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von nutzen. Der greife Meister kann sich dem Einfluß des größten unter den jüngeren venezianischen Malern, Tintoretto, nicht ent­ziehen. Eine düstere Aufgeregtheit, die Gewitterstimmung der Gegen­reformation, zieht auch ihn in ihren Bann, so etwa in dem unheim­lichen Laurentius-Martyrium. Dann glätten sich die Wogen, und der Virtuose der Farbeisreude malt nun in einer gehaltenen, gedämpften Weife, für die man die glückliche Bezeichnungfarblose Farbigkeit" gebraucht hat. Rückkehrend zu den Erinnerungen der Jugend entdeckt er die Wunder des Lichts und des Helldunkels, fetzt die Bahn Gior- giones fort, die zu Rembrandt führt. In diesem Mtersstil Tizians ist im höchsten Maße das erreicht, was Brinckmann alsRelation und Verfchmolzenheit" bei den Spätwerken großer Meister erkannt vollkommene Einheit und Bindung der Bildteile. Die Farbe wirkt nun nicht mehr für sich, sondern nur noch als Träger des Lichts, das die wenigen und sparsam gesetzten Töne in einer zauberhaften Helligkeit nufleuchten läßt/ Nur ein ganz reifes Genie konnte jene letzte Weisheit der Darstellung und Technik erlangen, wie sie Tizian in der MünchnerDornenkrönung" zeigt, wo mit einem Nichts an Farbe und in einer summarischen Zeichnung von größter Einfachheit eine tojcnc non erschütternder, unvergeßlicher, wahrhaft überirdischer Wucht geschaffen wird. Hier wächst Tizian über sich selbst und über seine Zeit hinaus und reicht Rembrandt die Hand ...

Tizian ist wohl die grötzte malerische Begabung gewesen, die die europäische Kunstgeschichte kennt, höchstens Velasguez ausgenommen. Wenn uns das Ijeute nicht immer deutlich vor seinen Bildern be­wußt wird, so liegt das daran, daß die Mehrzahl seiner Werke schlecht erhalten ist. Ist vieles untergegangen, so ist noch mehr be- fclrädigt, übermalt, restauriert, verschmutzt. In den seltenen Fällen aber, in denen der Malkörper noch unverfälscht die Handschrift des Meisters zeigt, da steht man in staunender Bewunderung vor einer Leichtigkeit, Sicherheit, Zartheit und Kraft der Pinselführung, die einzigartig ist. Deshalb wird Tizian stets der Abgott der Kenner und der Künstler bleiben, und nur diese werden ganz dieses Phä­nomen begreifen, das in unerschöpflicher Fruchtbarkeit und unbe­wußter Schönheit waltete wie die Natur selbst. Neuneundneunzig Jahre ist er geworden, und nicht Erschöpfung und Schwäche, sondern die in Venedig wütende Pest war es, die ihn am 27. August 1576 dahinraf.ste.

Der Tod Tizians.

Ein Brief des Makers Palma Giovane an Paolo Veronese. Von Carl Ferdinands.

Ihr habt, verehrter Meister, den besseren Teil erwählt, da Ihr aus diesem Pestnest Venedig und diesem Pestfommer unseres Heils- fahres 1576 in die kühle Luft der Berge geflüchtet seid. Und wie ich Euch vermeiden kann, bewachen Euer getreues Gesinde und die Ge­sellen Eurer Werkstatt, die bisher der schwarze Tod alle verschont hat, Euer Haus und den Garten vor den Räuberbanden, die am hellen^ Tage, unter Absingen von schändlichen Liedern, da die Seuche alle Scheu gelöst hat, in die Paläste einbrechen und forttrogen, was ifmen beliebt. So ist es neulich in dem Palaste des großen Tizian geschehen, von dem ich Euch nun die Neuigkeit vermelden will.

Wir kannten ihn ja, den neunundneunzigjährigen Greis, dessen Bildtafeln ebenso süß und köstlich in ihrer Färbenglut sind, wie sein Herz vom Teufel der Geldgier besessen war, so daß er vor den G-oßen dieser Erde wie ein Wurm kroch, um Geld herauszuschlagen, seine Schuldner aber wie ein Hebräer in den Folterturm werfen ließ, der die letzten vierzig Jahre seines unwahrscheinlich langen Lebens nichts lat, als Geld zusammenzukratzen und aufzuhäufen; aber wir kannten ihn ja.

