Die drei Leute von unserer Hochzeitsfahrt harrten lautlos einen ängstlichen Augenblick; jetzt waren die Franzosen vorbeigezogen.
„Was ist dir angekommen, Heinrich," rief nun Christine, tief aufatmend, „daß du so starr und stumm in die Luft geschaut und hast den Tolpatsch, den Philipp, nicht zurückgehalten, der mitten unter das Soldatenvolk fahren wollte?"
„Unser Gespräch von vorher klang noch fort in meinem Geiste. Sieh, Christine, wenn ich einmal ein Thema fest gepackt habe, dann muß es durch alle Formen des Kontrapunktes durchgearbeitet werden. Was kümmert mich ein Kriegsmarsch, wenn ich mitten in einem zärtlichen Menuett bin? Ich war bei dir, bei unserer künftigen Glückseligkeit hoch oben im Pfeiferstübchen auf dem Schloßturm von Weilburg — wie konnte ich zugleich hier bei den Franzosen sein?"
„Da sieht man schon, wer künftig das Regiment in der Pfeiferstube führen wird", brummte der Fuhrmann vor sich hin und kroch in seine Decke zurück.
Der Stadtpfeifer aber gestand nachgehends, er hätte es, da seine Frau so mutig die Zügel faßte, eine Weile gar nicht ungern gesehen, wenn die Franzosen ihnen nachgelaufen wären und sie ein bißchen geplündert hätten: denn wenn er gar keinen Krontaler mehr gehabt, dann wäre er doch außer Verlegenheit gewesen wegen des einzigen Krontalers,'mit dem er seine neue Haushaltung begründen wollte.
Unsere Reisenden hatten durch große Umwege den Belagerungskreis von Dillenburg vermieden, so geschah es, daß sie erst am späten Nachmittage in Beilstein den ersten Halt machen konnten. Jetzt ein Dorf, war Beilstein zu selbiger Zeit noch ein Städtchen; dem gräflichen Schloß mit den stolzen Strebepfeilern an den hohen Mauern drohte freilich schon der Verfall, es war nur noch von einem Amtmanne bewohnt. Im Schloßgarten trieben die verschnittenen Hainbuchen und Linden bereits wilde Sprossen über die geraden Linien der alten Gartenkunst hinaus, da seit Jahren keine Schere mehr über sie gekommen. Das Städtchen liegt tief im Talgrund, und die Höhen ringsum find ödes Heideland, mit Basaltblöcken übersät, zwischen denen niederes Gebüsch verstreut ist — eine rechte Westerwälder Landschaft. Und heute hatte der Regenhimmel noch seinen grauen Ton darüber gebreitet, daß der öde Grund wie gemacht war für die Szene, die sich jetzt auf demselben entwickeln sollte.
„Schau!" rief der Stadtpfeifer seinem Weibe zu, indem er an das Fenster des Wirtshauses trat, wo sie eben eingestellt. „Dort kommen unsere Leute den Berg herabmarschiertl"
Und in der Tat sah man die Dillenburger Besatzung langsam in das Tal einrüden. Es waren etwa noch dreihundert Mann. Die Gemeinen hatten kein Gewehr, ihre Tornister hatte man ihnen gelassen; die Offiziere dagegen durften noch den Degen tragen; zwei bedeckte Wagen hatten die Sieger den Kapitulierenden gleichfalls mitzunehmen gestattet, und diese kargen kriegerischen Ehren waren alles, was die tapfere Mannschaft durch vierzehntägige heiße Gegenwehr sich erringen konnte. Das ungünstig gelegene Bergschloß war nicht länger mehr gegen die gut gestellten Kanonen des Jngenieurobersten Filey zu halten gewesen; gestern abend war es mit Kapitulation übergegangen. Neben der Linde, darunter einst Wilhelm der Verschwiegene, der große Dränier, über die Befreiung der Niederlande Rats gepflogen, war jetzt die Fahne mit den Lilien aufgepslanzt. Der Oberst von Dörings, ein mannhafter hannöverischer Kavalier, der die Verteidigung geleitet, durfte mit dem Reste der Besatzung zu dem verbündeten Heere ziehen. So erzählte der Wirt, den die Soldaten auch ans Fenster gelockt hatten.
„Das ist des Kriegs Lauf und der Welt Laufl" sprach der Stadtpfeifer. „Die braven Kerle haben getan, was menschenmöglich war, und am Ende mußten sie doch die Schlüssel zu ihres Herrn Haus dem Feinde übergeben und ohne Gewehr abziehen! So geht es uns allen, auch wenn wir keine Soldaten sind."
