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eine neue Art Religion. »Eines Tages," «tzäytte Mrs. FobbeS, »als der Operateur eine Aufnahme von Grntearbeitern machte, legten sie alle ihre Werkzeuge nieder und beugten die Häupter zur Erde. Andere, etwas aufgeklärte Abessinier, hielten den Kurbelkasten für ein Maschinengewehr und warfen Speere und Steine nach der Filmgesellschaft."
Eine Französin Alexandra David kam kürzlich ans Inner» asten zurück, wo ste 14 Jahre gelebt hatte. Sie war 1911 nach Indien gereist, um philosophische und buddhische Texte zu studieren. Dort lernte sie den von den Chinesen aus Lhasa vertriebenen Dalai Lama kennen. Seitdem wollte sie um jeden Preis in die verbotene Stadt. Zunächst li«H sie sich im Tibetanischen unterrichten und wohnte von 1918 bis 1920 im Kloster Komu-Domu. Darm versuchte sie, das verbotene Land zu betreten. Mehrmals wurde sie zur ÄücNehr gezwungen. Sie machte die Erfahrung, daß es unm^rsich war, mit einer größeren Gesellschaft durchzickommen. So versuchte sie es also 1922 mit einem .einzigen Diener und kam bis zum -User des oberen Salven. Aber auch hier muhte sie umkehren und fand eS nicht möglich von Indien aus nach Lhasa zu kommen.
Im Jahve 1923 versuchte sie, von China aus zu Fuß, nur begleitet von einem jungen Tibetaner, das ersehnte Ziel zu erreichen. Die beiden waren als Pilger verkleidet und bettelten an den Wegen. Die äleberschrettung einer 5000 Fuß hohen Bergkette war mit unendlichen Mühsalen und Gefahren ver» bunden. Aber dann begann der Abstieg, und ste erreichten Lhasa, die verbotene Stadt, und sahen ihre vielen Tempel. „Wir haben dort zwei Monate gelebt", schreibt Alexandra David, „immer als Bettler unerkannt, in engster Vertrautheit mit diesem seltsamen Volke. Ich glaube, daß Mm erstsnntal ein Fremder sich so in der verbotenen Stadt aufgshalten hat, und es macht mir Freude, daß es gerade eine Fran war."
Wie Toistsis
beide grotze Stomane entstanden.
Der tragische Zwiespalt, der den Abend von Tolstois Lebe« umschattete, tritt uns ergreifend aus den neuesten Beröffent- lichungen entgegen, die sich mit seiner Flucht und seinem Tod beschäftigen, sowie Bem Vorgängen, die zu diesem erschütternden Llbschlutz eines Daseins führten. Die sämtlichen Zeugnisse für diese Vorgänge sind jetzt in dem Buch „Tolstois Mucht und Tod" vereinigt, das soeben von Otene Fülöp-Miller und Friedrich Eckstein bei Bruno Cassirer in Berlin herausgegeben wird. In diesem Werk werden aber auch noch andere bisher unbekannte Stellen aus den Briefen und Tagebüchern des Ächters, seiner Gattin, seiner Tochter Alexandra und seiner Freunde mitgeteilt, und darunter besinden sich auch die Aufzeichnungen der Frau Tolstois aus jenen glücklichen Jahren, da sich noch nicht die schweren Konflikte im Familienleben aufgetan hatten. So erzählt Sophia Andrejewna in ihren Memoiren in anschaulicher Weise wie Tolstoi seine beiden großen Romane „Krieg und Frieden" und „Anna Karenina" versaßt hat. Bald nach der Hochzeit machte sich Tolstoi an die Schrift über die „Dekabristen", deren Schicksal und- Taten ihn lebhaft interessierten. »Als er über diese Epoche zu schreiben begann," berichtet die Gattin, »schien es ihm unerläßlich, zu erzählen, wer ste gewesen, woher ste gekommen, und so ging er von dem Jahre 1825 auf daS Jahr 1805 zurück. Er fand dann, daß er sich in den Dekabriften getäuscht hatte, und das Jahr 1805 wurde so zum Besinn von »Krieg und Frieden". Diese Erzählung, die Leo Mkolajewiisch nur ungern als „Roman" gelten steß, wurde mit frischem Mut, mit größtem Eifer geschrieben und erfüllte unser beider Leben mit den regsten Interessen. Im Jahre 1864 war schon ein beträchtlicher Teil des Werkes fertig, und Le» Nikolajewitsch las mir und seinen beiden Richten Lisa und Marja wundervolle Stellen daraus vor, so wie er sie eben erst