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lichter wußte Bescheid in diesen Dingeir, nach einige« Minuten war der Baum eingeschrobeic und stand fest rmd aufrecht, feine grüne Spitze fast bis zur Decke streckend — Die alte Magd hatte ihre Schüssel mit Aepfeln und Pfeffernüssen stehen (affen; während die anderen drei beschäftigt waren, die Wachskerzen auf- zustecken, stand sie neben ihnen, ein lebendiger Kandelaber, in jeder Hand einen brennenden Armleuchter emporhaltend. — Sie war accS der Heimat mit herübergekommen und hatte sich von allen am schwersten in den Brauch der Fremde gefunden. Auch jetzt betrachtete sie den stolzen Daum mit mißtrauischen Augen. „Die goldenen Eier find denn doch vergessen!" sagte sie.
Der Amtsrichter sah sie lächelnd an: „Aber Margreth, die goldenen Tannäpfel sind doch schöner!"
„So, meint der Herr? Zu Hause haben wir immer di« goldenen Eier gehabt."
Darüber twir nicht zu streiten; es mar auch keine Zeit dazu. Harro hatte sich indessen schon wieder über den Quersack hergemacht. „Noch nicht anzünden!" rief er, „das Schwerste ist noch darin!"
Es war ein fest vernageltes hölzernes Kistchen. Aber der Amtsrichter holte Hammer und Meissel aus seinem Gerätkästchen; nach ein paar Schlägen sprang der Deckel auf, und eine Fülle weisser Papierspäne quoll ihnen entgegen. — „Zuckerzeug!" rief Frau Ellen und streckte schützend ihre Hände darüber aus. „Ich wittere Marzipan! Setzt euch; ich werde auspacken!"
äliid mit vorsichtiger Hand langte sie ein Stück nach dem andern heraus und legte es auf den Tisch, das nun von Vater und Lohn aus dein umhüllenden Seidempapier herausgewickelt ‘ wurde.
„Himbeeren!" rief Harro, „und Erdbeeren, ent ganzer Strauss!"
„Aber siehst du es wohl?" sagte der Amtsrichter, „es sind Walderdbeeren; so welche wachsen in den Gärten nicht."
Dann kam, wie lebend, allerlei Geziefer; Hornissen und Hummeln und was sonst im Soimenscheur an stillen Waldplätzen umherzüfummen Pflegt, zierlich aus Dragant gebildet, mit gold- bestäubten Flügeln; nun eine Honigwabe — die Zellen mochte« mit Likör gefüllt fein —, wie sie die wilde Biene in den Stamm den hohlen Eiche baut; und jetzt ein großer Hirschkäfer, von Schokolade, mit gesperrten Zangen und auägeB reiteten Flügeldecken. „Cervus iucanus!“ rief Harro und Aasschte in die Hände.
An jedem Stück war, je nach der Gröhe, ‘ein lichtgrünes Seidenbändchen. Sie konnten der Lockung nicht widerstehen, sie begannen schon jetzt den 'Baum damit zu schmücken; während Frau Ellens Hände noch immer neue Schätze ans Licht förderten.
Bald schivebte zwischen den Immen auch eine Schar von Schmetterlingen an den Tamcenfpitzen; da war der Himbeerfalter, die silberblaue Daphms und der olivenfarbige Walbargus. und wie sie alle heißen mochten, die Harro, hier vergebens aufzujagen gesucht hatte. — Und immer schwerer wurden di« Päckchen, die eins nach dem andern von den eifrigen Händen geöffnet würden. Denn jetzt kam das Geschlecht des größer«» Geflügels; do. kam der Dompfaff und der Buntspecht, ein Paar Kreuzschnäbel, die int Tannenwald daheim sind; und jetzt — Frau Ellen stieß einen leichten Schrei aus — ein ganzes Rest voll t(einet schnäbelaufsperrender Vögel; und Väter und Sohn gerieten imteütmiber in Streit, ob es Goldhähnchen oder junge Zeisige seien, während Harro schon das klein« Heimwesen im dichtesten Tannengrün verbarg.
Der Baum war voll, die Zweige bogen sich; die alte Margreth stöhnte, sie könne die Leuchter nichts mehr halten, sie habe gar keine Arme mehr am Leibe.
