Charaktsrköpse der florsntinifchen Frührencrifsance

Von Wilhelm V o e cf.

Unter den großen Meistern der Renaissance wird Vasari nicht ge­nannt, denn seine Kunst hat keine neuen Werte geschaffen. Ihn zählt auch keine Geschichte italienischer Literatur auf, denn Gedichte hat er nicht ge­macht. Und doch war er ein großer Künstler: Giorgio Vasari hatte die undankbare Aufgabe, Kunstgeschichte zu schreiben. Als Maler und Archi­tekt beherrschte er den ganzen technischen Apparat jener Künste, hatte selbst Signorellis, Michelangelos, Andrea del Darios Schulung erfahren. Er war aber auch mit Pietro Aretino aus demselben Orte gebürtig und ver­traut, jenem Freunde Tizians und geistreichen Schriftsteller, den seiner losen Zunge halber keine andere Behörde Italiens dulden wollte als die Signoria von Venedig. So scheint Vasari gerade in dieser glücklichen Mischung wie kein anderer dazu geschickt, die künstlerische Entwicklung, als deren Erben er sich selbst erkennt, mit der Feder festzuhalten. 1567 gab er seine umfangreiche Folge derLebensbeschreibungen der aus­gezeichnetsten Maler, Bildhauer und Baumeister" heraus, eine unersetz­liche Duelle der Kunstwissenschaft bis aus den heutigen Tag. Es mag uns fast wie ein Symbol erscheinen, wenn wir hören, daß er, der literarische Sammler, noch einer anderen größeren Sammlung Obdach geschaffen hat; er ist der Erbauer der Uffizien.

Was ihm in seinem Werk mitunter an historischer Zuverlässigkeit ab­geht, das ersetzt er, denke ich, reichlich durch seinen Schatz an Ersahruna, Geschmack, klarer Urteilskraft, guten Kennereigenschasten (er selbst sammelte eifrig Handzeichnungen alter Meister) und nicht zum wenigsten durch seine Humanität. Ueberall aus den historischen Erörterungen schauen uns die verständnisvollen Augen des Menschenfreundes und »kenmers entgegen. Sein Empfinden für reine Menschlichkeit steigert sich nun häufig geradezu ins Novellenhafte. In ihrer ganzen Leibhaftigkeit stellt er uns die Künstler vor, der Glanz ihres Ruhmes kann ihn da nicht blenden. Daß es ihm nicht zu wenig war, uns diese kleinen und kleinsten Züge zu überliefern können wir ihm nicht genug danken. Von besonderem Reize ist es ferner, feine Nachrichten mit den erhaltenen authentischen Porträts zu vergleichen.

Im folgenden sollen nun einige Charakterköpfe der floreniinischen Frührenaissance herausgemeißelt werden.

Giotto.

Er hütete wie König David die Herde seines Vaters, bis man ihn ent­deckte und zu hohen Ehren führte. Cimabue, der erste Maler einer neuen Zeit, muß gerade des Wegs daher kommen, um ihn anzutreffen, wie er mit spitzem Stein fein schönstes Schaf in den Sand zeichnet. Er nimmt ihn natürlich mit. So werden die Fähigkeiten des klugen Knaben in der Werkstatt eines berühmten Mannes entwickelt. Der kleine Lehrjunge, der den Schalk nicht verleugnen kann, malt einem ernsten Heiligen eine Fliege auf die Nase, und Cimabue kann ihm nicht zürnen, denn er hatte sie wirklich so täuschend nachgeahmt, daß der Meister sie vergeblich weg- zusangen suchte. Stolz nimmt der Geselle an den Triumphen des Meisters teil, wenn die Honoratioren von Florenz in die Vorstadt hinausströmen, eine neue Tafel des Cimabue zu bewundern, oder wenn das Mutter- aottesbild für Santa Maria Novell« in einer Prozession mit großer Pracht und Trompeten im Atelier des Künstlers abgeholt wird.

Seinem Lehrer schon zu Lebzeiten überlegen, hält er nach dem Tode des betagten Mannes feinen Einzug in dessen Haus. Die Herren Italiens werben um feine Gunst. Was tut Giotto, wenn der Höfling des Papstes, der in Italien Musterzeichnungen sammelt, zu ihm kommt? Er zieht ihm aus freier Hand einen geometrisch vollendeten Kreis; und macht auch der Hofmann ein schiefes Gesicht, feine Heiligkeit weiß diese Leistung zu würdigen. Giotto reist auf der ganzen Halbinsel umher, folgt zeitweise den Päpsten nach Avignon. Er geht mit Robert von Neapel um wie mit seinesgleichen und sagt ihm sogar die Wahrheit. Als Robert ein Sinn­bild seines Königreichs gemalt haben will, entwirft er ihm einen Esel, der, selbst gesattelt, ein zweites Zaumzeug am Boden verlangend be­schnuppert. Beide Sättel zeigen siebenzackige Kronen.So ist dein Volk; sie wünschen alle Tage einen anderen Herrscher." Seine Adoptivheimat Florenz bewilligt ihm, dem Baumeister des Campanile, eine regelmäßige Besoldung. Der große Dante weih seine Freundschaft zu schätzen und verewigt seinen Namen in der Göttlichen Komödie.

