, erst näher, bann ferner unb immer ferner. Die Stadt war vergessen. Sie lag irgendwo im Dunkel. Dafür brannten in unserem kleinen, langgestreckten, achträdrigen Hotel die Lich­ter um so heller. Ein netter, kleiner Junge hatte bereits herausbekommen, daß er mit einem unserer Reisegenossen, einem Maler, in einem Abteil, unb zwar im unteren Bett schlafen sollte. Schüchtern fragte er an, ob er nicht bas obere Bett haben könnte. Dieser Junge, sagte ich mir, wirb ein­mal bas Reisen ausgezeichnet verstehen. Er hat Sinn für die Romantik der sachlichen Dinge. Ich fühlte mich ihm verwandt, und sah es ihm an, er wollte, wie ich im Nebenkupee, unter ber Decke bes Wagens kleben, wie in einem Schwalbennest unb heimlich wachen und wenig schlafen, auf den Gesang ber Räber lauschen, auf bas Poltern ber Schienen, bas Rucken der Bremsen und die Abfahrtsrufe auf den Stationen.

Als zwischen Traum und Wachen die Nacht halb vergangen war, stand um die fünfte Morgenstunde ein freundlich fragender Schwyzer in der halboffenen Tür, sah auf das Handgepäck, griff grüßend an die hohe soldatische Mütze und neigte höflich den blonden Zwirbelschnurrbart. Der braveTell" sah es unserem treuen, verschlafenen Augenaufschlag an, daß wir nichts zu verzollen hatten unb klappte die Türe wieder zu. Licht aus, Augen zu! Mir träumte nach einer Weile, ich sähe den bieberen Zoll­beamten auf einer Almwiese in rotem Morgenlichte im Kreise ber Unter­waldner und Altdorfer stehen und mit erhobener Stimme rufen:Ab­fahrt! Seid einig, einig, einig! Jede Mondnacht Schwur auf dem Rutli. Frühstück im Speisewagen!" r _,, E . ,

Aber die letzten drei Wort hatte bereits unser Schlafwagenkontrolleur gerufen. Cs ging auf acht Uhr. Schon sah man die ersten Hauser von Luzern, Sonnenlicht flutete durch die betauten Wagensenster, das Waschen im kühlen Wasser war eine Lust. Die Paare, die jungen unb die alten, die lebigen und die unlebigen, traten ben Gänsemarsch zum Kaffee an.

Ja bas war die Schweiz! In ben breiten Fensterrahmen des Speise­wagens die Naturgemälde des Himmels und ber Erbe, bis ewigen sa­kralen Museumsstücke des lieben Gottes, mit dem Atem des Lebens