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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang \92l Dienstag, den |5. Dezemder
Schnee.
Von Karl Nötiger.
Ein kühles, blaß gewordenes Licht Liegt nun gebreitet übers weite Feld Bis an den grauen Horizont. Sanft fällt Noch immer Schnee und hüllt die Dinge dicht Mit stillem Frieden. Alle Welt wird Traum In solcher Reinheit, alle Welt will nun Sich sanft verschließen. Und der große Raum Wird eng und klein. Weltseele will nun ruhn In großer Stille; Abgeschiedenheit Des weißen Friedens. Wie es leise fällt Aus nahem, grauem Himmel: hüllt und hält Uns eng und kühl die weiße Einsamkeit ... Ein Märchen wird der Raum und Traum die Zeit ...
Der unfreiwillige Weihnachtsmann.
Eine abenteuerliche Geschichte von James Hopper.
Larry O'Toole band den Sack mit der Beute zusammen, setzte den Fuß in den Bügel, knatterte eine letzte Einschüchterungssaloe aus seiner Büchse den Zug entlang und hielt plötzlich inne, weil ihn gerade, als er sich in den Sattel schwingen wollte, ein luftiger Gedanke packte. Ihm fiel ein, daß heute der 24. Dezember war.
„Vergnügte Weihnachten!" brüllte er gegen den Zug hin, „vergnügte Weihnachten, ihr Herrschaften alle miteinander in den Pullman- nxicjen.
Zuerst blieb alles still. Aber als er zum dritten Male seinen Weih- Nachtswunsch hinausschrie, klang hier und da aus den Wagen ein halb unterdrücktes Gelächter, das Kichern einer Frauen stimme, und darüber hinaus die wutheisere Stimme des Bremsers, der festgebunden auf dem Boden des Gepäckwagens lag. „Vemnügte Weihnachten, vergnügte Weihnachten!" riesen die Stimmen der Passagiere, und dazwischen grollte des Bremsers Wutstimme:
„Vergnügte Weihnachten, du verfluchter Dieb!"
Run gab Larry seinem Pferd die Sporen. Pinto, der Hengst, ging los wie in einer Explosion. Von allen vier Hufen zugleich flog der weiße Schneestaub aus, und bald war er mit seinem Reiter hinter "einem lang hingest reckten Gebüsch verschwunden. Sobald Larry außer Sicht war, brachte er Pinto in einen ruhigeren Trab. Er saß, sich leise wiegend, im Sattel und bedachte sorgfältig sein Unternehmen. Die Lokomotive war vom Zug losgekoppelt und mindestens drei Meilen weiter gefahren. Der Draht war durchschnitten, die Luftbremse zerstört, und -die nächste Station lag zehn Meilen entfernt. Es konnte also drei Stunden dauern, bis der Sheriff den Ort des Ueberfalls erreichte.
„Drei Stunden Vorsprung! brummte Larry vor sich hin; „drei Stunden Vorsprung, wir sind über alle Berge, bis -der fette Kerl von Sheriff halbwegs munter ist!"
Jetzt hielt er an einem Gebüsch, wo drei Pferde gesattelt auf ihn warteten. Er stieg auf eins und führte die anderen beiden am Zügel neben sich. Der brave Pinto durfte hinterherlaufen, wie er wollte. Den ganzen Morgen ritt er so in vollem Galopp quer über die beschneiten Felder und wechselte ab und zu die Psevde, während Pinto ungehindert allem trabte. So ging es stundenlang. Am Mittag holte er mit einem wilden Ritt ans jedem Pferd das Letzte heraus, dann ließ er sie erschöpft dort stehen, wo die müden Beine versagten. So hatte er alle drei Pferde ausgenutzt und saß jetzt wieder auf Pinto.
Mötzlich brach das Pferd in die Knie. Wahrscheinlich war es in ein verdecktes Erdlach getreten. Mann und Tier rollten übereinander und sprangen fast gleichzeitig wieder auf.
„Pinto, das ist — ein verflucht dummer Spaß für einen Weihnachtsabend!"
Aber als Larry Pinto vorwurfsvoll anfah, spürte er plötzlich em jähes Zucken im Herzen. Das Pferd hielt einen Borderfuß so sonderbar, und als er sich bückte und mit der Hand das Bein entlang fuhr, fühlte er, ®.aB es gebrochen war. Langsam richtete sich Larry aus. Zart glitt seine unke Hand über die Stirn des Pferdes, und einen Augenblick berührte «nut seinen Lippen das rauhe Haar zwischen den Augen, mit seiner rechten knüpfte er an der Revolvertasche, die an der Hüfte hing — und plötzlich krachte ein Schuß, den das Pferd nicht mehr hörte, als es, wie von.Blitz getroffen, niedersiel.
„-Der Reiter ohne Pferd blickte nachdenklich auf das tote Tier und zündete eine Zigarette an.
brummte er, „jetzt heißt's spazieren gehen. Bis School-Center mutz ich zu Fuß, dort erwische ich sicher einen Gaul. Aber zwei ©tunten «orsprung sind hin."
Er band den Beutesack vom Sattel ab, warf ihn über die Schulter un-b ging seinen Weg weiter auf das Gebirge zu, ohne sich nach dem Pferde noch einmal umzusehen. Bald aber spürte er einen stechenden Schmerz im Knöchel und wurde sich klar, daß er beim Fall das Bei« verletzt hatte. Er versuchte zwar, den Schmerz zu verbeißen, ober als er Die Siedlung School-Center erreichte, wußte er selbst, datz er nut noch eine halbe Stunde Vorsprung hatte.