Die Erscheinung dieses Mannes hat etwas Großartiges. Er ist der allgemein anerkannte, der einzige Künstler. Hinter keinem Mächtigen der Erde braucht er zurückzustehen; nicht Geburt oder Reichtum, was er kann, hat ihn groß gemacht. Frei von menschlicher Schwäche, stets Herr der Lage, eine monumentale Gestalt.

und herpendelten und die Rede und Gegenrede weitergingen, waren alle gleich wieder mitten in der Illusion. Shakespeares Worte aus dem Sommernachtstraum" wurden zur Wahrheit:Das Beste in dieser Art ist nur Schattenspiel und das Schlechteste nicht schlechter, wenn die Ein­bildungskraft nachhilft."

Bald schwoll den Knaben der Kamm. Sie wollten als richtige Schau- pieler austreten. Da sie nichts Besseres wußten, wählten sie zur Anf­ührung einen jener Texte für Puppenspiele und gerieten an eine greu= iche und dumme Travestie des Hamlet. Der vielversprechende Titel lautete:Prinz Hammelsett und Prinzessin Pumphelia". Es kam ein Hanswurst in dem Stücke vor, der das große Wort führte, der König, die Königin, der Prinz, die Prinzessin und der Geist. Den Geist spielte Johann mit Hilfe eines Bettlakens. Zwei Kusinen mußten die Frauen­rollen übernehmen. Hanswurst erschien und rief den Prinzen. Dieser er­schien mit den Worten:Was störst du mich in meiner Liebe Kosen?", wurde von Kaspar ober belehrt, datz fein Stiefvater ein Schuft fei. Das Stück nahm nun kurz und bündig feinen Fortgang. Am Ende lagen alle Personen außer Kaspar tot da. Nur die Königin war noch übrig. Da hielt Hanswurst ihr ein Büschel Gras hin:Frau Königin, beißen Sie bitte ins Gras!" Und auch die Königin fiel tot hin. Dann sprach Kaspar den Epilog und entließ die Zuschauer.

M a s s a c c i o.

Man könnte Masaccio bedauern, aber ich glaube, er braucht unser Mit­leid nicht. Er war auch so glücklich, er lebte in einer anderen Welt. Diesem Manne war seine Kunst alles. Nur ihren Problemen sann er nach und suchte nach neuen Darstellungsweisen. Zwar sah er alle Formenschön­heit in der Natur, aber an den Menschen sah er vorüber, denn er brauchte sie nicht. Doch er war auch nicht selbstsüchtig; er liebte die Menschen und wollte ihnen gern Gutes tun, aber für ihn bedeuteten sie nichts. Die Welt des Schönen war ja in ihm. So nimmt es nicht wunder, wenn er nur in sich hinein schaute und nicht auf seine Kleider; die waren gar oft in Un­ordnung. Ueberhaupt hatte er viel Mühe, sich mit Notwendigkeiten ab­zufinden. Er war zu taktvoll und brachte es nicht übers Herz, feine Auf­traggeber, die ihre allzu große Kunstliebe bisweilen tief in Schulden stürzte, zu mahnen, und kam dann natürlich zu kurz. Das alles wollte man sich gerne von einem alten Manne denken; dabei ist aber Masaccio jung gestorben. Er muß ganz in feiner Arbeit aufgegangen fein, um ein so umfängliches Werk mit einer derartigen Fülle ganz neuer Lösungen hinterlassen zu können. Fragen mir uns daher, was Masaccios Denken als Künstler und als Mensch ausfüllte, jo lautet die Antwort gleich. Leben hieß für ihn: schaffen. Wie bei kaum einem anderen blättern wir in feinem Werk als in einem Tagebuch.

Fra Giovanni da Fiesoie.

