er drückte den Kopf nach Nnks, strich sich über die Brauen, wischte Lber die Lider, er las wiederum. Ein Auge sah ihm über die Schulter und las mit, und zugleich iah er es sehen hinter sich, links ins Eck auf das Holz. Er wandte den Kopf zur Linken, das Auge sah ihn an, nah, ernst dunkel, heischend; er wandte den Kops nach rechts: das Auge sah ihn an, heischend, ernst, dunkel, nah. Sein Rücken sank an die Lehne, er schloß die Lider; das Auge sah hinter seinen Augen. Er stöhnte, stand taumelig auf, hob den verstoßenen Sockel aus dem Eck, trug ihn wie ein Last- träaer, langsam mit beiden Händen vor die Brust gestemmt, schob ihn wie einen Erzbarren auf den Tisch; schwer hing sein Kopf herab, er bohrte, schnitt, riß, Murren stieß und stöhnte aus seinem dicht verpreßten Mund; grub, glättete, bohrte, lieh nicht ab ...
Musikalische Besuche.
Bon Liesbet Dill.
Herbstnebel umschweben das alte Weimar, goldene Bäume leuchten in letzter Blüte vor Goethes Gartenhäuschen. Im Park vor dem Hause der Frau von Steiu fällt still das Laub ...
Ein kleines Museum im Westflügel des Schlosses zu Weimar, in dem ehemaligen Schlafzimmer des verstorbenen Großherzogs steht Max Regers verstummter Flügel, an den Wänden hängen weiße Totenmasken verblichener musikalischer Größen. Seltsam, daß Künstler sich so gern mit den Totenmasken großer Menschen umgeben, statt mit ihren Bildern ... In der Ecke leuchtet ein mächtiger Torso, „Beethoven" von Max Klinger, ein Geschenk nach einer vergnügt durchzechten Nacht, den Reger gleich in einer Droschke morgens mitnahm, aus Besorgnis, es würde dem vergnügten Schenker noch einmal leid ... Regers Schreibtisch, wie die Schreibtische berühmter Männer meist, nüchtern und stillos. Unpraktische Tintenfässer, verstaubte Tintenwischer, abscheuliches Rauchzeug, von irgend jemand geschenkt, achtlos gebraucht, kaum angesehen und pietätvoll behalten. Reger war ein starker Raucher und Trinker, ein fieberhafter Arbeiter. Dieses in fast rasendem Tempo gelebte Leben hat ihn früh verbraucht. Auf seinen Bildern sieht er mit vierzig aus wie ein Mann von sechzig Jahren.
„In einem Monat schlief ich nur dreimal in demselben Bett", schrieb er von einer Konzertreise. Und auf einer solchen ereilte ihn der Tod ... Er starb am Gehirnschlag in Leipzig im Hotel. Wie man ihn morgens fand, in seinem Hotelbett, hat man ihn ausgenommen, mit der herabge- funkenen Brille, die Zeitung in der .Hand mit den Kritiken ... Ruhig lächelnd liegt er da ... Köstliche Zeichnungen von dem Hamburger Professor B e ck e r a t zeigen Reger als Dirigenten der dritten Brahmschen Sinfonie, anfeuernd, verzweifelt bei einem falschen Ton, geduckt und beim Pianissimo den Taktstock über die Köpfe der Musiker gereckt. Frau Reger lieh die Skizzen niemals aufhängen. Run, da sie nach München übersiedelte, man sagt: „enttäuscht von Weimar", hängen sie im Archiv ... Regers Totenmaske ist seltsam verkleinert. Die Spuren der Krankheit — Leberkrebs — hatten bereits innerliche Beränderungen bewirkt ...
Er starb kinderlos. Er entstammt einer Lehrerfamilie, fein Geburtshaus ist bescheiden, seine Einrichtung konventionell. Ein Musikschrank, den er sich einmal antiquarisch gekauft, der Flügel und ein lederner Sorgenstuhl sind die Prachtstücke des Wohnzimmers, das man genau so einrichtete, wie es war. Reger hat seinen Ruhm noch erlebt. Er wurde eigentlich früh berühmt. München, Leipzig, Meiningen und Jena waren seine Wohnstätten. Seine blaue Stridentenmütze liegt da. Ein Splitter von Beethovens Sarg, der sich bei der Trauerfeier in Wien gelöst, von Reger in Ehren gehalten, Gemälde und Büsten, gute und schlechte. Eines der besten zeigt Reger schreibend über das Manuskript der Ballettsuite Opus 130 gebeugt ...
Freunde von Regers Musik werden in diesen stillen Räumen noch etwas von Regers kühn schweifendem Geist fühlen. Bon einem unsterblichen Genie schwebt etwas über dem Flügel, der einst unter seinen Händen erklang. Interessante, schöpferische Hände, von denen wir den Gipsabdruck unter Glas sehen ... Seine Musik ist uns geblieben und wird bleiben ...
