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Pansch.

Sine Geschichte ans der Biedermeierzeit, Dan Carl Worms.

(Fortsetzung.)

Es ist ein stiller, warmer Regentag. 3n Tannenfeld, wo Dora heute die Wirtin spielt, vergnügt sich die Lugend am Pfänderspiel. Arn Stickrahmen sitzt die Herzogin mit den alteren Herren und Damen auf dem Löbichauer Balkon, auf dessen Söulendach eintönig die Tropfen fallen. Marherneke hat ftoi m eine Rümmer desMoniteur" vertieft, Feuerbach memoriert im Dorg^mclch seine ^Rolle urtt) behauptet schQN zum vierten Mal«, cm die Glastür tretend, dies sei bestimmt sein letzte Jugendstreich. Jean Paul sitzt Mit Binzer am Brettspiel und droht scherzhaft Wilhelmine, als diese hinter seines Güners Stuhl offen gegen ihn Partei nimmt. Still ergeben sitzt Baron Otto, mon ange, vor der Mutter Schaukelstuhl und hält ihr das Garn. Endllch hat nämlich Jean Paul auch diese Dame kennen gelernt.

Länger als eine Woche dauert ihre Migräne nie, die Woche ist vorüber. Ihr schwarzseidener Schlafrock duftet nach ätherischen Tropfen, über der weihen Perücke ä la Pompadour trägt sie einen turbanartigen Schal. Der sehr spitzen Rase und den gelo- lichen Wangen merkt man die Rekonvaleszentin noch ein wenig an. Da sie sehr wenige und sehr schlechte Zähne hat, öffnet sie den Mund selten. Es ist nicht zu leugnen, ihrem gsschrobenen, wie auf Draht gespannten Wesen steht dies aristokratische Schweigen ganz gut. Wenn ihre kleinen geröteten Augwi auf Otto, mon ange, ruhen, kommt sogar etwas Leben in ihr Korsett hinein. Jean Paul hat sie einige Elogen über seine pädagogi­schen Werke gesagt, zuletzt aber doch steif betont, sein Titan sei für die Jugend entschieden gefährlich. Die Chassepot hat energisch dazu genickt unb Jean Paul ist's beiläuftg ausgefallen, daß gerade dies« beiden sich Freundinnen der liebenswürdigsten Herzogin nennen. n

Anglaublich!" ruft Marheineke hinter seiner Zeitung.

.Was Reues aus Paris?" fragte die Herzogin.

Reues, immer Reues und dein Ende! Als wäre das Alte nie dagewesen. Wie vom neunten dieses Monats berichtet wird, verliebt sich eine gewisse Louise Seignoret, einfache. Färbers tvchter, in das Bild eines modernen Malers und natürlich auch in diesen, den sie nie gesehen. Die Eltern wollen sie durch euren Freier kurieren, sie weigert sich Man will sie zwingen, da schreibt sie an den Maler, bekommt natürlich keine Antwort und springt in die Seine. Fischer haben die Leiche aufgefunden.

Die kleine Geschichte hat alle gepackt, niemand außer Jean Paul bemerkt Rita, die leise eingetreten ist und erbleichend sich an die Wand lehnt. .

In die Seine, wie unpoetisch!" haucht die Baronin. »Man springt vom Felsen, man verhungert in einer Ruine, man tötet sich durch Dlumkmdust." , . .

Man läßt sich vom Blitz erschlagen," sekundiert bet Herr Sohn, weih aber sofort, dah er etwas Dummes gesagt denn die Baronin wirst ihm einen Blick zu und läht den Käuel seufzend in ihren Schoß gleiten. Auch die Gräfin legt ihre Patiencekarten Weite.

Armes Mädchen," sagt Binzer leise vor sich hm. Dafür trifft chn ein dolchscharfer Blick Marheinekes, der nervös an seiner Zeitung knüllt. .

Wie, mein Herr, Sie finden eme solche Handlung nicht empörend? Nächstens wird man wohl bei seinen Kindern an- f rag en müssen, ob sie zu heiraten, wen sie zu heiraten geruhen.

So denke ich allerdings. Selbstbestimmung ist das erste Recht des Individuums."

