SiehMrZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger
Jahrgang \92l Samstag, den l8.Iuni Nummer 48
3m Schein der Geschichte,
Non Johann Gottfried Herder.
Flamm' auf, du Acht der Zeiten, Gesang! du strahlst
Vom Angesicht der Vergangenheit und bist
Mir Fackel, meinen Gang dort fürder
Zu leiten! Dort, wo die Zukunft graut,
Wo ihr Haupt der Saum der Wolke verhüllt, wo Erd' und Himmel Sich weben, als wär' es eins!
Denn was ist Lebenswissen! Und du
Der Götter Geschenk, Prophetengesicht, und der Ahnung Borsingende Zauberstimme!
Mit Flammenzügen glänzt
In der Seelen Abgründen der Vorwelt Bild
Und schießt weit über weissagend starkes Geschoß
In das Herz der Zukunft. Siehe, da steigen
Der Mitternacht Gestalten empor! Wie Götter aus Gräbern empor, Aus Asche der Jugendglut, die Seher! Sie zerreißen Mit Schwsrterblitzen das Gewölk! Sie wehn
Im Blick durch die sieben der Himmel und schwingen sich herab!
Dann liest der Geist in seines Meers Zauberspiegel die Ewigkeit.
Bildnis der KKifsrin Konstanze-
(1154—1198).
Von Albert H. Rausch.
1. Darstellung.
Konstanze, die nachgeborene Tochter des großen normannischen Königs Roger II. war die einzige rechtmäßige Erbin des sizilisch-apulischen Reiches, nachdem es sich erwiesen hatte, daß die Ehe ihres Neffen, des regierenden Königs Wilhelm II., kinderlos bleiben würde. Zwar lebte noch ein anderer Neffe, Tankred von Lecce, der Sohn ihres verstorbenen Stiefbruders, des Herzogs von Apulien. Aber Tankred war unehelicher Geburt, also von der Erbschaft ausgeschlossen. In einer unbegreiflichen Starrheit hatte der sonst so weitsichtige und menschliche König Roger II. sich geweigert, die Verbindung des Herzogs von Apulien mit einer durch ihre Schönheit berühmten Geliebten aus altem Adelsgeschlecht in eine rechtmäßige Ehe zu verwandeln: ja, er hatte sich einem solchen sanktionierenden Schritt — offenbar, da es sich um seinen Erstgeborenen handelte, dem er zu einer politischen Heirat ausersehen hatte — mit aller Gewalt widersetzt und sogar die Liebenden zu trennen versucht. Aus dieser Hartnäckigkeit ent- j sprang der Untergang seiner Dynastie und seines Reiches. Denn wäre Tankred, sein Enkel, unzweideutig rechtmäßiger Erbe von Sizilien und Apulien gewesen, so würde wohl niemals der mehr als durchtriebene Barbarossa beim kinderlosen König Wilhelm II. um die Hand der Erbin Konstanze für seinen Sohn Heinrich VI. angehalten haben. Die normännische Dynastie hätte sich in gerader Linie.fortgepflanzt, zumal Tankred zwei Söhne mit seiner rechtmäßigen Gattin, der Gräfin von Acerra hatte, und dem blühenden Reich wäre die furchtbare Vergewaltigung erspart geblieben, die noch heute den Namen Heinrichs VI. mit Fluch und Abscheu unter dem Volke belädt und auch durch die milde und liebevolle Herrschaft Friedrichs II., Heinrichs Sohn von Konstanze, nicht vergessen gemacht werden konnte. Die Eroberung Siziliens, das keinen fremdblütigen Herrscher wollte, durch Heinrich VI. ist, neben der Vergewaltigung der Lombardei durch Barbarossa, das trübste Buch in der hohenstaufischen Geschichte.
Konstanze war, als letztes, nachgsborenes Kind des großen Roger, im Jahre 1154 zur Welt gekommen. Ihre Kindheit fiel also in die Regierung ihres Bruders Wilhelm L, der schon 1166 starb, ihre reifere Jugend unter die Regentschaft ihrer Schwägerin, der Königin-Witwe Margareta, einer geborenen Prinzessin von Navarra. Außerordentliche Wirren kennzeichnen die Jahre dieser Vormundschaft, während derer Stefanus von Perche, Günstling und Liebling der Königin-Mutter, das Amt des Großkanzlers innehatte. Die Partei der normännischen Großen wollte von diesem Ausländer -- er war Franzose — nichts wissen, und ruhte nicht eher, als bis er beseitigt und zur Rückkehr in seine Heimat gezwungen war. Auch Pierre von Blois, Freund des Stefanus und Erzieher des jungen, kaum sechzehnjährigen Wilhelms II., verschwand mit seinem Landsmann. Die Schilderungen, die er nach seiner Abreise über die Parteizwistigkeiten am Hofe von Palermo gab, mögen übertrieben und als von „ressentiments" durchsetzt erscheinen: Sie lassen jedenfalls erkennen, daß die Stellung der Dynastie innerhalb der verschiedenen Parteiströmungen schwierig war und nur eine sehr starke Faust oder ein sehr kluger Kopf die ewig untereinander verfeindeten Adelsklüngel zu zügeln vermochte.
Die normännische Nationalpartei hatte ihren Führer in dem Groß- ">nzler Matthäus- Ajellus, demselben, der eine bedeutsame Rolle bei der
Vertreibung des Stefanus von Perche gespielt hatte, und nun, nach dessen Sturz, das wichtigste Amt des Staates in Händen hielt, die Freunde der Hohenstaufen dagegen scharten sich um den Erzbischof Walter Offamilio (Walter of the Mill), einem geborenen Engländer. Niemand so sehr wie dieser letztere befürwortete vor dem König Wilhelm II. die Ehe der Son- stanze mit Heinrich VI.