Aber es gab wieder neue Arbeit. „Anzünden!" kommandierte der Amtsrichter; und die klein und großen Weihnachts- kinder standen mit heißen Gesichtern, kletterten auf Schemel und Stühle und liessen nicht ab, bis affe Kerzen angezündet waren.
Der Baum bramtte, das Zimmer war von Dust und Glanz erfüllt und es war nun wirklich Weihnachten geworden.
Ein wenig müde von der ungewohnte!» Anstrengung saß der Amtsrichter auf dem Sofa, nachsimrend in den gegenüber- hüngenden großen 'Wandspiegel blickend, der das Bild des brennende!» Baumes .zurückstrahlte.
Frau Ellen, die ganz heimlich ei» wenig aufzuräumen begann. wollte eben die geteerte Kiste cor die Seite letzen, als sie tote in Gedaicken noch einmal mit der Hand durch die Papier- späne streifte. Sie stutzte. „Unerschöpflich!" fugte sie lächelnd. — Es war ein Star von Schokolade, de» sie hervorgeholt hatte. „ Und, Paul!" fuhr fie fort, „er spricht!"
Sie hatte sich zu Hut auf die Sofaiehne gesetzt, und beide lasen nun gemeinschaftlich den beschriebenen Zettel. den der Bogel in seinem Schnabel trug; „Einen 'Wald- und Weihnachts» gruß von einer dankbarem Freundin!"
„Also von ihr!" sagte der Amtsrichter, „ihr Herz hat ein gut Gedächtnis. Knecht Ruprecht muhte einem tüchtigen 'Weg zurücklegen; denn ,das GM liegt fünf ganze Meilen vom hi«.
Frau Elfen fegte den Arm um ihres MamneS Racken. „Richt war, Paul, wir wollen auch nicht amdantzbar gegen die Fremde fein?“
„O, ich bin nicht undcurkbar; — aber-----" '/
„Was denn ab«, Paul?"
„Was mögen drüben jetzt die Alten machen!"
Sie antwortete nicht darauf; sie gab ihm schweigend ihre Haich. —
„Wo ist Harro?" fragte er nach einer Weile.
Harro war .eben wieder ins Zimmer getreten; aus ein« Schachtel, die er mit sich brachte, nahm er eine kleine verblichene Figur und befestigte sie sorgfälttg an einen Zweig des Tarmsn- baumes. Die Eltern hatten es wohl erkannt; es war ein Stück von dem Zuckerzeug des letzten heimatlichen Weihnachtsbaumes; ein Dragoner auf schwarzem Pferde in langem, graublauem Mantel. D« Knabe stand davor und betrachtete es unbeweglich; feine großen blauen Augen unter der breiten Stirn wurden immer finsterer. „Vater", sagte er endlich, und feine Stimme zitterte, „es war doch schade um unser schönes He«! — Wenn sie es nur nicht aufgelöst hätten — ich glaube, dann wären wir wohl noch zu Hause!"