Juristisch unhaltbar, Herr Kollege," ruft Feuerbach von der Tür her. Er merkt, dah er nötig wird, steckt die Rolle em und knöpft den Frack darüber.

Ihr Votum in Ehren, Herr Präsident. Rur laht sich das Leben nicht immer juristisch nehmen. Hier handelt es sich um ein aufkirospendes Seelenleben Louise hieß das Mädchen ja wohl wohinein eine brutale Hand greift."

Demnach nennen Sie einen Staat brutal, der das auf­knospende Wesen eines Anarchisten im Zuchthause zur Rafon bringt?" , E , . .

Ich wiederhole, Herr Präsident, ich spreche letzt nicht juristisch. Auch das einfach Menschliche hat seine ewigen Ge- jetze. Ein junges Mädchen ist kein Anarchist, die Ehe doch wohl kein Zuchthaus "

Pferde gestiegen^ wobei des Königs und meine eigene Kavallerie- stabswachr unsere Eskorte bildeten.

Der Ritt führte uns zunächst durch bayerische Biwaks, in Welchen die Mannschaften, auffallend nachlässig und schmutzig, sich, um Se. Majestät zu begrüßen, herandrängtM, so dah ich genötigt war, Major Mischte voraufreiten zu lassen, bloß um 6te Soldaten an dienstmäßige... Haltung zu erinnern. Rach einer Viertelstunde erreichten wir das hübsche Schlößchen Beue- vue, wo unsere Leibkürassiere und bayerische Infanterie die Wache bildeten. Sämtliche kaiserlichen Fourgons und Wagen standen reiseferttg aufgefahren; die französische DiMersihaf. er­schien in den bekannten reichen Livreen und selbst die Postillone wie bei festlichen Ausfahrten ä la Lonjumeau kostümiert und ge- pudert. Alles betrachtete uns neugierig, aber höflich grüßet®. 'Bereits stand ein großer Teil unserer Generalstatsoffiziere und Adjutanten am Fuße des Schlößchens, während die matson de lempereur in einem Glaspavillon sich befand, der dm Eingang zu dem Salon bildete. Der König und ich stiegen vom Pferde, vom General Castelnau empfangen, dessen Haltung gedruckt war. Am Eingänge des Glaspavillons erschien der Kaiser Napoleon in voller Aniforrn mit dem Stern der Ehrenlegion und mehreren kleinen Orden und führte den König in den Salon, dessen GMS- türen ich dann schloß, um vor demselben stehen zu bleiben, während di« französische Arngebung in den Garten trat. -Kur General Comte Reille und Prinz Achills Murat, später noch Mr. Dovillers, einer der kaiserlichen Ecuyers, leisteten nur Gesellschaft. Anser Gespräch drehte sich nätürlich nur um All­gemeinheiten.

