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der hinein in Len Hochwald. Sie sprachen nicht allzu viel mit­einander und hatten später vergessen, was sie geredet hatten. Aber ein starkes schönes Gefühl des Verstehens und der Freude aneinander ging mit ihnen und blieb ihnen unvergeßlich. Er war es, der zuerst an die Amkehr und den Heimweg erinnerte. Mer Marie Louise war von all der Freude und Sommerluft so übermütig geworden, daß sie nicht umkehren wollte. Sie würden schon unten im Tale den Fahrweg finden und die heimkehrenden Wagen treffen. So gingen sie weiter bergab. Wo das Anterholz zu Dicht war,, ging er vor und hielt ihr die Zweige zurück, wo der Weg frei war, gingen sie dicht nebeneinander.

Als sie endlich auf dem Fahrdamm standen, lag die Däm­mer ng tief über dem Waldtal und ein letzter Schimmer Abend­rot hoch über den grünen Bergen. Mit dem Aebermut wars nun vorbei. Sie fürchteten sich heimlich beide ein wenig. Bon den Wagen war keine Spur zu sehen.

Sie werden uns schön ausschelten," sagte Marie Louise, aber daraus mache ich mir gar nichts. And ich will es Miß Hamley schon klar machen, daß ich's gewollt habe ich ganz allein, And schön toarS doch - und ich tät's gerne noch ein- inal!"

.Und ich tät's gern noch hundertmal", sagte er. Da schob sie ihre Hand in die seine, und Hand in Hand waren sie weiter­gewandert bis sie das Rollen der Wagen hinter sich hörten.

Am anderen Tage mußte Marie Louise auf ihrem Zimmer bleiben und ein Goldstück von ihrem Taschengeld an die Mis­sion schicken. Die alten Herrschaften erfuhren nichts von der Sache, aber mit dem Hofmeister sprach Miß Hamley sich gründ­lich aus. Der fand leicht einen Dorwand, Hans Müller bald hcimzuschicken. Miß Hamley gab acht, daß die beiden Sünder sich vorher nicht mehr alleine sahen.

Ähre Wege trennten sich dann ganz von selbst. Der Prinz »erließ im Herbst das Gymnasium und trat in die Armee ein.

Hans Müller war seinen eigenen Weg weitergegangen. Sonderbar war's, daß er niemals mit anderen Menschen von jenem Sommernachmittag geredet hatte, nicht mit seinen Studien­freunden und nicht mit der kleinen lustigen Frau, die er sich vor ein paar Jahren in sein Haus geholt hatte. Es war da etwas, was ihm ganz allein gehörte, ihm und vielleicht der an­deren, wenn sie nicht alles längst vergessen hatte. Man hörte draußen sprechen. Der Geheimrat begab sich zur Begrüßung der Fürstin hinaus. Er kam bald wieder. Ihre Hoheit wünschte auch die übrigen Herren kennenzulernen. Sie gingen alle in das Dorzimmer, Dr. Hans Müller als der letzte. Er blieb dicht an der wcißlackierten Tür zum Operationssaale stehen. Er hörte seinen Damen nennen und machte mechanisch eine Derbeugung. Dann sah er auf und gerade hinein in ein paar dunkle Frauenaugen. Die Augen erkannte er wieder, wenn ihm auch sonst alles an der blassen Frau fremd war, die dort im Sessel saß.

Der Leibarzt der Fürstin sprach ein paar höfliche Worte mit den Kollegen. Dann kam eine Pause. Wan wartete auf den Befehl, mit der Operation anzufangen.

Ich wünsche, einen Augenblick mit Herrn Dr. Müller allein gelassen zu werden."

Die Stimme Ihrer Hoheit klang klar durch die große Stille. Wenn die Fürstin erklärt hätte, sie wollte noch einen Walzer mit dem Geheimrat tanzen, würde man sich kaum mehr gewundert haben. Aber man war natürlich viel zu gut erzogen, um so plebejische Gefühle wie Erstaunen und Reib nach außen hin,zu zeigen.

