GiehenerKmilieMiitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Montag, den Z. Januar
Nummer 2
Irhrgang J929
Oft in der stiüen Nacht..,
Von Otto Julius B t e r b a u m.
Oft in der stillen Nacht, wenn zag der Atem geht und sichelblank der Mond am schwarzen Himmel steht, wenn alles ruhig ist und kein Begehren schreit, führt meine Seele mich in Ktndeslande weit.
Dann seh' ich, wie ich schritt unfest mit Füßen klein, und seh' Mein KindeSaug' und seh' die Hände mein,
und höre meinen Mund, wie lauter klar er sprach, und senke Meinen Kopf und denk' mein Leben nach:
Bist du, bist du allweg gegangen also rein, wie du gegangen bist auf Kindesfüßen klein?
Hast du, hast du allweg gesprochen also klar, wie einsten deines Munds lautleife Stimme war?
Sahst du, sahst du allweg, so klar ins Angesicht der Sonne, wie dereinst der Kindesaugen Licht?
Ich blicke, Sichel, auf zu deiner weißen Pracht; tief, tief bin ich betrübt oft in der stillen Nacht.
Ein Kind hat Kummer«
Von Erich Kästner.
„Mahlzeit, Mama!" sagte Jochen, als ihm seine Mutter die Tür öffnete, und hüpfte an ihr vorbei, aus dem rechten Bein durch den Korridor. Im Wohnzimmer schlug er einen Purzelbaum, blieb platt auf dem Rücken liegen, lachte laut und hielt sich den kleinen Bauch. Die Mutter fegte sich still aufs Sofa und blätterte in einer Zeitung.
„Naumanns Richard hat heute in Erdkunde gesagt, in Indien wohnten die Indianer! Herrschaften, ist das ein blödes Kind! — Und der Schmiedel hat den Berger hintenrein gezwickt, daß der wie verrückt aufsprang und Herr Jäschke fragte, was los sei. Und da hat Berger gesagt, er müßte ganz bestimmt einen Floh haben. Da ist der Schmiedel aus der Bank raus, hat sich überall gejuckt und hat geschrien: neben Jungens, die Flöhe Hütten, könnte er nicht sitzen. Das verböten ihm auch seine Eltern. Wir haben uns totgelacht!"
Jochen lachte noch einmal, in Erinnerung an den Vormittag, setzte sich dann hoch, hakte den Ranzen ab und musterte das Gesicht der Mutter. „Magst du heute keinen Spaß? fragte er, bekümmert wie ein Haus-
war.
melancholisch
weißt du?
arzt ...
Sie stand auf und sagte: „Wir wollen essen'.
„Was gibt'« denn?"
„Makkaroni mit Schinken."
„Und mit geriebenem Käse?"
„Ja, das auch."
„O, wie mich das freut!" Jochen stand auf und tanzte eine Art Schuhplattler. Diese Springerei schickte sich nicht recht zu dem ernsten Blick, mit dem er die Mutter heimlich beobachtete. — Dann trug die Mutter das Essen auf, und der Junge war damit beschäftigt, die Mak- karonischlanaen aufzuspießen und in den offenen Mund zu balancieren. Ais er den Teller kahlgcaessen hatte, gab ihm die Mutter mehr. Er nickte ihr begeistert zu und sah dabei, daß ihre Portion nord unberührt Er wagte lange nicht zu fragen, was wäre, und stochert melanch„.,,^ im Essen herum. Schließlich vertrug er die Schweigsamkeit nicht weiter.
„Mama ... Habe ich nicht gefolgt? Man weiß das manchmal selber nicht ... Oder haben wir kein Geld? Der Schinken war gar nicht nötig.
Er legte zärtlich seine Hand auf ihre. Doch die Mutter trug rasch das Geschirr ab, setzte den kleinen Hut auf und sagte, sie käme gleich wieder. Er möge mit den Schularbeiten anfangen. Dann schlug die Bor» sanitär.
">x-o,en öffnete das Fenster und beugte sich weit hinaus. Er sah die Mutter aus dem Hause treten, langsam die Straße hinunterlaufen und in die Scheunenhofgasse einbiegen. Er setzte sich trübselig an den Tisch, holte den Ranzen und die Tinte und begann am Federhalter zu kauen.
Die Mutter kam bald zurück. Sie hatte Blumen besorgt, holte in der blaugetupften Vase Wasser, stellte den Strauß hinein, zupfte an den Stengeln, schloß das Fenster, blieb schweigend davor stehen, wandte dem Knaben den Rücken und schwieg.
