- Druck und Berlag: Brühl sche AniversitStS-Buch- und Steindruckerei. ».Lange, Gietzen.
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot.
Der alte Landauer war ebenfalls eine schöne, erreichte technische Form, die ungefähr ein Jahrhundert lang feststand und sich nicht mehr ändern konnte. Die ersten Automobile wirkten daneben unbeholfen, abstoßend und komisch. Es waren naive Kreuzungen zwischen Pferdewagen und Benzinmotor, es waren Vorformen und Zwischenstufen zugleich! Wie simtvoll, wie ruhig, möchte ich sagen, wirkt daneben das moderne Auto mit seiner erreichten Form, die seit etwa 10 Jahren im wesentlichen feststeht.
Die ersten Aeroplane (von 1908) sind typische Vorformen. Man wußte sozusagen noch nicht, was Lust ist, als man sie baute. Man nahm einen Stuhl, setzte ihn auf eine Tragfläche und montierte auf ihr einen Motor. Und flog' im Straßenpaletot und Kuppelhut. Wenn man damit die sinnvolle Fisch- und Jnsektensorm unserer heutigen Flugzeuge vergleicht, so erscheinen diese uns weit natürlicher und organischer als jene Pionierformen. Aber hat die Natur nicht auch in ihrem Entwicklungsgänge solche abenteuerliche Pionierformen, solche organische Zwischenstufen erschaffen? Auch dort waren es organische Revolutionen, die den machtvollen neuen Lebenstrieb ungestüm in abenteuerlichen Formen hervorbrechen ließen, worauf dann die Wirklichkeit sozusagen begütigend eingriff und die lebens- fähigere Erfahrungsform geschaffen wurde. Die Pionierformen aber, die Zwischenstufen sind fast alle untergegangen: — Erfinderschicksal!
Die Entwicklung der Technik bringt es mit sich, daß die allgemein« Planmäßigkeit des Lebens immer mehr zunimmt. Und wir sehen, daß uns heute nur jene Formen wirklich gelingen, wo — wie bei der Maschine — der praktische Leistungsanspruch hart und unerbittlich ist. Daher entstanden in der Architektur wirklich neue Formen zuerst einmal bei den Nutzbauten: unsere Speicher, Fabriken, Silos und Wassertürme tragen als erste wahrhaft modernes Gepräge. Aber allmählich rückte man auch an das Wohnhaus heran. Doch dort war die Leistung nicht so eng umschrieben wie z. B. beim Silo, sondern sie mußte jene Welt umspannen, die in dem Worte „Heim" beschlossen liegt! Aber so weit sind die modernen Architekten nicht, und sie können es nicht seiry weil wir in einer notvollen Uebergangszeit leben und uns nicht den Luxus der Persönlichkeit leisten dürfen. So liegt eine wertvolle Ehrlichkeit in ihrem Verzicht auf das individuelle Ornament: Die Architekten ziehen eine ehrenhafte Armut einem erlogenen Reichtum in der Baukunst vor. Daher ist das Wort „Wohnmaschine" gegenwärtig Schlagwort geworden. Auf wie lange, wird die Zeit lehren.
Und damit kommen wir auf eines der wichtigsten Probleme unserer Zeit: auf das ganz veränderte Verhältnis des einzelnen, des Individuums, zur Gemeinschaft. In früheren Zeiten kreiste zwischen Individuum und Gemeinschaft ein fruchtbarer Strom: Das Individuum verdankte alles der Gemeinschaft und die Gemeinschaft alles dem Individuum. Demgemäß be- saß die Kunst die volle Sicherheit handwerklicher Tradition, sie war Handwerk! Und das Handwerk besaß individuelle Freiheit, es war Kunst! Doch dann schob sich die Technik isolierend dazwischen: die Kunst verlor ihr Handwerk und wurde schrankenlos individualistisch, das Handwerk aber verlor die Kunst und wurde industrielles Masienerzeugms.