vollendet hatte. Ich hatte keinen anderen Wunsch, als mit den Menschen auS „Krieg und Frieden" zu leben, die ich siebte und deren Werdegang ich fo beobachtete, dtö wären sie lebendig. Das Leben war durch unsere gegenseitige Liebe, unfere Kinder und hauptsächlich durch die Arbeit an den großen, mir fo sieben, später von- der ganzen Welt geschätzten Werken meines Gatten völlig ausgefüllt und so ungewöhnlich glücklich, daß ich andere Wünsche nicht kannte. Rur manchmal, wenn die Kircher schon zu Bette gebracht, wenn die Manuskripte »der Korrekturen nach Moskau gesandt waren, festen wir uns des Abends ans Klavier und spielten vierhändig, oft SiS tief in die Rächt hinein. Leo Rikolajewitsch liebte besonders die Sin- ftmien von Haydn und Mozart."
Tolstoi fuhr im Jahre 1865 öfters nach Moskau, um dort historisches Material für feine Arbeit zu sammeln, und besuchte besonders das Museum Rumjanzeff. „Bevor et von Jasnaja Pol- jana abreiste," schreibt die Gattin, „sieh er mir immer Schreibarbeit zurück. Sobald ich diese fertiggestellt hatte, fmchte ich sie nach Moskau und schrieb bei einer solchen Gelegenheit an meinen Mann: „Was. hast Du über den Roman beschlossen? Ich habe ihn sehr sieb gewonnen. Ms ich das Manuskript nach Moskau schickte, war mir zumute, als hätte ich mein Kind in die Ferne entlassen, vosi Angst, daß ihm etwas zustoßen könne." Oft wunderte ich mich beim Abschreiben und begriff nicht, warum diese oder jene Stelle, die mir fo schön vorkam, verbessert oder ge
strichen worden war, und ich freute mich, wenn sie doch wieder ausgenommen wurde. Mitunter kam es vor, daß er die schm endgültig abgeschickten Korrekturbogen toteber zurückvsrlangte und neu schrieb, oder «s wurde telegraphisch angeordnet, daß ein Wort statt eines anderen gesetzt werden sollte... Äachdem Leo Rikolajewitsch diese große Arbeit vollbracht hatte, versiegte sein Schöpfer drang noch lange nicht. Reue Pläne entstanden in feinem Geiste. Er studierte mm die Zeit Peters d. Gr., konnte sich jedoch, allen Bemühungen zum Trotz, keine rechte Vorstellung davon machen, besonders, was das alltägliche Leben dieser Epoche betraf. Es sind zehn verschiedene Anfänge eines Werkes über die Epoche PeterS d. Gr. übrig geblieben. Gins zeitlang dachte Leo Rikolajewitsch daran, eine Geschichte des Fähnrichs Minowitsch zu schreiben, er hat aber auch diesen Plan nicht ausgeführt. Im Jahre 1870 sägte er mir, er hätte Lust, die Geschichte einer gefallenem Frau aus der hohen Petersburger Gesellschaft zu verfassen, und er stelle sich die Ausgabe, dies« Frau in ihrer Handlungsweise zu schildern, ohne sie zu verdammen. Dieser Plan wurde in Dem neuen Roman „Anna Karenina" ausgeführt. Den Anfang der Riederschrift begann Tolstoi unter dem Eindruck einer Geschichte von Puschkin. Wie dieser Meister, begann auch er die Geschichte, indem er sofort mitten in dis Handlung hineinsilhrte. Das war im März 1872. Ms der erste Teil von „Änna Karenina" beendet war und er mir den zweiten Teil zum Abschreiben übergeben hatte, unterbrach Leo Rikola- jewitfch plötzlich seine Arbeit und ließ sich neuerdings von seiner päda^gischen Passion fortreißen. Die Verhältnisse, unter denen er „Anna Karenina" schrieb, waren weitaus schwieriger als zur Zett der Komposition von „Krieg und Frieden". Damals waren wir noch ungetrübt glücklich gewesen, seither waren uns hintereinander drei Kinder und zwei Tanten gestorben. Auch ich war «krankt, magerte ab, spie Blut und litt an Kreuzschmerzen. Rach „Anna Karenina" wünschte Leo Rikolajewitsch unsere Dolks-- siteratur zu reinigen und Werke von einem mehr sittlichen und künstlerischen Charakter in sie hineinzutragen. weshalb er eine Reihe von Erzählungen und Legenden schrieb, die mich um so mehr entzückten, als ich von ganzer Seele den Zwecken und Zielen, denen sie dienten, zustimmen konnte."
