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Indessen war einer von den Lakaien hinuntergelaufen und hatte Heiner und Kavalier aus dem Gesichtsfeld der Herrschaften be­seitigt: sie zogen nun, auf den richtigen Weg gebracht, an der Rück­seite des Schlosses dahin, über den Hof: Stallgeruch schlug in die Lust, und Kavalier hob angeregt die Nase, in der er seit Tagen eine sonderbare Hitze nicht loswerden konnte. Eine Windhündin erhob sich, dehnte sich eitel und strich an Kavalier vorbei.

Was für ein schmutziges altes Tier ist das?" sagte sie ganz taut; zwei kleinere Hunde, Brüder, denen Leichtsinn und Gecken­haftigkeit aus jedem Glied sprach, kamen schwänzelnd herbei und stießen mit ihren glänzenden Nasen an Kavalier, der kurz knurrte.

Verzeihung!" erwiderte der eine,ich wußte nicht, daß Sie ein Hund sind; man kann es beim besten Willen nicht sehen!"

Mehr Hunde erschienen an der Stallschwell« und schauten Ka­valier feindselig entgegen, eine junge, großpfotige Dogge kollerte in die Sonne hinaus bis dicht vor seine gesenkte Nase, und da blieb sie liegen, fassungslos, weil es Tiere gab, die ähnlich rochen wie die Mutter und ganz anders aussahen. Gebell erhob sich. Kavalier ver­mied es, seine Zähne zu zeigen, er wußte, daß sie gelb und krank waren, und der linke Schneidezahn fehlte. Die Meute kam näher heran, sie bellte und kläfften nun alle, sie zogen und stießen ihn und betrachteten ihn grausam und genau: die zerrissene trockene Schnauze, aus der geifernd die Zunge hing. Die Ohren, voll von Narben das rechte, das linke mit geronnenem Blut bedeckt und verstümmelt: den aufgetriebenen kranken Leib, an dem die Haut faltig hing; die Beine mit geschwollenen Gelenken, der rechte Hinterfuß steif und lahm. Und das merkwürdige, schmutzige weiße Fell mit den schwarzen Flecken. So stand er da in der Sonne, und der Strick pendelte an seinem Hals. Plötzlich straffte er sich und fuhr mit einem heiseren Laut zwischen die Meute, einem feinen Windspiel in die Kehle, bekam einen Bitz in die Schulter, sank blutend und matt zurück, sein kranker Leib schmerzte wütend.

Die alte Doge kam jetzt aus dem Stall, sie besichtigte ihn und sagte gelassen:Laßt ihn in Ruhe; er ist räudig."

Sie wichen zurück, bellend, höhnend, aufgeregt: und Kavalier schlich geduckt an ihnen vorbei, vorbei an lachenden Kutschern, Reit­knechten und Lakaien, zur Stalltür. Die roten Läppchen an seinem Halsband leuchteten, und über seine Haut ging in großen, unregel­mäßigen Stößen ein Zucken . . .

Die Hunde mieden ihn. In der Abenddämmerung lag er allein vor der Stalltür und leckte sein Fell. Es roch gut und vornehm da, saft heimatlich, nach Pferden, Hunden, Lederzeug. Im letzten Schein hantierte Heiner mit Karren voll Mist, er hatte die Reitstiefel abgetan und trappte in Holzpantoffeln dahin, wie es ihm zustand. Er ver­schwand um die Ecke, kam wieder, brachte einen Rest von Brot und Wurst zum Borschein, gab ihn Kavalier, verschwand wieder. Der Pumpenschwengel knarrte friedlich, Heiner stellte einen Napf mit Wasser vor den Hund, der gierig trank.

Hübsch ist es hier, nicht wahr?" sagte Heiner zu den Hunde- augen:fast wie zu Hause: aber Zuhause gibt es nur einmal, mußt du wissen; seit sie Herffthausen unter den Hammer gebracht haben und der Herr in Spanien erschossen liegt, gibt es zu Hause nicht mehr."

Seitwärts vom Schloß, am Kavalierflügel entlang, standen Türmchen, aus Holzvorräten geschichtet, lagen Balken, noch vom Bau der Terrasse. Dort saßen nach Feierabend die Knechte und schwätzten; einer spielten Okarina, es klang friedlich im Dämmern; aus dem Gemüsegarten stieg stark und würzig der Geruch von Dill und Kresse. Dorthin trottete auch Heiner Kump, und Kavalier bewegte schläfrig zustimmend den Schweif und folgte ihm.