„Ganz gewiß!" fiel Christine ein. „Aber find jene Burschen brav, dann wird auch jeder sein Gewehr schon wiederfinden und nachher noch einmal so tapfer streiten. Wenn's hart an uns geht, Heinrich, und wir meinen, es wäre gar vorbei, dann find wir allemal erst recht stark. So ist mir's immer im Sinn gewesen. Als ich noch ein klein Ding war, da wollt' ich selten vor die Tür beim schönen Wetter. Wann aber ein großer Wind kam und Regen, Schnee oder Schloßen, dann lief ich draußen herum und hatte meine Freude, mich peitschen und zausen zu lassen. Je wütender es windete, je fester pflanzte ich mich in den Boden hinein. Und wenn mich bann der Vater schalt und zornig fragte, was ich bei dem Gestürm draußen zu suchen habe, konnte ich ihm nichts anderes antworten, als daß es doch gar so schön sei, mit Wind und Wetter zu streiten. Seht, die Soldaten da drüben gehen jetzt auch in Wind und Wetter; sie werden schon wieder ins Trockene kommen."
„Man merkt's, Frau Stadtpfeiferin, daß Ihr erst vierundzwanzig Stunden verheiratet seid", sprach der Wirt lächelnd. „Wenn Ihr über Jahr und Tag wiederkommt, bann wollen wir roeiterreben von ber Lust an Sturm und Regen. Vielleicht zieht Ihr bann boch ein wenig Sonnenschein vor."
2. Kapitel.
Das junge Paar hauste nun auf bem Schloßturme zu Weilburg. In sinkenber Nacht waren sie angekommen. Da hatte ber Stadtpfeifer, als er von weitem das Lahnwehr der Weilburger Brückenmühle rauschen hörte, nicht länger an sich halten können: er mußte sein Gewissen entlasten und der Frau bekennen, daß er nur noch einen Krontaler im Vermögen habe, daß dieser einzige aber auch bereits zur Deckung der Ueberzugskosten in Ausgabe geschrieben sei. Die Frau erschrak wohl anfangs; allein die letzten Stunden waren so traulich gewesen unter dem Linnenbach bes Wagens, bie Lahn rauschte ihnen so heimelig entgegen, Heinrich hielt ihre Hanb fest in ber [einigen: — bie Siebe überroinbet alles, sie Überwanb auch biesen einzigen Krontaler, unb heiter, versöhnt mit sich und seinem Geschick stieg das Paar zuletzt Arm in Arm die hohe Wendeltreppe zum Turme hinauf, indes Philipp Keiler die schwere Heiratskiste mit der Aussteuer Christinens keuchend hinterdrein trug. Als
er dle Kiste oben abgesetzt, nahm er den einzigen Krontaler in Empfang unb ber Stabipfeifer war orbentlich froh, baß er bas Geldstück los war, welches ihm soviel Not gemacht.
Frau Christine waltete als die klügste Hauswirtin. Sie verkaufte sofort einige überflüssige Stücke ihrer Aussteuer, um bar Geld zu bekommen, und das durchtriebene Bauernkind wußte dabei bie Sache recht heimlich abzumachen, daß nicht gleich ein Stadtklatsch daraus wurde. Der Mann hatte inzwischen auch unverdientes Glück mit den Kirmessen; es ward getanzt trotz den Franzosen und mit den Franzosen. Saure Tage waren es freilich für Heinrich; er mußte oft mehrere Stunden Wegs weit zum Tanzplatz laufen, Nacht um Nacht blasen, bis in den grauenden Morgen; aber dann brachte er doch Geld nach Hause, daß er sich aus die Qual dieser Nächte freute, wie die Schulkinder auf einen Feiertag.
So ging es für den Anfang ganz leidlich. Allein Frau Christine wollte auch einen Notpfennig gewinnen auf den Winter, und Dauer dem guten Glück. Die Einrichtung ber Pfeiferstube, wie sie der Stadtpfeifer von den Eltern ererbt, war gediegen und gut, ja reichlich für kleine Bürgersleute. Wo nun etwas von den schönen Tischen, Stühlen und Schränken gut anzubringen war, da verkaufte es die Frau — die Kriegsnöte entschuldigten das jetzt, freilich drückten sie auch die Preise — und schaffte recht billigen Bauernhausrat dafür an. So kam es bann batb, bah bie Finanzen bes Stabtpfeifers sich besserten, aber in ber sonst so nieblichen Pfeiferstube sah es um so schlechter aus. Die breibeinigen Stühle aus Eichenholz waren so grob gehobelt wie die Westerwälder Bauern, denen Christine sie abgekauft. Der Tisch stand aus Sympathie gleichfalls nur auf drei Füßen, der vierte war durch einen untergeschobenen Ziegelstein ergänzt, an die Haushaltung von Philemon und Baueis erinnernd. Die Schränke aber vollends waren so alt und wurmstichig, daß der Stabt- Pfeifer zu behaupten pflegte, sie rührten noch aus der Mobiliarversteige- rung von Adam und Evas Nachlaß her.
Aber bie Eheleute waren glücklich, wenn sie am Abend einander gegenüber auf den breibeinigen Stühlen an bem breibeinigen Tische saßen; — unb was braucht es mehr!
