Widerstand. Sie konnten kein gesundes Urteil über die Absichten des Rran3oicntönigs haben und wußten nur zu gut, daß die Armagnac! nichts verhindern würde, wenn einmal die Stadt eingenommen mare, ein Blutbad in ihr anzurichten, zu Jengen und zu brennen. Cm an derer Umstand erhöhte noch ihre Abscheu und ihren Schrecken, ab fie dorten daß Bruder Richard, dessen Predigten sie emstmals so an­dächtig gelauscht hatten, mit den Leuten des Dauphins emherritt, riisen sie die von dem Bruder erhaltenen Zinnmedalllen mit dem beiliaen Namen Jesu aus Haß gegen ihn von ihren Hüten herunter und griffen sogleich wieder zu Würfeln, Kugeln, Dambrettern und zu all jenen Spielen auf die sie ob seiner Ermahnungen verzichtet hatten. Gleiche Abscheu flöhte ihnen die Jungfrau em, die man be- ^Während der Krönung des Dauphins kam ein Heer aus England, vom Regenten bestimmt, die Normandie zu besetzen. Er führte es selbst nach Rouen und überließ die Verteidigung von Par>s Lou^ von Luxemburg, Bischof von Therouannes, Kanzler von Frankreich für die Engländer, und zweitausend Waffenleuten sowie der Pariser Miliz Seit Ende Juli war die Stadt Ueberraschungen gegenüber geschützt Zur Zeit des Sankt-Laurenz-Festes wurde das Verbot be- kanntaegeben, das Tor Sankt Martin, das mit v,er Türmchen und zwei Zugbrücken versehen war, zu verlassen. Und als am 28. August bas königliche Heer Saint-Denys besetzte, durfte niemand mehr m die Ebene im Norden der Stadt, in Weingärten oder Gemusepslan- zunaen um zu ernten. Es trat sogleich eine Teuerung em. In den ersten Septembertagen ließen die Bezirksvorsteher die Graben Her­richten und die Kanonen in den Mauern, Toren und Türmen an­bringen. Die Steinmetzen verfertigten Tausende von Kugeln.

Der Magistrat erhielt vom Herzog von Alenyon Briefe, die also begannen:Euch, Präfekt von Paris, Präfekten der Kaufleute und Schien -Er nannte sie bei ihren Namen und grüßte s.e m chorven Wendungen. Dieses Schreiben hielt man für em Werk der Arglist, dem Volke die Schöffen verdächtig zu machen und die Bewohner einen gegen den andern aufzubringen. Es wurde deshalb dem edlen Herrn bedeutet, sein Papier nicht mehr zwecks solcher List zu vergeuden. .

Das Kapitel von Notre Dame ließ für das allgemeine Wohl Messen lesen. Drei Domherren wurden bestimmt, für den Schutz des Klosters Vorsorge zu treffen. Die Kirchenvater bereiteten sich vor, die Reliquien und den Schatz vor den Feinden Schutz zu bringen. Sie verkauften um den Preis von zweihundert Goldstücken den Leib des heiligen Dionysius, behielten aber den Fuß^ der aus Silber war, den Schädel und die Krone. Am 7. September scharmützelten die Heere von Alenqon und von der Jungfrau um die Mauern. Sie zogen sich des Abends Zurück und die Burger schliefen ruhig ein, denn am folgenden Tage feierte bas christliche Volk Maria Geburt. An diesem Tage las man m der Messe die Worte des Pro­pheten Jsaias:Es wird ein Reis auf Jefses Stamm entspringen.

Die Bewohner von Paris dachten, daß die Armagnacs an solch großem Feste nicht einen Finger rühren und das brüte Gebot achten würden. An diesem 8. September aber setzten sich des Morgens die Jungfrau, die Herzöge von Alenqon und Bourbon und mehrere Marschälle in Bewegung und erreichten zur Stunde der hohen Messe die Hügel der Mühlen, zu deren Fußen gewöhnlich der Schweinemarkt abgehalten wurde. Dort befand sich em Galgen. Sechsundfünfzig Jahre vorher wurde eine Frau, die in den Augen bes Volkes ein erbauliches Leben geführt hatte, aber durch die heiligen Inquisitoren als Ketzerin und Närrin erkannt wurde, auf diesem Marktplatz lebendig verbrannt. Die Armagnacs schleppten reichlich Artillerie mit sich, Kanonen, Feldschlangen, Wurfgeschosse und zogen im Handkarren Reisigbündel, um die Gräben zu füllen, Hürden und siebenhundert Leitern herbei, reichliches Belagerungswerkzeug, wobei allerdings, wie man später sehen wird, das Nützlichste ver­gessen wurde. Solcherart kamen sie nicht etwa, um zu scharmutzeln ober irgendwelche Großtaten auszuführen, sie kamen, um bei hellich- tem Tage die größte, berühmteste und bevölkertste Stobt des Reiches mit Sturmleitern zu ersteigen. Carl von Valois wollte Paris wieder einnehmen. Es bleibt dahingestellt, ob er dabei einzig auf fern Kriegsvolk und feine Leitern zählte.

