- 198

Erscheinen. Ein Schwarm fingerlanger Fische spielt im seichim Uferwasser zu meinen Füßen, und auch ein dicker Wels steckt einmal seine bärtige Schnauze aus dem Fl uv, springt dann empor und plumpst schwerfällig zurück

Unmittelbar neben der Stelle, wo der Wels sprang, tauchen atxxxA langsam, etwa eine starke Spanne voneinander entfernt, zwei Kugeln auf, vor ihnen dann noch ein wulstiger Knopf, noch etwas hoher und der dreieckige Schädel eines Krokodils liegt da. Auch der Rücken kommt, fast ohne Wellenkreise zu erzeugen, noch über« Wasser Die gelbgrünen Hellen Augen mit der stnchsormigen Pupille stieren überrascht auf uns, dann sinkt dos Tier wie ein! Stein unter, und nur die leise Bewegung des Wassers zeigt, wo es eben noch war

Sin Rindenbovt am Ugala herrscht das Aindenboot gegen­über dem in der Kolonie sonst üblichen Einbaum vor hat mir der Zumbe gestern noch besorgt. Mit einem Baststrick ist es am Ufer an einer Wurzel festgemacht. Wein Bootsmann «in alter Knabe mit schon weistgefärbtem Haar, der sein ganzes Leben hier als Fischer lebt, ist seit dem Morgengrauen schon un Lager. Run knotet er mit Zuhilfenahme seiner trotz des Alters blendend weihen Zähne den Strick auf und meldet sich fahrbereit. Ich gestehe .daß ich mit einem gewissen Mißtrauen das schwache Fahrzeug betrat, das mich nun eine Stunde tragen sollte. Mit langausgestremeir Deinen must ich am Boden des schmalen Bootes sitzen, das Ge­wehr habe ich zwischen den Firsten aufgestellt. Achtern sitzt mein Fährmann mit der Stalstange und dem Paddel. Dann fchrebt er das Boot mit der Stange erst am Ufer entlang flußaufwärts, lästt die Stange am Ufer stecken und kreuzt den Strom dort wo uns gegenüber eine schmale, lange Insel den Flust in zwei Arme teilt. Im schmäleren Arm liegen die Fluhpferde, die nadjtä, tote mir der Bootsmann sagt, ständig im Schilf der 3nsel auf Aesnng gehen, zu Mittag wieder auf einer Sandbank oberhalb Der >lnsel ein Sonnenbad nehmen und die übrige Tageszeit dick und faul im Wasser liegen, rastend und verdauend. Wir tixr um die Spitze der Insel herumkommen, liegt die ganze Herde weit auseinander- gezogen vor uns, pustend, bald schwimmend, bald tauchend spie.end und ganz sorglos, als gäbe es kein Boot und keinen Europa«» mit Gewehr. Zwei Jahre ist es her, so erzählt der Fäprnrann, Last ein Europäer hier.auf Flußpferde jagte, und dm tat es flust- abwärts. Unsere Herde kennt die Verfolgung nicht. Gähnend hebt eines der Riesentiere jetzt das Haupt, reistt den Dachen auf, als wolle es Himmel und Erde verschlingen und zeigt dabei die ge­waltigen Zähne, unterarmgelenkdick und krumm gebogen wie eine Sichel die einen gerade und ebenso dick di» anderen. Der geivalnge Pflanzenfresser braucht diese Waffen im Kampf um das 'Weibchen gegen seiiren Aebenbuhler, vielleicht auch, um sein Zung^ gegen Krokodile zu verteidigen. Einige meiner Reger wollen schon ge­sehen haben Last große Krokodile die jungen Flußpferde angreifen. 3»! halte Las für ganz gut möglich, wird doch ein Pferd oder Rind ohne weiteres im Wasser oder sogar am Ufer beim kranken nicht allzuselten vom Krokodil gefaßt und ins Wasser genfsen. Gesehen habe ich selbst nie, daß ein Krokodil die jungen Imst- Pferde jagt beobachtet dagegen, Last alte Flußpferde und Krokodile einander gar nicht beachten, selbst wenn sie in nach-ter mähe an­einander vorüberschwimmen. Einmal am Rungwasluß, als auf einer Sandbank etwa ein Dutzend Krokodile lagen und sich sonnten, tauchte wohl mit der gleichen Absicht, daneben ein Flußpferd auf; da stürzten die Krokodile auf der anderen Seite öiligst ins Wasser, ginnen aber nach! einigen Äiinuien schon wieder an Land. Ver­mutlich hatten sie sich über den Ankömmling getäuscht und waren deshalb übereilt geflüchtet r