Nun ist er nicht mehr. Der schwarze Tod, der einzige Herrscher dieser Welt, der sich mit einer schimmernden Venus nicht um zehn­tausend Goldgulden erleichtern läßt, hat ihn sich, eine leichte Bürde, nnt 27. August, einem schwülen Gewitterabend, aus die Schulter ge­laden und ihn aus seinem Palaste in der neuen Stadt hinansge- frogen. Als er kam, der Pesttod, faß der Uralte an der Staffelei und malte an einem Bilde Adam und Eva, und man sagt, daß diese Eva der jugendlichen Eleottora Gonzaga gleiche, deren Schönheit als die höchste aller Zeiten zu preisen, wie wir uns erinnern, der Meister nie müde wurde. Wir, die mir zusammen seine Gnstmähler besuchten, diese köstlichen Symposien, wo ausgesuchte Gaumengenüsse wett­eiferten mit den herrlichen gekühlten Weinen und eine erlauchte Ge­sellschaft von edlen Venezianern, von auswärtigen Herzögen und Fürsten, von Gelehrten und Künstlern die schönen Frauen ehrte, die Paolo Sanaovino und die berückende Irene Spilimbergo und alle die anderen, die zum Teil grau geworden, zum Teil, wie die un­vergeßliche Irene, jung gestorben, zum Teil aber in diesem Jahre eine Beute des Unerbittlichen geworden sind. Und erinnert Ihr Euch, verehrter Meister, der unermeßlichen Schätze an herrlichen Bildern, kostbaren Stoffen und Teppichen, erlesenen Geschirren, von Gold und Silber gefertigt; oder jener Szene, als Tizian nach einem starken Trünke durch seine immer etwas von Habgier ge­krümmten Finger ganze Ströme von Perlen und Edelsteinen in die Ebenholztruhe gleiten ließ, wie anders Wasser, damit man sich die Hände wasche. Und die Aussicht auf Murano und in weiter Ferne wie ein Silberstrich die Berge von Friaul und den Taleinschnitt, in dem eben im rauhen Gebirge Pieve" di Cadore liegt, das hundert Jahre vorher, dieses seltene Gemisch von Himmel und Hölle geboren hat! Wäre er dorthin geflüchtet und hätte den Pesttod nicht kampf­

bereit an der Staffelei erwartet, ich wette, er lebte noch heute und würde sich an seinem hundertsten Geburtstage vom blassen spanischen König, der seine gemalten Frauen so liebte, eine Tonne Goldes schen­ken lassen können, das einzige, was ihm in Wahrheit Freude machte.

Aber der schwarze Tod trat ein, lieh sich weder durch die schöne Aussicht auf Friaul verwirren, noch durch den leuchtenden Nacken der jungen Eva von Urbino, noch Gold, orientalische Teppiche, Saphire und Diamanten, er lud den Alten auf und schlüpfte hinaus.

Unsere Künstler, als sie es hörten, planten trotzdem ein Gedenk­fest, aber die grausige Zeit erschien der Regierung so furchtbar, daß sie den Prunk verbot. Obwohl aber ein strenges Gesetz erlassen war, niemand der Ansteckung wegen in Kirchen beizusetzen, hat man bei diesem Kaiser der Kunst eine Ausnahme gemacht. Seine Beisetzung in der Frerikirche war aber sonderbar; obwohl hohe Würdenträger der Kirche und der Stadt dabei waren, hätte man meinen können, eine antike Komödie würde ausgesührt: denn der größere Teil des Geleites hatte sonderbare Masken vor dem Gesicht, die wie Logel- schnübel aussahen; andere trugen Schwämme mit Kräuteressig vor der Rase, und so war jeder in irgendeiner Weise für einen Zu­schauer, der von der Pest nichts gewußt hätte, lächerlich anzuschauen. _ Aber nun kommt die Gewalt der Vergeltung. Sein würdiger Sohn Horatio, für den Tizian (wie er wenigstens behauptete, ich glaube es nicht ganz) all diese Schätze zusammengekratzt hat, starb ein paar Tage später an der Seuche und Tizians Erstgeborener, jener Pomponio, der Unwürdige, in dessen Wesen alle schlechten Eigenschaften des Vaters hundertfach verstärkt Auferstehung feierten, der niedrige Prasser, Säufer und Galgenvogel, den von der Erb­schaft auszuschliehen, Tizian sein Leben bemüht war, bricht schon zu Lebzeiten Horatios in den väterlichen Palast ein, den er doch nicht Betreten durfte und führte eine Bande von Saufkumpanen an, die sich mit ihm an den vogelsreien Reichtümern des Vaters gütlich tun und wie die Hunnen in dem eben verlassenen Malsaale hausen, nach der Art von Idioten führen sie schmählichen Unfug aus, schnei­den einem Bilde des Dogen, das da noch hing, die Nase aus und stecken eine Rübe in das Loch und ähnliche Untat.

