teil und Stetigkeit geben. Aus dem Leben heraus sollen Sie schildern, aus dem Kreis, der Ihnen naheliegt und vertraut ist. Goethe war Jurist. So wenig er sich aus der Jurisprudenz gemacht haben mag, so hat sie ihn doch befähigt, die Geschäfte des Ministers sachkundig zu leiten. Schillers Professur zeigte ihm die Wohltat einer geregelten Tätigkeit. Daß er sie niederlegte, war nur die Folge seiner ungenügenden Vorbereitung für das Dozentenamt. Nehmen Sie Walter Scott, der mit einer unglaublichen Leichtigkeit produzierte. Er war Advokat. Denken Sie an Byron, der von seinem ungestümen lyrischen Empfinden hin und her geworfen wurde. Sie werden finden, seinen Gestalten fehlt der Charakter, das feste Ge­präge, ohne das ein vollendetes Kunstwerk unmöglich ist. Ich felbst war dreißig Jahre alt und hatte meinen Privatdozenten hinter mir, als ich zu schreiben anfing. Ich hatte einen intimen Freund, der Kaufmann war. Bei ihm lernte ich Handel und Wucher kennen. Dann beschäftigte ich mich mit der Landwirtschaft, und darauf schrieb ichSoll und Haben".Die verlorene Handschrift" ist unmittelbar aus meinen Beziehungen zu Höfen hervorgegangen. Die Universität kannte ich, alles war erlebt'und wurde verarbeitet. Ich wiederhole, es ist gleichgültig, ob Sie Beamter find, Kauf­mann oder Landwirt einen Beruf müssen Sie haben. Ich sage sogar, es kräftigt das Talent, wenn es mit dem nüchternen Leben in Berührung kommt. Und wenn Sie das Gefühl haben, etwas Eigenartiges zu leisten, werden Sie von selbst zur Produktion gedrängt." Ich schrieb die bedeut­samen Worte Gustav Freytags gedächtnistreu nieder und habe sie wohl beherzigt: das bunte, drängende, stürmende Leben hat das Schöpferische in mir geweckt.

An einem schwülen Sommerabend wanderte ich, daß Weichbild der Stadt Gießen hinter mir lassend, durch kühle Forsten der ehemaligen Deutschordenskommende Schiffenberg zu. Ein Bauer gesellte sich zu mir. Er erzählte mir die unglückliche Ehegeschichte einer älteren Frau in seinem Dorf, die einen jungen Pflastergesellen geheiratet hatte. Plötzlich stand wie eine Vision meinePslastermeisterin" vor mir. Ich schrieb dann den Roman in wenigen Monaten nieder. Von jenem Tag an begann meine Kunst im Boden des Hessenlandes Wurzel zu fassen. Hier konnte ich die Harmonie meiner Kräfte finden, Wesen und Schicksal der Men­schen gestalten. Das Volk verstehen und lieben lernen, schien mir fortan das Höchste.

Mit dem WortHeimatkunst" wird gar häufig Mißbrauch getrieben. Dilettanten, die Gebräuche und Sitten ihrer Heimat sammeln, treten als Heimatdichter" auf. Alle echte Kunst ist bodenständig. Soll sie der Volks­gesamtheit dienen, muß Weltgefühl in ihr lebendig sein.

Immer, wenn ich schreibe, ist es mir nicht um besondere Spannung zu tun, sondern um Klarheit der Motive und Anschaulichkeit, um künst­lerische Objektivität. Ich möchte, daß die Menschen, die ich auf den Plan stelle, leibhaft vor dem Leser stehen. In ihre Charaktere mich zu ver­senken, gilt mir als höchstes Gebot. Wer meine Gestalten unbefangen be­trachtet, dem kann es nicht entgehen, daß vom Schlechtesten noch ein Steg zum Guten hinüberführt. Gegen übermäßige Breite der Darstellung sträubt sich mein künstlerisches Gefühl. Der nachschasfenden Phantasie des Lesers soll etwas überlassen bleiben.

Die Beschäftigung mit dem Metaphysischen füllt mir viele Stunden aus. Die Worte William James':Die Welt unseres gegenwärtigen Bewußtseins ist nur eine von vielen existierenden Bewuhtseinswelten. Jene anderen Welten müssen Erfahrungen enthalten, die auch für unser Leben von Bedeutung sind", diese Worte sind die Orgeltöne meines Glau­bensregisters.

In meiner Vaterstadt war's, daß ich bei finkendem Tag über die alte steinerne Lahnbrücke schritt. Im Westen, hinter glühenden Kuppen, ging die Sone zur Rüste. Auf dem Strom spielten gelbrote Lichter. Eine dunkle Wolke schob sich vor. Donner rollte. Den Talgrund überflogen bleigraue Schatten. Die Feuer auf den Höhen erloschen. Mit einem Male öffnete sich die schwarze Schicht, eine Welle schillernden Purpurs brach hervor; fern von rosigem Blau überwölkt, erschien ein traumhaft schönes Gefild wie das biblische Land der Verheißung. Hunderte und aber Hunderte hosteten auf der Brücke an mir vorüber, schwatzend, lärmend oder in sich gekehrt, nur einer war stehengeblieben, ein alter Mann mit verwittertem Gesicht und ^erarbeiteten Händen, andachtsvoll in den Anblick des flam­menden Himmels versunken. Ich wußte nicht, wer der Alte war, aber ich fühlte, daß er zu mir gehörte, daß er der Natur etwas ablauschen wollte, daß er hinter der Flucht der Erscheinungen sehnsüchtig das Ewige suchte. Und da ich weiterschritt, grüßte meine Seele ihn:Mein Weggenosse, mein Bruder!"