Einen hübschen Hund hast du da", sagte ein Reitknecht, und alle lachten.

Heiner nahm die heiße Schnauze zwischen seine Hände und er­widerte ernsthaft:Einen hübschen und einen guten Hund, das kannst du glauben, Bruder. Einen, der in seidegefütterten Körbchen lag, als wir ihn kriegten, und einen, der fast verreckt wäre, wie sie feinen Herrn eingruben."

Ihr habt gute Zeiten gekannt, ihr beiden?" fragte ein alter Arbeiter über seinen Pfeifenkopf weg.

Gute Zeiten und schlechte Zeiten, Bruder. In Hessen, in der Heimat, da waren gute Zeiten; in Spanien, mit dem Napoleon, das waren schlechte Zeiten! Man glaubt's nicht, wenn mans nicht selbst erlebt. Hättest mich sehen müssen, wie ich noch Reitknecht war beim Baron Herfft, hättest den Hund sehen müssen, wie die junge Dame ihn uns schenkte, im seidenen Körbchen, und was das für eine Freude war und eine Verliebtheit mit ihr und dem jungen Herrn. Herffthausen taugte schon damals nicht viel, aber der alte Baron robotete selbst auf den Feldern mit und sparte und kratzte und hielt alles zusammen; aber er, was der Vater von der jungen Dame war, der saß auf dem Nachbarsgut, ein gieriger alter Kerl, dem hatten wir Wald verpfändet, und bald einen guten Acker und bald das Jagd­haus und dies und das; und der junge Herr faß derweil in Kassel beim Regiment und lernte das Lustigsein und französisch parlieren und den richtigen Kasseler Leichtsinn. Aber ein schöner Herr war es, das muß man sagen, immer freundlich, und kein Wunder, daß die junge Dame es verrückt mit ihm trieb, obwohl sie schon mit einem andern so gut wie verlobt war. Rote Haare hatte sie und so ein weißes, hochmütiges Gesicht und solche erstaunte Augenbrauen; aber

vchriftleitung: Dr. Stiebt. Wilh. Lange. Druck und Verlag

der Teufel steckte ht ihr, das sah man beim Rekten. Mcht wahr, Kavalier?"

Der Hund schlug träge mit dem Schweis, aber er hielt seine ver­narbten Ohren steif und aufmerksam. Von oben, aus dem Speise- faal kam Klirren und kurzes Gelächter; unten, auf dem Balkon, wo die Knechte saßen, war es still geworden, der Junge hatte die Oka­rina sinken lassen, und alle hörten nun zu, was der neue Taglöhner mit seiner verrosteten Stimme vorbrachte.

Vor rothaarigen Frauenzimmern soll man sich in acht nehmen, die hat der Teufel erfunden. Das haben wir erlebt, wie dann der alte Baron gestorben war. Unser junger Herr kam heim vom lustigen Kasseler Hof, ade Lustigsein, jetzt sollte er arbeiten und sparen. Ich sehe noch sein Gesicht mit den zusammengebafsenen Zähnen. Zuerst ging es; aber dann war da ja der Nachbar und drangsalierte; und da war seine Tochter, die junge Dame, und ließ uns nicht in Ruh«. Da kamen Boten und Briefe, und heute ritt ich heimlich hinüber, und morgen brachte ihr Lisette Botschaft. Und dann trafen sich bk jungen Leute im Wald, und ich hielt die Pferde und sah und hörte nichts, wie es sich für unsereinen schickt. Und zu Hause dann stöhnte der junge Herr wie wild und sagte: .Wenn ich sie zur Frau bekäme, dann könnte noch alles gut werden.' Aber um das Gut kümmerk er sich bald nicht mehr, sie lieh ihm ja keine Zeit, und alles verfiel uns. Dann brachte sie einmal den Hund und sagte: ,Jch habe ibn selbst für dich dressiert, er ist ein guter Hund, einer aus dem landgraf- lichen Zwinger. Er ist treu. Er wird bei dir bleiben, wen« ich dich allein lassen muß.' Ich stand an der Fuiterkiste im Stall und hörte es, wie sie das sagte, und auch, wie der junge Herr ganz verzwÄfell schrie:Du darfst mich nicht allein lassen!"