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Die grauen steinernen Löwen aus der Treppe des stillen Schlosses blinzeln in dem Regen ... Ein grauer Schleier hat die alte Stadt in Trauer gehüllt ... Es sind lauter Tote, die ich besuche ... Das rosa Goethehaus leuchtet an der Ecke, in Frau von Steins poetischem Haus am Ackerplan ziehe ich die Schelle, zu Nietzsches Sterbehaus fahre ich im strömenden Regen hinauf. Trotz des ablehnenden Schildes an seinem Eingang „Fremden verschlossen", laßt mich der Diener eintreten. Schiller lege ich eine Rose auf fein bescheidenes Bett, vor dem Schloß Altenburg auf der Höhe, wo L i s z t mit der Fürstin W i t t g e n st e i n oder sie mit Liszt lebte, unter leuchtenden Baumgruppen, lasse ich einen Augenblick halten. Da, wo die breite Allee zu Belvedere beginnt, steht Liszts kleines gelbes Haus mit der genialen Einrichtung. Eine feierliche Kühle weht uns aus den stillen Räumen an, wenn man das gelbgetünchte Treppenhaus heraufkommt.
Am Nagel an der Tür hängt noch Liszts schwarzer Sammetrock, aus dem sich Fremde fast das ganze Futter herausgeschnitten haben. Da steht sein Flügel und das Klavier, das man ihm ein Jahr vor seinem Tode schenkte. Er starb in Bayreuth. Es ist noch viel von ihm da ... Ein dunkles unfreundliches Schlafzimmer, fein Bett mit zerrissener brauner Steppdecke, ein kleiner Waschtisch, ein stummes Klavier zum lieben der kalten Hände, ein schwarzes Kissen mit seinem Wappen, eine Wartburgdecke, ein abscheuliches Tintenfaß, Bilder von B ü l o w und seiner Tochter, der Cosima. Stehende Uhren, ein verstummter Bechstein, der immer noch gut klingt, auf dem er Unterricht gab. Unter seinen Fenstern leuchtet eine gelbflammende herbstliche Allee.
Es sind die Zimmer eines Genies, einem Mannes von Welt ... Das einstige Spiesezimmer ist zum Museum eingerichtet. Lisztsche musikalische Manuskripte, zierlichste Nötchen, hingestochen, schwungvoll punktiert, seine Briefe, die zierlichen Spazierstöcke mit den merkwürdigen Griffen: Hunde- köpse, Totenköpse, Türkise und Wappen, Geschenke von Fürsten und
Droben auf dem Hügel steht das „Fritz-Reuter-Haus", in dem der Dichter seine letzten Jahre lebte. Dort hat man in einem Teil des ersten Stockes die von Wien angekauste Wagner sammlung untergebrocht. Interessant genug, daß man hinaufpilgert. Man findet unter diesen tollen Wagnerkarikaturen der Antiwagnergemeinde viel Amüsantes und Lehrreiches ... Karikaturen aus dem „Journal amüsant", Wagner mit der Notenrolle während einer Probe einen Regisseur ohrfeigend, er war sehr jähzornig, Kämpfe um seine Aufführungen. Spöttische Kritiken über seine erste Meistersingeraufführung, „das Werk eines Tollhäuslers". Eine Krankenhausaufnahme wird dringend geraten. Aber es kommt uns doch vor, als ob uns und ihn das alles gar nicht anginge, was die Pariser Presse über den „Lohengrin" schreibt, ob sie den „Tannhäuser" als „Tat eines Wahnsinnigen" empfindet. Da liegt Wagners Toktstock, den er wütend während einer Probe zur „Götterdämmerung" in Wien zerbrach, der Federhalter, mit dem er die „Nibelungen" schrieb, sein Taktstock aus Bayreuther Tagen, ein „Gralsbecher" und die Steckbriefe aus Sturmtagen, da er flüchten mußte, weil er sich an der Revolution beteiligt hatte, „Richard Wagner, 42 Jahre, mittlere Statur, trägt zuweilen eine Brille", Wiener Polizeianzeige vorn 26. Juli 1853.
Textbücher von Erstaufführungen seiner Opern, seine Sammetkappe, Rechnungen und Quittungen, Briefe aus Wien, „Werthester Freund", „liebe Bertha". Ein Zettel von feiner Hand an die Türe seines Hotech zirnmers geheftet: „Bitte, mich nicht zu wecken" ... Bilder aus König Ludwigs letzten Jahren, die letzte Aufnahme, als er schon stark verfettet war, öudwigs schöne feine Männerhand in Gips und des Königs Überschwängliche Briefe an Wagner. „Sie sind mir der Theuerste auf Erden, kaum wird ein anderer so geliebt wie Sie von mir .. Ihr Ludwig." . • • Und Wagners groß gedruckte „letzte Bitte" vor einer Erstaufführung „Bleibt mir gut, Ihr Sieben! Deutlichkeit! Die großen Noten kommen von selbst, die kleinen Noten und ihr Text ist die Hauptsache! In Selbstgesprächen nach unten oder nach oben blicken, nie geradeaus." ...