Die beiden Menschen waren allein. Alles andere, alles, was das Leben ihnen um- und angehängt hatte, schien der todkranken Frau in diesem Augenblick abgetan und ausgelöscht. Sie hatte solche Sehnsucht nach einem Menschen, der auch sie ganz einfach als Menschen nahm, der begriff, wie es ihr zu Micke war. Danach hatte sie gehungert seit der Stunde, wo sie erfahren, daß ihr Leiden ein todernstes sei, daß sie vor dem dunklen Tor stehe, dessen eherne Pforten das -große Schweigen verschließen.

Man hatte ihr das sehr rücksichtsvoll und langatmig mit Hilfe von vielen Fremdwörtern gesagt, aber sie hatte den tiefen Sinn doch rasch verstanden. Seitdem waren viele Menschenworte an ihr Ohr geschlagen, höfliche, mitleidsvolle, ergebene, aber kein einziges war ihr bis in Vie Seele gegangen. Sie hatte die Bitternis der Einsamkeit geschmeckt in diesen letzten Tagen und Rächten. And nun in dieser allerletzten Stunde schlug ein Rame an ihr Ohr und ihre Seele horchte auf, und sie streckte die Hände aus nach einem Gefährten auf dem dunklen Wege.

Die beiden Menschen waren allein. Sie war ganz unbefan­gen mit jener vornehmen Sicherheit, die Erziehung und Stellung ihr gegeben. Er war verlegen und eckig. Aber als sie ein paar einfache Fragen tat, nach seinem Ergehen, seinen Lebensverhält­nissen, da fand auch er rasch den rechten Son.

Ich wußte, daß etwas Tüchtiges aus Ihnen werden müßte", sagte sie.Wenn das Miß Hamley erlebt hätte! Sie prophezeite Ihnen eine grauenhafte Zukunft damals nach jenem Waldspaziergang als wir noch jung und froh gewesen sind. Richt wahr, Sie haben's auch nimmer vergessen? And jetzt sollen Sie mir sagen, wie es um mich steht. Sie wissen sicher, wie Der Geheimrat die Sache ansieht ziemlich verzweifelt, nicht wahr?"

Er mußte ihr die Wahrheit sagen. Es war etwas in ihren Augen, das ihn dazu zwang.

And wenn die Operation gelingt," sagte sie dann,Sie meinen ja, daß eine Möglichkeit bleibe, hab' ich dann wirklich Aussicht gesund zu werden, gesund zu bleiben?"

Er schwieg.

So danken Sie Gott an meiner Stelle, wenn ich nachher nicht wieder aufwache. Mir fehlt's an Kraft und Mut zum Weiterleben, zum Weiterleidenmüssen. Wenn ich am Leben bleibe, dann muffen Sie mir helfen, so ganz allein kann ich nicht mehr fort. Aber auch vor dem Alleinsterben graut mir. Richt wahr Sie bleiben bei mir bis zuletzt?"

J5ie streckte ihm die Hand entgegen, so eine abgemagerte weihe Hand. Er konnte kein Wort sagen, aber sie fühlte an seinem Händedruck, daß er sie verstanden hatte.

Sie richtete sich auf.Lassen Sie die Herren anfangen, ich bin Bereit.

Sie wandte sich zu den eintretenden Aerzten.

Ich wünsche, daß Herr Dr. Müller während der Narkose meine Hand hält und auch später, wenn ich erwachen sollte, in meiner Nähe bleibt,

Er hatte ihre Hand gehalten, stundenlang, während di« Aerzte ihre Arbeit an dem armen Frauenleibe taten. Es war eine schwere, traurige Arbeit. Die Krankheit war hoffnungs­los weit vorgeschritten. Dr. Hans Müller hatte unausgesetzt den Pulsschlag beobachtet. Sie lebte noch, als man fertig war. Er trug sie behutsam mit den blau-weißen Schwestern hinauf auf ihr weißes Lager. Langsam unter Qual und Grauen däm­merte das Bewußtsein auf. Sie klagte über Kälte, er bettet« sie zwischen heiße Steine und Wärmeslaschen. Sie verlangte zu trinken, er legte ihr ein Stückchen Eis auf die Zunge. Eo nahm so ruhig und selbstverständlich den Platz an ihrer Seite ein, daß keiner sich zu wundern wagte.