Das auffälligste Symptom dieser Krise bestand in einem sofortigen Schwinden der Gestaltungskraft — und damit der Schönheit! Und alles begann nun nach Schönheit zu rufen. Die Schönheitsdurstigen flohen in die Natur, in vergangene Jahrhunderte, denn die (Begenroart schien ihnen häßlich geworden; sie wurden ästhetisch, sie wurden snobistisch und vergaßen, daß Schönheit sich nur dem schenkt, der die Gestalt will, und gar nicht dem, der unmittelbar nach ihr schmachtet. Unterdessen bauten die In- genteure ihr Teufelswerk, ihre Maschinen munter und unverdrossen weiter, ohne sich an die Entrüstungsschreie zu kehren. Und ihre Maschinen wurden immer besser. Das ging immer weiter, bis sich plötzlich eine spaßhaft« Situation ergab: man rief nach der Schönheit, wie der zerstreute Herr nach seinem Hut, den er aus einem bestechend einfachen Grunde nicht finden konnte — weil er ihn nämlich schon auf dem Kopf hatte. Alles griff sich nach dem Kopf — ja richtig, wie h a t t e n sie ja schon, die Schönheit, unsere Schönheit: unsere Autos, Dampfer, Lokomotiven, Aeroplane, Brücken, Türme und Flugzeughallen waren dem Auge mit einmmal schön geworden; sie könnten froh sein: man hatte sie entdeckt.
Aber nur keine Uebertreibung, nicht jede Maschine, nicht jedes tech- nische Gebilde ist schön; und wenn es schön ist, so ist diese Schönheit doch von ganz anderer Art, als die Schönheit eines Kunst- ober Naturwerkes.
Solch eine Maschine ist schön, weil ihre Abmessungen, ihre Proportionen der wahrheitsgetreue Ausdruck für die Funktion jedes Gliedes sind; ein« Triebkraft bringt Formen und Proportionen untrennbar hervor, sie bient nur dem einen Zweck: der Leistung, und die Einheitlichkeit wirkt auf uns als Harmonie. Doch diese Schönheit spricht zu uns anders, als die des Kunstgewerbes. Im Kunstwerk spricht der Mensch zu uns, im Natur- werk der Schöpfer: ich kann mir schon vorstellen, daß einem Verzweifelten bas Gedicht „Heber allen Gipfeln ist Ruh" Ruh« einflößt — aber versuch« der Arme es doch, in solcher Stimmung sagen wir, einen Elektromotor ober eine Brücke aufzusuchen: er wird sich höchstens von ihr hinunter- stürmen! Denn in der Maschine ist das Ich zum Schweigen gebracht, nur di Gemeinschaft, die Masse spricht aus ihr, und darum wirkt sie ihrem Sti"'mungsgehalt nach pathetisch. Pathetisch wirkt sie auch vor allem durch ihre. Bewegung; so ein Maschinensaal am Sonntag erscheint neben dem werktätigen Montag tot und verdrossen.
Die „Künstler" dieser neuen Schönheit, die Ingenieure und Arbeiter, bleiben unbekannt und g< in der Masse unter. Wer weiß, wer den Dampfer „Commbus" gvb : hat? — keiner, sondern nur ein paar Eingeweihte! Aus der Maschinenausstellung heißt es nicht: diesen Wechselstrommotor entwarf Herr Dr.-Jnq. Sounbfo,;ifonbern es steht einfach ein Schildchen X—Ypsilon A.-G. — Das ist recht so, und es liegt darin em« gewisse Größe. Die Technik ist heute unser aller Angelegenheit: hier empfinden wir uns als Gemeinschaft und als Masse. Die Technik ist nun einmal unsere Zukunft und unser Schicksal. Darum sollen wir froh sein, datz wir sie zu sehen und verstehen gelernt haben: als Aeußerung einer uno derselben formenden Urkraft wie es Kunst und Natur sind. Uno gerat* im Vergleich mit diesen beiden uns vor Überschätzung wie vor Ber- achtung der Maschine hüten. _
und Statur. .
