ein nordisches Gegen- deutschen „Faust" ge-
iat Ibsen
Aases Tod.
Von Henrik Ibsen.
In seinem „Peer G y n t" stück >md märchenhastes Widerspiel zum . . .
schassen; in Peer, dem verlorenen Sohn der alten Aase, dem verlorenen Geliebten der treuen Solveig, — in Peer, dem Phantasten, dem Träumer, Abenteurer, Weltfahrer und späten Heimkehrer spiegelt sich vielfältig die verschlossene Seele jenes ganzen Volkes, dessen größter und einsamster Bekenner der Dichter Henrik Ibsen gewesen ist. Peer, der rastlos von Abenteuer zu Abenteuer, von Erlebnis zu Erlebnis mit verblendeten Sinnen durch die Welt getrieben wird, ganz erfüllt von der unstillbaren Sehnsucht, eine heimliche Krone zu finden, muß wiederkehrend als müder Greis vor der Hütte Solveigs, die all die Jahre auf ihn gewartet hat, erschüttert erkennen: „Eine, di« gedacht — und einer, der vergessen! Eine, die entsagt — und einer, der vermessen! 0 Grauen! — Und niemals wand'l ich's um! O Gott —hier war mein Kaisertum! Sie Geliebte findet er zu spät ... zur Mutter kehrt er eben noch rechtzeitig heim, die Alte mit leichten, kindlichen Händen in den Tod zu geleiten. Diese Szene, die den dritten Akt im Schauspiel beschließt, durch Griegs Musik berühmt und fast volkstümlich geworden, gehört zum Innigsten und Feinsten, was Ibsen je geschrieben hat, und zu den unvergänglichen, dichterischen Verklärungen des Todes in der Weltliteratur.
geöffnet wäre. Er möge, wenn das Blatt umgewendet sei, das Guter abschließen, den Schlüsse!, der bei der Frühsäuberung versehentlich stecken blieb, abziehen und mitbringen. Der Soldat sagte es zu.
Den Evinnerungsdienst hatte an diesem Morgen em baumlanger, braver Kerl, der von früher her mit der Sache umzugehen wußte. Denn chm widerfuhr bereits zum drittenmal die Auszeichnung der Blatt- wenimng, die von den Gemeinen des Kent-Regimentes nicht nur der Ehre wegen begehrt wurde. Der zu ihr Abkommandierte hatte nämlich, nach Meldung der ordnunggemüßen Ausführung des Befehls beim Kommandeur, desselben Teiges dienstfrei.
Der Soldat begab sich also mit der Ueberzeugung, daß die Verrichtung in der Kathedrale nach einigen Minuten beendet sei und er vor Ablauf einer Stunde in die Stadt schlendern werde, zur Dankt-Michaels-Kapelle. Aber diesmal salutierte er nicht, wie die beiden ersten Male, aus der Schwelle des Gedenkraumes. Vor dem aufgeschlagenen Buch präsentieren!, so lautete leine Dienstanweisung. Vor dem gekrümmten Rücken einer knienden Frau? — das ging gegen den Befehl.
Der Soldat blieb also mit geschultertem Gewehr am Eingang der Sankt-Mick-aels-Kapelle stehen. Räusperte sich. Hustete. Machte mehrfach: „Sstst — Sfsssstl" Trat mit dem rechten Fuß auf. Stampfte mit beiden Beinen. Aber die kniende Frau rührte kein Glied. Ähre gefalteten Hände lagen am Rand einer der oollb «schrieb enen Seiten des Erinnerungsbuches. Ihr Herz schrie, was in der Mitte dieser Seite zu lesen war: „Ralph Mulvany, geboren am 30. Juli 1889 zu Wye, Bezirk Canterbury; gefallen am 20. Oktober 1914 bei Langomarck in Belgien."