Die Richterin.
Von Conrad Ferdinand Meyer..
(Fortsetzung.)
„So stachle dein Roß, reite Tag und Rächt, über Berg und Fläche, springe in ein Schiff, bringe ein Meer und ein zweites zwischen sie und dich, und wenn dich Delphin und Rixe um« gaukelt, tauchen vor dir aus der Bläue Inseln und Vorgebirge, verwegenes Abenteuer und die Schönheit als Deute!"
„WaS hülfe es?" sagte er. „Sie zöge mit mir, die Rfre trüge ihr Angesicht und ich umarmte sie in jedem Weibe! Denn ich bin mit ihr vermählt ewiglich Rein, ich kann nicht leben!"
„DaS ist Feigheit!" sprach sie leise.
Der Schimpf trieb ihm wie ein Schlag das Blut ins Angesicht. Er bäumte sich auf. „Du hast recht, Frau!" schrie er. „Ich darf nicht als ein Feigling umkommen, du selbst sollst mich richten und verurteilen. Am lichten Tag, unter allem Volke, will ich den Greuel bekennen und die Sühne leisten!" So rief er in zorniger Empörung, dann aber besänftigte sich sein Angesicht, denn er hatte die Lösung gefunden, die ihm ziemte.
„älnsinn!" sagte sie. „Solche verborgene Dinge bekennt man nicht dem Tage, denn du bist ein Verbrecher nur in deinen Gedanken. Die Tat aber und nur die Tat ist richtbar!"
»Frau, daS wird sich offenbaren! Vernimm, was ich tue. Ich wandere zu dem Kaiser und spreche zu ihnr: Siehe, Wulsrin der Höfling begehrt das eigene Blut, das Kind seines Vaters! Es ist so. er kann nicht anders! Schaffe den Sünder aus der Welt! Lind spricht der Kaiser: Die Tat ist nicht vollbracht, so antwortet Wulsrin: Ich vollbringe sie mit jedem Atemzuge!"
„Aus sündiger Geschwisterliebe," drohte Frau Stemma, „steht das Feuer."
Wulsrin lachte.
„Und du willst vor dem ganzen Volke dastehen in deiner Blöße?"
„Ich will dastehen," sagte er, „als der, welcher ich bin."
„Sv mangelt dir der Verstand und die Kraft, das Geheimnis der Sünde zu tragen?"
„DaS ist Weibes 2frt und Weibes Lust," sagte er verächtlich.
„Änd du wirst mit dem Kaiser kommen und ich soll dich richten?"
„Du!"
„Das werde ich!" sagte sie und entfernte sich tangfam.
Jetzt, da Wulsrin sein Schicksal entschieden und vollendet glaubte, kam die Ruhe des Abends über ihn. Gr bsieb unter seiner Arve, bis die Sonne niederging und der Tag ihr folgte. Änd wie sie mit gebrochenen Speeren sich legte und ihr Blut am Himmel verströmte, erlosch er mit ihr und sah .sich die Schwester, wie das Spätlicht, im grünen Gewände und aus stillen Sohlen nachschkeichen. Das ausgegebene Schwert reute ihn nicht. „Sie werden drüben einen Krieger brauchen," sagte er sich und wandelte schon im ter den seligen Helden.