Es scheint, daß die Jungfrau nicht über die gefaßten Einschlüsse unterrichtet wurde; sie war jedoch ebenso sicher, an diesem Tage in Paris einzudringen, als nach ihrem Tode in das Paradies. Seit drei Monaten lagen ihr ihre Stimmen mit dem Angriff auf Pans m den Ohren. Was dennoch angesichts ihrer Frömmigkeit zu Erstaunen Anlaß geben konnte, war ihre Einwilligung, am Tage Maria Geburt im Gegensatz zu ihrer Handlungsweise am Himmelfahrtstage Waffen anzulegen und zu kämpfen. Sie tat nach dem Geheiß ihrer (stimmen und ihre Entschließungen richteten sich nach dem geringsten Geräusch in ihren Ohren. Nichts ist unbeständiger und widerspruchsvoller als die Eingebung dieser Erleuchteten, die ein Spielball ihrer Träume sind. Sicher ist, daß Johanna diesmal wie immer recht zu handeln und keineswegs zu sündigen gedachte.

In Reih und Glied auf dem Mühlenhügel vor Paris, vor dessen grauer Umgürtung postiert, hatten die Franzosen zunächst den ersten engen und trockenen Graben von etwa sechzehn bis siebzehn Fuß Tiefe vor sich, den eine schrägabfallende Böschung von dem zweiten, fast hundert Fuß breiten Graben trennte, der sehr tief und voll Wasser war, das die Mauern netzte. Die Pariser erwarteten nicht, an diesem heiligen Tage angegriffen zu werden. Dennoch waren Leute auf den Wällen, und man sah auf den Mauern Flaggen flat­

tern und hauptsächlich ein großes, weißes Banner mit einem hoch­roten Sankt-Andreas-Kreuz. Die Franzosen nahmen em wenig hinter dem Mühlenhügel Aufstellung, vor Blei- und Steinkugeln ge­schützt, die nun von den Wällen herabzuregnen begannen. Hier pflanzten sie ihre Wurfgeschosse, Feldschlangen und Kanonen auf. Die Jungfrau ritt zu Häupten der Truppe. An dem Tor von Samt- Denys und Saint-Honore stieg sie in den ersten Graben hmab, der nicht schwer zu durchqueren war. Aber auf der Böschung war sie dann den dicht von der Mauer herabschwirrenden Pfeilen ausgesetzt. Wie vor denTürmchen" von Orleans ließ Johanna ihr Banner von einem tapferen Soldaten halten. Auf der Böschung rief sie den Parisern zu:Uebergebt die Stadt dem König!" Die Burgunder hörten, daß sie gleichfalls sagte:Ergebt euch um Jesu willen, sogleich, denn tut ihr es nicht, ehe die Nacht anbricht, werden wir mit Gewalt eindringen, ob ihr es wollt oder nicht, und alles wird ohne Erbarmen getötet werden." Sie blieb auf der Böschung stehen und tastete mit ihrer Lanze in den großen Graben hinab, den sie nicht so tief und wasserreich erwartet hatte. Wie soll man aber Über diese Krieger urteilen, die wie Johanna da auf dem Abhang standen und höchst verblüfft waren, in der Nähe der hochangeschwollenen Seine so viel Wasser vorzufinden! Was hätte La Hire von ihnen gedacht? So viel Unfähigkeit und Nachlässigkeit schien geradezu unglaublich und man vermutete, daß diese Leute die Tiefe des Grabens wohl kannten, es aber der Jungfrau, in dem Wunsche, daß ihr ein Uebel »uftöße, verschwiegen hatten. Diesmal wollten sie wirklich diesem Kinde schaden, schädigten sich aber selber, betrogen sich m dem Glauben, sie zu betrügen: denn sie waren nun festgebannt, ohne nach vor- ober rückwärts zu können. Dennoch verschwanden die von vielen Pfeilen beschosienen Verteidiger nach und nach von den Wällen. Gegen vier Uhr aber eilten die Bürger in Mengen herbei, und die Kanonen des Saint-Denys-Tores donnerten. Man tauschte von oben und unten Pfeile und Schmähungen. Die Stunden gingen hin, die Sonne sank. Die Jungfrau tastete unaufhörlich mit ihrer Lanze den Graben ab und schrie den Parisern zu, sich zu ergeben. Da riß ihr ein Burgunder mit einem Streiche seiner Armbrust die Rüstung am Bein entzwei und verletzte sie am Schenkel. Ein an­derer Burgunder schoß auf den Mann, der das Banner der Jung­frau trug, und durchbohrte ihm den Fuß. Der Verwundete hob fein Visier, um zu sehen, von wo der Schuß käme; sogleich traf ihn ein Pfeil zwischen beide Augen. Die Jungfrau und den Herzog von Aleneon dauerte dieser Krieger nicht wenig. Johanna, die verwundet war, trieb um so heftiger an, daß alles sich den Mauern nähere;

