, Zugegeben", unterbrach mich die Wanze, wobei sie kokelt ihren reh- braunen Körper dehnte,de gustibus non est disputandum. Sie smdea uns unschön, ich persönlich wiederum nrag kurzsichtige, dicke Herren nicht (jetzt bemerkte ich, d!ch ich mit einem jungen weiblichen Wesen sprach), S,e können sich stundenlatig vor dem Affenkäfig belustigen, und wir sind stolz darauf nichts Menschenähnliches an uns zu haben. Wir fmb mit einem Worte GellertsOriginalgenies". Aber, -halten wir uns nicht zu lange beim Aesthetifchen auf ich habe es zwar nicht so eilig wie Sie, die Gründe Ihrer Abneigung gegen uns müssen doch wohi tiefer liegen.

Allerdings. Es gibt gewichtige Gründe gegen Ihre Existenz, ant­wortete ich ernst und fuhr gleich schweres Geschütz aus:Sie saufen Un^2(Herbinqs," entgegnete meine Partnerin,Blut ist ein ganz befon- derer Saft." Dies Goethewort gilt auch hier. Es fragt sich nur, wie man es auslegt. Sie find Deutscher, wie ich annehmen darf ich nickte be­jahend, und als Sohn des klassischen Landes der Ausleger werden Sie loyal genug fein, meine Auffassung unserer Bluttransplantation an­zuhören. Datz wir Ihr Blut saufen, ist doch wohl nur eine Redensart. Sie neben zu: wir nippen nur, so wenig, daß von einer Verringerung Ihrer Blutmenge nicht im Ernste die Rede sein -kann. Was nun aber für mich entscheidend ist: Sollten Sie uns nicht gerade lieben, weil wir uns von Ihrsm Blute nähren, weil wir Blut von Ihrem Blut sind? Sind wir nicht außer dem Floh, mit dem mir eine Arbeitsgemeinschaft haben die köstlichsten Tiere, weil wir uns von dem Köstlichsten nähren, dem Menschenblut? Der Gedankenvorgang ist kühn, aber, mein Herr, ist er lliC$3ch war über diese neue Blutsverwandtschaft fo verblüfft, daß ich gleich auf das zuletzt gehörte Argument loshieb und herausplatzte:Aber Sie freffen ja auch allerhand Schmutz und verpesten damit unser Blut!

baute de mieux, mein Herr. Man muh immer Kompromisse schließen. Aber halten Sie sich an die von mir entwickelte Idee der Wanze."

Eben da hapert es. Ich sehe gar keine physiologische, geschweige denn ethische Berechtigung, aus Grund deren eine Wanze mit oder gar von einem Menschen lebt."

Sie werden doch nicht etwa", wurde ich schon wieder von der nervösen Person unterbrochen,eine Theodicee entwickeln wollen? Stellen wir uns doch auf den Boden der gegebenen Tatsachen. Was da ist, ist eben da, und nur damit haben wir zu rechnen. Wir sind natürlich keine Arbeitstiere, nicht im gemeinen Sinne wenigstens. Wir vertilgen zwar etwas Unrat, aber Sie haben recht: diese Arbeitsleistung steht in keinem Verhältnis zu dem Vergnügen, das wir uns leisten. Wollen Sie etwa, mein Herr, mit dem Schöpfer darüber rechten, daß er uns mehr Begabung verlieh für die Freuden dieses Daseins als für die Arbeit und Plackerei? Wir sind Amü­sierte,konsequente Hedonisten", Epi-kuräer. Lassen Sie sich gesagt fein, Herr, die Welt arbeitet viel zu viel. Nehmen Sie uns als Muster: Mehr Sonntag! Mehr Freude! Es lebe das Leben! Eheu, Bacclie!"

Schüchtern unterbrach ich diesen Hymnus der zweifellos humanistisch gebildeten Wanze mit der Bemerkung: ich könne doch einen verdienftlosen Hedonismus aus sozialen Bedenken nicht anerkennen. Aber nun wurde die Sackte geradezu peinlich. , _ .

Höhnisch, mit der eisigen Schärfe des Ueberlegenen sprach die junge Akademikerin:Soziale Bedenken! Ich mutz gestehen, mein Herr, Ihrem Aeußern nach habe ich Sie für einen modernen Menschen gehalten. Und nun diese bieberm-eierifchen Sentiments! Ja, Herr, leben Sie denn auf dem Monde? Existiert denn die moderne Moralwissenschaft feit Nietzsche nicht für Sie? Ist es denn verzeihen Sie unter Gebildeten überhaupt noch fraglich, daß die plumpe, dumpfe Masse nur als Untergrund gewertet werden muß für die Großen, für die Sonnengeschöpfe, die sich in genieße­rischem Juoel darüber erheben!Soziale Bedenken!" Mein Herr, chliehen wir die Debatte. Eine Verständigung zwischen uns ist mcht

Sie hätten die Apologie der Wanzen schreiben sollen", sagte ich.

