durchaus nicht selten sind. Andererseits werden in den Kinos ost deutsche «iline gespielt oder Hollywood-Filme mit deutschen Stars. Die Film- terte sind oft zweisprachig, englisch und französisch. Mit dem Interesse des Franzosen für das rein-Menschliche, aber auch für die Sprache und ihren Esprit, mag es Zusammenhängen, daß das Buch In Frankreich in viel stärkerem Matze einen Kulturfaktor darstellt als bei uns. Man hat dort nicht nötig, zur Propaganda einen „Tag des Buches" zu veranstalten, man liest im allgemeinen mehr Bücher als bei uns. Gewih, man hat mehr Zeit, ist nicht jo auf amerikanisch „rationalisiertes" Tempo eingestellt wie bei uns, aber man hat auch mehr über das Fachgebiet hinausgehende, allgemein« Interessen. Es ist z.B. ein gar nicht seltenes Bild, daß ein Offizier neben der Reitpeitsche den neuesten Roman unter dem Arm hat, oder datz ein Herr im eifrigen Dahinschreiten auf der Straße interessiert in einem Buche liest.
5. Hl. Das Kind.
Sie haben's eigentlich recht gut, viel besser als bei uns. Sic werden schon fast als Säuglinge ins Theater mitgenommen, ohne datz sich einer der Besucher durch ihr, meistens durch andere Gründe als den Gang der Handlung motiviertes Schreien in seinem Genuß stören läßt, bis es der Mutter gelingt, das schreiende kleine Paket wieder zur Ruhe zu bringen. Ihr Paradies aber, wo sie sich an schönen Tagen zu kleinen Rudeln konzentrieren, sind die Anlagen und Parks. Dort dürfen sie ruhig einmal über den Rasen laufen, ohne daß gleich ein Wächter mit erhobenem Stock hinter ihnen herläuft. Auf den Wasserbassins um die Springbrunnen im Tuileriengarten und anderswo lassen sie ihre großen weißen Segelschiffe schwimmen, und die Mamas und die Bonnen stehen mit ihnen am Rand des Beckens und warten geduldig, bis die kleinen Fahrzeuge mit geschwellten Segeln langsam wieder ans Ufer treiben. All' diese Kinder sind schon kleine Damen und Kavaliere, mit ihren weihen Handschuhen und dem modischen Hut oder der Mütze. Trotzdem aber spielen sie im Sande wie die Kleinen bei uns. Die Handschuhe werden natürlich schmutzig dabei, aber das macht nichts. Wenn einmal eine stolze Mutter ihre drei kleinen blonden Töchter ohne Hut gehen läßt, bann sind bestimmt die goldenen Löckchen mit Schleifen verziert und gebrannt. Den größten Eindruck aber von der Rolle des Kindes in Frankreich, die auf feinem, Deutschland gegenüber immer noch größeren Seltenheitswert beruht, bekommt man, wenn man am Spätnachmittag sich auf einer Bank in der „Avenue du Bois de Boulogne" niederläht, um die Parade der mit ihren Schützlingen aus diesem riesigen Waldpark heimkehrenden Kindermädchen abzunehmen. Stolz Und erhobenen Hauptes, als wenn es ihr eigenes Kind wäre, schiebt bann bie Bonne mit der großen weißen Schleife auf dem Kopfe, ihr Gefährt mit seinem kostbaren, wohlbehüteten Inhalt vor sich her. Vom riefigen,- luxuriösen Kinder-Rolls-Roice mit Luftreifen bis zum leichten, flinken Hanomag und Opel sind alle Typen des Kinderautomobils vertreten. In Spitzen und Seide eingehüllt, aber thront, eingerahmt vom dunklen Verdeck, das braunhaarige Köpfchen bes kleinen Königs, des Kindes.
Die Straße.
