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aeradezu die Tugend als „moralische Tapferkeit", deren Fahne hoch zu halten gelte. Allerdings hat Kant auch die Idee eines ewigen Friedens lebhaft und mit tiefer Begründung verfochten, aber diese Idee ging seit St. Pierre durch das ganze Jahrhundert, sie hat schon Leibniz beschäftigt. Kant sieht in dem ewigen Frieden eine hohe Aufgabe, die nur nach und nach aufgelost werden kann, ja er hat ernstliche Zweifel, ob sie jemals erreichbar fei; jedenfalls hat dies Streben ihn nicht gehindert, auch die kriegerische Tapferkeit vollauf zu würdigen; ein tapferer Mensch, so tneint er, sei selbst dem Wilden ein Gegenstand der größten Bewunderung. Bemerkenswert sind auch die folgenden Worte: „Selbst der Krieg, wenn er mit Ordnung und Heiligachtung der bürgerlichen Rechte geführt wird, hat etwas Erhabenes an sich und macht »ugleich die Denkungsart des Volkes, welches ihn auf diese Art flihrt, nur um desto erhabener, je mehreren Gefahren es ausgesetzt war und sich mutig darunter hat behaupten können."
trachtet, der Gefellschast aber als leitendes Ziel nicht die Wohlfahrt, sondern den Aufbau eines Reiches der Freiheit und Gerechtigkeit setzt; zugleich aber schätzt Kant aus echt deutscher Denkweise sehr die Tapferkeit. Rach seiner Aeberzeugung fordert alle echte Moral einen fortwährenden Kampf des Menschen mit sich selbst, einen Kampf zwischen Reigung und Pflicht. Er bezeichnet aeradezu die Tugend als „moralische Tapferkeit", deren Fahne
Kant und die deutsche Dichtung.
Von vr. EugenKühnemann, Professor an der Aniversität Breslau.
Wenn Kant neben seinen anderen Taten für die Philosophie ■ auch der Begründer der philosophischen Aesthetik wurde, so erwies er darin die Gröhe seines Genius. Persönlich stand er dem Gebiet 6er Künste ungewöhnlich fern Rur mit der lateinischen Dichtung Verband ihn von seinen Schulzeiten h^r eme wische Aebe. Die .Kritik der Arteilskraft", jenes Grundbuch der Aesthetik, erschien i?g0 Es war das Jahr, in dem Goethe das Faustfraamen her- ausgab. Schiller hatte den großen Weg seiner Jugend mit dem „Son Carlos" vollendet. Kant aber hielt unter den deutschen Sichtern immer noch etwa bei Haller. Sem vorgesch obensterP o- sten war Wieland, den er an einer Stelle »rolliger OBetfe In einem Atem mit Homer nennt. Amso bemerkenswerter ist »er gewaltige Einfluß, den er auf die drei größten Dichter der deutschen Sprache ausgeübt hat. , _ .
3et>er Deutsche weih eS, dab Schiller als Philosoph ein Kan- Haner war Es darf sogar behauptet werden, daß er unter allen KuX kn Mto am
imb richtigsten verstanden hat. Aber wenigen ist es ganz zu Be
Ein schlaffer und weichlicher Pazifismus liegt nicht tn der Art dieses tapferen Denkers; wenn irgendeiner, so war Kant kein Phrasenmensch.