Die Wanze seufzte:Es sollte mein Lebenswerk werden, mein Herr. Ich hatte schon einen Verleger, und Bayros wollte die Luxusausgabe illustrieren. Aber:Was sind Hoffnungen, was Entwürfe!"

Was find Entwürfe", verbesserte ich als Germanist von Fach.

Ganz recht! Was sind Entwürfe. Der Bers wäre ja fönst unvoll­ständig", versetzte sie leichthin.

In der Voraussicht, daß diese ganze Aussprache nut einem Siege der modernen Weiblichkeit enden könnte, schloß ich den Dialog:Mein Fräu­lein, ich schenk« Ihnen Leben und Freiheit. Bitt« entfernen Sie sich, denn nach Ablauf von fünf Minuten wird dies hier wieder Kampfgebiet sein.

Die kleine Wanze nickt« leicht mit dem Kopfe, sprang nach kecker Backfischart mit zwei Beinen zugleich von ihrem Sitz empor und sagt«: Ich danke Ihnen, mein Herr, und nehme Ihr Geschenk an, denn ich habe die Pflicht, mich den Freuden des Daseins zu erhalten. Sie werden genug naturwissenschaftlich gebildet sein das klang etwas spitz, um ein­zusehen, daß ich natürlich weiterleben werde wie bisher, meinen Lebens­stil wahre."

Dann wandte sie sich um und ging. Vor meinem Spiegel machte sie noch halt, warf schnell einen Blick hinein und zupfte an ihren Fühlhörnern herum. Ich drehte mich um, um ihr die Flucht zu erleichtern. Als ich nach ein paar Sekunden wieder hinschaute, war die gebildete Wanze ver- fchwunden.

Ich nahm meine Reclam-Ausgabe von StirnersEinzigem und ging damit wieder auf die Jagd.

Lisbschwestern.

Von Hans Friedrich B l u n ck.

Einmal, es ist schon sehr lange her, haben Frau Holle und der Südwind sich sehr lieb gehabt. Der unstete Gesell hat die schöne Frau indes bald wieder verlassen und ist über alle Wälder von bannen gegangen, gerade, als die Mutter unter Wundern wohl dreißig kleine Mädchen auf einmal gebar und im Korb wiegen wußte. Die Mädchen waren jedoch so^zart und fein, daß bald wieder einige von bannen gingen, und die arme yrau erkannte, haft ans Wind und Sera kein bleibendes Leben wird.

Traurig ist sie um die kleinen flatternden Kindlein gewesen, die so schon und so klug und so schwesterlich miteinander waren, daß die Mutter Tag und Nacht nachfann, wie sie die andern wohl norm Sterben wohl noch eine Weile bewahren könne.

Es hals aber alles nichts, eines nach dem andern verlieh sie; endlich waren nur noch einundzwanzig von den Geschwistern übrig. Und weil die Kleinen doch so fröhlich waren und sich so lustig erzählten, was sie alles noch in ihrem jungen Leben wollten, hatte Frau Holle Mitleid mit ihnen und schickte sie noch einmal auf einen Tag m die Welt hinaus, um e'n Sa eiiefUbie ^einVmit einem Hasenbengel um die Wette, eine andere geriet in den traurigen Himmel der Hagestolze und wurde ganz mürrisch angeschaut, eine dritte kam in Herrn Donnerstags schmiede und spielte mit den rothaarigen Feuerhähnen. Die Jüngstgeborene aber, di« Duweke hieß verirrte sich zu den Menschen. .

V Es war fo um bie Mittagszeit, als fie unter vielen, vielen Blumen 'n einen großen Gutsgarten geriet. Es hatte schon gelautet, und die Menschen waren eilig zum Essen gelaufen. Ein junger Gartner nur hatte so emsig zu tun, er hatte die Glocke nicht gehört, saß auf einem Hyazinthenbeet und suchte die Blumen heraus, die nicht hatten wachsen wollen.

Wie der Bursche nun aufschaute, stand auf einmal em kleines, feines Mädchen vor ihm und sah ihm aufmertfam zu. Er wurde verlegen vor solch' lieblichem Geschöpf, zog höflich den Strohhut und fragte, nur um etwas zu sagen, ob er die Blumen so recht gefetzt hatte.,

Wie heißen die denn?" fragte Duweke. Derlei wuchs ja nicht in ihrer Mutter Wald. Und eh -der andere noch geantwortet hatte, fuhr fte fort. " 4ein f bie Hyazinthen dufteten damals noch nicht. Der Gärtner schüttelte traurig den Kopf. Es tat ihm leid, daß er nein sagen muhte. Wer bist du denn?" fragte er,daß du das mcyt weißt? Gehörst du zu unserm großen Herrenhaus, oder bist du eine aus dem Wald?

