anfängt, und dl« nach ihrem Entdecker Planck benannt ist, wird von Tag zu Tag unentbehrlicher für die Physik. Sie spielt in eine fortgesetzt größer werdende Zahl von Fragen mit hinein.

Die Lösung der Schwierigkeit liegt darin, daß das Ziel der bis­herigen Physik, die Natur sozusagen punktweise verstehen zu wollen, nicht länger beibehalten werden kann. Planck gebraucht hierzu einen sehr trefsenden Vergleich: Man kann ein Gemälde nicht dadurch ver­stehen, daß man es Punkt für Punkt etwa auf die chemischen Eigen­schaften der benutzten Farben usw. untersucht. Ein Ueberblick über das Ganze ist unerläßlich. Die frühere Physik hat aber in gewissem Sinne so gearbeitet, wie jemand, der alle Punkte eines Gemäldes untersucht, und deshalb hat sie sich gegenüber den neuen Aufgaben als unzulänglich erwiesen.

Der einfachste Grundbegriff alles Bestehenden, auf den wir alles zvrückzuführen trachten, ist nach neueren Anschauungen nicht der Punkt sondern der Wellenvorgang. Das Beispiel der schwingenden Saite mag dies erläutern: Wir können sie freilich untersuchen, indem wir die wechselnden Schicksale jedes einzelnen ihrer Punkte verfolgen; aber das wäre wenig zweckmäßig. Viel einfacher ist es, wenn wir den Vorgang in verschiedene Wellen zerlegen und danach die Hauptschwingung und die Oberschwingungen unterscheiden. So suchen wir neuerdings die ganze Welt als Summe von Wellen aufzufassen; auch der Stoff erscheint uns als Wellenvorgang, und die Welle ist der Urbestandteil alles Bestehen­den geworden. Aber e i n Begriff ist dieser Auffassung schwer erreichbar, und das ist gerade der Begriff, der vom Standpunkt der früheren Na­turlehre aus der allereinfachst« war, nämlich der Punkt: Er läßt sich durch Wellenvorgänge nicht scharf bestimmen.

So ist, wenn man will,der Punkt" entthront und mit ihm in ge­wissem Sinn« auch die Pünktlichkeit. In irgendeiner Weise werden wir unsere Anforderungen an di« Bestimmtheit, mit der wir die Natur­vorgänge beobachten und beschreiben können, zurückschrauben müssen. Eine sehr merkwürdige Entdeckung ist in dieser Richtung kürzlich von dem noch jugendlichen, aber schnell berühmt gewordenen Physiker Hei­senberg gemacht worden; sie bezieht sich darauf, daß der Möglichkeit, die Genauigkeit unserer Messungen zu steigern, ganz bestimmte, un- übersteigliche Grenzen gesetzt find. Zwar wußte man schon immer, daß jede Messung, mögen wir sie mit dem Metermaß, mit der Waage, mit einem elektrischen Meßgerät oder mit dem Mikroskop vornehmen, ihre Fehler hat. Aber man glaubte bisher die Genauigkeit durch Verbesse­rung ber. Geräte und der Art und Weise ihrer Benutzung beliebig stei­gern zu können. Die Erkenntnis, daß die Meßgenauigkeit ein« unüber­steigbare Grenze hat, ist neu. Wenn wir nämlich immer feinere und feinere Messungen ausführen wollen, so wird schließlich das, was wir messen wollen, durch den Meßvorgang selbst etwa die zum Sehen benutzten Lichtwellen veränbert, und dagegen sind wir machtlos. Sehr merkwürdig ist, daß wir, wenn mir die Lage irgendeines Gegen­standes so genau wie irgend denkbar bestimmen wollen, unsere An­forderungen im Bezug auf die Feststellung der mitspielenden Geschwin­digkeiten zurückschrauben müssen. Umgekehrt: Wollen wir die Geschwin­digkeit genau bestimmen, so geht dies nur auf Kosten der Genauigkeit der Ortsbestimmung. Das Allermerkwürdigste aber ist, daß es wiederum die oben erwähnte nach Planck benannte und mit 27 Nullen beginnende Zahl ist, die die äußerste Grenze für die Meßgenauigkeit angibt.

Die Tatsache, daß wir keinen Vorgang mit völliger Bestimmtheit nachmessen können, hat die Frage auftauchen lassen, ob die Natur über­haupt bis ins Allerkleinst« hinein bestimmt sei, oder ob nicht die Un­bestimmtheit in ihr selber liege. Nach Plancks Urteil liegt vorläufig noch keine Notwendigkeit vor, an der Bestimmtheit der Naturvorgänge zu zweifeln. Das Opfer der Vorstellung einer an und für sich unbedingt bestimmten, mit restloser Gesetzmäßigkeit verlaufenden Natur wäre auch das schmerzlichste Opfer, das dem Physiker zugemutet werden könnte. Es wird alsovorläufig" nicht gebracht zu werden brauchen. Aber schon, daß diese Frage überhaupt aufgeworfen wurde, zeigt, wie sehr wieder einmal unsere Grundvorstellungen im Fluß sind, und welcher Arbeit es bedürfen wird, zu einer Art inneren Friedens für die Wissenschaft zu gelangen. Hierzu werden und damit schloß Planck seine bedeu­tungsvollen Ausführungen die edelsten Kräfte des Menschen an­gespannt werden müssen: die Begeisterung und die Ehrfurcht.

