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klangen einige Musterungen von dort herüber, dis uns nur als Scherz, andre jedo'ch >als bittrer Ernst trafen. Eine Ausnahme machte vielleicht in unferm Kreise nur der Spanier Gimbernat, der. an seinem Vaterlande verzweifelnd, ganz in chemischen und physikalischen Versuchen lebte.

Wie Kant beinahe geheiratet hätte.

Novelle von August Schrick er.

(Fortsetzung.)

Gleich Green war er Junggeselle und wollte es bleiben; eine unglückliche Jugendliebe hatte seinem Herzen eine Wunde ge­schlagen, deren Schmerz er ein Leben lang der Welt unter Ar­beit und Scherzen verbarg.

Der bescheidene jüngere Wann, der auf die Winke der Pro­fessors achtete und mit dem Oberförster für die Bequemlichkeit der Gäste besorgt war, nannte sich Magister Kraus. Seine Ge­sellschaft beim Mittagsmahle war für Kant ein Bedürfnis. 3n »arter Rücksicht lieh er ihn jeden Morgen besonders einladen, um ihm dadurch Gelegenheit zu geben, nach Gefallen auch abzusagen.

Gerade als man zu Lisch gehen wollte, brachte ein auffallen­des Ereignis die ganze Gesellschaft, mit Ausnahme Kants, in einige Erregung. Ein stolzer Wagen fuhr an das Hoftür; eine vornehme Dame und ein Offizier sahen in demselben. Ohne Zwei­fel hatten die beiden die Absicht, den Nachmittag auf Mvditten zu verbringen. Als jedoch die Dame die um Kant versammelte Ge­sellschaft erblickte, war sie sichtlich unangenehm überrascht, sprach mit dem hinzugetretenen Oberförster einige Worte und lieh dann unter irgendeinem Vorwande den Wagen auf den Weg nach Holstein einlenken. Hippel beherrschte ein ironisches Lächeln, Green bewegte sich auf den Füßen hin und her und rieb sich die Hände, Kant allein verharrte im ruhigen Gespräch und entfernte sich et­was, als Green zu erzählen begann, das sei Frau von 5£., die einst mit Herrn Kant durchaus habe gelehrt sprechen wollen, heut aber keine Lust mehr zu hegen scheine. Frau von Gimborn, neugierig geworden, wollte sich näheren Bericht durchaus nicht entgehen lassen. So erfahr sie denn, jene Dame hätte einst, als sie wahr­nahm, wie Kant ihren gelehrten Gesprächen geflissentlich auswich, in gereiztem Tone bemerkt, Damen könnten ebenso gelehrt sein als Männer, und es habe wirklich gelehrte Frauen gegeben, wo­rauf Kant trocken geantwortet hätte:Nun ja, es ist auch danach." Auch stehe wahrscheinlich nicht auher Beziehung zu diesem Degeg- nis und zu dieser Dame der öfter gehörte Ausspruch in betreff der gelehrten Frauen:Sie brauchen ihre Bücher etwa so, tote ihre Ahr, nämlich sie zu tragen, damit gesehen werde, daß sie eine haben, ob sie zwar gemeiniglich stillsteht oder nicht nach der Sonne gerichtet ist."

Das war ein Anlaß, um mit äleberspringung der ersten Art von Tischgesprächen sogleich mit dem Räsonieren und dem Wort­gefecht zu beginnen, wodurch man sodann auch um so rascher beim dritten und letzten Stadium ankam. EineWindstille", wie man in der Tischgesellschaft des Philosophen nach seinem Vorgänge jene Augenblicke nannte, in denen das Gespräch minder lebhaft war, hatte es heute gar nicht gegeben.

Sophie, die Vielgereiste, konnte sich nicht erinnern, jemals einem so anmutigen, geistvoll-heiteren Tischgespräch beigewohnt zu haben; in einem solchen Kreise weilen zu dürfen, ersetze alles, was die große Welt etwa biete, äußerte sie zur älteren Freundin.