Wir staunen längst nicht mehr vor der Maschine, wie das neunzehnte Jahrhundert: wir streifen jedes der Tausende Autos, die an uns täglich vvrüberslitzen, mit einem fast unbewußt kritischen Blick — einem Blick, der es aus seine Schönheit prüft! Und finden wir einen schönen Wagen warten so bleiben wir gerne stehen und sehen uns ihn genauer an. Denn mir haben von vornherein die feste Uebergeugung, daß ein schöner Wagen auch ein guter Wagen sein muh.
Ein merkwürdiger Fall! Woher nimmt sich unjer Auge bas Recht, über höchst komplizierte technische Verhältnisse, von denen es keine Ahnung hat, so selbstsicher zu Gericht zu sitzen? — Gewiß aus einem tiefen Instinkt heraus, dem folgende Ueberlegung recht gibt: die Maschine wird gar nicht auf Schönheit, sondern auf Leistung, d. h. Zweckmäßigkeit hm gebaut Jede Maschine hat ihre Geschichte, ihren Werdegang, den sie allemal einhalt. Sie hat anfangs ihr abenteuerliches Stadium bis zur Schaffung der ersten lebensfähigen Type. In diesem Stadium ist die Maschine grotesk, ein erschreckendes Nebeneinander von Herz, Lungen, Muskeln und Knochen ordnen sich in Aufstellung und Proportion, und der Maschine fangt langsam allmählich eine „Haut" an zu wachsen, sie wird immer durchdachter und' übersichtlicher. Und schließlich tritt die Maschine in ihr drittes, ihr Endstadium: sie wird traft gewonnener Erfahrung, vereinfacht, normalisierst typisiert — sie hat eine „Haut", sie ist ein Körper sie ist schon. Erst j°tzt sind ihre Proportionen der wahrheitsgetreue Ausdruck für die zweckmäßigste Arbeit jedes ihrer Glieder geworden: so etwas nennt man Gestalt" — und Gestalt ist Schönheit! Mit anderen Worten: unser Auge hat r^t gehabt. Es versteht vielleicht nichts von Bosch-Kerzen, aber es hat seinen'Instinkt für alle lebendige Form. Es ist dasselbe wie mit den Pferden: ein „häßliches" Pferd kann immer noch ganz gut fein em „schönes" aber sicherlich nicht schlecht; m diesem „schon «st die Le i ftu ng bereits einbezogen. Das Ehrliche an der Schönheit der Maschine ist also, daß sie ganz ungewollt aus der Zweckmäßigkeit der Maschine entstanden ist.
Aber dieser Werdegang eines technischen Gebildes von der Vorform bis 3ur erreichten Form erfährt in vielen Fällen eine Komplizierung dadurch, baß ihr sozialer Zweck von einem anderen technischen Gebilde her übernommen wirb. So übernahm der Dampfer seinen Zweck nämlich die Kommunikation über bas Wasser, vom Segelschiffe, das Mito seinen Zweck vom Pferdewagen usw. Daher ist bei den meisten technischen Gebilden die Vorform zugleich auch eine Zwisehenstuf e5tPlifi)en Form und der noch nicht erreichten neuen. Das Segelschiff von 18v0 z. B. der berühmte „Teeklipper" — war eine vollendete, eine erreichte technische Form und sie hat sich bis heute in den paar modernen Seglern nicht wesentlich ändern können. Dem Teeklipper gegenüber erscheinen die ersten Dampfer mißgestaltet, unreinlich und unzweckmäßig. Es waren eigentlich noch aar keine Dampfer, sondern naiv« Kreuzungen zwischen Segelschiff und Dampfmaschine. Wie vollendet, wie endgültig wirkt daneben wieder- um 3. 93. der Dampfer „Columbus"! Das ist bereits eine erreichte Form, die seit einem Jahrzehnt nicht wesentlich, aber doch1 tn allen Einzelheiten fortwährend verbessert wurde, bis dieses Schiss möglich warb.