Alfred Bock in seinem Heim.

Von Dr. Else Hoppe, Braunschweig.

In langer Fahrt von Niedersachsen nach Gießen; die wechselnde Land­schaft ist Sinnbild des wechselnden Menschenschlages. Der Freund und Dichter steht auf dem Bahnsteig. Stattlich und elegant, ein Mann von Welt. Der Mund ist der eines Lebemannes, will es. scheinen. Aber das Auge, das so schelmisch lachen kann im Gespräch, ist meistens traurig und nach innen gekehrt. Und die Hände sind die des Künstlers, die Klavier­hände des Musikers.

Immer erst verführt uns gesellschaftliche Gewöhnung und Scheu, die wesentlicheren seelischen Bezirke zu betreten, anfangs zur Konversation. So kommen wir an den Garte». In ihm liegt das Haus. Stille. Alt- ererbter Besitz. Der Großvater schuf ihn, der Kaufmann. Der Sohn schon war mehr Künstler. Der Enkel ist es ganz. Aber Wirklichkeitssinn blieb dein Geschlecht; der Besitz wurde durch alle Generationen erhalten, und letzt verwaltet ihn der Urenkel des Gründers. Der Dichter, der ihn mir 3eigt, tut es mit Selbstverständlichkeit. Und doch mit einer ganz kleinen Geniertheit; denn immer noch steckt da ein geheimer Widerspruch zwischen Kunst und Brot, zwischen Geist und Besitz. So rückt Alfred Bock etwas ab von den schönen Dingen, an denen er zwar seine Freude hat; aber bas Künstlerische hat bas' Materielle immer bei ihm in den Hintergrund gedrängt. Die goldgerahmten Gemälde, wertvolle Niederländer und Fa- wilienporträts, und die schönen alten Möbel stammen von den Eltern

und Großeltern. Rot herrscht vor. Gibt Wärme und tiefen Glanz. Dabei ist Platz und Bewegungsfreiheit für viele, too sind die Gesellschaftsräume. Vergangener Stil, Schönheit und gepflegte Kultur. Sie rufen nach ele­ganten Menschen, nach ästhetischen Tees und spielerischem Gespräch. Dah sie das moderne Leben in sich einlassen, das ist dem jetzigen Herrn dieser Werte zu danken, der sich wie ein Liebhaber im Museum unter ihnen bewegt.

Nur wenn er in diesen weiten und schönen Räumen am Flügel sitzt, ist er von eigentlicher Gelöstheit. Fülle, Rundheit, glänzende Pracht des Klanges entströmt seinem Spiel. Kein Grübler wühlt hier in Tönen wie im Chaos der komischen Unbegreiflichkeiten, aber ein wesenhaft musika­lischer Mensch mit unmittelbarer Hingabe an den Rausch der Melodie und die absolute Schönheit des Tons wirkt mächtig sich aus. Das Antlitz des Spielenden ist verschlossen gegen die Welt, aber die Seele hat sich auf­getan.

So gelöst ist er nicht einmal in den Dichterstübchen des oberen Stocks, in die er einen schnell entführt. Sie haben heimliche schräge Wände und niedrige Decken. Bücher, Bücher, Bücher, auf Tischen und an den Wänden in langen Regalen. Besonders in der Bibliothek nebenan. Neuerschei­nungen und Besprechungsexemplare in endloser Zahl das ist der Zu­sammenhang dieser stillen Stube mit der Gegenwart. Unter den Werken der Vergangenheit beherrschend Goethe das ist die Liebe eines Lebens und die Verwurzelung in der geistigen Tradition eines Volkes. Im Mit­telpunkt des Zimmers der Schreibtisch mit dem Blick ins Freie über Dächer und auf den beliebten Baum, dessen mit den Jahreszeiten wech­selnde Erscheinung von größter Stimmungsbedeutung für den Dichter ist, da fein Blick tagaus tagcin auf ihm ruht. An den Wänden die Bilder be­freundeter Menschen; berühmte Männer und schöne Frauen. Ein köst­licher heimlicher Fleck zu in sich versunkener Arbeit und auch zu freund­schaftlichem Gespräch.

