Anflügen leiser Verlegenheit wechselte. Dies alles entging mir nicht, aber ich legte kein Gewicht darauf und erst am anderen Mor­gen war es mir zweifellos geworden, daß man ein Geheimnis vor mir habe.

Der Tag war heiß, dazu hatte mein Zimmer die Vormittags- fonne; links neben dem Fenster aber lag alles in Schatten und an diese Schattenstelle schobt ich jetzt Tisch und Stuhl und las. Freilich nur kurze Zeit. Eine Müdigkeit überfiel mich, die mir freilich un- «rd-lich Wohl tat und um so Wohler, als ich darin ein neues Zeichen wiöderkehrender Genesung sah. So tat ich denn das Buch aus der Hand und lehnte mich in den Stuhl zurück. In dieser Lage mocht' ich zehn Minuten oder auch mehr in einem erquicklichen Halbl- schlummer zugebracht haben, als ich durch ein lautes Getöse geweckt Wurde, laut, wie wenn die wilde Jagd die Treppe heraufkäme, älnd eh ich mich noch zurechtfinden konnte, ward auch schon die Tür aufgerissen und der jüngste Sommersprossige stürzte mit dem Auf auf mich zu:Er ist da, er ist da!"

Wer denn?"

Onkel Dodo."

Ich wußte nicht, wer Onkel Dodo war, war aber verständig ge- «ug, mich ohne weiteres zu freuen.Ei, das ist schön," sagte ich.

Freilich," rief der Junge.Freilich ist das schön."

Und damit war er wieder hinaus.

Eine Viertelstunde später kam der Diener, um mich zum zweiten Frühstück zu rufen. Es sei heut etwas früher, weil deralte Herr" «Len angekommen sei.

Onkel Dodo?"

Zu Befehl."

Aber sagen Sie, Friedrich, wer ist das?"

Das ist der Mutter-Bruder der gnädigen Frau. Regierungs- jtnö Baurat. Aber schon lang a. D."

Verheiratet?"

Rein. Alter Junggesell."

Bun gut. Ich komme gleich."

Und da man auf dem Lande nicht warten lassen darf, am we­nigsten, wenn ein Besuch angekommen ist, so war ich in fünf Minu­ten unten unfii wurde vorgestellt.

Onkel Dodo schüttelte mir die Hand und lachte herzlich.Sie werden mir vorgestellt, aber ich nicht Ihnen. Meine liebe Karo- line behandelt mich immer wie eine historische Person, die man fermen muß. Sagen wir wie Bismarck. lind- ich habe doch nur dies hier mit ihm gemein." Und dabei wies er auf die Stirn. Aber ich meine nicht den Kopf. In d e m, mein lieber Doktor, ist ir mir über."

Ich bin ohne Titel, Herr Regierungsrat, absolut ohne Titel."

Desto besser! Uebrigens was ich sagen wollte, Kopf hin, Kopf her, es braucht nicht jeder ein Gehirn zu haben wie Kant oder jvie Schopenhauer. Oder gar wie Helmholtz. Sie kennen Helm­holtz? Der soll die größte Stirnweite haben, noch- mehr als Kant, der im übrigen mein Liebling ist, von wegen dem kategorischen Im­perativ. Aber das lassen wir bis später, das sind so Gespräche für eine Aachmittagspartie nach dem Waldkater oder der Rohtrappe. Denn es ist dummes Zeug, daß man unterwegs oder beim Steigen nicht sprechen solle. Gerade da. Das dehnt aus und der Sauerstoff strömt nur so in die Lunge. Ratürlich mufi- man eine Lunge haben. Au. Gott sei Dank, ich hab-' eine. Und- du auch, Leopold, nicht wahr. Junge? Wer Sommersprossen hat, wird- doch Wohl eine Lunge haben? Hast du?"

Freilich, Onkel. Aber hast du uns auch was mitgebracht?"