Eine halbe Stunde wohl lagen wir Hari am Ufer der 3nsel, der alte Dootseigner hielt mit der Hand das Boot an einem Schilfbüschel fest; die Strömung tvar so gering, Last das Festlegen mit der Hand durchaus nicht anstrengend war. Ich fast im Boot und besah mir das Schauspiel, das die vergnügten Kolosse vor uns aufführten. Dort stieg eines jäh mit dem halben Körper aus der Flut rist den Dachen auf, brüllte and sank wieder ins Wasser zurück. Eine besorgte Mutter spielte mit ihrem noch rosenrot ge­färbten Säugling, der, erst wenige Lage alt, schon ein tüchtiger Schwimmer und Taucher war. Dom Spiel ermüdet, quiekte das Zunge lieben der Alten und benützte ihr Untertauchen, um flugs auf Backen oder Rücken einen gutgepolsterten Ruheplatz einzu­nehmen der breit genug ist, um ein Hinabfallen auch bei raschem Schwimmen zu verhinderm. Höher kommt die Sonne, und es wird reichlich warm. Ich suche mit dem Glas die ganze Herde, die ich auf etwa zwanzig Häupter schätze, genau durch, um einen möglichst guten Bullen - Keiler wäre eigentlich zutreffender - ausfindig zu machen. Rach der Gröste des Hauptes, seiner 'Breite und, bei offenem Rachen, nach der Stärke der Zähne kann man da ziemlich sicher urteilen.

Dort sperrt nun einer sein Riesenmaulj auf, und die Sonne schimmert auf Len starken Zähnen, während das Wasser in langen Strähnen vom Haupt tropft. Bevor er den Rachen noch schtwsten kann scklägt ihm die 9,3-MiNimeter-Kugel zwischen den Lichtern ins Gehirn; das Haupt sackt ab, ein dünner roter Streif« schwimmt auf dem Wasser. Zäh wird das Spiel der anderen ab­gebrochen die Wirbel zeigen, wo sie rasch tauchten, und bald wogt weiter' flußaufwärts das Wasser auf, weil es dort einer Sand­bank wegen seicht ist und die flußaufwärts flüchtenden Stere mit dem Rücken fast an die Oberfläche reichen.

Mentum Las mich mit entmutigender Trauer' übeiflei, MS meinen berechtigten Zorn über die Tat des Tieres vergehen liest, das seine Handlungsweise in erklärende Beleuchtung schob und das Vorkommnis zu einem jener unpersönlichen und unglücklichen Ereignisse stempelte, die durch, den widerspruchsvollen und un­barmherzigen Sinn des Landes bedingt sind und wahllos und verhängnisvoll erschütternde Geschicke von Lebewesen verschiedener Art verknüpfen. ,

In der einsetzenden und rasch zunehmenden Zimmerung blickte ich, aufs Wasser. LNammi schlief verhältnismäßig ruhig, und Nachtwachen waren eingeteilt, so daß alles getan war, ,-vas getan werden konnte. A>is deii Hütten ertönten manchmal einige abgebrochene Wort« gedämpfter, blecherner und schmer Stimmern Die mit dem Geist des Ngi verbundenen Vorstellungen hatten Besitz von den Seelen der Farbigen ergriffen, hallen ihre Ge­danken aufgewühlt, in Zagheit und Furcht versenkt. Wrs i brodelnden Unsicherheit ihrer mangelhaften und L^vtomrten _@c» kemitnis entwickelte sich der uralte Aberglaube dreier Menschen alter zu einem unerträglichen Druck von irrem Klemmut and schauernder Angst. Sie glaubten, daß unsichtbare Dinge, die sie nicht begriffen, von allen Seiten herannahten und nacy ihnen faßten sahen in den schwankenden Schallen der armseligen Be­leuchtung rachsüchtige Gestalten und schürten mit dem letzten Rest ihres schwindenden Mannestums die glimmenden Schelte wieder und wiieder zll helleren FlammM, utn durch das sehende Erkennen der Kameraden und der Gegenstände im ve- teienenen Bereich der Feuer Erleichterung zu finden und stq> geMifeittg Mut zu inachen für die folternden Gedanken, die sie mit der begonnenen Rächt unlöslich verkettet glaubien.