Eine Woche später war Verlobung mit einem andern. Wer kennt sich mit den Weibern aus! Hätten wir damals den Hund nicht gehabt, dann hätte sich der junge Herr erschossen. So faß er nur immer mit dem Kavalier und starrte ihn an und erzählte ihm was. Die ganze Nacht ritten wir Galopp im Wald und mitten durch unsre armen Felder, die ohnedies der Franzose verwüstet hatte, daß sie ganz verwahrlosten. Nachher wurde es nur noch schlimmer mit der Liebe. Fast täglich kam die junge Dame heimlich zu uns und blieb stundenlang und machte den jungen Herrn ganz toll. Kavalier, der wüßte zu erzählen, wenn er reden könnte; der war immer dabei.

Dann war es auf einmal aus. Die junge Dame war verheiratet und zog aus der Gegend fort. Unser Herr saß da im leeren Haus und ließ die Hände nur so herunterhängen, und Kavalier leckte sie ihm ab und weinte. Er kann weinen, der Kavalier. Aber der junge Herr, der konnte nicht meinen, hätte sich auch nicht geschickt für einen Herfft. Dann kam der alte Geizkragen von nebenan und knackte so mit seinen langxn Fingern und redete freundlich. Nachher kam Herffthausen unter den Hammer. Da zogen gerade miede rdie fran­zösischen Werber^ herum, und wer nicht gern ging, der wurde ge­preßt. Denn nun hatte der Napoleon Lust bekommen, Spanien In die Tasche zu stecken. Der junge Herr ging gerne, so verzweifelt wie er war. So gingen wir mit den hessischen Regimentern mit, der junge Herr als Offizier und ich als fein Dragoner. Im Regiment haben sie immer von ihm gesagt: Der sucht eine Kugel! Und Kava­lier immer bei ihm, in allen Gefechten, bei Erkundungen und Ritten; ein guter Hund; fein Bein lahmt noch von einem Streifschuß.

Kurz nach Weihnachten kam dann die Kugel; wir ritten zu acht, unser junger Herr voran, es war dunkel und schneite ganz dünn, ganz anders wie in der Heimat. Da war ein Hof, so ein Haus mit flachem Dach, und dahinter lagen die Aufständischen und warteten, daß der Engländer ihnen helfen komme. Wir hielten das Haus für ungefährlich, die Gegend galt als besetzt und gutgesinnt; da schoß das schwarze Gesindel aus den Fenstern auf uns. Der jung# Herr fiel ganz langsam vom Pferd, es war ein trübseliger Tod. Du weißt es, Kavalier. . ."

Sie sagen, die Spanier sind Heiden?" fragte nach einer Weile der jüngste Reitknecht.

Sie sind Christen, Bruder, führen die Madonna immer in ihren Knoblauchmäulern und haben so viel Heilige wie Läuse. Ein elendes Land und ein elendes Heimkommen nach den beiden Feld­zügen, das könnt ihr glauben", sagte Heiner Kump und streichelte leise den Hund, der eingeschlafen war.

Was sich dann begab, dauerte nur eine Minute. Kavaliers Fell zuckte im Traum, er fuhr mit einem heiseren Laut empor, witterte, stürzte in großen Überschlagenden Sätzen dem Garten zu. Dort schimmerten Kleider, klangen Stimmen, dort stand die Fürstin mit einigen Herren am Hofgitter. Die Laute, die Kavalier ausstieß, waren so hoch, so wild, daß alle erschraken. Der Hund warf sich unbändig gegen die Gestalt im hellen Kleid, sein Heulen ging in Winseln über, er schrie wie ein junger Hund, er streckte feine heiße Zunge vor, nach dem Gesicht der Fürstin, ihren Händen, ihren Füßen. Die stand eine Sekunde ganz steif, dann riß sie einem Knecht die Peitsche aus der Hand.Zurück!" rief sie laut. Der Hund duckte sich, und während die Hiebe auf ihn niederklatschten, wedelte fein Schweif und seine Augen flehten menschlich: Erkennst du mich?

Einer leuchtete mit einer Laterne, die Fürstin ließ die Peitsche sinken, ihre Hände zitterten schwach, das Gesicht war im ungewissen Licht noch weißer als sonst. Der Fürst warf einen sonderbar spähen­den Blick auf feine Frau, die er zum erstenmal aus ihrer hoch­mütigen Gelassenheit gerissen sah.

(Fortsetzung folgt.)

Drühl'schen Univ.-Buch- und Steindimckerei, R. Lang«, Vieh««.