die Einnahme sei gewiß. Aber man brachte sie hinter die Wehr

des kleinen Grabens vor den Pfeilen in Schutz. Hier drängte sie die Leute, Reisig in das Wasser zu werfen, um eine Brücke zu

bilden. Gegen 10 ober 11 Uhr abenbs forberte be la Tremouille bic

Kämpfer auf, sich zurückzuziehen. Die Jungfrau wollte den Platz nicht verlassen. Wahrscheinlich hörte sie ihre Heiligen unb sah um sich bic himmlischen Heerscharen. Herzog von Alenqon aber lieh sie wegholen; ber alte Herr von Gaucourt schleppte sie mit Hilfe eines picardischen Hauptmanns Guicharb Bournel hinweg, ber ihr bannt an diesem Tage keinen Gefallenen bereitete unb ihr sechs Monate später burch seinen Verrat einen noch größeren Schaben zufügen sollte. Wäre sie nicht verwunbet gewesen, so hätte sie mehr Wider- ftanb geleistet. So gab fie wiberwillig nach. Sie setzten sie zu Pferbe, unb so konnte sie ber Armee folgen. Das Gerücht verbreitete sich, es sei ihr ein, ja sogar bcibe Schenkel getroffen worben; ihre Ver- munbung aber war leicht. Die Franzosen erreichten ben Ort ben fie des Morgens verlassen hatten. Sie führten ihre Verwunbeien auf einigen ber Karren mit sich, bie ihnen zum Transport ber Reisig­bündel und Leitern gedient hatten, ließen aber viel Belagerungs­material zurück, das sie zum Teil verbrannten. Man erzählte sich mit Schaudern, daß sie ihre Toten wie die heidnischen Römer in die Flammen geworfen hätten. Dennoch aber wagten es die Pariser nicht, sie zu verfolgen.

Im ganzen hatten die Franzosen, wenn man nur die militärische Aktion ins Auge faßt, die Dinge schlecht geführt und nicht allzu ener­gisch betrieben. Es war aber nicht das kriegerische Unternehmen, auf bas man am meisten Gewicht legte. König Carl war entschlossen, seine getreuen Stäbte mit Hilfe ber Einwohner zu erobern unb ver­hielt sich Paris gegenüber, wie er sich gegen bie anberen Städte verhalten hatte. Während ber Krönungsfahrt hatte er Verstänbigung mit ben Bischöfen unb Bürgern ber Stäbte unb Orte in ber Cham­pagne angeknüpft; ebenso besaß er SBerbinbungen mit Paris. Hiersür eigens besoldete Leute lauerten seit einiger Zeit auf die Gelegen­heit, in ber Stabt Unruhe zu verbreiten unb im geeigneten Moment bes Schreckens unb ber Verwirrung ben Feinb einbringen zu lassen. Einige Geistliche, des Königs Carl Spione in Paris, begaben sich nach Saint-Denys und meldeten ihm das Fehlschlagen des Angriffes. Man berichtete, daß be la Tremouille den Rückzug anordnete aus Furcht vor einem Blutbad, da man den Franzosen zutraute, wenn sie einmal eingedrungen wären, alles zu töten und niederzubrennen.

Am nächsten Morgen, als bie Jungfrau sich trotz ihrer Ver- rounbung bei Tagesanbruch erhob, forberte sie Alenqon auf, zum Abmarsch blasen zu lassen, ba sie durchaus an bie Mauern von Paris zursickkehren wollte, unb schwor, nicht abzuziehen, ehe sie bie Stabt erobert hätte. Jnbes sandten die französischen Hauptleute nach Paris einen Herold mit der Bitte um sicheres Geleit, um ihre Toten, die sie in großer Anzahl zurückgelassen hatten, bergen zu können.

(Sortteßung folgt.)

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck der Brühl'schen Universitäts-Buch, und Steindruckerei. R. Lange, Bietzen.