Sio stark war die Erregung der Leute, daß sie fühlbar in einem kalten, beklemmenden Hauch zu mir herankroch und in merklichem Tasten nach meinem Herzen drängte. Ich.nef Basta und liefe reichlich Tabak an die Farbigen verteilen, um ihnen die Ueberwindung all' dessen zu erleichtern, was sie m unwnder- stehltchem Wahn völlig und peinigend unterjocht hatte. Dann Wh ich wieder auf den Fluß und glaubte ein Gespenst zu sehen.

FlAtzpferdßKgd am Ugala.

3m Rahmen einerSafari", das heißt einer Trägerkara- tixme die von Daressalem nach dem Tangany rllr das Land durchzieht führt uns Robert An ter Welz, einer sener zahl­reichen Pionier« unserer kolonialen Epoche, denen m langen Zähren des Wirkens und WanSerns Ostafrika zu einer zweiten, heißgeliebten Heimat wurde, in schnem Buche:Durch Tro­pe n f o n n e u n d A r w a l d n a ch t" durch weite Strecken un­serer schönen, verlorenen Kolonie. Heitere und ernste Stunden des Marsch- und Lagerlebens, Lnndschafisformen gegensätzlichster Gestaltung, Tier- und Pflanzenwelt in Steppe und Urwald, ereignisreiche Zagden auf Riesen und Zwerge der afruamschen Fauna, Charakter und 'Begabung, .Kultur und Lebenssnyrimg der einheimischen Bevölkerung, die 'Verhältnisse wayrend der Kriegszeit -- dies und vieles andere zieht in buntmn Wochs« an unseren Augen vorüber. Dein Verfasser ist die seltene Gabe verliehen, seine begeisterte Liebe zur Ratur, seine warmherzig« Sympathie für die Regerstämme, die uns im Kriege fo mel Treue bewiesen, und seine ehrliche Anerkennung deutscher Kolo­nialarbeit in Worte zu kleiden, die von echter,, Mnstterischsr.Ge­staltungskraft zeugen. Daß neben farbenprächtigen Ratuistchilde- rungen und packenden Darstellungen aufregender Zagderlebniste auch der Humor zu seinem Rechte kommt, verleiht dem Buch seinen eigenen Reiz Und daß wir auch die hübschen Illustrationen dem Zeichenfi ist des Verfassers verdanken, macht es zu einem ganz persönlichen Bekenntnis. Mit gütiger Erlaubnis des Berlages Strecker u. Schröder in Stuttgart bringen wir im folgen­den unseren Lesern intereffante Zagdszenen am Ugala, einem Zufluß des Tanganjikasees. '

Voiii Fluß heraus zum Lager, das nur knapp 100 Meter vom Wasser entfernt ist, klingt als Worgengruß das Brüllen der Flußpferde. Erst ein schriller Aufschrei, als ob jemand jäh ein« atmen würde, darauf stoßweise tiefe Dahtön« von gewaltiger Stärke Dann und wann pustet eines der Tiere auch fchnaubend das Wasser aus den verschließbaren Rasenöffnungen, daß man es 100 Meter und weiter hört, oder schließt mit lautem klappenden Geräusch den weiten Rachen, daß man glauben könnte, der Wind hätte irgendwo eine Tür zugeschlagen.

Die Sonne, die gerade über den Galeriewald herausschaut, wandelt den dunklen, trüben Strom plötzlich in einen hellschimmern­den, langgestreckten und gewundenen See; denn an meiner Lager­pelle ist der Fluß über 500 Meter breit, und so langsam ist Sie Strömung, daß man sie am Ufer nicht merkt, wenn nicht gerade ein abgefallenes Blatt oder ein dürrer Zweig vorübertreibt. Koimorane haben auf dürren Aesten aufgeblockt und trocknen ihr Gefieder im ersten Sonnenstrahl, Breiten die Flügel weit aus und bleiben so manchmal minutenlang regungslos fitzen. Gin paar Schlangenhalsvögel haben sich zu ihnen gesellt, und der Fürst der Luftherrschaft am Fluh, der Schreiseeadler mit schneeweißem Kopf und Stoß, streicht hoch überm Wasser entlang, gefolgt von keiner Ehehälfte. Run kreisen sie eng umeinander, schlagen die Schivingen, und gleich darauf klingt ihr Helles Zauchzen zu meinem es ist, als ob sie der Sonne danken wollten für ihr