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Heben.
GiehenerKmilieMSner
Unterhattungrbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang |929 Zreitag, den 2. August Nummersy
Das gute Iahe.
Bon Johannes Heinrich Braach.
Der Bäume Zweige beugen sich und tragen an schwerer Last, Stützbalken sind geschlagen von Ast zu Ast.
Gleich angefachter Glut in Berg und Garten der Beeren Brand, Gebüsch und Strauch erwarten des Ernters Hand.
Im reichen Feld, im weiten Hang, wie Wellen von goldner Flut, der Halme letztes Schwellen zu Brot und Blut.
Und singt im Blatt und in der vollen Aehre, singt rein und klar, die wundersame Märe vom guten Jahr.
Der Stadtpfeifer.
Bon Wilhelm Heinrich Riehl.
1. Kapitel.
Das war eine angstvolle Hochzeit! — Als der Weilburger Stadt- pfeifer Kullmann mit seiner Braut vor den Altar trat, dröhnten dumpfe Kanonenschläge aus der Ferne herüber. Die Gemeinde war ohnehin diesmal klein beisammen, und wie nun gar die unheimlichen Tone den Leuten durch Mark und Bein schütterten, schlich einer nach dem andern sacht davon, und da der Pfarrer aus der Sakristei schritt, stand nur noch das Brautpaar mit den nächsten Angehörigen, dem Küster und einigen Hochzeitsgästen in dem Chor der Dorfkirche.
Der Siebenjährige Krieg hatte seine Verwüstung auch in die westlichen Gaue Deutschlands getragen; die Franzosen unter dem Herzoge von Broglie hielten das Lahntal und den Westerwald besetzt und suchten durch Niederhessen nach Hannover vorzudringen. Sie setzten eben dem Bergschloß Dillenburg heftig zu, und die wechselweise Herausforderung und Antwort der Geschütze war es, was in den Wölbungen der Kirche des benachbarten Ebersbach dem Hochzeitszug so schaurig in die Ohren
klang. , .
Den Stadtpseifer überlief es falt; er zitterte nicht, er war auch nicht mutlos, aber er hörte auch nicht die Worte des Pfarrers. So schneidend war es ihm noch nicht in die Seele eingegangen, weich große Verantwortung er auf sich nehme durch die Verheiratung in so ungewissen Tagen, als jetzt, wo die Kanonen ihm zum Altäre lauteten. Die Braut an seiner Seite hatte nicht geweint; die roten Wangen des Bauernmädchens waren blaß geworden, aber sie stand fest und heftete den Blick voll Zuversicht unverwandt auf den Geistlichen.
„Ihr werdet's vielleicht Kindern und Enkeln noch erzählen," sprach der Pfarrer, „daß der 14. Juli 1760, ein Tag der Angst, euer Hochzeitstag war. Da, werdet ihr sagen, war kein lustiger Tanz, kein^ fröhliches Schmausen, die Franzosen spielten zur Hochzeit auf im tiefsten Baß, und den Spielleuten selber brachte es wohl gar den Tod. Aber Heil euch, wenn ihr dann hinzufüget: „In Sorgen begannen wir den Ehestand, darum ist es nachgehends so hell und Göhlich geworden m unserem Hause. Zuerst erkannten wir die schweren Pflichten des e geneu Herdes, dann schmeckten wir dessen stille Süßigkeit. Stehet fest. Kummer und Trübsal sind groß, aber ein treues Weib macht uns eitel Freude daraus." „ r.
Der Stadtpfeifer hatte aufgehorcht bei diesen Worten. Er war ernst von Aussehen und doch eine leicht gefugte Seele, bei der es gar flink von einer Tonart in die andere überging. Wer von der Musik leben muß, der wird das rasche Modulieren gewohnt. So verließ ihn auch bei dieser Ansprache plötzlich das qualvolle Sagen. Er bückte auf leine Christine, wie sie so mutig dastand, und eine helle Freude durchleuchtet sein Gemüt; und weil just die Kanonen doppelt stark brummten, w es ihm, als sei er ein Fürst, und als bornierten da draußen Die Jubelsalven, well der Priester Christinens Hand in die seine legte.
Als der Hochzeitszug die Kirche verließ, schwirrte und summte schon das ganze Dorf wie ein gestörter Bienenstand. Ganz Ebersbach n ar vor Schreck toll geworden. Es waren Fronhäuser Fuhrleute gekommen,
die erzählten, heute noch müsse das Dillenburger Schloß fallen; morgen stünden die Franzosen in Ebersbach; denn auch General Chabot rücke jetzt von Siegen und Gras Guerchy von Hachenburg gegen die Dill herab, — da werde es Einquartierung geben, Erpressung, Plünderung, — wenn man so einem verfluchten Franzosen nicht die Perücke mit Goldstaub pudere, die Stiefel mit Mandelöl schmiere und bas Gewissen mit Kronen- taiern, bann schlage er bas ganze Haus zusammen.
Auf diese Botschaft hin gingen die wenigen Hochzeitsgäste durch, ohne Abschied, als wären sie nicht bloß Nassau-Oranier, sondern wirkliche ganze Holländer gewesen. Und wenn sie sich nun auch gewaltsam zum Schmause niedergelassen hätten! Die Stühle würden mit ihnen davongelaufen sein, so wirbelte die Angst in den armen Teufeln.