3m direkten Gegensatz zur damaligen Zeit stand Kant bei der Beurteilung des moralischen Standes des Menschen. Der Verlauf des 18. Jahrhunderts hatte eine optimistische Schätzung des Menschen aufgebracht; Rousseau gewann viele Menschen durch seinen schwärmerischen Glauben an eine unverfälschbare Güte des Individuums. Einem derartigen Optimismus widerspricht Kant aufs Entschiedenste. Er hat nicht nur die Lehre von einem radikalen *Böfen im Menschen verfochten, er hat durchgängig ein trübes Bild Vom menschlichen Durchschnittsstande gegeben. Ihn empört die Anwahrhaftigkeit und die Angerechtigkeit, die Anlauterkeit und der Mangel an Aufrichtigkeit, die sich durchgängig finden: „Aus so krummem Holz, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts Gerades gezimmert werden." Er spricht von einem „traurigen Anblick, nicht sowohl der Hebet, die das menschliche Geschlecht aus Raturursachen drücken, als vielmehr derjenigen, welche die Menschen sich untereinander selbst antun“, ja sogar von einer moralischen „Bösartigkeit der menschlichen Ratur". So kann er nicht mit der Aufklärung im Bösen nur eine Schwäche unserer sinnlichen Ratur sehen, sondern er findet das Böse im Willen selbst nicht darin, daß wir niedere Aeigungen haben, sondern darin, daß wir ihnen nicht widerstehen wollen. Auch solcher Ernst der Beurteilung entspricht der Denkweise deutscher Art. Aber zugleich yertritt Kant mit voller Entschiedenheit eine moralische Würde des Menschen; es soll trotz alles Widerstandes das Sittengesetz in feiner vollen Reinheit und Strenge aufrecht erhalten bleiben. Hier wird alle moralische Laxheit verpönt, das ganze Leben wird zu einer schweren, aber edlen Aufgabe.
Daraus erwächst ein herber und kräftiger Idealismus, ein Idealismus der Tat, der die Welt um uns und in uns voller Verwicklung findet, der aber auf ein Überlegenes geistiges Vermögen vertraut, eine neue Welt zu entfalten und allen Widerstanden zu trotzen. Dieser Idealismus, der von altersher fest in der deutschen Art wurzelt, hat durch die Defreiungstat Kants einen sicheren wissenschaftlichen Boden gewonnen, auf diesem Boden haben die Rachsolger weiter gebaut, und auch wir dürfen ihn nicht verlassen. Wir dürfen das um so weniger, je mehr Gefahren und Röte uns heute bedrängen. Aber ein Volk, das solche Männer hervvrgebracht hat, und von dem eine solche geistige ilmtoaljung her Gedankenwelt hervorgegangen ist, hat eine sichere Hoffnung für die Zukunft. So wollen wir auch zu Kant dankbar empor- blicken und uns seines Besitzes stolz erfreuen.
wußtsein gekommen, wie Großes die Berührung mit Kant tn Schillers Leben bedeutete. Man erinnert sich gern an jene bewährte Auseinandersetzung mit dem Sittlichkeitsbegriff Kants in Schillers Abhandlung „über Anmut und Würde". Sie ist vermutlich die schönste Seite deutscher philosophischer Prosa. Kant will als sittlich allein die Tat gelten lassen, die im reinen Bewußtsein der Pflicht entspringt. Anwirsch scheucht er die Gefühle von dem Bereich der sittlichen Willensbestimmung zurück. Wenn Schiller demgegenüber das Kennzeichen der sittlich vollkommenen Seele darin erblickt, daß in ihr das lebendige Gefühl frei und freudig übereinstimmt mit dem sittlichen Gebote, so spricht darin sein eigenes hohes Erleben. Er hat die Lust seines Daseins gefunden im Erfüllen der Sendung und Ausgabe, die als sittliche Pflicht auf ihm liegt. Aber nur gegen die Darstellung Kants, nicht gegen seinen Gedanken lehnt er sich auf. Diesen Gedanken vielmehr bejaht wiederum fein ganzes Wesen. Die ganze Würde des Menschen beruht ja darauf, daß ihm allein unter allen Wesen, die wir kennen, gegeben ist, den reinen Gedanken seiner sittlichen Aufgabe zu erkennen und ihn mit Bewußtsein über sein Leben zu stellen als das Gesetz, dem die blinden Triebe zu gehorchen haben. Der Mensch allein geht über die Erde mit dem sehenden Auge für feine Pflicht als den Sinn seiner übersinnlichen Bestimmung. Schiller trat als der Prophet der neuen Lebensbotschaft zu Kant als dem Kritiker der Begriffe. In dieser Lebensbotschaft übertrug er auf die Deutschen und die Welt das eigene große Wesen, über das ihm felber in diesen Gedanken erst die Klarheit kam. Das Höchste wäre die schöne Seele, deren Leben Schönheit ward, als die freie Aebereinstimmung von Lebenstrieb und Pflicht. Aber Schiller weiß es nur gar zu gut: das Leben in seinem Ernst, das Schia- sal in seiner Anerbittlichkeit verlangen immer wieder von uns den erhabenen Charakter, der seiner Sendung die Treue hält in allem Sturm der Leidenschaft und der Leiden. Als ein erhabener Charakter vollendete Schiller selbst, siech und dahinsterbend, das eigene Lebenswerk. Auch für den Berus des Künstlers und selbst für die Sendung feiner Tragödie ist ihm in seiner Kantischen Schulung erst das volle Verständnis gekommen. Indem das Trauerspiel den Menschen Auge in Auge stellt mit der ganzen Wahrheit über die Furchtbarkeit des Lebens, erschüttert es ihn in dem Gefühl von der Erhabenheit des Menschendaseins. Die Tragödien des reifen Schiller bedeuten in diesem Sinn alle ein Stück ästhetischer Erziehung. Das ist die Bedeutung Kants für Schiller, daß er an ihm sich selber erst in der Gröhe und Tiefe seilnesi Wesens begriff. Aus dem Geiste Kants ist Schillex in seiner Vollendung geboren worden.
