Giehener Zamilienblatter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang (925 Dienstag, den 3. Zebrüär

Ideal und Leben.

Von Jakob Botzhardt, In den Lüften treibt licht eine Wolke, auf der Erde ihr Schatten schleicht wie ein trauriger, wegmüder Wand'ver, der nimmer sein Ziel erreicht.

Mich deucht, ich sehe mein Leben» wie es doppelt vorüberschwebt, am Himmel, wie ihr's geträumet, sm Tale, wie ich's gelebt.

Anuradhapura.

Ein Reifebrief von Professor Dr. &. von Hutten.

Anuradhapura l Bei diesen, Klange ersteht vor uaserm Geiste eine persunkene, traumhafte Märchenwelt.

Gleich dem sagenhaften Dineta, welches ins Meer verdank, liegt hier im Wildnismeere der Paradiesinsel Ceylon, von tausendjähriger Vergessenheit überflutet, eine uralte Königs- stadt begraben. Wo wir uns heute mühsam auf Dschungel- Pfaden durchwinden, regte sich einstmals das hundertfältige Treiben bunter Volksmengen, zogen festliche Prozessionen zu goldig schimmernden Tempeln, sausten die Gefährte der Könige, schwankten die Sänften fürstlicher Frauen durch die St rasten. Diese Glanzzeit Anuradhapuras fällt vor Beginn unserer Zeit­rechnung^ doch noch im 5. Jahrhundert n. Ehr. schildert der Chinese Fa Hian die Stadtmit breiten Strasten, goldenen Palästen, bergähnlichen Tempeln", alsein Wunder der Herr­lichkeit'. Rur die Tempel haben dem Sturm der Zeiten wider­standen und ragen als Wahrzeichen vergangener Gröhe über die Kronen der Wälder empor, ihre wunderliche, bienenkorb­artige Form die nach alten Berichten den Himmelsdom oder eine Wasserblase nachahmt bewahrend.

Wie in der Erinnerung aus der geheimnisvollen Einsamkeit Bild um Bild austaucht, mögen sie hier erscheinen!

Thuparama! Weich und voll liegt das Mondlicht auf einer Wiesenmulde. Ein Weiher zittert unter seinen Strahlen: Lotoskelche wiegen sich über kreisförmigen Riesenblättern: zwei graue Reiher stehen unbeweglich am Äserrande. Seitlich be­grenze» das nächtliche Bild ragende Walümauern: einzelne, vielästige Hochbäume wurzeln noch in der Lichtung.

Aber was schimmert dort, weihglänzend und schlank, um« kränzt von funkelnden Lichtern? Verfallene Stufen mit seltsam gewundenen Seitenwangen führen zu einem quadratischen Unter« bau auf dessen Mitte sich eine schneeweiße, glockenförmige Kuppel in sanfter Rundung erhebt, ausstrahlend in einen zu- gefpltzten Aufsatz, der fingerartig zum Himmel weist. Ein dop­pelter Kranz zierlicher, im Unterbau wurzelnder Säulen mit feinen Kapitalen, von der Gewalt der Zeiten «ach allen Rich­tungen hin geneigt, zeichnet sich gegen den violettblauen Aachi- hünmel ab. Vier schlanke Palmyrapalmen, die wie ein Vorbild ihrer Form erscheinen, wiegen ihre zierlichen Kronen hoch über Den gesenkten Säulenhäuptern. Durch ihre zarten Wedelblätter funkelt in magischem Scheine das Sternauge des Kanopus.

Um die Basis der Kuppel, die, ringsum geschlossen und ohne Eingang, wie ein rätselvolles Geheimnis daliegt, zittern dre Flümmchen der Opferlampen, hauchen die Kelche großer Wunderblumen ihren berauschenden Sterbeduft in die Rächt.

Dollmondnacht ist heute! Rings auf den Steinen kauern Alle Beter und bringen ihre Liebesopfer dem Andenken des großen Weisen, der ihnen den Weg gewiesen aus dem Drangsal der Er den not, und von dessen Haupte ein einziges Haar der schwei­gende Kuppeldom umschließt. Die flach zufammengefügten Hände zur Sttrne erhoben, neigen sie in Verehrung ihre Leiber zur Erde: lerse murmelt ihr Mund. Kein Priester drängt sich zwi­schen ihre Andacht und deren Gedankenbild. Diese Beter wissen, Last et, den ihre Lippen anrufen, sie nicht mehr hört, datz er ruht tn ewiger, seliger Erhabenheit in einer Welt, in der nicht Ton und Wunsch noch Zeit und Raum ist. Sie wissen oder ahnen doch, das), wie sie hier knien, sie allein den Gott der eignen Brust beschwören und nur das Vorbild jenes Großen, sich zur Stärkung, suchen, der den Ahnenweg der Vollendung sieg reich vollbracht hatt

Reben einem flachen Steiualtar, der überschätzt ist mti Lotosblumen und duftenden gelben Dempelblüwn, sitzt einMöwh und erzählt dem Kreise niedergekauerter Gestalten eine jener schlichten Sagen von Gautama Buddhas früheren Existenzen eineJataka". Viele dieser Erzählungen stellen gleichsam nur eine Apotheose der allumfassenden Herzensgüde dar, jener Alb- Liebe, welche die Erlösung für alles Erdenletd, der Weg zur Fortentwicklung ist, und zur höchsten Erkenntnis.

