Nummer 55

Samstag, den % Juli

Jahrgang 1925

Gießener MilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Er bokulirt im Hirschen.

Ode Trvchaica.

Lustig-seyn und nicht studiren, durch die Gassen kreutz und krumm nach den Mägdgens scharmutziren, lustig-seyn und nicht studiren, dihses ist mein Bropprium!

Dluhder-Hosen, Bvntac-Flaschen, Wörffelgens und ein Rappihr, darzu Göldt in allen Daschen, Bluhder-Hosen, Bvntac- Flaschen, Bruder-Herz, das lohb ich mirl Wihder blichen itzt die Pfirschen, alles ist tote Rohsen-roht, drümb, so sizz ich hier im Hirschen, wihder blühen itzt die Pfirschen, Dabbak ist mein Himmels-Brvdt!

Hühnergens in Galantine stellt man mir auff meinen Disch Blühmckens zihren die Turrin«, Hühnergens in Galantine, auch die Sprottgens sind schön frisch! Kugel-Dorten, Eher-Baben seh ich frölichen Gesichts, darfor bün ich stähts zu haben. Kugel-Dorten, Eher-Baben, Hola, Jung, verschütt mir nichts! Jeder Dropffen, den ich drincke, schärfst mir mehr das Capitol; komme wihder, wenn ich plincke, jeder Dropffen, den ich drincke Himmel, Herrgott, ist mir wohl!

Flöten, Lauten und Pandoren, Gott seh Danck, itzt sind sie da! Singt und springt mir in die Ohren, Flöten, Lauten und Pandoren, dreh mal hoch die Musiac!

Nachts mit gantz verschobner Krause steh ich dan für meiner Thür. Bün ich würcklich schon zu Hause? Nachts mit gantz verschobner Krause, ha, wie kom ich mir blohh für?

Soll ich itzt Skarteken schmihren? Oder dreh ich wihder um? Nein, ich gehe cortesiren!

Soll ich itzt Skarteken schmihren? Dihses were mir zu thumm! Meine Feuer-reichen Jahre blühn mir itzo, oder nie. Pallas hat zu kortze Hahre, meine Feuer-reichen Jahre find mir vihl zu Werth for sie!

*

AusDes berühmbten Schäffers Dafnis sälbst ver- fartigte sämbtliche Freß-, Sauff- und Venus-Lieder von Arno Holz.

Fahrt zu einem Bilde.

Matthias Grünewalds Madonna in Stnppach.

Bon Luma").

Mn den Museen hängen die Bilder: Bild neben Bild; sie Nehmen einander den Platz fort. Um so schlimmer, je bessere Bilder nebeneinanderhängen, Man will sich in ein Bild versenken: Da treten gleich noch- zwei andere Bilder in das Sehfeld ein. Das Museum ist die Grabkammer der Bilder. Es gibt keinen Menschen, der die Aufspeicherung von Kunst (etwa im großen Saal des Prado in Madrid) ertragen kann: Greco, Delazquez, Goya neben vielen andern. Das ist nicht auszuhalten. Man wird

) Aus:Der De u t s ch e n s p i e g e l", eine politische Wochenschrift, Berlin W. 35, Potsdamer Straße. Herausgeber 6. Häuber u. O. Kriegk.

müde in den Museen; abgestumpft; ohnmächtig, dem Anprall künstlerischer Energien standzuhalten.

In der Zeit der Museen ist es ein seltenes Erlebnis, eine lange, umständliche Fahrt zu einem Bild zu machen. Man dentt einen ganzen Tag an das Bild, das man sehen wird. Man bezieht schon den Weg zu dem Bild auf das Bild. Man bezieht die Umgegend des Bildes auf das Bild. Man hört dann hundert Anekdoten über das Bild. Es greift in das Leben eines Dorfes ein. Welch blasses Dasein hat dagegen das Bild in einem der vielen vollgestopften Säle des Museums?