Der Soldat lehnte sein Gewehr neben der Tür an die Innenseite des Kapellengitters mid trat vor die kniende Frau hin. Die sah ihn nicht. Der Soldat rief die Kniende halblaut an. Sie blickte verständnislos auf. Der Soldat machte mit dem Kopf zur offenen Tür hin nicht mißzuverstehende Bewegungen. Die Frau schüttelte verneinend ihr schmerzumwolktes Haupt. Der Soldat bedeutete ihr: Er müsse das Buch auf dem Betpult um- wenden. Eine Seite weiter. Solange hätte sie die Sankt-Michaels-Kapelle zu verlassen. Nachher könne sie von neuem vor dem Betpult niederknien. Könne den ganzen Tag lang beten. Wenn es dann noch nicht „genug gebetet sei, seinetwegen auch die ganze Nacht lang. Bis zum nächsten Morgen acht Uhr, wenn wieder das Buch eine Seite weiter gewendet werden müsse. Heut habe er den Befehl dazu erhalten. Vernünftig sein imd solange — zwei, drei Minuten nur! — die Sankt-Michaels-Kapelle
(Abend. Aases Stube. Im Kamin brennt Feuer. Ein Kater sitzt auf einem Stuhl am Fußende des Beites. Aase liegt im Bett, unruhig auf der Decke tastend.)
Aase: Er läßt sich noch immer nicht blicken, Und der Weg ist doch nicht weit, Ich habe keinen zu schicken, Und es drängt, es drängt die Zeit.
So bald — was ich wähnte noch ferne — Und die Brust wird mir so eng — Auch quält's mich — ich müßt' es gerne — Erzog ich vielleicht ihn zu streng?
Peer Gynt (kommt): Guten Abend!
Aase: Kommst du endlich, Mein Junge, gelobt sei Gott! Sie spielten auf dir schändlich; O teuflisches Komplott!
Peer Gynt: Das soll mich wenig gramen. Ich kam nur, nach dir zu sehn.
Aase: Ja, da mag sich Kari schämen; Und ich kann in Frieden gehn.
PeerGynt: Du gehn? Wohin dich wenden?
Wer war's, der dir's gebot?
Aase: O Peer, es will sich enden. Das ist, das ist — der Tod.
Peer Gynt (schüttelt sich und geht auf und ab):
Ich ging mit den wilden Tieren;
Hier, Mutter, wähnt' ich mich frei. — Doch du zitterst, du scheinst zu frieren —? Aase: Ja, Peer, bald ist es vorbei.
Wenn meine Augen gebrochen, So drücke mir sanft sie zu, Und bette die alten Knochen In den Sarg zu langer Ruh'. Doch lass' ihn auch hübsch mir malen; Nur freilich —
PeerGynt: O mach mich nicht weich.
A a s e: Es fehlt wohl zum Bezahlen
Am Besten. — (Indem sie sich unruhig in der Stube umsieht.) Was nehmen wir gleich? ., , t
Peer Gynt (hart): Ich we,ß, ich hab es verschuldet, — Was gemahnst du mich daran?
Aase: Nein, schlimm, daß ich es geduldet, Da das Schlemmen und Sausen begann. Du warst ja betrunken, Junge! Wer tut da, was er soll?
So kam's zu dem Renntiersprunge — Natürlich! Du warst toll!
Peer Gynt: Du meinst das wilde Gebaren Am (Senken und all das Tun;
Wir wollen die Sache uns sparen, Bis morgen mag sie ruhn.
(Er setzt sich auf die Kante des Bettes.) Laß, Mutter, uns ohne Zaudern Erwägen, was sich schickt, Und recht gemütlich plaudern, Vergessend, was uns drückt. — Ei, seht doch, der alte Kater, Ich glaubt' ihn schon lange tot?
verlassen. , I
„Um—wenden?", rief die Frau. Hob ihre gefalteten Hande himmelan. I Ließ sie gelobend niederfallen. Mitten auf die nach mühsamem Suchen von ihr gefundene Seite. Dorthin, wo geschrieben stand: „Ralph Mul- 1 nant), geboren am 30. Juli 1889 zu Wye, Bezirk Canterbury; gefallen I am 20. Oktober 1914 zu Langomarck in Belgien."