Da er die Zerrissenheit des sizilisch-apulischen Parteiwesens aus eigner Erfahrung kannte, sah er in der Vereinigung der normännischen und ghibellinischen Krone die einzige Möglichkeit, dem Reich gegen die ununier- brochenen Umtriebe der Barone ein geordnetes und fruchtbares Weiterbestehen zu sichern.
Die Werbung Barbarossas um die Hand der Prinzessin Konstanze für seinen Sohn Heinrich erfolgte im Jahre 1185. Es war ein harter Kampf, welcher von dem deutschfeindlichen Kanzler Ajellus, einem leidenschaftlich bewegten Lateiner, und dem hohenstaufenfreundlichen Erzbischof Offamilio um das Rein oder Ja des Königs ausgetragen wurde. Der Erzbischof siegte, und Wilhelm gab seine Einwilligung zu der Ehe. Heinrich sollte nur die Nolle des „Prinzgemahles" spielen, wie in dem Ehevertrag festgesetzt wurde, die sizilischen und apolischen Feudalen wurden dazu gebracht, das Abkommen zu beschwören. Wilhelm !I. war im Jahre 85 einunddreißig Jahre alt. Wer konnte, als das Schriftstück aufgesetzt wurde. Bannt rechnen, daß er schon vier Jahre später sterben würde?
Auch Konstanze willigte in die Pläne des Kaisers und des Königs ein. Die Hochzeit wurde am 27. Januar 1186 mit außergewöhnlichen Pomp in der Kirche St. Ambrogio zu Mailand gefeiert.
Drei Jahre vergingen ohne besondere Geschehnisse. Nach dem Tode Wilhelms II. (1189) aber ereignete sich folgendes in Sizilien:
Der Grohkanzler Matthaus Ajellus, der schon die Heirat der Prinzessin Konstanze mit Heinrich verhindern wollte, berief die Feudalherren nach Palermo und setzte ihnen auseinander, daß die Anerkennung der hohenstaufischen Rechte ein Ding der Unmöglichkeit sei. Wenn man den Großen vor drei Jahren auch den Eid a&gerungen, die verhaßte Verbindung anzuerkennen und sich der gemeinsamen Herrschaft des Paares zu fügen: so habe natürlich, wenn es um das Wohl des gesamten Reiches gehe, ein solcher Eid nicht die geringste Bedeutung. Don jeher habe außerdem der Normanne das Recht aus- geübt, sich feinen König nach Gutdünken zu wählen. .Und von diesem Recht wolle man nun um so mehr Gebrauch machen, als der zu erwählende König ja niemand anderes sei als jener Tankred von Lecce, der rechtmäßige, wenn auch uneheliche Erbe der Krone. Wolle man eine zum Regieren unfähige Prinzessin, wie Konstanze, welche sich auf die Veite der Landfremden schlage, einem durch seine Tüchtigkeit anerkannten und edlen Manne vorziehen?
Gr erreichte, was er wollte, denn er hatte das ganze Volk und die Großen für sich. Die warnende Stimme des Erzbischofs Offamilio. der auf den Eidesbruch und seine schweren Folgen Anwies, wurde nicht gehört.
Tankred hielt mit seiner Gemahlin Sibylle und seinen beiden Söhnen Roger und Wilhelm, seinen Einzug in Palermo, wo er im Januar 1190 gefront wurde. Damit war der Anlaß zum kriegerischen Eingreifen des Kaisers gegeben: und die ersten feindlichen Ereignisse liehen nicht mehr lange auf sich warten.
Sofort nach der Krönung Tankreds von Lecce hatte Heinrich Anstalten getroffen, die Unbotmäßigkeiten der apulischen und sizilischen Großen, die ihren Eid gebrochen hatten, zu bestrafen. Da er im Frühling 1190 noch nicht das Heer zusammen hatte, dessen er zu einem solchen Zuge bedurfte, sandte er zunächst einer seiner Statthalter
den tuskischen — zur Eröffnung der Feindselgikeiten voraus. Unter Schandtaten wird einer Art der Kriegführung, die den kaiserlichen Namen im ganzen süditalienischen Land verächtlich machte, marschierte das Heer vor, muhte aber den Rückzug antreten, als es von tödlichen Seuchen befallen wurde. Die Normannen, unter dem Grafen von Acerra, blieben Sieger. Gott selbst schien für sie Partei ergriffen zu haben, als er die Krankheiten ausbrechen ließ. Gott schien zum zweiten Male fernen Willen kundzutun, als er dem Heere, das Heinrich selbst ein Jahr später über die Alpen führte, in Apulien ganz das gleiche Schicksal bereitete. Auch nun war Umkehr nötig — mochte auch in Apulien hie und da eine Besatzung bestehen blechen. Während dieses Feldzuges nun, auf dem die Kaiserin ihren Gatten begleitete, da vor seinem eigentlichen Beginn die Krönung des Paaves in Rom stattfinden sollte (und auch stattfand), trat das Ereignis ein, das besondere Beachtung verdient: Die Bewohner von SÄltztzw hakten der Kaiserin ihre Stadt zum Aufenthalt angeboten, mn ihr während der Belagerung von Neapel bas Derweilen Bei dem verseuchten Heere zu ersparen. Heinrich nahm die Einladung an, und Konstanze verbrachte viele Wochen in der Stadt. Äls nun der Kaiser Anstalten zum Aufbruch nach Oberitalien traf, m»d seine Gemahlin abholen lassen wollte, lieferten die Salernitaner sie an dein König Tankred von Sizilien aus, offenbar in der Absicht, sich deffen Der-


