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Don dorther sah er das Stückwerk irdischer Liebe, die nie genug i Darinherzigkeit birgt, von dorther erkannte er das beste mensch- Lche Sun als Gleichnis verborgener göttlicher Tat. Hier warf er sich Gott zu Füßen, Wenn er auch selbst noch nicht vor dem Tor des Todes gestanden hatte, so war ihm doch eine solche Einfühlungsgabe eigen, so schicksalhaft war er mit der Gestalt des Todes verbündet, daß er seine Qual und seine Träneit zu kennen glaubte, auch seine Verheißung! Wer mochte das armselige irdische Leben ewig tragen? Das alles blieb Geheimnis seines Innern, niemand konnte er's sagen, auch nicht der geliebten Frau. Was wollte der Tod von ihm? Warum stand er ihm stets zur Seite? Wollte er ihn bereiten, damit er ihn freudig aufnähme, wenn er einst an sein Lager träte? Kam er wohl bald?
ilnb die Zeit wandelte sich Menschen kanten in Qlot, Krieg und Niederlage und Hunger machten das Volk mürbe. Tausendfache Gestalten des Todes bedrängten die arme 'Welt. Auch das Llnternehmen dieses Mannes stand still. Er, der sonst die Aufträge nicht berge» konnte, wußte nicht, wie er feilten Arbeitern Arbeit und Brot schaffen sollte. Da kam eines Nachts wieder der heilige Tod zu ihin, als er am geöffneten Fenster ftonb und den unaussprechlichen Frieden des gestirnten Himmels trank. Der Tod flüsterte ihm zu: „Baue mir einen sichtbaren Tempel, bekenne der Welt, daß ich dein Bruder bin!" Da gelobte der Einsame dem Tod seinen Dienst.
Er sprach zu sich selbst:
»Meine Arbeiter sollen mir Steine tragen zum Dau eines Tempels auf dem Friedhof! Lind ich will den Entwurf dazu machen, will alle Gedanken der Ehrfurcht, der Gnade, der Unsterblichkeit einhauchen in mein Werk!"
Er glühte und stammelte Dank dem Weggenossen Tod.
Sollte auch hier der Ruf des Todes zum Lebensquell werden? Sollte endlich einmal seine Künstlerseele frei schaffen dürfen?
Lind er fast Tag für Tag, oft auch die Nacht über feinen Tisch gebeugt, machte Entwurf über Entwurf, manchmal war ihm, als bräche er zusammen, als dürfe er nicht vollenden, was er mit heißer Hingabe begonnen. Endlich nach einem Jahr, da stand sein Werk vor ihm; so muhte es werden, unantastbar!
Ein Grundriß und eine fein ausgearbeitete Federzeichnung eines kleinen dorischen Tempels lagen auf seinem Tisch daneben standen zwei Modelle. Der Tempel, dessen offener Raum von drei Seiten durch gewaltige Säulen magisch beschattet wurde, sollte jedermann zugänglich sein. Die Hintere Wand des Tempels aber barg das eigentliche Grabmal, die Idee. Ein zweites großes Modell zeigte das Grabdenkmal, das dort im Schatten des Lempelraumes seinen Platz finden sollte: »das Tor der Llnsterb- fichkeit". Ein großes bronzenes Portal, zu beiden Seiten eine Gestalt, »die Wächter der Ewigkeit", nannte sie der Meister. Sie standen lässig da, das eine Knie etwas gebeugt, ein verklärtes friedvolles Angesicht, Locken fielen bis zur Schulter, mächttge Flügel deuteten an, daß überirdische Wesen hier Wache hielten, die Hände gestützt, der Kopf geneigt auf eine zu Boden gesenkte erlöschende Fackel, ein wallendes Tuch unchüllte weich die Blöße des Körpers, Heiligkeit und Vollendung atmete das Modell, wie mußte erst das Werk selbst werden!
