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1923 — Nr. 42
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Samstag, 20. Omobsr
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I<uuu,ue er vor oiejem auiae, ward zerstreut und verließ wohl gar den vertrauten 2iaum. Es schien, als ob dieses Gemälde frei» ctjeg dem Gegenstände nach von allen ganz allein musikalisch aus» sah, das einzige unmusikalisch stimmende Bild wäre.
verhallte Erinnerungen rauschten aus den Rotenblättern auf Denn uns unmittelbarer in vergangene Lage zurück, als lEverklingen einer Weife, die wir damals hörten, und wie oft täuschen wir uns selbst und halten eine schwache Musik bloß darum für wunderschön, weil sie und an eine wunderschöne 3eit erinnert wo wir ihr zum erstenmal lauschten!
. m dem Mufikzimmer konnte man so weltvergessen geister» weise in Tonen träumen, auch am Hellen Sage. Das Schloß lag einsam auf einem Hügel am Waldessaum, die grünen Wipfel schau» ~n 3“J>en Fostern herein, und höchstens vernahm man da süßen Bogelschlag leise von fernher. Sonst war alles stille. Der Freiherr hatte keine Famiae außer einer Tante, einer alten, schweigsamen. 9erouWog toanenöen Witwe, welche ihm mit einer kleinen Diener» ’v 'l Tushiel^ in den weiten, schweigenden ^Räumen. Man konnte glauBen, das ganze Schloß schlafe, und die Bewohner wachton nur auf, um zu geigen.
SUlle alfo machte der Freiherr stille Musik, rk o blätterte wie in einem Geschichtenbuch
• •4,rau!:t<98 ®lt6er schauten ihn dazu von den Wäw oen des Mufltzlmmers an, Landschaften und Stilieben guter älterer ®e& A friedlicher, heiterer, sinniger Kunst.
-kstkd patzte nichi zu den anderen; in dem foltert k V damaligen Pariser Schule stellte es Eraw Lai, Oie Mu.se des Liedes und der Liebe im Liede. Der Kopf war Porträt; man porträtierte damals wohl Kinder als g>.flugel.e ^eilten, Damen als Göttinnen. Aber während der Frei» L^rr, wenn er musikalisch träumend auf und ab schritt, bald einen SÄE"’ bald «men Mignon wohlgefällig betrachtete und seine Quartetthemen im Anfchauen immer lauter und lustiger pfiff stummte er vor diesem Bilde, ward zerstreut und verließ '
Das Quartett.
Von W. H. Diehl.
Der Verlag von Strecker unöSchröder in Stutt» gart hat unter dem Titel „Um Hahdn und Mozart" wahre Kabinettstücke deutscher Rvvellenkimst zu einer Samm» tung bereinigt, t» deren Mittelpunkt die beiden großer Mu- flker des deutschen Rokoko stehen. Reben der hier zum Ab» druck kommenden Rovelle Meister Riehls enthält das ent» Juckend ausgestattete Bändchen noch Mörikes berühmte Mo» zartnovelle und einige bekannte Novellen von ETA Hoffmann, Gersten und Perkonig.
Erstes Kapitel.
. ^.Eme Tagereise von Wien lag einsam das ahe Schloß Strüth, m wetchem Vor siebzig Jahren der Freiherr Leopold von Strüth Die MM war ihm -das fünfte Element, aber Musik Mit Auswahl; denn er liebte nur gute Musik und hielt ein echtes Streichquartett für die beste unter der guten
Jeden Montag war Quartett auf Schloß Strüth, wobei der Fieiherr ute Bratsche spielte, und sein Gutsnachbar, der Graf Thuimer von .ckeuhaus, die erste Geige; jeden Donnerstag hin» gegen ritt der Freiherr nach Reuhaus zum Quartett Beim Grafen.