Eine lautlose Stille folgte, als der Knabe das gesprochen. Dann rief der Vater seinen Sohn und zog ihn dicht an sich heran. „Du kennst noch das alte Haus dein« Großeltern", sagte er, „du bist vielleicht das letzte Kind von den Unfern, das noch auf feen großen übereinander getürmten Bodenräumen gespielt hat; feen» die Stunde ist nicht mehr fern, daß es in fremde Hand kommen wird. — Einer deiner älvahiten hat es einst für feinen Söhn gebaut. Der junge Mann fand es fertig und ausgestattet vor, als er nach mehrjähriger Abwesenheit in den Handelsstädten Frankreichs nach seiner Heimat zurückkehrte. Bei seinem Tobe Hat er es seinen Rachkommen hinterlassen, und sie haben darin gewöhnt als Kaufherren mrd Senatoren, oder, nachdem sie sich dem Studium der Rechte zugewandt hatten, als Bürgermeister oder Syndiki ihrer Vaterstadt. GS waren angesehene und möhldenkenbe Männer, die im Lauf der Zeit ihre Kraft und ihr Vermögen auf mannigfache Weise ihren Mitbürgern zugute komme» ließen. So waren sie wurzelfest geworden in 6er Heimat. Roch in meiner Knabenzeit gab es unter den tüchtigeren Handwerkern fast keine Familie, wo nicht von den Voreltern oder Eltern eines in den Diensten der Unter: gen gestanden Hätte; sei es auf den Schiffen öder in den Fabriken oder auch im Hause selbst. — Es waren das Derhält- mfse des gegenseitigen Vertrauens; jeder rühmte sich des andern und suchte sich des andern wert zu zeigen; wie ein Erbe ließen es die Eltern ihren Kindern; sie kannten sich alte, über Geburt und Tod Hinaus, denn sie kannten Art und Geschlecht der Zungen, die geboren wurden, und der Alten, die vor ihnen dagewesen waren." — Der Amtsrichter fchmteg stnsn Augeilblick. während der Knabe unbeweglich zu ihm emporsoh. „Aber nicht allein in die Höhe", fuhr er fort, „auch in die Tiefe haben deine Voreltern! gebaut; zu dem steinernen Hanse in der Stadt gehörte die Gruft draußen auf dem Kirchhof; denn auch die Toten sollten noch beisammen sein. — äl>nd seltsam, da ich des inne ward, daß ich fort mußte, mein erster Gedanke war, ich könnte dort den Platz verfehlen. — Ich habe sie mehr als einmal offen gesehen; das letztemal, als deine Urgroßmutter starb, eine Frau in hohen Jähren, wie sie den älnserigen vergönnt zu fein pflegen. — Ich vergesse den Tag nicht. Ich war hinabgestiegen und stand unten in der Dunkelheit zwischen den Särgen, die irefeen und über mir auf den eisernen Stangen ruhten; die ganze alte Zeit, eine ernste schweigsame Gesellschaft. Reben mir war der Totengräber, ein eisgrauer Mann. Aber einst war er jung gewesen und Hatte als Kutscher, den schwarzen Pudel zwischen den Knien, die Rappen meines Großvaters gefahren. — Er stand an einen höhen ©arg gelehnt und ließ wie liebkosend seine Hand über Las schwarze Tuch des Deckels gleiten. „Das is mitt ole Herr!" sagte er in seinem Plattdeutsch,, „bat weer en guds Mann!" — Mein Kind, nur dort zu Hause konnte ich solche Worte hören. Ich neigte unwillkürlich das Haupt; denn mir war. als fühlte ich den Segen der Heimat sich leibhaftig auf mich meder» senken. Ich war der Erve dieser Toten; fie selbst waren zwar dahingegangen; aber ihre Güte und Tüchtigkeit febte noch, und war für mich da und half mir, wo ich selber irrte, wo meins Kräfte mich verließen. — Und auch jetzt noch, wenn ich mir und den Weinen nicht zur Freude, aber getrieben von jenem geheimnisvollen Weh, äuf kurze Zeit zurückkehrte, ich weiß e« wohl, dem sich dann alle Hände dort entgegenstreckten, das war nicht ich allein."
Er war aufgestanden und hatte einen Fensterflügel auf- gestoßen. Weithin dehnte sich das Schneefeld; der Wind saust»; unter den Sternen vorüber jagten die Wolken; dorthin, wo in unsichtbarer Ferne ihre Heimat lag. — ®r legte fest den Arm um seine grau, die ihm schweigend gefolgt war; seine lichtblaue« Augen lugten scharf in die Macht hinaus. „Dort?" sprach er feife; „ich will den Namen nicht nennen; er wird nicht gern gehört in deutschem Landen; wir wollen ihn füll in unserem Herzen sprechen, wie die Äuden das Wort für den Älfev- heiligsten. lind er .ergriff die Hand feines Kindes und preßte sie so fest, daß der Zunge die Zähne zusammenbitz.
Roch lange ftandsn sie und blickten dem dmckfen Zuge Wolken nach. — Hinter ihnen im Zimmer ging
’Htagb umher und hütete sorgsamem Auges die allmählich «teöw brenmenden Weihnachtskerzen.
tzchristleitung: Dr, Friede. Mich, Lange. — Druck w* Verlag der Brühi fchen Aniy-Bxch- und Steindruck««;, A. Se*a», Mchi»