Wir fahren immer Tauber aufwärts. Dort, wo die Tauber in den Main fließt, liegt Wertheim mit seiner romantischen Burgruine. Dom Fenster des Zug-Ä sehen wir das Zisterzienser- Kloster Dronnbach, dann die hochgelegene Gamburg Bad Mergentheim liegt auf der Grenze zwischen Baden und Württem­berg.Görderäderiene?"Görderäderiene?"Görderäderiene?" Sind wir Norddeutschen besonders unbegabt, Dialekte. zu ver­stehn? Erst nach einer schlaflosen Nacht hatten wir die Frage enträtselt, die das kleine, verhutzelte, windschiefe Männchen an uns auf dem Bahnhof in Mergentheim gerichtet hatte:Görde­räderiene?" Auf deutsch:Gehören die Näder Ihnen?"

Bon Mergentheim nach Stuppach im Postauto! Eine merk­würdige Borbereitung auf das Bild des frommen Malers. Neben mir sitzt ein christlicher Missionar. Dauernthp. Zum Bersten lebendig. Kräftiges, lautes Organ; mächtige Schenkel; robustes, aber gutmütiges Gesicht. Er war in Afrika. Er hat die Well gesehen. Alle hören ihm zu. Er preist das Reisen ins Ausland. Er kämpft mit wütenden Worten gegen die Kirchturms-Phan­tasien für die Welt-Horizonte:Wir Deutschen müssen reifen, meine Herrschaften! Wir müssen reisen! Fenster auf; Türen auf! Nur nicht so zimperlich! Es wird uns nichts von unserer Ver­zierung abbrechen. Wer selbstbewußt ist und seinen eigenen Wert kennt, liebt auch die Vorzüge anderer Nationen! Wir sollten viel reisen." Die Sätze überkullerten sich. Ein Vulkan von Gebärden überschüttete jeden Satz. Gin kampfesfteudiger Priester. Soldat der ecclesia militans. Ern ganz anders gearteter Sohn des Evangeliums als der, dessen Weick wir jetzt sehen sollten.

Wir steigen die Straße zur Kirche des kleinen PfarrdorsS Stuppach empor. Eine lieblich-blasse Vierzehnjährige schließt auf- selbst eine kleine Madonna. Die Kirche ist eine unter tausend: kahl, unbedeutend. Das Auge wird wider Willen von schlechten Plastiken festgehalten. Erst auf den Stufen zum Altar kann man Grünewalds Bild recht erkennen. Die untere Hälfte ist zum Teil verdeckt von der Spitze des Altars. Auf dem Wege dachte ich: solch ein Bild gehört in die Kirche, nicht ins Museum. Jetzt werde ich skeptischer. Das Meisterwerk ist schlecht zu sehen. Die Bauern von Stuppach können kaum zwischen den farbig an­gestrichenen Heiligen und diesem Bild unterscheiden. Dazu kommt, daß die Kirche feucht ist. Namentlich die untere Hälfte des Bildes zeigt viele Bläschen. Ob das Bild in der Kirche von Stuppach gut aufgehoben ist?

Grünewald lebte von etwa 1480 bis 1530. Er ftll aus Aschaffenburg stammen. Im Oberelfaß, in Franffurt und Halle soll er sich aufgehalten haben. Die Hauptwerke Grunejwalds sind die Gemälde am Altar zu Jfenheim bei Colmar, welche man während des Krieges nach München brachte. Die Stuppach«! Madonna, die zwischen 1517 und 1519 entstanden f«tn totr&, ist ein Marienbild, das im Jahre 1809 vom damaligen Pfarrer von Stuppach in Mergentheim erworben wurde. Es wurde lange Zeit für eine Arbeit von Rubens gehalten, bis es im Jahre 1907 vom Maler W. Eitle als Grünewald erkannt wurde.

Die Hauptfiguren des Bildes find Maria mit dem J^uskind. Maria sitzt auf einer Steinbank in einem Gärtchen und spielt mütterlich mit dem Jesusknaben, der in etwas mrstcherer Äkt auf dem Schoße Marias steht und den Bück zur Mutter wendet, während die Händchen nach dem Apfel in der übertrieben zierlich gehaltenen Hand Marias greifen. Das Gärtchen, rn.dem Maria sitzt, ist rechts nicht umzäunt und laßt dm Dlick cmf die Kirche offen, welche eine freie Nachahmung des Straßburger Münsters ist. Es soll die Kirche Maria Maggivre in Aom Er­stellen. Auf der Treppe zur Kirche hinauf sind «n Kanoniker und zwei reichgekleidete Herren, eine Gestalt steht auf der Terrasse, während eine andere rm Portal verschwindet. Nie