Der Beoiente ueS Freiherrn durfte Montags zwar die Wachslichter ins MMzimmer tragen, aber sie aufstecken oder gar an» zur;0en ourfte er nicht, das tat der Herr mit eigener Hand. Er toat fvnst rea/ Bequem und ließ sich gerne bedienen, nur nicht fürs UiKme.t; denn da konnte er selber sich's kaum recht machen, ge» chweige ein Bedienter. -Und wer ihn vor oder während des Quartetts sah, der mußte ihn für einen rechten Pedanten galten; allein u Lte?rller bl-h in diesem besonderen Falle, und hier war er nieftt aus Pedanterie, sondern aus Ehrfurcht vor den höchsten Offenbarungen dec Kunst. Darum wusch er sich auch alle» imil die Hande, bevor er ans Quartettgeigen ging, nicht weil sie schmutzig gewesen wären, sondern tote sie zu einer symbolischen gleich dem Priester, der sich für ein Opfer im Aller» heiligsten rüstet.
Jeder Quartettabend ward für ihn zum vollen Quartettage, schon der Morgen verging in emsiger Vorarbeit. War es Winter, P "TT?,vas Quartettzimmer schon tags vorher geheizt werden, oamtt stch die Instrumente an die Wärme gewöhnten, und in R,^r Krankenstube ward je das Thermometer sorgsamer beobachtet. Vierzehn Grad Reaumur erklärte der Freiherr für die Pfbre Quartettemperatur, während er sonst in den Wohnräumen letned Schlosses an sechzehn Grad gewöhnt war. Er schätzte aber oen inneren Wärmezufchuß, welchen ein herzbewegendes Quartett „„s ™ langfähnger Erfahrung auf zwei Grad, so daß Haydn uno Mozart, die überwiegend gespielt wurden, bei zweiundfünfzig L^^ktabenden im Jahre wohl eine Heizkraft von anderthalb Klafter Buchenholz darstellten.
Zahllose kleine Geschäfte erfüllten den Quartettag; dem Mu- mer wären sie lästig gewesen, dem Musikfreunde find ise heiter und bepaglich; denn sie sind ein Vorgeschmack der Quartettseligkeit des M>ends, und wenn der Freiherr Montags höchst eigenhändig die r^en abwifchte und die vier Stühle zurechtrückte, so dünkte ihm oas schon halbe Musik.
aber war ihm die wichtigste Vorarbeit: die Uus- Programmes. Indem er die Rotenhefte prüfte und ver- m ch, wählte und verwarf, die Hauptthemen sang und pfiff, spielte t,. J*tor3ens schon im Geiste Quartett, wie abenÄ mit dem Fiedel- »en Rud wer weiß, welches der reinere Genuß war? Längst
Ja noch mehr! Kam der ersehnte Abend und zündete der Freiherr die Lichter an, so mußte der Bediente die Erato jedesmal mit c^'em grünen Suche verhängen. Hätte es der Bediente je versäumt und der Blick des Herrn wäre im Spielen auf das Bild gefalle«, fo tourBe er das ganze Zusammenspiel unfehlbar umgeworfen ha» den, Eratos Auge hätte ihn aufgeregt, in einen fremden, trüben Gedankengang hineingezogen, und zum Quartettgeigen braucht man Sammlung, Ruhe und innere Heiterkeit.
Zweites Kapitel.
Am Abende des 10. Mai 1799 zog ein schweres Donnerwetter gegen Schloß Strüth heran, wo der Freiherr bereits seit eine« halben Stunde im Mufikzimmer stimmte, des Eintritts der Mitspieler getoärttg. -Unter dem Heulen des Windes und dem Klirre« der Scheiben erschien Schlag sieben Uhr das Violoncell und die zweite Geige in der Gestalt des freiherrlichen Gutsverwalters und des alten Kammerdieners, denn auf Strüth nahm man nur solche Leute in Dienst, die in der Diolinschule wenigstens bis zur dritten Lage sich hinaufgegeigt hatten. Jene beiden waren freilich bloß „stumme Personen", wie man in der Theatersprache sagt, sie geigte« fest und redeten nur, wenn sie gefragt wurden.
Desto gesprächiger war der vierte oder vielmehr 6er erste Mann, die erste Geige, welche diesmal ein wenig auf sich warten ließ, Graf Thürmer von Reuhaus. Dampfend vom scharfen Ritte trat auch er endlich herein, gerade vor Torschluß, denn im selben Augenblick Begann der Regen stromweise niederzustürzen, und Blitz und Donner nahten in immer kürzeren Pausen


