Sv«raatl»o«tttch: Dr. HanS Lh^hrrot. Druck und Verlag: Brühl'sche Llniverf ttätS-Duch- und Steindruckerei, R^Lang«. Siehe».

adelte fein Spiel sich wundersam. Es war schlicht und auch etwas un­gelenk wie sonst vom Bogenstrich Tartinis war noch nichts zu spüren allein es saß eine so unendlich treuherzige, gute Seele, eine echt deutsche Gemütlichkeit, kurz, der ganze Stadtpseifer saß in dem Spiele. Des Bogenstriches, der ihm angeboren, war er sich bewußt geworden; denn im Bogenstrich liegt die Seele des Geigers. Und dann haben selten zwei Menschen so einig Duett gespielt; Ton klang zu Ton, als ob beide aus einer Geige kämen. Aber nur, wenn der Stadtpfeifer ganz allein war mit Friedrich und feiner Frau, gelang ihm das Spiel; hörte ein anderer zu gleich war die Seele aus der Geige geflogen, der ange­borene Bogenstrich wieder vergessen, und der Stadtpfeifer spielte schüler­haft neben dem stets meisterlichen Spiele des Schülers.

Wenn Christine in diesen heimlichen, glücklichsten Stunden ihren Friedrich anschaute, dann war es ihr doch auch manchmal recht traurig ums Herz. Friedrich war blaß, mager man weiß, wie ein Bauern­kind den Mageren selbstverständlich für einen Kranken hält. Frühreif an Körper und Geist, hatte er mit unbezähmbarem Eifer die Musik ge­lernt; nicht in körperlichem, sondern in geistigem Ringen hatte sich bei ihm die Jugend vertobt. Es war Christinen immer, als ob Friedrich nicht mehr lange Duett spielen könne mit ihrem Manne. Sie versuchte einmal anzuklopfen bei letzterem, als er des Knaben unerhörte Fort­schritte rühmte, und sagte in ihrer Art:Die Vögel, die zu früh pfeifen, frißt die Katze." Da schnitt ihr der Mann rasch das Wort ab und sprach von anderen Dingen. Nun wußte sie, daß er ihre Furcht teile, daß er aber nichts davon reden und hören wolle.

Ehe die beiden ihr Duett begannen, verschloß der Alte, wie immer, die Tür. Dann stellten sie sich gegeneinander und spielten ohne Noten (sie wußten's seit Jahren auswendig) und der Bater sah dem Sohne, der Sohn dem Vater ins Auge, daß man meinte, sie sähen die Musik einander an den Augen ab, und nur darum passe Strich zu Strich so genau, als habe eine Hand beide geführt. So schön wie heute war es ihnen kaum je geglückt.

Als sie im besten Zuge waren, schlich Christine horchend ans Schluß selloch; deuchte es ihr doch, sie habe draußen Tritte gehört.

Jetzt kam der Schluß des Duetts, so zart, so rein! Als die letzten Töne sich verhauchten, mußten alle drei unwillkürlich den Atem einhal­ten. Da klatschte es laut vor der Türe, eine gellende Stimme rief: Bravo! Bravo!", und die Klinke ward zum Deffnen niedergedrückt. Der Stadtpfeifer legte ärgerlich seine Geige weg und schloß auf.

Ein Bursche, der höchstens zwanzig Jahre zählen mochte, trat ein. Das war prächtig gegeigt!" rief er,da bin ich also am rechten Ort. Guten Abend, Meister Stadtpfeifer!"

Der Angeredete dankte nicht sehr freundlich auf den übermütig ge- botenen Gruß und hob die Lampe in die Höhe, um den Fremden etwas näher zu beleuchten. Der junge Mann sah fast verdächtig aus. Die Klei­der, obgleich von vornehmem Schnitt, waren stark abgetragen, und das jugendliche Gesicht zeigte die etwas verlebten Zuge eines aus­schweifenden Jünglings.

Ich bin Franz Anton Neubauer, der Bohme, sprach der unge­betene Gast in stark österreichischem Akzent,Eure Freunde >m Kloster Arnstein lassen Euch grüßen und empfehlen mich Eurer Gastfreun^ schäft." Drauf tat er, ungeheißen, ganz wie zu Hause, legte «lock und Hut ab und setzte sich nieder. .