Im Haufe der Braut, einem stattlichen Bauernhause, stand ein langer Tisch gedeckt, der des Morgens, als die Gäste warmes Bier — die Brautsuppe — vor dem Kirchgänge genossen hatten, noch dicht besetzt gewesen war. Jetzt sand sich niemand an der Tafel ein als das Paar und der Vater der Braut, und wer sonst zur Verwandtschaft gehörte. Selbst der Pfarrer blieb zu Hause, und der Küster kam nur, um sich feinen Braten und Kuchen und fein Geldgeschenk heimzutragen, bevor sich die Franzosen an den gedeckten Tisch setzten.
Der alte Hans Schneider, der Vater der Braut, ließ sich nicht merken, wieviel Unheimliches ihm eine solche Hochzeit vorbedeute. Er war der Mann, der allezeit das rechte Wort zu reden wußte. „Herr Sohn," sagte er, „wir sind [elbfünfe. So mager ist noch kein Hochzeitstisch in unserer ganzen Freundschaft besetzt gewesen. Aber lasse Er sich bas ungegessene Traktament nicht allzu schwer im Magen liegen. Es ist besser, man geht im Regen aus unb läuft in die Sonne hinein, als umgekehrt. Der Einstand in die Ehe soll euch beiden eine göttliche Prüfung fein. Auf Christine vertraue ich, und auf Ihn auch, Heinrich. Er ist wohl- bestellter Stadtpfeifer zu Weilburg unb bläst ben Bürgern morgens, abenbs und zu Mittag ein geistlich Lied, baß sie wllsen, was an der Zeit ist, und an unseren Herrgott gedenken mögen; Er ist mein lieber Sohn, ich vertraue Ihm, aber, nichts für ungut — ich denk' und rede eben wie der alte Hans Schneider von Ebersbach —, Er ist doch immer ein Musikant. Wäre die Christine nicht fo stark in der Wirtschaft, bann ging’s wohl furios mit eurem Hauswesen. Seine Bekanntschaft mit meinem einzigen Kinbe war mir anfangs ein Kummer, boch ich habe gesehen, daß Er ein stiller, braver Mann ist, unb habe am Enbe nicht ungern ja gesagt; aber — halt Er sich tapfer, Herr Sohn! Es sinb Kriegszeiten! Ich brück' Ihm die Hand als Sein Vater. Bleib Er ein Stadtpfeifer und werde Er — wie soll ich's nennen? — feiner von bencn, die obenhinaus wollen, fein Geiger, fein Notenfreffer, ober rote man bie vornehmen musikalischen Lumpen sonst heißt. Wer morgens, mittags unb abenbs bet Stabt ben Choral bläst, ber ist boch gleichsam ein Stück von einem Pfarrer, unb wenn Ihr zum Tanze aufspielt, so ist bas wenigstens eine Musik, davon man weiß, zu was sie nütze ist.
Christine schob sich, etwas besorgt, zwischen die beiden und sprach: „Vater, wir wollen schon tüchtig Zusammenhalten."
Weg mit dir!" rief der Alte, der nun erst recht aufgeräumt wurde. „Hier braucht's keiner Mittelperfon. Mein Schwiegersohn weiß schon, mie's gemeint ist, wenn ich ihm sage, er solle auf der Stabtpfeiferet leben und sterben, so gleichsam als ein Bauer unter den Musikanten unb unter bem ganzen Bürgersvolk. Der Stadtpfeifer soll leben! hoch — auf seinem Türm und die Frau Stadtpseiferin mit ihm!
Als der Alte die Gesundheit ausbrachte, hatte sich ein vierschrötiger Mann im blauen Kittel an bie Türe postiert unb schaute sich verwundert bas Quintett unserer Hochzeitsgesellschaft an. Es war ber von ben Brautleuten längst erwartete Fuhrmann Philipp Setter von Weilburg; fein Wagen war bereits unten im Hofe eingestellt, groß genug, um bas Ehcwaar samt Christinens Aussteuer aufzunehmen. Ein herzhafter Trunk Wein löste bes Fuhrmanns Zunge, unb er berichtete, baß man die Holz- w-me nach der Lahn hinüber wohl passieren könne, die Hauptstraße dagegen sei vom Kriegsvolk besetzt. Das war den jungen Eheleuten em Trost denn sie gedachten morgen schon nach Weilburg zu fahren. Aus dieser Stadt lautete die Botschaft freilich betrübter. Französische Husaren, ein übermütig Volk, waren seit zwei Tagen aus dem Nieberlahngau em- gerückt. „Sieben Generale," sprach Philipp — und es war schon nicht erst zum fiebentenmal, daß er sein Glas füllte — .kommen zur Einquartierung; denn bie Franzosen, spricht der Peruckemnacher, wollen Weilburg als einen Platz ansehen und gegen den Herzog von Braunschweig verteidigen; ber Hofbäcker dagegen memt, so em Esel wäre elbft ber Franws nicht, baß er eine Stabt halten wolle, bereu Besatzung man von ben gegenüberstehenden Felsen mit Steinen totwerfen könne."
Die Zuhörer sahen sich bedenklich an; aber bie Brautleute faßten sich bei der Hand und sprachen: „Wir gehen doch!" Dem Stadtpfeifer zwar wurde es insgeheim etwas schwül. ,-,D weh!" rief er endlich unb