Sprechkunst vor dem Mikrophon.

Von Frank Warschauer.

Seit der Rundfunk existiert, gibt es auch die Inflation der Rezitation. Was vorher ab und zu in mehr öder minder stillen Konzertsälen geschah, das spielt sich jetzt tagtäglich vor Hunderttausenden ab. Dichtungen wer­den aus der Stille ihres Buches in die Form des klingenden Wortes übergeführt. Und so natürlich dieser Vorgang im Grunde ist, so tief er im Wefen jeder Dichtung begründet liegt, so deutlich zeigt sich doch anderer­seits, daß die künstlerische Aufgabe, um die es sich handelt, im allge­meinen nicht bewältigt wird.

Sehr wahrscheinlich ist ja wohl auch deshalb die Rundfunkrezitation beim Rundfunkpublikum nicht sehr beliebt. Man kann nur feststcllen, daß sich darin ein gesunder Instinkt zeigt und jene richtige Art des Reagierens, wie man sie auch im Kino jetzt nicht selten findet. Wie er­quickend ist es, wenn dort an den sentimentalsten Stellen gelacht wird! Es gehört nicht viel Phantasie dazu, und manche Briefe bestätigen es auch den Sendeleitungen, um das gleiche Lachen der Zuhörer bei vielen schwül­stigen Deklamationen und gefühlvollen Dilettantismen vor dem Mikro­phon zu vernehmen. Zieht man das Fazit jahrlanger Erfahrungen, so muß man feststellen, daß alles in allem bisher die Sprechkunst im Rund­funk versagt hat. Selbstverständlich gibt es auch hier einzelne Leistungen hohen Ranges, aber sie sind unvergleichlich viel seltener als auf allen

anderen Gebieten, die für den Rundfunk in Frage kommen. Sie sind so selten, daß sie geradezu eine Ausnahme bilden.

Ein betrüblicher Zustand; ganz besonders, wenn man an die hohe, die einzigartige Aufgabe des Sprechens vor dem Mikrophon denkt. Niemals ist die Magie des Wortes fühlbarer als bann, wenn es, losgelöst von dem technisch-materiellen Apparat der sprechenden Person, für sich allein durch das Weltall treibt. Daß diese Abspaltung von der Sichtbarkeit existiert, beweist noch nicht, daß sie vernünftig ist: Selbstverständlich muß man sich hüten, einen solchen technischen Zwang ohne weiteres als geistig-künstle­rischen anzuerkennen. Aber man darf andererseits auch keine Angst vor der Erkenntnis haben, daß dieser Vorgang die Bedeutung einer ästheti­schen Reinigung hat. Alles, was nicht Wort ist, verschwindet: die Er- scheinung des Menschen wird wie von dem delphischen Orakel verschmäht.

Würde es nicht die Erfahrung lehren, so müßte es aus Gesetzen der Aesthetik zu abstrahieren sein, daß der wahre Sprecher auch bann, gerade dann, wenn man ihn nicht sieht, ein Höchstmaß der Wirkungsintensität erreichen muß. Dieses Verschwinden des Körpers ist eine Probe auf das Exempel; in vielen Fällen eine Entlarvung. Diese technischen Mittel Rundfunk und Mikrophon erheben mit Macht die Forderung nach der Entwicklung einer reinen Sprechkunst, die sich von keinem anderen Bezirk ihre Wirkungen borgt.

Es lohnt mithin, die Gründe jenes allgemeinen Versagens festzustellen. Es ist sogar dringend notwendig; um so mehr, da dies nicht von einem oder wenigen geschulten Ohren konstatiert wird, sondern mehr oder weni­ger bewußt von allen, die Überhaupt Sinn für Dichtung, und das heißt letzten Endes für gesprochene Dichtung, haben. Nicht einmal, sondern wiederholt erhielt ich Briefe von Lesern, die sich mit dem Ausdruck der Empörung, ja dem einer verletzten Sprachleidenschaft gegen die durch­schnittlichen Sprechleistungen des Rundfunks wandten.