Frau Christine zog ein schief Gesicht und zupft« ihren Heinrich am Rocke; der aber besann sich kurz, schüttelte dem Fremden die Hand und sprach:Um meiner Freunde willen sollt Ihr mir auf eine Stunde Rast willkommen sein, zumal, wenn Ihr, wie ich denke, ein Musiker f'b'®i!" sagte Neubauer,das solltet Ihr wohl wissen. Bin ich gleich noch jung, so kennt man meine Symphonien und Quartette doch schon von Wien bis Paris, und wo meine Musik nicht bekannt ist, da ist es wenigstens meine Person. Seht, ich durchziehe bereits seit zwei Jah­ren alle kleinen Ländchen, namentlich die geistlichen Herrschaften, und wo ich immer eine musikalische Seele finde, da kehre ich ein; am hebjten in Klöstern, bei Domherren oder auch bei gewöhnlichen Weltgeistlichen. Lutherische Pfaffen meide ich, die haben meist viele Kinder und wenig Wein. Ueberall zahle ich nur mit Musik. Bei einem unmusikalischen Menschen einzukehren, das wäre schamlose Bettelei; aber td) denke, ein frisch komponiertes Menuett ist schon Zahlung genug für em Nacht­quartier; für ein Klaviersolo kann man schon e»n Mittagessen anney- men, und für eine neue Messe müssen mir die Mönche des fettesten Klosters mindestens auf einen Monat freie Zehrung, freien ~runt und Quartier geben. So reife ich schon zwei Jahre durch aller H Länder; wer will mir das nachmachen? Bei uns trt Böhmen hat nw ein Familiensprichwort: Er ist ein Neubauer, werft ihn mitten m * Moldau, und wenn er auch nicht schwimmen kann, er wird doch nick ersaufen. Das Wort habe ich mir gemerkt, wenn ,ch toll in leben totru del springe, denn ich weiß ja doch, daß ich nicht ersaufen werbe.

Dem Stadtpfeifer schien es allmählich fast lustig, dem Burschen M zuhören, dessen Zunge so vortrefflich «ingeölt war, daß sie, einmal n Bewegung gesetzt, kaum wieder stille stand. Mit vergnüglichem _ $ . lauschte er zuletzt dem jungen Maestro, der tn Eisenstadt zu JoM Haydns Füßen gesessen, und dessen wild gemal« Symphonien man bereits in Paris aufführte und druckte. Neubauer hatte mch- S"vie von sich gesagt. Den vierzigjährigen Stadtpfeifer durchzuckte bei Erzählungen des zwanzigjährigen Abenteurers, ter mit seinem DE so vermessen spielte, noch einmal das alte Gelüsten, aus de ( l' pung der Stadtpfeiferei mit Gewalt plötzlich als ein berühmter t I hervorzubrechen. Doch als er aufblickte und in einem Stückchen p gesicherte, welches Christine in Ermangelung eines ganzen öpi« (gerate seinem Sitze gegenüber) an der Wand befestigt hatte, 1 reite leise ergrauendes Haar schaute, schämte er sich und 6Mg - höchst resigniert ins Nebenstübchen, um mit den Kirchern das gebet zu sprechen. (Fortsetzung folM,

die den armen Stadtpfeifer sonst nicht von weitem ansahen. Selbst etliche Kavaliere kamen herbei, stießen mit dem Schützenkönig an und nannten ihnlieber Kullmann". Es waren dies aber dieselben Leute, die ihm bis dahin niemals gedankt hatten, wenn er sie auf der Straße grüßte; allein der Stadtpfeifer hatte dennoch nicht aufgehört, seinen Gmß zu entbieten, eingedenk der Verheißung des Herrn, daß so wir jemand grüßen, ter dessen wert ist, ter Friede, den wir ihm gewünscht, aus ihn kommen wird, so er dessen aber unwert, wird sich unser Friede wieder zu uns wenden.

Allein auch diese frohe Stunde sollte dem Stadtpfeifer nicht- unver­bittert bleiben. Gerade da er im rechten Rausch der Freude schwelgte, da ihm eben so gar nichts fehlte denn auch Frau und Kinder saßen neben ihm und taten sich gütlich trat der Hoftrompeter hinter seinen Stuhl, ein stattlicher Mann, aber mit einem verwetterten Males,zgestcht, der drehte sich den langen ungarischen Schnurrbart und sprach:Herr Stadtpseifer, auf ein Wort!" und zog ihn beiseite.

Ihr habt eine Eingabe gemacht, daß man Euch gestatten möge, mit uns zur fürstlichen Tafel zu blasen. Ei, Herr Stadtpfeifer, Ihr hättet doch wissen sollen, daß ich und meine Kameradengelernte Trompeter sind, Glieder der Trompeterkameradschaft, die ihr Prwile- gtum Anno 1623 von Ms er Ferdinandus erhalten hat, und daß wir keinem erlauben dürfen, mit uns zu blasen, der nicht durch Brief und Siegel beweist, daß er in die Kameradschaft gehöre. Ihr dlast sehr schön, aber woher habt Ihr es denn? Seid Ihr in der Zunft ausge­wachsen, ober habt Ihr Euch selber hineingestohlen in die Geheimnisse unserer Zungenstöße, die für die Kameradschaft ein beschworenes Ge­heimnis find? Seht, und wenn der Oberhofkapellmeister Hasse von Dresden tarne und spräche zu mir: Ich will mit dir blasen, dann ward ich antworten: Mit Verlaub, Maestro, Ihr möget der gepriefenfte Kom­ponist in Deutschland und Welschland sein und der beste Trompeter dazu, aber ein ungelernter Trompeter seid Ihr doch, und nach meinem Zunst­ell» darf ich nicht mit Euch blasen." ,

Mit diesen Worten ließ er den Schützenkönig stehen. Der blieb eine Weile starr über die Bosheit des schnurrbärtigen Satans, der seine glück­lichste Stund« geflissentlich abgewartet zu haben schien, um ihn wieder einmal mit einer getauschten Hoffnung niederzuschlagen. Er ging zum Glase zurück und setzte es mit so saurem Gesichte an den Mund, als ob der gute Wein Essig wäre.