Prächtiger Kerl, Praktikus. Vor dem ist mir nicht bange. Ratürlich hab 'ich was mitgebracht, natürlich. Und- hier ist der Schlüssel, dieser dritte, und nun lauf' auf mein Zimmer unö- schließe den Reifefack auf und pack' aus. Ich komme gleich nach und werde alles verteilen, an Gerechte und Ungerechte. Oder seid ihr alle Gerechte? Oder alle älngerechte?"

Ungerechte, Onkel."

Das ist brav, Ungerechte! Die Gerechtigkeit ist bloß für die Komik. Da hab' ich- vorigen Winter was gelesen, ich glaube, ,die drei gerechten Amtmännew . . . .

Kammacher," verbesserte Karoline.

Richtig, Kammacher. Versteht sich, versteht sich, Kammacher. Amtmänner ist Unsinn, Amtmänner find nie gerecht . . . Aber da kommt ja der Lammbraten. Das ist brav, Karoline. Du kennst meine schwache Seite: Lammbraten, er hat so viel Alttestamentari­sches, so war äir- und Erzväterliches." älnd dabei nahm er Platz und band sich die Serviette vor.Aber nicht aus der Keule, lieber Otto," fuhr er fort.Wenn ich bitten darf, eine Rippe, das heißt ein paar; ich bin fürs Knaupeln und was am Knochen sitzt, ist Immer das beste."

So sprach er weiter, un&- weil ihn das Sprechen und Knaupeln ganz in Anspruch nahm, könnt' ich ihn, ohne daß er's merkte, gut beobachten. Gr mochte Mitte fünfzig sein, eher drüber als drunter, und konnte füglich als das Bild eines alten behäbigen Gartons gelten. Er war ganz und- gar in blanke graue Leinwand gekleidet, Sie fast einen Deidenschimmer hatte; die Weste war derartig weit

ausgeschnitten, daß man hätte zweifeln tonnen, ob er überhaupt eine trüge, wenn nicht vorne, ganz nach unten zu, zwei kleineKnöpfe mit einem dazu gehörigen Stück Zeug sichtbar geworden wären. Auch 6er Rock wirkte zeugknapp und fipperich, eine seiner Seiten- taschen aber, aus der ein großes Taschentuch heraushing, stand weit ab un& das wenige blonde Haar, dessen er sich schon scherzhaft er­wähnt hatte, war in zwei graugelben Strähnen links un& rechts hinter das Ohr gestrichen. Demohnerachtet wie schon die seiden- glänzende Leinwand verriet gebrach es ihm nicht an einer ge­wissen Eleganz. Hm den Hemdenkragen, der halb- Hochstand, halb niedergeklappt war, war ein seidenes Tuch geschlungen, vorn durch einen Ring zusammengehalten, während- auf seiner fleischigen i^b etwas großporigen Rase eine goldene Brille sah. Letztere war tn gewissem Sinne das wichtigste Stück seiner Ausrüstung. Er nahm sie beständig ab, sah sich-, zugekniffenen Auges, die Gläser an, zog aus der abstehenden Tasche sein Taschentuch und begann zu reiben, zu hauchen und wieder zu reiben. Dann fuhr er mit dem Tuche nach der Stirn, tupfte sich die Schweißtropfen fort und setzte die Drille wieder auf, um nach- fünf Minuten denselben Prozeß aufs neue zu beginnen. Alles übrigens, ohne seinen Redestrom auch nur einen Augenblick zu unterbrechen.