®r war in einer freudigen Erregung, fühlte sich als Kelch, den ewiges Wasser gefüllt, holte Frau und Kind, beiten er in der steten Arbeit itnb Versenkung fast entfremdet war, deren Liebe aber gleich groß geblieben. Llnd die geliebte Frau stand staunend und fragend vor dem Werk ihres Mannes, der schlanke, kluge Knabe aber schlang zärtlich seine Arme um des Vaters Hals, küßte ihn voll Andacht auf die Stirn. Ein geheimnisvolles Lächeln schwebte durch den Raum, war es der Tod, der den Auftrag zum Werk erteilt hatte? —---
Die Arbeiter des Meisters fuhren weiße Kalksteine zum Friedhof, viele Hände waren tätig, klopften, bildhauerten, alles ließ er durch fremde Kräfte ausführen, nur »die Wächter der Ewigkeit" wollte er selbst aus dem Stein hauen. Es wurde seine Strbeit zum Sinnbild einer Sehnsucht, zum Ringen nach Stillewerden, oft zum Willen nach schrankenloser Freiheit, er meißelte unsterbliche Hoffnung in den Stein, daß sein Können sich in einem höheren Dasein auswirken dürfe, hemmungslos, daß seine Künst- lerhände dermaleinst so vergeistigt wurden, daß sie nicht nur Symbol, sondern die Llrwahrheit selbst bilden dürsten! Ja, es war doch so, sein Weggenosse Tod war ein König, war größer, als das kurze Fragment Leben! Er war das niezuergründende und dennoch süße Geheimnis der göttlichen Liebe, eine dunkle Macht, die Dämme brechen mußte zum unvergänglichen Licht, zu Gott! In seiner Werkstatt, da zuckte schon himmlisches Leuchten, da war er, hingegeben an sein Schaffen, der Welt entrückt, da preßte er die Verheißung seiner ewigen Berufung in greifbare Gestalten: »Wächter der Ewigkeit!"
Ein Jahr ging wieder zur Neige. Der Totentempel auf dem Friedhof war vollendet. Die Leute der Großstadt schüttelten die Köpfe. Sie verstanden ihn nicht, den Einsamen, den Grübler, der im Besitz von Gesundheit und Glück dem Tod ein Heiligtum erbaute. Sie fürchteten Llnheil.
Der Meister ging abends im Dämmerlicht zum Friedhof und stand ergriffen vor seiner Schöpfung. Friede erfüllte seine Seele. Hatte erS geschaffen oder fein Gott? Er flüsterte leise' »Dir,
heiliger Lod, hab ich gehorcht, was willst du jetzt von mir?" Llnd er dachte, daß sich hier Generationen seines Geschlechtes zur Ruhe betten dürsten, war das nicht mehr, als wenn er dem bunten, vergänglichen Leben einen Palast gebaut hätte?
Sinnend kehrte er heim und fand seinen einzigen geliebten Sohn krank, in Fieberphantasien. Die Sorge lastete schwer im Haus. Tage der Bangigkeit folgten, Aerzte kamen und gingen, keiner komtte helfen, keiner konnte trösten. Zehn Tage, zehn durchwachte Nächte waren vergangen, jetzt wich die Gestalt des Todes keinen Augenblick mehr vom Weister. Sie grinste ihn manchmal höhnisch an. Er war zum Knecht des Todes geworden, zum Demütig-Dittenden, er wollte ihm sein Kind entreißen, und doch spürte er wieder für Augenblicke die segnenden Hände des Tode« über seinem Haupt. Was war das Leben? Eine Spanne, kurz ober lang!
An einem frischen Aprilmorgen, ganz in der Frühe, als alles heilig und still war, hatte der Knabe ausgelitten. Der Vater kniete am Bett, rang zitternd die Hände: tot! Seine Seele dirrchjagten alle Traumgesichte des Todes, von ferne grüßte ihn die Llnsterblichkeit. Stand er am Gestade ber jenseitigen Welt? — Doch der Schmerz übermannte sein Hoffen, kein Wort des Trostes hatte er für die Mutter des toten Knaben, für sich selbst.