„Schöne Blumen", sagte Jochen, hielt dabei die Hände fest gefaltet und konnte kaum atmen. Seine Mutter stand wie ein fremder Gast im Zimmer, hatte vergessen, den Hut abzusetzen, und zuckte mit den Schultern. Am liebsten wäre er zu ihr hingelaufen. Aber er stand nur halb vom Stuhle auf und bat: „Sag' doch ein Wort, Mama!" Seine Stimme klang klein und heiser, und wahrscheinlich hatte sie ihn gar nicht gehört ...
Und dann fragte sie, ohne sich umzuwenden: „Den Wievielten haben wir heute?"
Er wunderte sich zwar über diese Frage, lief aber eilig zum Wandkalender hinüber und las laut: „Den 9. April!"
„Den 9. April", wiederholte sie leise und preßte das Taschentuch vor den Mund.
Und plötzlich wußte er, was ihm gesckehen war! Die Mutter hatte heute Geburtstag, und er hatte ihn vergessen!
Er fiel auf seinen Stuhl zurück und zitterte. Er schloß die Augen und wünschte sich nur eines: auf der Stelle zu sterben ... So lieb hatte er sie, und sie waren ohne Freunde und Verwandte in dieser Stadt. Sie hott« keinen anderen Gedanken als den an ihr Kind, und er war ein verspotteter Musterknabe geworden, um ihr jeden Kummer zu ersparen. Und nun hatte er ihren Geburtstag vergessen!
Selber hatte sie sich einen Blumenstrauß kaufen müssen, stand am Fenster und war von aller Welt verlassen. Und er durfte nicht einmal hingehen und sie streicheln. Denn sic konnte ihm nicht verzeihen . Wenn er doch wenigstens gewußt hätte, wie man geschwind sehr krank würde! Denn dann wäre sie ja an sein Bett gekommen und wieder gut zu ihm gewesen.
Er stand auf und ging leise zur Tür. Dort drehte er sich noch einmal um und fragte bittend: „Hast du gerufen, Mama?"
Aber sie lehnte still und unbewegt am Fenster. Da ging er hinaus; hinüber ins Schlafzimmer; setzte sich aufs Bett und wartete, daß er weinte. Aber es kamen feine Tränen. Nur manchmal schüttelte es ihn, als halte ihn jemand am Kragen.
Dann suchte er fein gespartes Geld. Cs klapperte in einem Vlech- büchschen, und es waren fast zwei Mark. Das hatte ja nun alles keinen Zweck mehr ... Aber er nahm es und tat's in die Tafche Ob er vielleicht doch noch hinunterlief und etwas holte? Er konnte es nachher durch den Briefkasten werfen und fortlaufen. Und nie mehr wiederkommen! Schokolade war leicht durch den Briefkastenspalt zu schieben und eine Gratulationskarte dazu, „Von Deinem tief unglücklichen Sohne Jochen" unterschrieben ... So würde ihm die Mutter wenigstens ein gutes Andenken bewahren können.
Auf den Zehenspitzen schlich er aus der Kammer, den Korridor entlang, klinkte die Vorsaaltür auf, trat auf den Flur und schloß die Tür wie ein Dieb ...
Die Mutter hatte noch lange am Fenster gestanden und durch die Scheiben geblickt, als läge dort draußen ihr armes, trübes Leben ausgebreitet. Daß ihr Junge den Geburtstag vergessen hatte, schien ihr von heimlicher Bedeutung. Auch er ging ihr allmählich verloren, wie alles vorher, und nun verlor ihr Leben den letzten Sinn. Endlich regte sich in ihr ein wenig Mitleid mit dem kleinen Kerl. Wo mochte er stecken? Er hatte seine Vergeßlichkeit längst bereut. Sie durfte nicht hart sein. So erschrocken war er gewesen, und „Hast du gerufen, Mama?" hatte er gefragt, bevor er mutlos das Zimmer verließ.
Sie begann ihn zu suchen. Sie trat ins Schlafzimmer. Sie ging in die Küche. Sie lief ins Bad. Sie suchte hastig den Korridor ab und schaute hinter die Schränke. Sie rief ihn, bald laut und bald zärtlich. „Jochen, komm! Ich bin dir doch wieder gut — Jochen!"
Er war nicht in der Wohnuiig. Er war forigelaufen! Sie wurde sehr unruhig und rief bittend seinen Namen. Er war fort ...
Da riß sie die Wohnungstür auf und rannte die Treppe hinunter, ihren Jungen zu suchen.
Inzwischen kaufte Jochen Schokolade. Die Verkäuferin — eine alte Same mit einem Kropf — sah ihn mißtrauisch an, als er, mit tob« trauriger Miene, zwei Tafeln von der besten Milchschokolade verlangte. „Es ist für einen Geburtstag", sagte er. Da wurde sie freundlicher,