Die Unterredung zwischen dem König und Rapobeon begann Se Majestät mit den Worten, nachdem das Schicksal sich zu Angunsten Rapoleons gewendet und dieser ihm seinen Degen angeboten habe, sei er gekommen, um den Kaiser nach Jem Absichten zu fragen. Rapoleon stellte seine fernere Zukunft lediglich dem König anheim, woraus dieser erwiderte, daß er mit "aufrichtigem Mitgefühl seinen Gegner in solcher Lage vor sich sähe, da ihm wohl bekannt sei, daß es Rapoleon nicht leicht geworden sei, sich zum Kriege zu entschließen. Rapoleon nahm diese Aeußerung mit Wärme auf und beteuerte, daß er nur der öffentlichen Meinung nachgebend sich zum Kriege entfchlosien habe Seine Majestät bemerkte hierzu, daß es aber biejenigeni Ratgeber, welche der ftanzösische Kaiser berufen, dahin gebraut hätten, daß die öffentliche Meinung eine solche Richtung ein- geschlagen hätte. Der König fragte dann, ob Napoleon irgend­welche Unterhandlungen beabsichtigte, was letzterer nut bem ®e- merken verneinte, daß er als Gefangener keinen Einfluß auf die Regierung mehr habe. Auf die Frage, too sich beim bie. Re­gierung befände, erwiderte Rapoleon: in Paris.^ Ge. Mm^tät bot nunmehr das königliche Schloß auf Wilhelmshohe bei Kasim dem Kaiser Napoleon als Aufenthaltsort an, was dieser sofort annahm. Dann bemerkte der König, bah eine Ehrenwache ihn bis an die Grenze, auch behufs persönlicher Sicherhrnt, begleiten werde, was Rapoleon mit allen Zeichen besonderer Befriedigung annahm, da er sich offenbar unter den Seinen nicht mehr sicher fühlt. Rapoleon sprach die Vermutung aus, doch den Prinzen Friedrich Karl sich gegenüber gehabt M haben, worauf Se. Majestät erwiderte, daß ,jr' und der Kronprinz von Sachsen gestern kommandiert hätten. Napoleon fragte hierauf, wo denn Prinz Friedrich Karl sei. Se. Majestät antwortete mtt be­sonderer Betonung: mit sieben Armeekorps vor Metz, bet welcher Bemerkung der Kaiser mit allen Zeichen des überraschten Er­staunens einen Schritt zurücktrat; zugleich fuhr ein Zucken über sein Gesicht, da es ihm wohl jetzt erst klar ward, daß er nicht di« ganze Armee sich gegenüber gehabt hatte. Als der König die Tapferkeit der Franzosen lobend hervorhob, gab Napolwn dieses zu, jedoch mit dem Bemerken, daß seiner Armee die Disziplin fehle, welche die unsrige so sehr auSzeichnet; die Preu­ßische Artillerie sei nach feiner Ansicht gegenwärtig die erste der Welt, die französischen Truppen hätten unserem Feuer nicht widerstehen können.

Die Anterredung mochte eine gute Viertelstunde gedauert haben, nach welcher der König und Napoleon an seiner Seite wieder in den Dorderraum traten, wobei unseres Königs hohe, hehre Gestalt wunderbar erhaben neben der kleinen, sehr ge­drungenen des Kaisers erschien. Als Napoleon mich sah, reichte er mir di« Hand; dicke Tränen rannen über seine Backen, die er mit der Hand abwischte .während er mit größter Dankbarkeit der Worte wie auch der Art gedachte, wie Se. Majestät sich soeben geäußert hätte. Ich sagte ihm, daß es doch natürllch sei, vor allem mitleidsvoll den Anglücklichen zu begegnen. Auf mente Frage, ob er etwas Nachtruhe habe finden können, meinte er, die Sorg« um die Seinen habe ihm, inmitten der Drangsale eines Krieges, wenig Schlaf gelassen. Als ich dann bemertte. daß dieser Krieg eine bedeutende und sehr blutige Ausdehnung genommen habe, erwiderte Rapoleon, ja, das sei nicht zu leugnen, aber um so furchtbarer, wenn man den Krieg nicht gewollt habe (surtout quand on na pas voulu la guerre). Hierauf schwieg ich einen Augenblick, weil ich keine Antwort geben wollte und nicht gering überrascht war, aus dem Munde Rapoleons, des Arhebers dieses Krieges, solche Behauptung zu hören. Dann fragte ich ihn nach der Kaiserin und dem Prince Imperial, von denen er aber seit acht Tagen keine Nachrichten erhallen hatte. Auf feine jüfrage, wie es meiner .Frau und

meinen Kindern ginge, konnte ich ihm auch nur genau dieselbe Antwort erteilen.

Napoleon erbat sich vom König die Erlaubnis, chiffriert an di« Kaiserin telegraphieren zu können, was ihm gewährt ward. Darauf drückten Se. Majestät und Napoleon sich die Hand juttt Abschied, ein gleiches tat auch ich; dann geleitete der Kaiser unseren König bis zur obersten Stuft, von der er aber bereits verschwunden war, als wir wieder im Sattel saßen. Die Truppen riefen Hurra, und wir folgten unserem Könige in die Biwaks der jubelnden Armeekorps mit dem Gefühl, einem historischen Ereignis mehr im Leben beigewohnt zu haben, denn es will doch etwas bedeuten, den gefangenen Napoleon im Augenblick, wo er nach Preußen abgeführt werden sollte, vor unserem sieg­reichen König« stehend gesehen zu haben.