Eichener Kmilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang (926

Dienstag, Sen ZV. November

Nummer 96

Ein lustiges erzgebirgisches Weihnachtslied

Boi» Kurt Arnold F i n d e i s e n.

Wenn's Weihnachten ist, wenn's Weihnachten ist, Da kommt zu uns der Heilige Christ, Da bringt er eine Muh, da bringt er eine Mäh Und eine schöne Tschingteretätä.

Wenn's Zuckerstangen friert, wenn's Zuckerstangen friert,

Da kommt er lustig anspaziert, Da bringt er eine, da bringt er eine Hott Und einen Gruß vom lieben Gott.

Und hinter ihm, ei ja! und hinter ihm, ei ja!

Geleucht und Kling-Klang-Gloria:

Mit Lichtern in der Hand, mit Lichtern in der Hand, Der alte fromme Bergmannsstand.

Die Pfefferkuchenfrau, die Pfefferkuchensrau

Mit ihrem Mann aus Olbernhau;

Er knackt ihr eine Nuß, er knackt ihr einen Kern Und hat sie, ach, zum Fressen gern.

Und Engel hinterdrein, und Engel hinterdrein

In Glitzerglanz und Kerzenschein, Die fingen: Valerie, die fingen: Valero, Der liebe Heil'ge Christ ist da!

Ei, ei, Weihnacht, Weihnacht ist ein schönes Fest, juchhe, Ei, ei, Weihnacht ist ein schönes Fest!

"Klaus Hinrich Ringhoffs Weihnachten.

Von Wilhelm Schäfer.

Schon kennt die ganze Küste feinen Namen. Da ist es eines Tages mit ihm vorbei. Bon Kuxhaven wird gemeldet, daß die See den kleinen lächelnden Menschen doch geholt hat. Und das ist so:

An einem Dezembertag, drei Tage vor Weihnachten, geht die See gewaltiger als je. Seit einigen Wochen ist ein neuer Kapitän auf dem Elbleuchtfchiff Nummer zwei, der den Schiffszimmermann Klaus Hinrich Ringhoff noch nicht kennt. Der aber kennt ihn: er hat fein junges Gesicht blaß gesehen, als er im Boot auf das Leuchtschiff kam und die Wellen ftürmifd) gingen. Aber der Kapitän kennt seine Pflicht; durch den kalten Nebel, den gräulichen Dunst, in dem alles sonst lautlos versinkt, sind dumpfe Schüsse gekommen, und so muß Vas Boot hmaus.

Klaus Hinrich Ringhoff, der nicht blaß wird, wenn um ihn ine See brüllt, schüttelt den Kopf. Es geht zur Nacht. Die da draußen wer weih im Nebel, wo sie liegen sind auf ihrem Dampfer sicherer als ihre Retter im kleinen Boot. Der Kapitän, der fein Leuchtschiff nicht verlassen darf, hat ein edles Herz und einen heißen Kopf. Er befiehlt, in einem blühenderen Zorn, als ihn Ringhoff ohne Augen­zwinkern ansehen kann. Das ist Meuterei! Und am selben Wend, während aus dem fürchterlichen Nebel noch ein paarmal das Schießen kommt, schreibt er einen Amtsbericht nach Kuxhaven.

Am Morgen hat der Sturm den Nebel in schwarze Wolken ge- S, die schnell am Himmel hinjagen. Als zwischendurch einmal ein lenschimmer fern von dem weißen Bufchsand fällt, sehen sie den Dampfer dunkel davor liegen. Nun will Ringhoff fahren.

Geht mich nichts mehr an!" sagt der Kapitän, der den Ringhoff noch nicht kennt. Aber der holt lächelnd feine Jungen und beginnt die schwerste Fahrt seines Lebens. Zuerst geht es glatt, so glatt wie es gehen kann in einem Sturm von Wellen, hinter denen die Wind­kraft des Ozeans steht, und noch vor Mittag kommen sie an den Dampfer heran. Der fitzt schräg völlig fest im Sand, unrettbar ver­loren. Aber so scharf sie spähen: keine Gestalt hebt sich zwischen den zerstörten Masten und geknickten Schornsteinen. Sie zwingen das Boot dicht in den Sturm von Gischt, der an der schwarzen Schiffs­wand aufspritzt, sie nehmen die hohlen Hände an den Mund und rufen. Keine Antwort, nur der krachende Sturz der Wasser.

Da sind sie gefahren durch hundert Tode, haben ihre harten Hände wund gepreßt an den Rudern, sind glühend heiß geworden in dem eisigen Wintersturm. Und nun war alles nur ein leichter Anfang; nun müssen sie herum um den Sand, wo die Gewalt der ganzen Nord ee sich zusammendrängt und die schwersten Wellen vor sich hin­fegt wie stäubende Wolken. Jeder van ihnen weiß, daß er jetzt die knöchernen Arme des Todes raffeln hören wird. Aber als Ringhoff die Korkjacken anziehen läßt, ist kein banger Ernst unter ihnen, nur eine Wut, an den alten Feind heranzukommen, eine Wut, wieder einmal zu fühlen, daß Muskeln zu Stahl werden können. Schon von weitem sehen sie den weißstäubenden Dampf. Aber es geht nicht glatt

heran. Schlag für Schlag schwer gehen die querstürmenden Wasser- stürze.