Nun "Duweke wußte nicht, was ein Herrenhaus war, sie wies mit der Hand in den Wind, mit dem sie gekommen war. Ader den Kops wandte fie habet nicht. Sie mußte beständig den Gartner anschauen, er hatte solch frisches braunes Gesicht und lachte so freundlich, am üebften roare S.iroete lelbft in seiner Hand gewesen, geradeso wie die Blume,, die er zart und behutsam wiegte und die doch auch gewiß sehr glücklich beichm sE Muhte

Warum duften die Blumen doch nicht? fragte Duweke. Bei ihrer Mutter war alles Wohlgeruch und Klingen.Warum pflanzt du sie denn

iibe.ha pt. ausschauen. Sieh sie dir doch an!

Er lachte wieder und reichte ihr eine hinüber. Aber Duweteblicktefi, an und wagte sie nicht zu nehmen. Ihr war nur als mußte es wunder diön sein von diesem Burschen lieblich genannt und sorgsam getrag ... tuerben sie wollte die große Freude der Blühenden nicht stören.

311 HM du Mumm so gern?" fragte sie aufschauend und trat habe, näher. Sie hätte wissen mögen, woher -das Blinken kam, das dem Biiriä-en hinter den Singen faß.Haft sie fo gern?" fragte( Ü e umlangend.

Da flog ein Lachen über des Gartners Gesicht, " g"!f MNk nacy Duwekes Hand.Aber dich könnte ich noch lieber haben, folch fernes Si®ierobati,Ubiebiar'me Duweke sich erschrocken! Nie halte sie, gedacht, daß ein Mensch so keck fein könnte. Mit einem leisen fchrei 'st sie zumck gesprungen. Aber sie ist noch nicht geflohen, einen Augenblick wollte si« "^Da^klmw vorn Herrenhaus die Mittagsglocke zum zweiienmah etwgp für bie Nachzügler. Der Gärtner erschrak.Da komm« ich «muß * inät" rief er der Baas wird schön schelten. Aber hör,Habchen, komm heut abend wieder, -da hab ich viel Zeit! Kommst auch sicherlich.

;,3d)r weitz^nichE"Kurorte nickte verlegen, nein wagte fte nicht $U Stommft schon, ja?" lachte der Bursche und lief in langen Sprich. ^"'C^leimWäWn'aber schwang sich flugs in ben Wind und fuhr mie ein Vogel zu Frau Holle heim. Herzklopfen hatte e vor ihrem £»en Versprechen. Da waren auch schon die andern Schwestern und hatten etwas Seltsames erlebt und erzählten aufgeregt von Himmel unb ~ief unb von Busch und See. Aber feine einzige hatte ein so wunderliches Abenteuer wie Duweke hinter sich. Nein, als die zu Ende erzählt hat , sagten alle zwanzig mit feinen Stimmen, bas mußten fie felgen,unS>f(aA wollten zum Abend bestimmt daheim fein. Einen Gartnerbursch wolltep sie auch kennenlernen. Dann sanken ihnen bald bie Kopfe auf die Brust, fo müde waren sie von dem weiten Flug. . @

Frau Holle aber, die sie fo sehr behütet hatte, !purte, wie die Krasie der Zarten von dem Ausflug mitgenommen waren. Ach, sie wußte kaum, wie viele noch bis zu dem grotzm Garten fliegen, geschweige denn dm nächsten Morgen erleben würden. Weil sie ihr aber so bitter letb tat in ihrem Jungmügbetuin, sann sie nach, wie sie ihnen em Gluck zu ersten vermöchte Und sie schuf eine Blume, die sah aus wie eine Hyazmth . dN ber Gartner gepflegt hatte, viele kleine Blüten tat sie daran. Und sie ncf ihre schlafmüden Kindlein alle Susammen, bettete, eine jede ini ber kleinen Glocken hinein, zu alleroberft aber die kleine DuMke Dann gab sie ihnen vom Duft aus dem Berg mit und eilte mit der Blum« und den Kinderchen zum Herrenhausgarten, wo der Gartner, Duweke entb hatte. Vorsichtig pflanzte sie die wippenden Bluten mitten ms Beet, es waren die schönsten von allen. Unb als der erstaunte Gartner zum auf das Wundevmädchen wartete, sah er bie neue Blinne, vernahm, ihren Duft und vergaß alles, was er vorhatte, stand nur die ganze Ze > ber Schlummernden und streichelte sie unb freute sich wie em König an 'em©o^nb9jene Frauhollentöchter dazu gekommen bei dem Gärtner bleiben, unb es find viele neue Blumen aus ihnen bewachsen. schwestern wollen wir sie nennen und ihrer Einfalt denken und Frau Holl- dankbar fein, daß sie ihr« Schönheit und ihren Duft den M inte schenkte.

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Kur! liehe ber vers auf Kur fahr