Da die stumme Antwort der knienden Frau keine Mißdeutung zu- I ließ, packt« der Soldat sie beim Arm und zerrte -die mit allen Kräften I Widerstrebende aus der Scmkt-Michaels-Kapelle. Dann verrichtete er I seinen Dienst. Nicht völlig nach der Vorschrift. Weil die Turmuhr schon I geschlagen harte, ging er nicht auf die Schwelle zurück, um $u prüfen« I fieren. Er begab sich vielmehr unvermittelt zu dem Gedenkbuch mit den I lechstausendfünshundertundeinundzwanzig Namen. Wandte die <mfge- I schlagens Seite um. Schrieb die Nummer der neuen Seite auf ein schwarz« I gerändertes Dienstblatt, das dem Abgesandten -des Kent-Regmientes mit I dem silberbeschlagenen Kommandostab zugleich allmorgendlich ausgehän- I digt wurde. Verließ die Sankt-Michaels-Kapelle. Vergaß auch nicht, die I Gittertür zu verschließen, den Schlüssel abzuziehen und einzustecken. I
Als der Soldat wenige Schritte durch das Dunkel des Seitenichmes ! der Kathedrale gegangen war, stieß sein Fuß an ein Hindernis. Ein I Schrecklaut entfuhr ihm. Auf den Steinsliesen lag ein Mensch. Eine Frau. 8 ffir bückte sich zu ihr nieder. Es war die aus der Sankt-Michaels-Kapelle I Hinausgeworfene. Der Soldat lief zum Sakristan und berichtete ihm das i Dorgefallene. „Tot?" fragte -der Kirchendiener. Das habe er nicht fest- I gteilt, antwortete der Soldat betroffen. Doch glaube er es wohl. Der |
lkvistan eilte in die Kapelle.
Gegen feine ursprüngliche Absicht folgte der Soldat.
Aber die Fran atmete. __ . „ I
Der Soldat straffte sich, händigte dem Domdiener den Kapellenschlüssel aus und überließ ihm die Fürsorge für die Zusammengebrochene.
Sobald die schwarzgekleidete Frau wieder zum Bewußtsein getommen roar wollte sie — um eines Namens willen — zu dem Buch mit den mehr als sechstausend Namen zuruckkehren. Aber der Sakristan war weder -durch gute Worte noch durch Geld zu bewegen, das Gitter von Neuem aufzuschließen. So mutzte die Abgewiesene noch am 20. Oktober von Canterbury nach Wye zmmckwandern.
Als der Soldat dem Kommandeur des Kent-Regimentes rapportierte, daß der ihm erteilte Befehl ausgeführt und das Buch in der Sankt Michaelskapelle ordnungsmäßig eine Seite weitergewendet sei, schrie der ihn an: „Lüge!" und bewies die Unwahrheit des Rapportes durch die Seitennummer auf dem Meldeblatt des vorhergehenden Tages. Dem Soldaten blieb nur übrig, den Zwischenfall am Betputt zu gestehen.
Der Kommandeur legte Gala an. Begab sich m die «ank, Michaels- Kapelle Senkte vor dem Buch mit den sechstausendsünfhundertundelnund- zwan-üq Namen der Gefallenen des Kent-Regimentes, zur Sützie für das an ihm begangene Unrecht, den Degen. Wandte höchsteigenhandig ferne Blätter um. Bis endlich die rechte Seite zutage lag. Dann begab sich der Kommandeur zu dem Erzbischof. Und es wurde vereinbart daß — zur ungestörten Durchführung des Erinnerungsdienstes der täglichen Blatt- wendung — künftighin das Gitter der Sankt Michaels-Kapelle anher den Sienem der Kirche — nur noch den legitimierten Abgesandten des Kent-Regimentes sich öffnen solle; daß indessen den Angehörigen der Gefallenen, damit sie den berechtigten Bedürfnis! en ihres Herzens Genüge tun könnten, vor dem Gitter der Sankt Michaels-Kapelle ausreichende Gelegenheit geschaffen werden müßte, bequem und säuberlich zum Gebet niederzuknien. _
So ist denn seit Jahren schon die Umwendung der S atter des Ge- d'nkbuches in der Sankt Michaels-Kapelle Canterbury nach jener Weise, von welcher zahlreiche Zeitungen mit Ergriffenheit berichteten, Morgen
für Morgen ohne Störung verlaufen, wird weiterhin — nun längst nicht mehr um der Tönung des lichtempfindlichen Pergamentes, sondern um der Erinnerung willen — ohne Störung ihren Fortgang nehmen.
Jene kümmerlich gekleidete Frau, welche den sinnvollen Erinnerungsdienst am Morgen des 20. Oktober 1919 gefährdete, weil sie nicht an ein kostbares Buch, sondern nur an einen Menschen dachte, jene Mutter, die sich nicht an die sechstausendfünshundertundzwanzig Gefallenen des Kent-Regimentes erinnerte, sondern nur an den Sechstausendfünfhun- derteinuildzwanzigsten, der ihr Sohn war, hat ihr Vergehen nicht wieder« holen können. Sie ist nm Abend des 20. Oktober 1919, eine halbe Stunde Weges vor Wye, im Straßengraben gestorben.