Da schickt die gütige Himmelskönigin eine Schar ihrer geflügelten Küchenfeen, die in vergnügter Geschäftigkeit den Heinzelmännchendienst leisten. Das Bild stellt ihre Ueberraschung durch Klosterbrüder mit fremden Gästen (wohl Porträts) bar. Eine deutliche Ueberleitung rum Bettelgenre geben die vortrefflichen Bilder von Armenspeisungen und Almosenverteilimgen, besonders durch den demütig-vornehmen, ein wenig bleichsüchtigen Thomas von Villanueva.
Was Murillo für weite Kreise berühmt gemacht hat, sind seine zum großen Teil in München befindlichen Bettler, Schlemmer, Läusefänger, Geldzähler, Würfelspieler, Blumenmädchen. Doch schon seit langem hat man wohlbegründete Zweifel an diesen Leistungen geäußert und sie in ihrer Stellung zu erschüttern gesucht. Man kann sich allerdings, besonders im Vergleich mit Adriaen Brouwer (im einzelnen ist dieser Vergleich nicht auszuspinnen, da es sich in Spanien um ein ausgesprochen großfiguriges, in Holland um ein klein figuriges Sengte handelt) des Eindrucks nicht verwehren, daß diese Stücke doch etwas allzusehr „verschönerte" und „salonfähig gemachte" Unappetitlichkeiten sind. Immerhin lehren sie uns Murillo als Stillebenmaler schätzen und verraten in den „Lockenden Schönen am Fenster" und dem Bösebubenbild, da der eine den anderen zum Spiel zu verführen bemüht ist, glücklichste psychologische Beobachtung.
Murillos Kunst ist wie die Raffaels der letzte, höchste Gipfel einer Entwicklung, der nicht überschritten werden dars, soll nicht ein jähes Absteigen folgen. 'Sobald Murillo nachgeahmt wurde, mußte das Ergebnis Ver- waschenheit, Lauheit, Kitsch werden. So wurde er ebenso unfreiwillig wie Raffael zu einem reichen Erblasser, auf dessen Schätzen ein Fluch ruhte.
Das Auge als KrMAer der Technik.
Von Sigismund v. R a d e ck i.
Ms Kind sah ich täglich an unserer Station eine herrliche Lokomotive vorbeifahren. Sie hieß „Reaumur" und schien mir ein gigantisches Wunder, das jeden Augenblick fürchterlich lospfeifen konnte. Dann tarnen andere Jahre, andere Eindrücke; ich hatte sie völlig vergeffen und auch vor Dampfpfeifen keine Angst mehr. Da ging ich einmal zufällig mit einem befreundeten Ingenieur die toten Gleise des Hauptbahnhofs entlang, wo allerlei verrostetes Gerümpel stumm auf den Abbruch wartete. Und sah plötzlich irgendeinen unscheinbaren, schäbigen Lokomotivinvaliden, der mir bekannt vorkam. Richtig, bas war sie, die alte „Rsaumur": verrostet, komisch, altmodisch — aber immer noch mit steif erhobenem Schornstem- halse ... Und ich muß sagen, daß mich dieser eiserne Greis damals so gerührt hat, wie später selten ein Mensch. Ich klopfte ihm auf die verrostete Schulter und ging schweigend weiter.
Seitdem weiß ich, daß die Maschine kein totes Dmg ist, sondern em eigenes Loben hat, daß sie nicht nur häßlich, sondern auch schon sein kann, nicht nur aebieterisch-pathetisch, sondeim auch rührend und stimmungsvoll — kurz, daß sie Ausdruck dos Lebens ist, gleicherweise wie Kunst