Wenn man im Pariser Ostbahnhof abends ankommt, bann sind schon die Gepäckträger fremdartig, die die Waggons „Erster" und „Zweiter" stürmen, mit ihren hellblauen Kitteln und den Käppis. Tritt man bann aus bem Bahnhof heraus unb geht zur nächsten Station ber „Metro", der Untergrundbahn, so ist's wieder das übliche Weltstadtbild mit Lichtreklamen, bie sich in glattgefahrenem Asphalt spiegeln, mit eiligen Autos, Trams und Autobussen, umgeben von hastenden Menschen. Mehr beobachtet man bei diesen paar Schritten nicht. In den fausenben Wagen ber Metro aber sieht man bann aus ber Nähe bie andersgeschnittenen Gesichter ber Menschen, ba und bort einen Farbigen, einen braunen Neger ober einen gelben Anamiten, die hellblauen Uniformen der Poilus. Aber bie ganze Mannigfaltigkeit bes Strahenbilbes geht einem erst auf, wenn man ein paar Tage zu Fuß burch bie Stabt gebummelt ist. Man lernt die engen kleinen Straßen auf bem Montmartre kennen und im „Quartier latin", mit ihren unzähligen Verkaussstänben vor ben Läden, auf denen alle Herrlichkeiten, bie in ihnen zu haben sind, zur Probe und Ansicht aufgestapelt sind, und um die sich die Menschen drängen. Ein Meer der verschiedensten Gerüche steigt von ihnen auf. Man betrachtet bie Bücher, die in den großen Kästen auf den Mauern der Seine-Ouais ausgestellt sind. Man lernt das scheinbare Chaos des Pariser Verkehrs verstehen und sich in ihm zurechtfinden. Man staunt über bie gute Organisation der Pariser Polizei, bie einen weniger militärischen Anstrich wie bei uns hat, In ihrer schmucken, dunkelblauen Uniform, mit der Pistole, als der einzigen sichtbaren Waffe, am Gürtel. Man treibt mit in den Späinachmittagsstunben in bem Strom auf ben Boulevards, wenn die Lichtsignale automatisch an allen Straßenkreuzungen in bestimmten Zeiträumen rot aufzucken, gleichzeitig die Klingelsignale raffeln und die Schutzleute pfeifen und den weißen Stab wieder in anderer Richtung heben. Man genießt die Vormittagsstunden des Vorfrühlings, entlang promenierend unter den Arkaden gegenüber dem Louvre, an ben feinen Laden vorbei, an denen allen „english spoken" steht, und die bie entsprechenden Preise haben. Man bummelt langsam vom Triumphbogen her, unter dem ber „unbekannte Soldat" ruht, bie „Avenue des Champs Elysees hinunter bem Zentrum, ber Lite zu. Man setzt sick) nachmittags draußen vor eins der zahllosen Cafös an einer ber Hauptstraßen an das kleine Marmortischchen auf den bunten Rohrstuhl und läßt bie Menschen aus oller Herren Länder an sich vorbeiziehen. Aber bas schönste von allem ist vielleicht doch, am Abend über eine der Seine-Brücken zu gehen, wenn auf ihr und auf allen Nachbarbrücken, bie abwechselnd rot unb weißen Lampen wie Fackeln in bie Dunkelheit stoßen unb sich neben ben bunten Lichtreklamen im Fluß spiegeln.
*
Qa c’est Paris. Ach nein, noch kein Teil davon. Nur ein paar Klcinig- witen aus dem reichen Bilderbuch einer Stadt.
Unterm Birnbaum.
Non Theodor Fontane.
(Fortsetzung.)
„Freilich will ich. Aber es wird Nachfrage geben."
„Wein. Das verstehst du nicht. Das ist Geheimnis. Und sie gönnen einer armen Seele die Ruh'!"
„Ach, Ursel, du sprichst soviel von Ruh' unb bangst dich und ängstigst dich, ob du sie finden w>rst. Weiht du, was ich denke?"
„Rein."
„Ich denke, leben ist leben, unb tot ist tot. Unb wir sind Erde, unb Erde wird wieder Erde. Das andere haben sich bie Pfaffen ausgedacht. Spiegelfechterei sag' ich, weiter nichts. Glaube mir, die Toten" haben Ruhe,"
„Weißt du das fo gewih, Abel?"
Er nickte.
„Nun, ich sage dir, die Toten stehen wieder aus..
„Am jüngsten Tag."
„Aber cs. gibt ihrer auch, die warten nicht solange."
Hrads check erschrak hesiig unb drang in sie, mehr zu sagen. Aber sie war schon in die Kissen zurückgesunken und ihre Hand, der (einigen sich entziehend, griff nur noch krampfhaft in bas Deckbett. Dann wurde sie ruhiger, legte bie Hand aufs Herz und murmelte Worte, die Hradscheck nickst verstand.
„Ursel," rief er, „Ursel!"