So gesprächig Alfred Vock [ein kann, es bleibt das Gefühl, daß er sich nicht ganz gibt. Er horcht auf die anderen, beobachtet, erkennt freudig an und ist vor allem der wissenschaftlichen Leistung gegenüber von einer aufrichtigen Bewunderung. Aber irgendwie ist er den Singen entrückt, so sehr er am Gespräch beteiligt scheint. Ost habe ich darüber nachgedacht, wieso dieser Mann, der ein so gepflegtes und kulturnahes Leben führt, mit Wissenschaft und Literatur so engen Zusammenhang hält, es liebt, weltmännisch in geistiger Gesellschaft zu verkehre», der Dichter des Volkes geworden ist. Es schien, als wäre ein Bruch in der Persönlichkeit zu be­fürchten. Aber nun ich diesen Rest von Fremdheit in feinem Gebaren beobachte, sehe ich sie plötzlich gänzlich schwinden und völliger Gelöstheit weichen; das geschieht, als er aus der geladenen Gesellschaft und ihrem klugen Gespräch eilig sich entfernt, um dafür zu sorgen, daß eine zu Be­such gekommene frühere Köchin und ihre Kinder ordentlich mit Kaffee und Kuchen versorgt werden. Da gab sich eine Natur einfach und offen, ohne Hemmung und intellektuelle Wenoung. Denn so viel Bewunderung und Interesse er für de» geistigen Menschen hegt, den er gern in feiner Nähe sieht, die Liebe hängt an der gewachsenen Natur, wie sie als hessischer Volkstypus in feinem Werk künstlerisches Leben gewann.

Dieser Mensch ist empfinbfam genug, an vielem zu leiden. Aber nichts hat ihn verbittern können. Das gütige Verstehen des wahrhaft Weifen entkleidet alles persönliche Leid seiner Härten und hebt es in die Region des menschlich Allgemeinen. Das ist die Hilfe, die sein Gespräch der Jugend bedeutet. Denn der ungewöhnlich spannkräftige Siebzigjährige liebt es, mit Jugend zusammen zu fein. Er hat nicht die eitle Manier derer, die durch den Zusammenhang mit einer jüngeren Generation dar­tun wollen, daß sie noch nicht überholt sind. Dazu ruht er zu sicher im eigenen Wesen, wäre auch zu klug und zu stolz. Er paßt ganz einfach zur Jugend, weil er für sich viel von dem bereits hat, was mir am Typus des Gegenwartsmenschen für erstrebenswert halten: die Weite der Tole­ranz des von der Relativität alles Geschehens durchdrungenen Weisen und die Wahrhaftigkeit des sich nicht hinter verschleiernde Illusionen und enge Vorurteile verkriechenden Tapferen. Bei aller egozentrischen Haltung des Künstlermenschen hilft Alfred Bock gern, fragt schonend, rät gut und versagt auch nicht, wenn es aufs Handeln ankommt. Der Sohn ist um einen Vater zu beneiden, der sich aufs gutmütigste von ihm necken läßt, um nur achselzuckend zu quittieren:Das ist die neue Generation". Ernst­haft steckt hinter dieser Freundschaft für die Jüngeren die Achtung eines in leichteren Zeiten ausgewachsenen Mannes vor der Generation derer zwischen dreißig und vierzig, die recht eigentlich bas nationale Unglück ausbaben muß: mit ihrem Leben einst im Krieg, mit ber letzten Kraft ihrer Nerven und ihres Arbeitsvermögens jetzt und in Zukunft. So viel Gerechtigkeit vllein schon muß die Jungen zu ihm ziehen, denn darin sind sie wahrlich nicht verwöhnt.

Ich habe Alfred Bock oft erlebt als Mittelpunkt ber Gesellschaft, in echt hessischer Gesprächigkeit bie bezaubernden Anekdoten aus seinem Leben erzählend, in denen Dichtung und Wahrheit gerade noch durch­sichtig gemischt sind, in ein wenig selbstironisierender Haltung und doch auch in vollem Genuß des eigenen Erzählertalents. In feinem Haus als Gastgeber tritt er zurück und bringt geschickt den Gast zur Geltung, Lie­benswürdigkeit der Gesinnung und Kultur des gesellschaftlichen Umgangs in solcher chandlungsweise verneinend. Denn nicht der bekannte Dichter ist es, der sich in seinem schönen Hause zur Schau stellt. Aber ein vornehmer Herr, ber außerdem von gütigem Wesen und freiem Geist ist, ber sogar unversehens abzugleiten vermag in bie überroältigenbe Darstellung seines Wesens durch die Musik, empfängt Besuch. Wer von ihm geht, ist seltsam beglückt durch die Art der Behandlung, die ihm zuteil wurde. Und wenn ers sich recht überlegt, was ihm in diesem Heim eines Dichters zum Erlebnis wurde, so ist es diese Verleugnung des bekannten Namens in der Rolle des kultivierten Gastgebers und des anteilnehmenden Freunde». Und außerdem der tiefe Eindruck, den dieses Kulturzentrum in einer kleinen Stadt auf einen ausübt. Noch braucht man die kleinen Stäbti nicht zu Heben, wenn man Alfreb Bock unb fein Gießen verläßt. Aber man wirb gelernt haben, daß ber, ber zu geben hat, in jeber Umgebung Inseln geistiger Werte um sich zu schassen vermag.