Bon Nebelschleiern umzogen steht die Wartburg im herbstlichen, bunt- gefärbten Wald. Fromme schöne Bilder umschweben uns hier in diesen deutschen Landen, in denen [o viele Genies gelebt haben, an deren Türen mir heute stehen um das zu sehen, was sie einst lebend umgab ...
Königen, Medaillen und Reiseflakons, fein Gebetbuch, feine kleine Bibliothek, zärtliche Briefe aus Budapest, „chere excellence", ein Schram mit Pfeifen, feine Orden, eine Waffensammlung, die Uhr vom Papst. Bilder der Cosima in längst veralteten Trachten, ein Bild der Fürstin Wittgenstein in schwarzem Sammetkleid und weißer Tüllhaube und in der Ecke ein bescheidener Silberschrank, handschriftliche Partituren, von Wagner geschrieben zur Uraufführung des „Lohengrin" mit der stark zusammen- gestrichenen „Gralserzählung" ... Der Dank der Stadt Hamburg für ein Wohltätigkeitsfest für die Abgebrannten, ein schwungvolles Gedicht Carmen Sylvas, auf Lifzts Tod... Seine ungarischen Rhapsodien unter Glas, ein Brief an Berlioz und einer an Frau Wagner, „Siebes Kind" ...
Alles steht jo sonderbar lebendig da, als habe Siszt eben das Zimmer verlassen und käme gleich wieder, und die alte Wirtschafterin, die ihm solange betreute, hätte mir nur gesagt: „Bitte, warten Sie einen Augenblick, er wird gleich erscheinen--Und ich warte zwischen den stillen
Möbeln. Aber die Alte ist längst tot. Und Franz Siszt kommt nicht wieder ... Er lebt in {einen Werken ...
Das Geburtshaus von B a ch in Eisenach, eng in die Ecke gedrückt, am grauenplan, ein buntes Blumengärtlein vor der Tür, ein alter Birnbaum. vorm Eingang. Ein breites Barocktor mit altem Türklopfer. Fest und ehrwürdig und sehr einfach ... Nach hinten ein kleinbürgerlicher Hausgarten, in dem die Kinder spielen dürfen, mit Buchsbaumbeeten und alten Bäumen. In dem dunklen Haus ein Fenstertritt mit dem Spinnrocken für die Mutter und auf dem Fensterbrett die Bibel, die man in diesem Hause las. Türen so eng und klein, daß man sich fast den Kopf einstößt, ein Küchelchen, eng, mittelalterlich dunkel, mit alten Thüringer Geschirren, Kuchenbrettern, Sebkuchenformen, dem Waschzuber für die Windelwäsche und einen offenen Herd mit blanken Kupferkesscln für die vielen Bachkinder. Kachelöfen mit Ofensitzen, gemütlich warm im Winter, wenn's draußen schneit. Aus der Schwelle der engen Kammer, wo neben dem Himmelbett seiner Eltern die einsache Holzwiege, in der ein Bach geboren wurde, schaukelt, steht, in Gedanken versunken ein katholischer Geistlicher mit gezogenem Hut ... An den Gitarren an der Wand klimpert leise ein Wandervogel. Auf diesen alten Cembalos, dem Flügel mit Pedalbaß, dem Spinett, hat Bach seine Fugen ausprobiert, in der Diele saßen die'Musikstudenten und übten, während „die Bachin" Pfesferkuchen buk und die Suppe im Messingkessel über dem offenen Herdfeuer brodelte.
„Uebermütig sieht's nicht aus", das kleine gedrückte Haus unter seinem roten Ziegeldach, aus dem ein Bach als Kurrendeschüler berausgtng mit zehn Jahren, als Waise ... Doch allerlei aus seinem späteren Sehen hat man hier gesammelt. Bilder der Städte, in denen er gewirkt, hängen an gekalkten Wänden, Eisenach, Ohrdruf, Süneburg und Weimar, Mühlhausen, Arnstadt, Köthen und Seipzig. Sein Totenschädel in Bronze, seine stattliche Büste mit Allongeperücke. Da liegt der alte Schlüssel zu seiner Leipziger Kantorwohnung, in der Thomafiusschule, musikalische Manuskripte unter ©las, Bruchstücke und Soli, Orgelkantaten, „Klaviersonaten für Kenner und Liebhaber", Kantaten und Orgelkonzerte, Serenabas. Das „wohltemperierte Klavier", das er für feine Schüler als Fingerübungen schrieb. Eine Kantate „Ich habe genug" ...
Der arme Bach, er hat sich wacker plagen müssen im Leben. Er wurde erst nach seinem Tode berühmt. Als sein größtes Werk, die „Matthäus- paffion" zum erstenmal in Leipzig aufgesührt wurde, gingen die Leute in eine andere Kirche, wo am selben Abend ein heute längst vergessenes Konzert stattfand ... .
Weinlaub umzieht die kleinen Fenster, auf den roten Fließen spielt mattes, herbstliches Sonnenlicht und in den alten Bäumen raufcht's, wie eine fanftgefpielte Serenade von Bach ...