Aber sie hörte nicht mehr. XV
Das war in der Nacht von Samstag auf Sonntag gewesen, ben letzten Tag im September. Als am anberen Morgen zur Kirche geläutet wurde, standen die Fenster in der Stube weit offen, die weißen Gardinen bewegten sich hin und her, und alle, die vorüberkamen, iahen nach der Giebelstube hinauf und wußten nun, daß die Hradfcheck gestorben fei. Schulze Woytafch fuhr vor, aüsfprechend, was er sich bei gleichen Veranlassungen zu sagen gewöhnt hatte, „daß ihr nun wohl fei" und „bah sic vor ihnen allen einen guten Schritt voraus habe". Danach trank er, wie jeden Sonntag vor der Predigt, ein kleines Glas Madeira zur Stärkung und machte dann bie kurze Strecke bis zur Kirche hin zu Fuß. Auch Kunicke kam unb drückte Hradfcheck verständnisvoll die Hand, das Auge gerade verschwommen genug, um bie Vorstellung einer Träne zu wecken. Desgleichen sprachen auch der Delmüller unb gleich nach ihm Bauer Mietzel vor, welch letzterer sich bei Todesfällen immer ber „Vorzüge feiner Kränklichkeit von Jugend auf" zu b«rühmen pflegte. Das tat er auch heute wieder. „Ja, Hradfcheck, der Mensch denkt und Gott lenkt. Ich piepe nun schon so lang; aber es geht immer noch."
Auch noch andere tarnen und sagten ein Wort. Die meisten indessen gingen ohne Teilnahmsbezeigung vorüber und stellten Betrachtungen an, die sich mit der Toten in nur wenig freundlicher Welse beschäftigten.
„Ick roeet niete" sagte der eine, „wat Hradfcheck an ehr hebben deih. Man blot, bat feit beten scheel wihr."
„Joa", lachte der andere. „Dai wihr Je. Un am Enn, so wat kunn he hier ook hebb'n."
„Un denn bat hannüversche Geld. Jhrst schmeet se't weg, un mit eens fung se to tnufern an."
In dieser Weise ging das Gespräch einiger älterer Leute; das junge Weiberzeug beschränkte sich auf die eine Frage: „Weck' een he mi wall frigen deiht*)?" ,
Aus Mittwoch vier Uhr tvar das Begräbnis angefetzt, unb viel Neugierige stauben schon vorher in einem weiten Halbkreis um bas Trauer- haus herum. Es waren meist Mägde, bie schwatzten unb kicherten, und nur einige waren ernst, darunter bie Zwillingsenkelinnen einer armen alten Witwe, welche letzire, wenn Wäsche bei ben Hradschecks war, allemal mitwusch. Diese Zwillinge waren in ihren schwarzen, von der yrau Hradfcheck herrührenden Einsegnungskleibern erschienen und weinten furchtbar, was sich noch steigerte, als sie bemerkten, bah sie durch ihr Geheul und Gefchluchze der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit wurden. Dabei gingen jetzt bie Glocken in einem fort, und alles brängte dichter zusammen unb wollte sehen. Als es nun aber zum drittenmal ausqeläutet hatte, kam Leben in die drin und draußen Verfamnielten unb ber Zug setzte sich in Bewegung. Vorn die von Kantor Graumann geführte Schuljugend, die, wie herkömmlich, den Choral „Jesus, meine Zuversicht" sang; nach ihr erschien ber von sechs Trägern getragene Sarg; bann Eccelius und Hradfcheck; bahinter bie Bauernschaft m schwarzen Ueberröcken und hohen schwarzen Hüten, und endlich all die Neugierigen, die bis dahin das Haus umftanben hatten. Es war em wunderschöner Tag, frische Herbstluft bei klarblauem Himmel. Aber die würdevoll vor sich hinblickende Dorfhonoratiorenschaft, achtete ites blauen Himmels nicht, und nur Bauer Mietzel, der noch neu draußen hatte, das er am anderen Tag einfahren wollte, schielte mit halbem Auge hinauf. Da sah er, wie von der anderen Oderseite her ein Weih über ben Strom kam und auf den Tfchechiner Kirchhof zuflog. Und er stieß ben neben ihm gehenden Delmüller an und sagte: „Süh, Ouaas, doa is ye wedder."
„Wihr denn?"
„De Weih. Weetst noch?"
Ann, as bat mit Szulski wihr. Ick {egg’bi, be Weih, de wect wat."
Ms sie so sprachen, bog bie Spitze bes Zuges auf ben Kirchhoj ein, an dessen höchster Stelle, dicht neben dem Turm, das Grab gegraben war. Hier setzte man den Sarg auf darüber gelegte Backen, und als sich der Kreis gleich danach geschlossen hatte, trat Eccelius vor, um bie Grabrede zu halten? Er rühmte von ber Toten daß sie, den iDr ane^Ofienen Aberglauben abschüttelnd, nach freier Wahl und eigenem Entschluß ben Weg des Lichtes gegangen sei, was nur der wissen und bezeugen könne,
») Welche er nun wohl heiraten wirb.