Die Thuparama ist das älteste Denktval dieser Stätte, zu­gleich das älteste buddhistische Baudenkmal In­diens. Sie ward von dem singhalesischen König Dewsnipa- tissa 300 v. Ehr. erbaut. Lange Zeit bewahrte ein kleiner Rebenschrein, der noch unversehrt erhalten ist, ein Zahn Buddhas, bis derselbe als heilige Reliquie des Vollendeten nach Kandh gebracht wurde.

Durch eine Allee hochragender Bäume gelangen wir an eine Mauerpforte, hinter welcher ein quadratischer Vorhof sich ausdehnt. Bruchstücke von steinernen Säulen, Tiergestalten und Treppenskulpturen liegen umher ober stecke» im Boden: eine Duddhafigur mit edlem GefichtSauSdruck ist bis aur Hüfte von Erde bedÄt. -

Einige schmale Stufen, deren Poster von sog. Wächtern, zwerghaften Menschenfiguren, und Reliefs fünfköpfiger CobraS (Brillenschlangen) flankiert find, führen auf eine höhere Ter­rasse. Um diese zu besteigen, müssen wir eine halbkreisför­mige Steinplatte überschreiten, die bedeckt ist mit überaus zier­lichen, in konzentrischen Feldern ungeordneten Reliefs. Wir sehen springende Pferde, Elefanten, Rinder und Löwen in den äußeren Kreisen: dann folgt ein Band stilisierter Kelchblätter der Lotosblüte, und herauf eine Prozession vonHansLs", die sowohl Schwäne wie auch die heilige Gans vorstellen können, während bas Mittelfeld wieder eine Darstellung der Lotosblüte mit ihrem sonderbaren Fruchtkolben einnimmt. Das ist einer jener merkwürdigen Mondsteine, die sich nur in Ceylons Ruinen­stätten vvrfinden, und deren eigentliche Bedeutung noch nicht erklärt ist. Roch zwei kleinere Terrassen ersteigen wir und stehen vor einem steinernen Gitter, welches den, heiligen Bereich des Bo-Baumes umschließt. Ein kleiner, uralter Feigenbaum reckt feine knorrigen Äeste, gebeugt von den zwei Jahrtausenden, die seine Blätter kommen und fallen sahen.®c wird nicht wachsen, nicht vergehen," so sprach die Prophezeihung. Bald wird dieser grünende Baum der historisch älteste ssinLs Ge­schlechtes sein, da sein Stammvater, der Buddbabaum zu Gava, dem Absterben nahe ist.

Heute, an einem Pujahtage, zur Feier des Vollmondes, umwandelt eine Schar barhäuptiger Priester mit Lichtern in den Händen und unter leisem, stimmungsvollem Singen langsamen Schrittes den heiligen Baum: auch Laien aus der spärlichen Bewohnerschaft des Oertchens haben sich angsschlossea. Rauscht im Abendwind ein welkes Blatt vom Bo-Baum hernieder, so wird es ehrfurchtsvoll vom Boden aufgehoben, um als heiliger Talisman bewahrt zu werden. Gin lebendes Blatt vom Baum zu brechen, wäre eine mit zahllosen Wiedergeburten zu büßende Sünde.

Wir nahen nun der A u a n w e l l i, der besterhaltenen und schönsten der großen Dagobas. Erst vor kurzem ist der massiv aus Ziegeln aufgeführte Kuppelbau von der umhüllenden Erd­schicht befreit: er besitzt noch jetzt an seiner Basis einen Durch­messer von 380 Fuß und eine Höhe von 150 Fuß. Die drei­fachen Terrassen seines Unterbaues schmücken Skulpturen von Elefanten- und Löwenhäuptern. Zum Teil noch sehr gut er­halten. Reunmal, so sagt die Ueberlieferung, sei das gewaltig« Fundament in die Erde gesenkt und stets neu errichtet, auf daß das Denkmal bis zum Ende der Zeiten währe.

Roch fünf andere Dagobas erheben sich auf Anuradhapuras Boden, von denen die größte die um 89 vor Ehr. erbaute, 320 Fuß hohe Abhahagiri (Berg der Furchtlosigkeit) ist. Aber außer diesen imposanten Denkmälern begegnen uns auf Schritt und Tritt im Walde die Ueberreste einer untergegangenen Welt. Hier stehen in endlosen Reihen anderthalbtausend steinerne Gra­nitpilaster, manche darunter wie müde zum Boden geneigt: doch die Mehrzahl trotzte aufrecht der Zeit, die längst die gol­den schimmernden Dächer unb Türme und den glänzenden, neunstöckigen Aufbau zerstörte, dessen neunhundert Kammer« einem durch Königsgnade beschützten Priesterheere Obdach bot,

Einige Schritte abseits von unserm schmalen Waldpfad fin­den wir in den Boden eingelassen ein rechteckiges, von gut erhäl-