Das ging so bis in ben September. Da kam ber kühle Herbstwind unb strich auch bem Stabipfeifer gar kühl über bie Stirne, benn sein Glück schien plötzlich nur ein Zugvogel zu sein, ber sich zum Wegziehen anschicke mit ben Störchen unb Schwalben. Die Kirmessen hörten auf, bie Solbatenlaft ward brüctenber, niemanb traute bem ßanbfrieben mehr, auch bie Reichsten künbigten ihre Musikstunben, bie bem Pfeifer bis dahin aufgeholfen, nirgends konnte seine Frau einen Nebenverdienst finden, und die Stadtpfeiferei warf nur zwanzig Gulden jährlich ab nebst bem freien Quartier, hundertundzwanzig Fuß über bem Straßenpslaster. Da mußte Christine bald ben Notpfennig anbrechen, unb er warb immer kleiner unb kleiner.
In ben ersten Monaten hatte sie, bem Herkommen des väterlichen Hauses getreu, an jedem Sonntag einen Kuchen gebacken. Denn in Ebersbach, wo man freilich auf Mehl und Milch und Butter nicht zu sehen brauchte, würde eine Sonntagsfeier ohne Kuchen angesehen worben sein, wie wenn man neben die Kirche gegangen wäre ober bie Werktagskleiber anbehalten hätte statt festtäglichen Putzes. Der Kuchen gehörte so nötig zu einem gerechten Sonntag wie Glockengeläute, Orgelspiel und Chorgesang. Anfangs machte nun bas Bauernkinb in ber Pfeiferstube nach gewohnter Weise einen Sonntagskuchen, mächtig groß, in seiner Runbung fast vergleichbar ber großen, rot aufglühenben Monbscheibe, wenn sie abenbs am Bergsaum aus leichtem Nebel hervortritt. Dann spürte Christine allmählich ben Unterschieb zwischen Dorf unb Stabt, und ber Sonntagskuchen ward beträchtlich kleiner, etwa wie derselbe rote Mond, wenn er nachgehends als goldene Kugel im bunftfreien Mitternachtshimmel schwimmt. Anfang September würbe ber Kuchen so klein, wie wenn man bes Monbes schmales erstes Viertel zu einem Kreise zu- sammengelegt hätte, unb als bie Aeguinoktialstürme ben Turm um brausten, ba ftanb es mit bem Sonntagskuchen wie mit bem Neumond: er war nun ganz unsichtbar geworben.
In bieser Zeit geschah es, baß ber Stabipfeifer eines Abends vor dem Notenpult faß und strich bie Saiten feiner Geige übenb auf unb ab, immer bie gleiche Figur bergeftatt, baß es ber armen Christine, bie bas Spinnrab brehte, fast schwinbelig mürbe. Das Stübchen lag gar lustig, bie vier Fenster nach ben vier Winben, und der heulende Sturmwind verband sich mit dem Geigen und dem Spinnrad zu einem verzweifelt melancholischen Konzert. Die Scheiben klirrten, ein Schwarm Raben flatterte krächzend um den hohen Turm, das Lahnwehr tief unten erbrauste wi b. Der Geiger spielte, als gälte es wettzukämpfen mit all diesem Getose, aber alle Wut des Eifers ließ es ihm nicht glücken, einen einzigen Lauf rein und flink herauszubringen.
Und so war's alle Tage. Eine Ausdauer hatte Heinrich Kullmann sondergleichen unb auch ein gutes Verstänbnis ber Sache; aber so sehr er bas Beste zu beurteilen, so rein er es zu genießen wußte, vermochte er es boch niemals selber hervorzubringen.
Enblich warf er bie Geige weg. „Ich bin zu nichts gut," rief er unmutig, „als ben Morgen unb Abend mit einem Choral anzublajen. Lin kunstreicher Spielmann werde ich im Leben nicht. O Weib, das tut weh zu fühlen, wie man alles geigen soll, daß die Leute ausrufen mußten. Seht, der Weilburger Stabipfeifer ist ein anberer Corelli! Das tut weg, jebe Passage gar wunberschön im Kopf zu haben unb zu wissen, bis |i« in bie Finger kommt, wirb alles holperig unb matt sein!"
Da hielt Christine bas Spinnrab ein unb sprach: „Laß ab von diesen Sachen, Heinrich. Treibe bein Hanbwerk ehrlich, baß bu uns Brot MMo unb lasse bir baran genügen. Dein eitles Begehren bricht bir ben -t»« ■ Die Steine, die man nicht heben kann, muß man liegen lassen. Der Krieg quält uns, die Hantierung stockt, und allen Leuten geht das Gelb ciu->. Da braucht es Kraft und Gottvertrauen: geig’ dir das nicht aus o Seele! Zu was ist Hoffart nütze, wo man das letzte Stückchen Brot > Haufe gegessen hat?"
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts-Buch- und Steinbruckerei, A. Lange, Giehen.