„Dazu hast du dem Tod deinen Tempel gebaut", sprach seine innere Stimme voll Klage und Weh.
»Wie bist du ein verborgener Gott!"
. Lind man brachte die irdische Hülle des Sohnes hinauf zum Friedhof, zum Heiligtum des Todes, das der Vater gebaut.
Niemand war beim Begräbnis zugegen, als der Meister. Sin Geistlicher sprach ein Gebet, aber seine Stimme erstickte, als er in die brennenden, dunklen Augen des Einsamen sah. Der stand gebeugt und blickte unverwandt zum „Tor der Llnsterblichkeit". Noch einmal durchzuckten ihn alle Weisheit, alle Kraft, aller Glaube, die Funken, die das Bild des Todes ein Leben lang in ihm entzündet hatte. Wieder sah er den Heiligenschein über dem Bruder Tod. auch seine Sichel, die Bitternis, den un- faßlichen Abschiedswink. Aber war deshalb das Mysterium des Todes entweiht? Stumm starrte er auf die Weißen steinernen „Wächter der ewigen Pforte". Vie hielten ihm seine eigentliche Bestimmung verheißend entgegen. Er reckte sich hoch: Da zerriß der Schleier der sichtbaren Welt.
Schemenhaft zogen Erinnerungen des Erdenlebens an seinem geistigen Auge vorüber: Landschaften, Berge und Seen, Städte, Häuser und Menschen, Schicksale, Freuden und Leiden, Liebe und Haß!. War denn alles nur Traum? Stand er noch hier? Ober war er verwandelt in eine andere Daseinsform? Ihm war, als stünde er an der Scheide von Finsternis und Licht, und Aus- bücCe seien ihm gegeben in geheime Hintergründe! War es das AOten einer zukünfttgen Lebensweise? Erkannte er schon Lln- erforfchliches? Was wollte da noch sein Grabmal? Es war ja doch nur Menschenwerk, preisgegeben Wetter und Wind! Kannte denn der Stein etwas von seinem überweltlichen Wesen, von seiner Gottnähe?
In diesem Augenblick des Entrückffeins zwang der Impuls seines Llnsterblichkeitswillens alles Irdische nieder: die Erde wich zurück, der Himmel weitete sich ins Llnermeßliche! Da öffnete die Macht seines Llnsterblichkeitsglaubens lautlos „das Tor der Llnsterblichkeit". Stand es ihm selbst offen? Ach, nein, er atmete ja noch schwüle Erdenluft! Aber fein schlanker, braunlockiger Knabe schritt durch diese Pforte ins Land der Auferstehung!
Der einsame Mann schloß geblendet die Augen.
Da hatte er überwunden! Als er das Gesicht wieder dem irdischen Licht zuwandte, war „das Tor der Llnsterblichkeit" geschloffen.
Ausrecht schritt er vom Demdel des Todes zum Leben zurück.
Karwoche.
Von Eduard Mörike.
O Woche, Zeugin heiliger Beschwerde!
Du stimmst so ernst zu dieser Frühlingswonne, Du breitest im verjüngten Strahl der Sonne Des Kreuzes Schatten auf die lichte Erde,
Llnd senkest schweigend deine Flore nieder; Der Frühling darf indessen immer keimen, Das Veilchen duftet unter Blüten bäumen, Llnd alle Vögel fingen Jubellieder.
O schweigt, ihr Vöglein auf den grünen Auen! Es hallen rings die dumpfen Glockenllänge, Die Engel fingen leise Grabgesänge;
O sttll, ihr Vöglein hoch im Himmelblauen!
Ihr Veilchen, kränzt heut keine Lockenhaare!
Euch pflückt mein frommes Kind zum dunkeln Strauße, Ihr wandert mit zum Muttergotteshause, Da sollt ihr welken auf des Herrn Altäre.
Ach dort, von Trauermelodien trunken Llnd süß betäubt von schweren Weihrauchsdüften, Sucht sie den Bräutigam In Todesgrüften, Llnd Lieb' und Frühling, alles ist versunken.