Es ist gut, daß der Mensch nicht allein sei, zumal in seinem abfälligen Urteil. Der höchst negative Tatbestand war der Anlaß, daß sich vor einiger Zeit eine Anzahl von Freunden und Sachkennern der Sprech­kunst unter Leitung von Vilma Mönckeberg, der Lektorin für dieses Gebiet an der Hamburger Universität, zusammentaten, um die Gründe und die Erscheinungsform jenes Versagens einmal genauer zu studieren. Glücklicherweise ist der Schall nicht mehr Rauch, die Schallplatte bewahrt ihn. Es gibt jetzt eine große Anzahl von Sprechplatten. Eine Firma bringt sogar eine ganze gesprochene Literaturgeschichte heraus. Ein Pro- vinzial-Schulkollegium hat eine Sammlung von Sprechplatten für die Zwecke des Deutsch-Unterrichts zusammenstellen lassen. Die technischen Voraussetzungen sind dabei genau die gleichen wie im Rundfunk, die Sprechdarbietung wird akustisch photographiert; die gleichen Mikrophone und sonstigen technischen Hilfsmittel werden dabei verwendet.

Auf diesen Platten sind einige, nicht alle der bekanntesten Sprecher zu hören, ein interessantes, höchst aufschlußreiches Material. Die gemeinsame Betrachtung ging zunächst einmal von der unmittelbaren Wirkung aus. Dabei wurde vorsichtigerweise der Name des Sprechers nicht genannt. Das Resultat war niederschmetternd. Man hörte mehrere Platten hinter­einander mit dem gleichen Gedicht, und vom offensichtlich Lächerlichen, von einem leeren bombastischen Schwulst, von einem Affekt, der ohne seinen Träger doppelt überflüssig wirkt, bis zu einem kahlen und dürf­tigen Vortrag dem Produkt der Angst vor dem Ueberschwang waren so ziemlich alle Nuancen des Verkehrten vertreten. Es kann kein Resultat der zufälligen Zusammensetzung dieser Gruppe fein, daß hier­über eine verhältnismäßig weitgehende Uebereinftimmung herrschte. Man konnte deutlich zwei Haupttypen der Sprecher feststellen: dem vom Ge- fühlsgehalt des Gedichtes Berauschten und dem Nüchternen, der sich nicht nur vor dem Affekt, sondern vor jedem Ausdruck und damit vor der Ge­staltung Überhaupt hütet. Nachher stellte sich bann heraus, wie berühmt verschiedene dieser unsichtbaren Sprecher sind. Aber die Kapuze der Ano­nymität ist hier entschieden zweckmäßig, sie soll nicht gelüftet werden. Interessant, daß es sich dabei teilweise um einige der wenigen Künstler handelt, die sogar mit ihren Rezitationen die Säle füllen.

Man könnte nun denken, daß sie es einfach nicht verstehen, sich den Notwendigkeiten des Mikrophons anzupasien; darin liegt gewiß eine Schwierigkeit, denn die übliche Sprechtechnik des Theaters ist für den Rundfunk teils unnötig, teils unbrauchbar. Aber abgesehen davon, er­weist sich Hier, wieviel Sensation und Suggestion bei diesen Erfolgen ist.

Demgegenüber entwickelt nun Vilma Mönckeberg ihre auf den For­schungen von Sievers und Rutz weiterbauende Lehre, die dazu be­stimmt und dazu fähig ist, an die Stelle chaotischer Willkür, aus der sich hier und dort ein genialer einzelner erhebt, bas Gesetz treten zu lassen; zum minbeften soweit, wie bies in allen anberen Künsten möglich ist. Der Kern ber Lehre ist ber Nachweis, baß in jeder Dichtung die Vor­schriften für ihre Sprechverwirklichung in viel weitergehendem Maße ent­halten sind, als dies im allgemeinen beachtet wird. Tempo, Dynamik, Sprechmelodie, Akzente find eindeutig bestimmt. Es handelt sich darum, sie abzulesen, wie die Zeichen einer Partitur. An die Stelle derAusi- faffung" muß erst einmal, als Basis einer richtigen Sprechgestaltung, das Erfassen" treten. Und das Ziel muß sein: statt einer mit privaten Emp­findungen vollgepumpten subjektivistischen Darstellung die Herausarbei- tung desKlangleibs", der objektiv feststellbarenSchallform" der Dich­tung selbst. Noch weniger als sonst darf sich im Rundfunk der Interpret mit seinen individuellen Begeisterungen und Nöten vor bas Werk drän­gen. Er hat den klar erkennbaren Willen des Dichters zu erfüllen, mehr nicht.

Und hier mündet diese Lehre nun in eine Kritik nicht nur der Sprech­kunst, sondern des heutigen Kunstbetriebes überhaupt. Sie geht parallel mit jener großen Bewegung, die besonders deutlich in der Musik in Er­scheinung tritt: fort vom Individuell-Emotionellen, hin zumObjektiven, zur unpersönlichen, oder mindestens von den Schlacken und Zufälligkeiten des Einzeldaseins befreiten Darstellung reiner Formen. Wenn es auf Richtigkeit ankommt und nicht auf Originalität, wenn der Interpret em Dienender fein muß, und zwar nur einer von vielen, bann sind dw Voraussetzungen hinfällig, die zur Züchtung von Stars führen.

Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Dlniversitäts-Duch- und Steinbruderei, A. Lange, Gießen.