"Ust. muß ich mir ein gutes Pferd fangen!" knurrte er. „Der dicke Sheriff ist mir sicher kaum eine halbe Stunde weit auf den Hacken."
Zum Gluck für ihn waren alle Anzeichen für das Erwischen eines guten Pferdes gegeben. Er stand an der Straßenkreuzung, gerate vor dem kleinen Schulhaus, das mit allen sechs strahlend erleuchteten Fenstern den Abend eryellte, und blickte hin.
, , P 'ne Gesellschaft, eine richtige Abendgesellschaft, und die viele« schonen Pferde, die sie hier angebunden haben!"
Mit scharfen Blicken musterte er die Wagen- und Reitpserte, die hinter dem Haufe in dem kleinen offenen Hofe standen. Von einem Wagen hakte er eine Laterne ab und suchte bei ihrem Schein sorgfältig unter den Pferden, bis er ein kräftiges fand, das an der Seite da, Zeichen „Bar eingebrannt trug. Er sattelte es ab, machte die Zügel los und gab ihm einen ordentlichen Hieb hintendrauf. Das Pferd trabte an und schlug ganz von selbst den Heimweg ein. Mit kräftigen, fördernde« Schritten lief es landeinwärts. Schmunzelnd sah Larry die gerade Linie der Hufabdrucke, lief ein paar Schritte neben den Spuren hin, trampelte etn bißchen im Schnee herum und ging dann sehr behutsam in feinen eigenen Fußtapfen zurück. Hier warf er den Sattel in eine dunkle Ecke unö suchte nun für sich ein gutes Reitpferd, das ihn keineswegs den Weg des ersten Pferdes entlang führen sollte.
Aber eine plötzliche Neugierde veranlaßte ihn, durch das Fenster de, kleinen Schulhaufes zu sehen.
„Ein Weihnachtsbaum!" brummte er entzückt. „Ein Weihnachtsbaum und lauter kleine Kinder, das müssen alle kleine Krabben aus der Umgebung [ein. Und das viele Spielzeug — und die Puppen —, und da ist ja auch die Lehrerin, so niedlich und so rotbäckig und so jung!"
Vorsichtig schlich er zu einem anderen Fenster, blickte hinein und fad dann noch einmal scharf hin.
„Donner..., vielleicht bin ich mit von der Partie!"
Er sah gerate in das kleine Garderobenzimmer der Schule, fjier stand seine Ehrwürden Pastor Paul Whitaker, eifrig beschäftigt, sich al» Weihnachtsmann zu verkleiden. Er hatte schon weite, pelzgefütterte Stiefel an, ebenso den weißen, glitzernden Mantel; der lange weihe Bart und die rote Mütze lagen bereit. Noch ein paar Minuten, und ter junge Geistliche sollte in das große Schulzimmer treten und dort zum Entzücken der Kinder die Weihnachtsgeschenke verteilen.
Ader dazu kam es nie. Plötzlich fühlte er, wie die Tür in seinem Rucken aufging — ein langer, kräftiger Arm griff nach ihm und $oe ihn einfach zur Tür hinaus. Eine derbe Hand lag auf seinem Mund, un-b ein unangenehmes, hartes Ding stieß in feinen Rücken, was sich wie etn Revolverlauf, anfühlte; so wurde er gezwungen, schweigend nach dem Schuppen zu gehen. Hier wurde er fest und sicher mit Stricken mm schnürt und dann bequem in das weiche, duftende Heu gelegt.
„So," sagte die tiefe Stimme seines Bezwingers, „hier liegen Sie ganz schön und warm und weich. Soll ich Ihnen nun einen Knebel >n den Mund stopfen ober versprechen Sie, mucksstill zu liegen, bis ich zurückkomme und Sie losbinde?"
Der tief erschrockene junge Pastor versprach, ganz still zu liegen, und war gleich daraus allein. Einige Minuten später wurde er in seinezn schwermütigen Nachdenken durch einen St. Nikolaus gestört, den San« Nikolaus, ten er hatte darstellen sollen.
„Wann wollen Sie auf treten?“ fragte der falsche Weihnachtsmann.
„Wenn das Lied .Stille Nacht' gefangen wird, das ist das Zeichen." „Wie ist die Melodie?“ fragte Larry,
Der Pastor brummte sie leise vor sich hin.
„Gut", sagte Larry und verschwand, —
Der junge Doktor der Gottesgelahriheit wußte nichts von dem überwältigenden Erfolg, ten er in dem Schulsaal gleich nebenan als Sankt Nikolaus hatte, und auch später war er nie imstande, zu erfassen, mit welchem Schwung und Geschick seine Rolle gespielt wurde.
Die Kinder waren geradezu im siebenten Himmel. Sie kicherten und schmetterten und waren nicht zum Schweigen zu bringen. Für die Kleinen war ter Mann im weißen Bari natürlich Sankt Nikolaus persönlich und ganz echt; für die Erwachsenen, die mit im Geheimnis waren und wußten, daß ter junge Pastor Doktor Paul Whitaker die Rolle über- nommen hatte- war es ein unaufhörliches Verwundern fiter feine Schau- spielergabe.
«Er kann sogar die Stimme verstelle».*
„So habe ich ihn noch nie gesehen.“