Angelico, der Engelgleiche, wurde er genannt. Damit ist eigentlich schon alles gesagt. Seine Bilder sind gemalte Religion und zwingen förm­lich zur Andacht, so daß der mittelalterliche Betrachter wohl empfand, sie seien gar nicht von Menschenhand. Diese Heiligen konnten nur aus un­mittelbarer Anschauung im Himmel durch einen kunstfertigen Engel ab­konterfeit fein. Aber manchmal wandeln auch auf Erden.Engel. Fra Gio­vanni war Predigermönch in Florenz, ein so idealer Ordensbruder, wie es nur je einen gegeben hat. Der allerdemütigste und schlichteste Mensch, den man sich denken kann, selbstlos, nur um das Heil feiner Seele besorgt; nie wurde er zornig gesehen. Dabei arbeitete, er mit einer Ameisen­geschäftigkeit. Besonders liebenswürdig ist die Vorstellung, ihn sich bei der Feinpinselei des Miniaturmalens zu vergegenwärtigen. Alles das tat er nicht aus eigener Kraft das Selbstgefühl des Künstlers, das feine Zeit­genossen schon in so hohem Maße besitzen, geht ihm ab, er fühlte sich ganz als Werkzeug Gottes. Nis nahm er den Pinsel zur Hand, ohne vorher ein Gebet zu verrichten. Die Ausübung feiner Kunst war ihm Gottesdienst. Für eine schwere Sünde hätte er es gehalten, was er einmal in göttlicher Eingebung gemalt hatte, später nachzubeffern. AlsNikoiaus V. ihm den erzbischöflichen Stuhl von Florenz anbot, da schlug er mit rührender Geste einen befreundeten Ordensbruder vor, der zu solchem Amte besser tauge. Er selbst meinte, es fei leichter, anderen zu gehorchen, als sich selbst auf die Höhen des Lebens hinauszuwagen. Wünsche hatte er keine. Kam irgendein vornehmer Herr, feine Kunst in Anspruch zu nehmen, und erkundigte er sich nach dem Honorar, so antwortete er be­scheiden:Darüber stelle nur den Prior zufrieden; dann will ich es nicht an mir fehlen lasten." So ist Fra Angelico in der Engelreinheit seiner Auffassung vom irdischen Wandel als einer gottseligen Vorbereitung auf die ewige Paradiesesherrlichkeit eine rührende sympathische Figur.

Andrea da Castagno.

Andrea da Castagno war eine Verbrechernatur, ein roher, grau­samer, bestialischer Kerl, schon als Kind wegen seiner furchtbaren Stärke gefürchtet und gemieden. Beherrschungslos läuft der gereifte Mann einem Gaffenjungen straßenweit nach, der es gewagt hat, an der Leiter des Malers zu rütteln. Ihm gerade mußte der abscheuliche Auftrag zuteil werden, die Verschwörer und Mörder Julians von Medici, an den Fußen aufgehängt, als warnendes Beispiel darzustellen und er löste die Ausgabe zur allgemeinen Bewunderung. Wir verstehen, warum bei ihm der sonst als jaljmes Haustier ausgefaßte Löwe des hl. Hieronymus zum reißenden Raubtier geworden ist.

Im düstersten Winkel seiner dunkeln Seele jedoch hauste der Neid. Jeden, von dem er fürchtete, er möge es ihm in der Kunst gleichtun oder ihn gar überflügeln, haßte er in blutgierigem Wahnsinn. Die Furcht, in den Schatten gestellt zu werden, verfolgte ihn geradezu. Nun hatte er lange mit Domenico Veneciano zusammenzuarbeiten, einem Künstler, der von Venedig nach Florenz berufen worden war, weil er ein besonders schönes Kolorit hatte und über die niederländische Technik der Dehnalerei ver­fügte. Castagno, der seine eigene Schwäche gerade auf dem Gebiete der Farbe kannte, war dieser Eindringling ein Dorn im Auge; fein einziger Gedanke blieb fortan, den vom Publikum verhätschelten Nebenbuhler aus dem Wege zu räumen, und er war auch bereit, zum Aeußersten zu schreiten. Planvoll und zielbewußt suchte er sich das Vertrauen des völlig arglosen Domenico zu erschleichen. Der stets heitere und sonnige Do­menico ging auch auf die erheuchelte Freundschaft des gewissenlosen Andrea ein; die Musik vermittelte. Domenico, ein großer Verehrer des Lautenspiels, war froh, einen Gleichgesinnten gefunden zu haben, und allabendlich zogen die beiden ungleichen Brüder aus, ihren Liebsten Serenaden zu bringen. Mit freundlicher Bereitwilligkeit eröffnete der Venezianer feinem Kollegen die Geheimnisse seines Verfahrens

Andreas dämonischer Sinn war unerbittlich. Als er glaubte, fest genug im Sattel zu sitzen, schritt er zur Ausführung des Furchtbaren. Domenico kommt eines schönen Abends, ihn wie gewöhnlich abzuholen, findet aber denFreund" mit Zeichnen beschäftigt. Andrea hat heute keine Zeit, mio Domenico zieht allein aus. Nun macht sich Andrea unkenntlich, »öffnet sich und überfällt ihn in einer menschenleeren Straße. Zuerst zertrümmert er die Laute, dann stößt er Domenico nieder. Schnell eilt er nach Hause, um die Arbeit wieder aufzunehmen, und so erreicht ihn die Nachricht des Mordes. Der Mörder wehklagt an der Leiche feines Opfers.

Auf ihn fiel kein Verdacht. Aber Kains Dualen können nicht größer gewesen sein als die ,einigen. Entsetzlich muß das Sterben dieses Mannes gewesen [ein. Wie ein widerhakiger Pfeil aus der Todeswunde, rang pH auf dem Totenbett die Beichte von [einen Lippen.

Sandro Botticelli. ,

Botticelli hat im Leben Schiffbruch erlitten. Seine grüblerische Ver­anlagung trieb ihn zum religiösen Fanatismus und dem ungtiialtd)en