Sie größte aber unter den philosophischen Taten Schillers war es, daß er mit den Kantischen Begriffen als der erste den Genius Goethes in seiner Einzigkeit verstand. Er erkannte ihn als den intuitiven, den schauenden Verstand, bei dem die Begriffe sich nicht von den Gegenständen trennen und in lebloser Abstraktion verlieren, sondern in dem das Schauen unmittelbar Gedanke wird, der Gedanke anschaulich bleibt. Goethe sieht das ganze der Ratur als eine Einheit der sich abwandelnden und steigernden Grundgestalten. Dichter auch in seiner Wissenschaft und gerade dadurch einer der höchsten Erkennenden, offenbart er das Wesen der Dinge in lebendigen Gestalten. Schiller sagt es nicht, aber es ist die Wahrheit, auf die auch Schiller führt: Goethe ist die Erfüllung Kants. Er gibt das Weltbild, für welches Kant die Voraussetzungen entwickelt. Er bekannte selber, wie die Kritik der Arteilskraft ihn. im ganzen Sinn seiner Arbeit bestätigt hat. Er machte zum krönenden und abschließenden Gedanken seines „ Faust jene große Wendung der Weltanschauung, in der Kant die Tat zum Sinn und zur letzten Wahrheit des Lebens machte. Wir erreichen und umfassen den Sinn des Anendlichen nicht nut bem grübelnden Verstände, aber mit dem reinen, sittlichen Willen.
Wie immer, abseits von den anderen, erfuhr Heinrich v. Kleist die tiefe und schmerzliche Erschütterung der Kantischen Lehre. Er entnahm ihr, daß dem Menschen jene Wahrheit versagt bleibe, die unbedingt geltend, als ein unverlierbarer Schah ihm über das Grab hinaus folge. Eine solche Wahrheit war das ganze Ziel feines Lebens. „And ich habe nun keines mehr." Er verzweifelte. Er ahnte nicht und konnte nicht ahnen, wie dies iahe Erschrecken ihn von fruchtlosen Bemühungen löste und feine Seele frei machte für den Dichter, der in ihm schlief. Auch die Wohltaten seines Lebens kamen diesem dämonischen Menschen in unerträglichen Leiden. Wie eine Versöhnung wirkt es, daß er in seinem reifsten Werk, dem „Prinzen von Homburg" kurz vor seinem allzufruhen und selbstwilligen Scheiden in das Innerste der Kantischen Ethik eindrang und in ihr seine Vollendung fand. Der „Prinz von Homburg" ist die Erziehung einer edlen Hünglingsseele zum sltt- ttchen Bewußtsein im Sinne Kants. In ihm wird er zum Manne. In ihm findet er da« Vaterland. Kleist las den Kantischen Sittlichkeitsbegriff als Vaterlandsgedanken ab und gab dadurch der deutschen Dichtung ihr schönstes vaterländisch^ Drama. Auch er erfuhr an sich die weltgeschichtliche Kaniische Bekehrung und Um- kehr, daß unbedingte Wahrheit nicht im Erkennen, wohl aber im Handeln zu finden ist.
Indern die Gedanken Kants in den größten deutschen Sichten, zu Lebenskräften wurden, erwiesen sie sich dadurch selber als Leden und Wahrheit.