An mir schien er allmählich ein Interesse zu nehmen und- be­fragte mich nun mit seinen Augen. Aber es war kein eigentlich schmeichelhaftes Interesse, sondern nur ein solches, das ein Arzt an seinem Kranken nimmt. Er hatte schon gehört, daß ich ange- griffenheitshalber aufs Land- gekommen- sein, was, neben einiger Mißbilligung, viel Heiterkeit in ihm wachgerufen hatte.Das kenn' ich, das kenn' ich; das sind diese modernen Einbildungen. Ich habe mir von diesen nervösen Herrchen erzählen lassen. Denke dir, Ka­roline, von einem hab' ich gehört, er könne nur in Blau leben und in Rot schlafen. Ei, da bin ich doch besser dran, ich sage dir, ich sch-lafe den ganzen Tuschkasten durch, älebrigens mit diesem hier ist es nicht so schlimm. Er hat sich verweichlicht und- ist bloß des­halb- nicht recht im Zug. Aber sein Material ist gut und- ich will von heut ab von Tee und- englischen Biskuits leben, wenn ich ihn nich-t in acht Tagen wieder auf die Deine bringe. Laß mich nur! machen. Er muß erst wieder Betrauen zu sich selbst fassen, und einsehen lernen, d-ah er, wenn nötig, einen Daum ausreißen kann. Es sind das Patienten, die durch- wohltätigen Zw-ang, oder, wenn du willst, durch den kategorischen Imperativ, durch eine höhere Willenskraft wieder hergestellt werden müssen."

Ich war gleich nach dem gemeinsam eingenommenen Früh­stück auf mein Zimmer zurückgekehrt und ohne jedes Wissen und- Ahnen, welches Gespräch inzwischen über mich geführt wurde, hatte ich doch ein sehr bestimmtes Gefühl, daß- nach- Eintreffen dieses Besuches meine glücklichen Tage gezählt seien. Ich empfand, daß ein Wirbelwind- in der Luft sei, der mich- jeden Augenblick fassen! könne, und- so warf ich mich in einen Lehnstuhl und seufzte:Meine Ruh' ist hin."

Es schien aber fast, als ob ich mich- geirrt haben sollte, dis nächst-en Stunden vergingen stiller und ungestörter als gewöhnlich, und- eine flüchtige Hoffnung überkam mich, meine Situation doch für schlimmer und- verzweifelter als nötig angesehen zu haben. Ich las also wieder, schrieb- einen langen Brief und fütterte die Vögel, die sich- auf mein Fensterbrett gesetzt hatten dann ver­nahm ich von fern her das Rufen des Kuckucks und fragte ihn: Wieviel Tage bleib-' ich noch?"Kuckuck" und- dann fchwieg er wieder.Rur einen Tag. " Das schien mir doch zu wenig und ich mußte lachen!

Weddigens Siege und Heldentod.

Von Vizeadmiral a. D. Dr. E. v. Manie h.

Am 22. 'September jährt sich zum zehnten Male der Tag, an dem der deutsche äl-Dootskommandant Otto W eddig en drei englische Kreuzer in rascher Folge nahe dem Kanal zur Strecke brachte. Eins unvergeßliche Höchst­leistung aus der Frühzeit des äl-Bvotkrieges. Wir geben nachstehend anläßlich des Jahrestages die persönlichen Aufzeichnungen Weddigens über diese Heldentat.

Otto Weddigen ist wohl von allen Pl-Bootkommandanten in der Welt am bekanntesten geworben. Seine größte Waffentat ist die Vernichtung von drei englischen Panzertteuzern,Aboukir", Houge" und-Cressh", am 22. September 1914. Keine drei Wochen später, am 14. Oktober, versenkte er den PanzerkreuzerHawke". Am 18. März sollte Weddigen dann selbst mit seinem neuen äl-Doot und- der ganzen Besatzung den Heldentod finden. Diese drei Ereignisse mögen 'm Kürze hier geschildert werden.

Am 19. September verliehen englische Truppentransport- dämpfer Dover, um Truppen der Marinebrigade nach Dünkirchen zu überführen. Die englische Admiralität beschloß, gleichzeitig Panzerkreuzer unter Admiral Christian zur Sicherung vor deü östlichen Eingang des Kanals zu legen. Admiral Christian mutzte mit feinem SchiffEnrhulus", um Kohlen zu ergänzen und- zur Reparatur des vom Sturm beschädigten Funkennetzes, eintaufen und- überließ dem Kommandanten derAboukir" die Sicherung, da er sich selbst bei der schweren See nicht aufAboukir" über­schiffen konnte. Die drei KreuzerAboukir",Houge",Cressh" waren ohne Schuh von Zerstörern, da diese wegen Sturmes eben-