äleber einen Teil der Tafelgenüsse mußten sich die beiden frei­lich wundern. Kant hatte bei Frau Wobser den Wunsch ausge­sprochen, es möge in bunter Reihe eine Schüssel der rheinischen und der ostpreußischen Küche geboten werden. Die Zusammen- fteüung von Bauchspeck mit französischem Backobst, welch letzteres durch Motherby auf die Ditte Kants besorgt worden war, schien bei den Damen sogar Heiterkeit zu erregen.

Kant hatte sich's nicht nehmen lassen, im Garten eigenhändig Rosen abzuschneiden und an jedes der Gedecke eine zu legen. Nun, da zum Nachtische auch Frau Wobser, glühend wie eine Pfingst­rose, erschien, gab Kant seinem Diener, der zum Servieren mit­genommen war, einen Wink, und ein Strauß Rosen wurde mit einigen zierlichen Versen der unermüdlichen Wirtin überreicht.

Lampe war in schlechter Laune. Seine schwarze Ahnung be­stätigte sich mehr und mehr. So freundlich war sein Herr, außer1 gegen die Gräfin Kehserlingk, noch nie gegen Damen gewesen, und es war offenbar, daß er sich der Jüngeren der beiden, seiner Nachbarin zur Linken, besonders häufig zuwandte. Mit mürrischer Miene tat er seinen Dienst. Er vergaß jedoch auch heute nicht, wie er es gewohnt war, von Zeit zu Zeit, wenn er hinter seinchn Herrn vorüberging, den Haarbeutel, der immer von dem höheren Schulterblatt auf das niedrigere hinabglitt, in die Mitte des Rückens zu legen, um diese kleine Deformität nicht bemerkbar wer­den zu lassen. Da er am Schlüsse des Tisches zwei Dinge zu glei­cher Zeit wollte, die Gläser noch einmal füllen und hören, was Kant zu seiner Nachbarin sprach, warf er ein Glas um, daß es in Scherben ging.

Er machte eben Anstalten, das Zusammengelesene abseits an einen Baum zu werfen, als Kant ihn etwas zornig anrief, et möge einen Spaten holen, die Scherben müßten vergraben wer­den,denn" fügte er, gegen seine Gäste gewendet, wie entschul­

digend hinzuwie leicht könnte sich jemand Leides tun, ur$ wir wären mit unserem Leichtsinn Schuld daran."

Die Scherben wurden vergraben, und Hippel hielt eine launige Grabrede über den Decher, der nach wohlverbrachtem Lebenslauf in Erfüllung seiner Pflicht, somit auf dem Felde der Ehre, gefallen sei. Die Frauen konnten nicht umhin, sich gegenseitig über den naiven Ausdruck einer vorsorglichen Humanität ihre Freude aus­zusprechen.

Die Gesellschaft ging längs dem Saume des Waldes hin, und nun kam an Kant die Reihe, von der Art Sophies gerührt und ergriffen zu werden.

Am Rande eines Buchweizenfeldes stand ein rohgezimmertes Kinderwägelchen; ein Kind schrie und kreischte in demselben unter einer schweren Decke; der gelbe Spitz, der dabei stand, wußte sich nicht zu raten und zu helfen und stieß hier und da einen knurren­den oder heulenden Laut aus. Die arme Mutter mochte abseits in den Wald oder hinüber auf die Heide gegangen sein, um Beeren zu sammeln und hörte ihr Kind nicht oder wollte es nicht hören. Da unser Philosoph das unbändige, krampfhafte Schreien mit dem radikalen Dösen in Verbindung brachte und auch in diesem Kind, dem eben nichts zu fehlen schiene, einen Beleg für seine Ansicht zu finden erklärte, lächelte Sophie und meinte, dieses Schreien hänge mit ganz anderen Dingen zusammen als mit dem radikalen Dösen, schickte mit einem Wink die Herren voraus und legte das Kind trocken, das, als es die sorgliche Hand spürte, augenblicklich ruhig ward und Sophie und den gelben Spitz fröhlich anlächelte.

Gemeiniglich schätzt der Mensch das am höchsten, was er nicht besitzt. Kant hielt es für eine große Kunst, sich zweckmäßig mit Kindern zu beschäftigen und sich zu ihren Begriffen heradzustim- men, aber er erklärte auch, daß es ihm nie möglich gewesen fei, sich diese Kunst zu eigen zu mache».. So erfüllte ihn das Gebühren Sophies, so einfach es war, mit Bewunderung und Verehrung.