Da sagte die Frau, die gerne so von ungefähr erkunden wollte, was er mit dem Hostrompeter gehabt:Du bist ein närrischer Mann, Hein­rich! Wenn dir es schlecht geht, dann bist du wohlgemut, und wenn ein­mal das Glück an dich kommt, dann möchtest du meinen."

Nein, so ist es nicht", erwiderte er.Sieh, wenn ich sonst über den Schloßhof ging und der Hoftrompeter im Tresfenrock stand auf der hohen Treppe vor dem Speisesaale, schmetterte seine Fanfaren und blies die hohen Gäste zur Tafel zusammen, bann bachte ich: Der hat es besser wie bu, ob bu gleich ebensogut trompeten könntest, einen leichteren Dienst, einen schöneren Rock, mehr Gelb unb größere Ehren! Und ich war ein Esel und bewarb mich insgeheim um die zweit« Trompeter­stelle neben ihm. Ich wollte wieder einmal vorwärts kommen; nicht wahr, Christine, das haben wir schon oft gewollt? Ich habe dir es ver­schwiegen, weil ich dich überraschen wollte. Nun ist es wieder nichts; denn ich bin nur einungelernter" Trompeter, wie man mir eben sagt, ich habe mir meine Kunst gestohlen, weil ich nicht Brief und Siegel habe von der Kameradschaft. Doch was schadet es? Reiche mir den kleinen Buben, daß ich ihn küsse, der wird vielleicht einmal ein ge­lernter Trompeter werden, ich sehe ihn schon im Tressenrock auf der großen Schloßtreppe stehen. Ich aber will derweilen den Armen und Geringen meinen Choral vorblasen, daß der Schall vom Turm, wie wenn er vom Himmel herabkäme, sie mahnte, tröste und erbaue: das ist doch ein ander Ding, als wenn ich vornehme Gäste, die nie hungrig sind, mit gellender Trompete zum Essen rufe. O Christine, dein seliger Vater hatte recht; Stadtpseifer soll ich bleiben mein Leben lang, und es geht auch nichts über die Stadtpfeiferei, wenn ein Weib auf dem Turme waltet wie du!"

Als es zum Tanze ging, war ter Stadtpfeifer schon wieder getröstet, unb er blies so luftig, wie wenn es gar keine gelernten Trompeter in ber Welt gäbe.

Der zweite Kirchweihtag verging ihm in noch härterer Arbeit unb Unruhe wie ber erste; benn da ward noch viel toller und länger getanzt, da war der Jubel erst recht losgelafsen. Die Hoboe ließ den Musiker nicht zur Besinnung kommen, und wenn ihm zuletzt saft ber Atem aus- ging, so waren ihm die Gedanken schon längst ausgegangen.

Erst am dritten Tage sand er sich selber wieder in dem Frieden feines Turmstübchens. Aber mit ber Ruhe tarn auch bas Nachdenken über die vergangenen Tage. Unb ob ihn nun gleich bas spiegelblanke Zinngeräte unb bas. Goldstück «md der neue Krontaler gar freundlich anlächelten, verband sich doch mit diesem Anblick sofort der Gedanke, wie grausam es sei, baß er als Schütze, wo er nichts gelernt unb kaum gezielt, sofort mitten ins Schwarze getroffen, während er als Musiker, wo er rastlos lerne unb muntere wie scharf ziele, sich nie auch nur einen zweiten ober brüten Ring herauszuschießen vermöge.

Christine merkte, baß der böse Geist über Saul komme, darum rief st« ihren David, den Friedrich, der eben feine Geige im obersten Dach- raume bei den Krähennestern zunächst unter dem Turmknopf exerzierte. Er tarn mit dem Instrument, und die Frau fragte ganz leise den hypochondrischen Mann, ob er nicht zu ihrer aller Ergötzung ein Duett mit Friedrich geigen wolle.

Der Stadtpseifer rieb sich die Augen, lächelte und bejahte die Frage.

Es war aber etwas ganz eigenes, wenn die beiden ihre Duette geigten. Frau Christine sagte oft:Ich wünschte, da hörte einmal ein rechter Meister zu; er sollte den Geigern alle Ehren geben." Wir wissen, Laß ber Stadtpseifer sonst kein Hexenmeister mit bem Fiebelbogen war; gter wenn er Duette mit feinem Friedrich spielte unb nur bann