Als dann aber Horatio, der im Lazarett lag, gestorben war, rennt Pomponio, der jetzt unbestreitbarer Erbe war, zur Signoria und er­hält sein Recht. Und nun toben diese Geister des Acherons, diese Diebe, Räuber, Säufer und Schwachköpfe mit ihrem Anhang im verlafsenen Paläste Tizians und in ein paar Monaten wird all das, was der unsterbliche Meister und raffende Geizhals zusammenge­klaubt hat, in einem Leben von hundert Jahren, wieder ins fühl- lofe, unbekannte Volk zurückgeströmt.

Und damit Gott befohlen, edler Meister, bleibt, wo Ihr seid, bis der Herbst die Pest vertrieben hat, und lebt auf Eurem Gütchen dort gesünder und ruhiger, als ich hier in dem Pestkessel, in dem alles Niedrige, Furchtbare und Häßliche brodelt, aber auch alle Größe, Menschlichkeit und Vergeltung. Denn es mag mit Lohn und Strafe im Jenseits sein, wie die Frommen es sagen, aber auch hier auf Erden werden wir belohnt und gestraft nach einer verborgenen, aber unerbittlichen Gerechtigkeit . . .

Theoderrch der Große.

Von Dr. Ulrich Hartenstein.

Aus dem Getümmel der Wildheit und der heldischen Größe der Völkerwanderungszeit hebt sich die Gestalt Theuderichs des Großen, der am 30. August 526, also vor nunmehr 1400 Jahren, in Ravenna starb, als leuchtendes Beispiel des Edelsten einer edlen Schar. Er wollte und tat Herrliches, aber der Fluch, der in der gewaltsamen Verpflanzung eines Noch so tüchtigen Stammes in eine andere, ihm nicht zuträgliche Umgebung zu liegen scheint, zwang wenn nicht ihn, so doch sein Werk, seinen gotischen Staat in Italien nieder. In dieser Hinsicht handelten, aus einem sicheren Rassegesühl heraus, die Normannen klüger; die ersten Reich, die sie gründeten, lagen in fast derselben Breite wie ihr eigenes karges Vaterland, England, die Normandie; dann erst, an das mildere Klima Frankreichs und Eng­lands gewöhnt, besiedelten sie Süditalien und Sizilien. Theoderich aber, aus dem Edelgeschlecht der Amaler, riß 488 feine Ostgoten aus ihrer pcmnonischen Steppe über die Ostalpeir, schlug den Heerkönig Odoaker, der den letzten weströmischen Kaiser Romains Augustulus entthront hatte, in den folgenden Jahren in mehreren Schlachten, belagerte ihn in feiner Sumpffeste und Hauptstadt Ravenna, zwang ihn 493 zur Uebergabe und nahm, äußerlich als Beauftragter des oströmischen Kaisers Zeno, die italische Königswürde an.

Den dritten Teil des Bodens, auf dem Odoakers Rugier und Heruler gesessen hatten, empfingen seine Goten, in den Städten hauste die Mestizenbevölkerung, die sich damals Römer nannte, in der syrisches, kleinasiatisches, nordafrikanisches und keltisches Blut in einer kaum vorstellbaren Mischung sich zeigte, eine Folge der jahr­hundertelangen Sklavenwirtschaft und der Legionspolitik, die es liebte, numidische Legionen in Italien, kleinasiatische am Rhein und keltische am Euphrat auszustellen. Dieses krause Mischvolk fühlte sich aber, das sieht man jetzt ähnlich an jeder Negerrepublik, als das alte, ehrwürdige Volk der Quirlten, von der Wölfin gesäugt, durch tausend­jährige Geschichte erhöht. Ein Lastträger, dessen Mutter am Orontes geboren und dessen Vater ein irakischer Trohsoldat gewesen war, kam sich viel edler vor als dieser Theoderich, der als König der Goten in Ravenna sah.

Das war einer der Hemmschuhe, die in die Räder des Goten­reiches griffen. Der zweite war giftiger und gefährlicher, das war die Rechtgläubigkeit. Der starke syrifch-kleinafiatifche Anteil am Blute