Klaus Hinrich Ringhoff steht am Steuer. Er weiß: Drei Wellen wirft die See, drei furchtbare Wellen, und immer ist die dritte der Besen, der alles wegfegt. Es gilt, sie zu bestehen und unter ihrem Schutz schnell um die Ecke zu kommen. Er weiß aber auch, daß jeder Widerstand die stärkste Welle bricht, und sei es nur ein Faden. So wie ein Mädchen beim Seilchenspringen den Einsprung abwartet, so sie mit ihrem Boot. Eine Sturzwelle rauscht vorbei, noch eine und die dritte. Nun rasend mit hingerissenen Körpern hinterher bis mitten vor die Ecke. Schon kommt sie hinter ihnen her, die erste der drei andern Schwestern, die immer beisammen sind. Den Anker in den Sand, daß der Strick sich strafft wie ein Draht und ihre Macht zer­schneidet. Die erste jachtert heran mit gewaltiger Brust, sie fühlt sich durchgeschnitten und wälzt ihre zwei Lippen weiter. So die zweite. Aber dann! Als ob der ganze Erdball kochend aufjagte, wird das Brausen donnernd rote tausend Kanonen. Wenn jetzt das Seil nicht hält, sieht keiner sein Leuchtschiff wieder. Wie die Soldaten vor dem Kommando Feuer, so liegen sie mit ihren Fäusten um die Ruder. Jetzt: Ist das nicht ein Kriegsruf? Ein Jubelfchrei? Oder war es die Welle, die kreischend in Stücken weiter rast. Ein Beilschlag in das Seil, noch einer: das Bot ist frei, und ehe noch die drei anderen Schwestern zur Rache kommen können, find sie um die Ecke herum.

Unb nun in ruhigerem Wasser an dem Sand vorbei. Unterdessen aber ist der kurze Wintertag herum. Der Nebel kommt zurück und die Dunkelheit fällt herein. Als sie endlich festen Grund haben, ist es schwarze Dämmerung. Sie ziehen das Boot so hoch in den Sand hinauf, wie sie können. Dann stellt sich Ringhoff vorn in die Spitze und leuchtet mit der Laterne über den dunklen Sand, während die anderen gehen, die Schiffbrüchigen zu suchen. Die Dunkelheit wird tiefer. Weiter dürfen sie nicht gehen, als das Licht der Laterne durch den Nebel reicht. So kommen sie nach einer mühsamen Stunde des Suchens zurück, und haben niemand gefunden. Unb nun beginnt für sie eine harte Nacht.

Während allüberall im deutschen Land die Kinder mit glücklichem Lächeln auf dem warmen Mund vom Christuskind träumen, während ihre Eltern in Hellen Stuben den Weihnachtsbaum schmücken, sitzen die Helden vom Leuchtschiff Nummer zwei eine Nacht von vier Uhr nachmittags dis neun Uhr morgens, siebzehn lange Stunden naß bis an die Knochen im eisigen Nebel auf dem durchweichten Bufchsand. Das Boot ist hoch ins Land gezogen, daß es die Wellen nicht fort» reißen. Das schwache Lämpchen der Laterne daran ist das einzig Menschliche mit ihnen in dieser Oede. Keiner spricht ein Wort; jeder weiß, hier gilt es: Zähne zusammen! Wer hält's länger aus, der Nordseesturm oder die Jungen vom Elbleuchtschiff Nummer zwei? Einem Ertrinkenden nachspringen, einem rasenden Stier in den Weg treten, dazu reicht die Wut eines Augenblicks. Aber hier in dem nassen Sand sitzen und sich von Sturm und Meer die Minuten vor­zählen lassen in einem starken Brausen, wie wenn das Wasser rund­herum aus den Himmeln stürze: das können nur sie.

Und endlich sind das Menschen, deren schwarze Gestalten hier an dem schwarzen Sand imMorgennebel sitzen? Sind es Götter der Vor­zeit ober Abgeschiedene? Endlich wirb "die schwarze Nacht bleigrau, unb durch den ziehenden Nebel streicht ein kaltes Leuchten. Einer nach dem andern steht auf unb versucht zu gehen. Die Nacht weicht aus ihren Sinnen. Sie fühlen, baß sie keine Meertiere finb hier auf dem Sand, sondern Seeleute vom Leuchtschiff Nummer zwei, die manch­mal Karten spielen und tolle Tänze tanzen, wenn sie ans Land kommen.

Einer bleibt an Bord zurück. Ringhoff mit den andern geht den Sand hinauf, die Schiffbrüchigen zu suchen. Noch finb sie keine Viertelstunde weit: ba hören sie sprechen, ba sehen sie Männer rote sich selbst in Ko.rkjacken. Von Büsum brühen in Holstein find sie ge­kommen und haben die Schiffbrüchigen gefunden. Und nun was will rundherum das brüllende Meer und der Nebel, der über den See gepeitscht wird nun beginnt eine schweigende Begrüßung der Helden: Wickinger, die sich nach einer Todesfahrt zusammenfinden.

Die von Büsum haben ein Rettungsboot unb nehmen alle mit. Nur der Kapitän will gleich nach Kuxhaven, und Ringhoff mit seinen Jungen fährt ihn hin. Von Bufchsand nach Kuxhaven, das find grab» aus fünf Stunben Wegs; unb wenn eine Lanbstraße da wäre, wollten sie wohl zum Nachmittag gegangen fein. Aber da ist die Nordsee mit tausend Wellen, unb mit jeder müssen sie sich schlagen. Als sie mitten brin finb, legt sich ber Sturm aufs neue furchtbar ein. Unb immer von der Seite gegen bas Boot, Welle auf Welle, bis eine stark genug ist, es umzuwerfen. Da tut Ringhoff das letzte, was er weiß, rundum mit dem Beil schlägt er die obersten Planken heraus. Und so halb Im Wasser sitzend, durch einen kurzen Tag unb feinen langen Abend kommen sie gegen zehn Uhr in Kuxhaven an unb gehen so stolz in den Hafen, wie nur ein Dampfer hineingehen kann.