Man sah, sie hatte es bei allen Männern gewonnen, und die Herzen der beiden Frauen besah sie ja ohnehin.

Auf dem Heimwege, zu welchem der Mond über die dunklen Fichten heraufkam, saß Kant mit Frau von Gimborn und Sophie in einem Wagen. Sophie und Kant waren schweigsam. Beide fühlten, daß sie sich heute nähergekommen feien und daß es nur noch eines entscheidenden Wortes bedürfe. Beim Abschied bat er Sophie, seine Rose als Erinnerung an den schönen Tag anzuneh­men.

Es folgte für den Philosophen eine Reihe von Tagen, in de­nen selbst eine so fest gefügte Lebensordnung, wie die feine, aus dem Geleise zu kommen schien. Spät und doch zum ersten Male in- feinem Geben war das Gefühl in Kant erwacht, dem kein voll­kommener Mensch entgeht. Wie sollte es Kant nicht verspürt ha­ben, er, den der scharfblickende Hippel denZentralmenschen" nannte? Dessen war er sich klar, daß er eine wirkliche Zuneigung zu dem fremden Mädchen empfinde, daß diese Zuneigung ganz an­derer Art fei als damals, da er daran dachte, die Witwe zu hei­raten. Aber sollte er dieser Neigung folgen dürfen?

Er überlegte seine Vermögens umstände. Er hatte seit weni­gen Jahren ein Einkommen von nahezu vierhundert Talern aus dem fixierten Gehalte und den Emolumenten, dazu kam der ziemlich ansehnliche Ertrag der Vorlesungen, und sobald die Stelle im aka­demischen Senate frei und ihm, worauf er rechnen durfte, konferiert wurde, konnten noch weitere siebenundzwanzig Taler fünfundsieb­zig Groschen zehn Pfennige zu den angesetzten Summen geschrie­ben werben. Auch auf den Ertrag aus seinen Schriften durfte er zählen, wenn derselbe auch wechselnd und unsicher war. Was et jetzt hatte, reichte nicht nur hin. um ihn in angenehmen Verhält­nissen zu belassen, ein Teil konnte sogar bei Freund Green an«, gelegt werden. Bei feiner Bedürfnislosigkeit konnte er seinem Freunde Kraus nicht recht geben, welcher der Meinung war,Pro­fessor an der Universität Königsberg werden, heiße zugleich daS Gelübde der Armut ablegen". Aber war das, was ihm, besvnder- bei der Umsicht seines Vermögensverwalters, ausreichend war, war es auch genug für eine Frau, so häuslich und einfach sie sein mochte, reichte es auch für eine Familie?

Er war sich bewußt, die äußeren Glücksgüter nicht höher zu schätzen, als sie es verdienen. Er war aber, wenn auch immer er­hobenen Hauptes, durchs schwere Zeiten gegangen und wollte sie nicht noch einmal wiederholen. Seine Lehr- und Wanderjahre hatten meist über steinige Pfade geführt; er erinnerte sich daran, wie er als Student und Magister sich der Keinen Gewinste im Billardspiel gefreut, wie er hatte zu Hause bleiben müssen, wenn Rock oder Schuhe zum Ausbessern getragen wurden, wie unabseh­bar lange die fünfzehn Jahre des Privatdozententums gegauert, wie er während dieser Zeit eine ansehnliche und auserlesen«! Bibliothek nach und nach verkauft hatte, nur um die zwanzig Friedrichsdor nicht an greifen zu müssen, die der eiserne Bestand für den Fall einer Krankheit waren; wie er, zweiundvierzig Jahre alt, die Stelle eines Unterbibliothekars mit einem Gehalte von zweiundsechzig Talern annehmen und als Kustos eines Ratu- ralienkabinetts sich die törichten Fragen der Besucher gefallen lassen muhte. Dein ökonomisches Wohlbefinden wieder aufs Dpi« zu setzen, nein, das konnte er nicht, das durfte er nicht um seinem wissenschaftlichen Arbeiten und Ziele willen.

(Schluß folgt)

Schriftleitung: Dr. Friedr. Wild. Lanas. Druck und Verlas der Brühl'kcken Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Dießen.