Gegen Abend wurde die Anruhe schlimmer. Die gaben ihr Morphium. Danach hatte sie ein paar Stunden lang mehr Ruhe.

Am Mitternacht kam eine große Angst.Festhalten, fest» halten," bat sie ein paarmal,ich falle so tief ins Leere.' Ms die Frühschauer des Morgens kalt Lurchs offene Fenster kamen, starb sie, an einer inneren. Verblutung, sagten die Aerzte.i Seine Hand hatte sie bis zuletzt gehalten.

Es tut mir wirklich leid, mein lieber Kollege," sagte der Geheimrat ein paar Wochen später gelegentlich zu dem Dr. Hans Müller,daß Ihre so anerkennenswerten Bemühungen um Sie verstorbene Fürstin an maßgebender Stelle keine Be­achtung gefunden haben. Der Leibarzt hat's offenbar nicht für nötig gehalten, dem Fürsten den Tatbestand zu melden, oder Seine Hoheit hatte keine Neigung, sich für die Sache zu inter­essieren. Ich hatte mir schon vorgestellt, daß Sie in den Besitz des Hausordens erster Klasse und eines netten kleinen Dar- vermögens kommen würden. Sie hatten doch wohl alte Be­ziehungen zu der Fürstin? Derartiges ist ja heute unbezahlbar, man muß es nur gründlich auszunutzen wissen, mein Lieber."

Hans Müller sah den Geheimrat ruhig an.Es gibt eben Dinge, auch heutzutage noch, Herr Geheimrat, die so wertvoll sind, daß sie sich überhaupt nicht bezahlen lassen", sagt« er.

Die Heimkehr.

Don Hermann S t e g « m a n n.

<Forlsetzung.)

Da legte sie beide Hände auf die heftig klopfenden Schläfen des alten Mannes und sprach:

Wenn es so ist, wie du sagst, dann war es ja mehr eine Krank­heit, was ihn toll und unstet gemacht hat, als böser Wille und Leicht­sinn. Dann darfst du ihm erst recht nicht fluchen."

Hab' ich ihm geflucht? Ich bin kein Komödienvater, Annelies! Ich verhebe mich nicht an einem Fluch, und ich bedenk' «s alle Tag«, daß ich neben der Mutter, neben feiner Mutter, ruhig und ehrlich schlafen will."

Die Worte tarnen langsam unb_ feierlich aus seinem Munde. Er tastete nach den Händen, die seine L-chtäfen kühlten und streichelte sie.

Daraus bemühte er sich, die unnötige Brille abzunehmen.

Aber sie litt es nicht.

Lies, was mir der Berthold schreibt", sagte sie.

Es war keine Bitte, sondern klang wie eine Mahnung, und Meltzer stutzte.

Es war noch etwas anderes in dieser Aufforderung, ein Entschluß, ein Verzicht er hatte ein argwöhnisches Ohr und kannte den dunklen Ton ihrer Stimme.

Langsam griff er nach dem Brief.

Und während der Vater mühfam die kleine Schrift entzifferte und hier und da ein Wort laut las, um sich von seiner Tochter die Richtig­keit desselben bestätigen zu lassen, dachte Annelies ihre Aufgabe, ihre Pflicht und ihre Zukunft zu Ende.

Maschinenfabrik Wenz in Mannheim?" buchstabierte er.

Ja, Vater, als Ingenieur für Turbinenban, bei Anselm Wenz, in den großen Werkstätten in Mannheim", ergänzte sie leise.

Mit dreißig Jahren nicht mehr zu jung", fuhr er fort und ging den enggeschriebenen Zeilen mit dem Zeigefinger nach.

Ja, dreißig"

Zum zum" Er stockte.