Samstag, 15. September
8 5 Sb'
iBBBgasanaDwiaff
1928 — Nr. 37
k-,1 >; i
$
V
3- ®» Fichte an die deutsche Nation.
Diejenige Erziehung, die wir den Deutschen zu ihrer künftigen Vorschlägen, ist nun sattsam beschrieben. Wird Geschlecht, das durch dieselbe gebildet ist, nur einmal dastehen, "^es^lediglich durch seinen Geschmack am Rechten und Guten, undschlechthm durch nichts andres getriebene, dieses mit einem Derstande, der für seinen Standpunkt ausreichend das Rechte alle- mal I icher erkennt, versehene, dieses mit jeder geistigen und körper» ^raft, das Gewollte allemal durchzusetzen, ausgerüstete Geschlecht: so wird alles, was wir mit unsern kühnsten Wünschen begehren können, aus dem Dasein desselben von selbst sich ergeben und aus ihm natiirlich hervorwachsen. Diese Zeit bedarf unsrer Forschriften so wenig, daß wir vielmehr von derselben zu lernen haben wurden.
. ®adieses Geschlecht noch nicht gegenwärtig ist, sondern erst heraufgezogen werden soll, und, wenn auch alles über unser Erwarten trefflich gehen sollte: wir dennoch eines beträchtlichen Zwischenraums bedürfen werden, um in jene Zeit hinüber zu kommen, so entsteht die näherliegende Frage: Wie sollen wir uns auch nur durch diesen Zwischenraum hindurch bringen? Wie sollen wir, da wir nichts Besseres können, uns erhalten, wenig- stens als den Doven, auf dem die Berbesferung Vorgehen, und als den Ausgangspunkt, an welchen dieselbe sich anknüpfen könne? Efe sollten wir verhindern, dah, wenn einst Las also gebildet« Geschlecht aus seiner Absonderung hervor unter uns träte, es nicht an uns eine Wirklichkeit vor sich finde, die nicht die mindeste Der- wandtschaft habe zu der Ordnung der Dinge, welche es als das rechte begriffen, und in welcher niemand dasselbe verstehe, oder den mindesten Wunsche und Bedürfnis einer solchen Ordnung der Eunge hege, sondern das Dorhandene als das ganz Natürliche und das einzig Mögliche ansehe? Würden nicht diese eine andre Welt im -o-ufen Tragenden gar bald irrewerden, und würde so nicht die neue Bildung ebenso unnütz für die Verbesserung des wirklichen Gebens verhallen, wie die bisherige Bildung verhallt ist?
Ä V® Mehrheit in ihrer bisherigen Unachtsamkeit, Ge° oanienlosigkeit und Zerstreutheit so ferner hin, so ist gerade dieses ms bas notwendig sich Ergebende, zr, erwarten. Wer sich ohne Auf- Snmfcit -auL selbst gehen läßt, und von den .Umständen sich geiwiten, wie sie wollen, der gewöhnt sich bald an jede mögliche Dinge. So sehr auch sein Auge durch etwas belei- mg werden mochte, als er es das erstemal erblickte, laßt es nur auf dieselbe Weise wiederkehren, so gewöhnt er sich daran unö findet es späterhin natürlich und als ebenso sein müssend, ge- F’™11 Suletzt gar lieb, und es würde ihm mit der Herstellung vW ersten bessern Zustandes wenig gedient sein, weil dieser ihn ™ r,nun einmal gewohnten Weise zu sein herausrisse. Auf '. eise gewöhnt man sich sogar an Sklaverei, wenn nur »a. smichche Fortdauer dabei ungekränkt bleibt, und gewinnt sie mn der Zeit lieb; und dies ist eben das Gefährlichste an der Unterworfenheit, daß sie für alle wahre Ehre abstumpft und so- vann ihre sehr erfreuliche Seite hat für den Trägen, indem sie ihn mCtT os ®Dr9e und manches Selbst denkens überhebt.
Aiifi' v n ans auf der Hut sein gegen diese Ueberraschung der « « °eS Dienens, denn diese raubt sogar unsern Nachkommen
•, cw^siauug künftiger Befreiung. Wird unser äußeres Wirken Fesseln geschlagen, laßt uns desto kühner unfern zam Gedanken der Freiheit, zum Leben in diesem •?’ 8Um Wünschen und Begehren nur dieses einigen. Laßt auf einige Zeit verschwinden aus der sichtbaren Welt;
8 oen wir ihr eine Zuflucht im innersten unsrer Gedanken, so lange,
vss um uns herum die neue Welt emporwachfe, die da Kraft habe diese Gedanken auch äußerlich daiIustellen. Machen wir uns mit demjenigen, was ohne Zweifel unfern Ermessen frei bleiben mutz mit unserm Gemüte zum Vorbilde, zur Weissagung, zum Bürgen desiemgen, was nach uns Wirklichkeit werden wird. Lassen wir nur nicht mit unserm Körper zugleich auch unfern Geist nieder-
U1t£> unkrtI>D^eT’ and in die Gefangenschaft gebracht
Fragt man mich, wie dies zu erreichen sei, so ist daraus di« einzige, alles in ftch fassende Antwort diese: Wir müssen eben zur Stelle werden, was wir ohndies sein sollten, Deutsche. Wir sollen unsern Geist nicht unterwerfen: so müssen wir eben vor allen Dingen einen Geist uns.anschaffen, und einen festen und gewissen D^st; wir müssen, ernst werden in allen Dingen, und nicht fort- fahren bloß leichtsinnigerweise und nur zum Scherze dazusein; wir muffen uns haltbare und unerschütterliche Grundsätze bilden die allem imferm übrigen Denken und unserm Handeln zur festen Richtschnur dienen, Leben und Denken mutz bei uns aus einem Stücke sein, und ein sich durchdringendes und gediegenes Ganzes; wir müssen in beiden der Natur und der Wahrheit gemäß werden und die fremden Kunststücke von uns werfen; wir müssen, um es mit einem Worte zu sagen, uns Charakter anschaffen; denn Charakter &a&en und deutsch fein, ist ohne Zweifel gleichbedeutend, und die Sache hat in unsrer Sprache keinen besonüern Namen,' weil sie eben ohne alles unser Wissen rind Besinnung aus unserm Sein unmittelbar hervorgehen soll.
Die Geschichten der alten Haushälterin.
Don SelmaLagerlö f.*)
Großmutter.
®tn Hahr nach der grotzen Reise nach Strvmstadt erlebten di« kleinen Kinder auf Marbacka einen grotzen Kummer.
Hhre Grotzmutter starb. Bis dahin hatte sie Tag für Tag auf dem Ecksofa im Kinderzimmer gesessen und ihnen Vvrgesungen oder Geschichten erzählt.
Die Keinen Kinder Wichten es nicht anders, als datz sie von morgens bis abends mit ihnen fang und ihnen erzählte, und datz sie bei ihr satzen und zuhörten. Das war wunderschön gewesen. Kein anderes Kind hatte es so gut gehabt wie sie.
Woher Grotzmutter alle die Geschichten und Lieder hatte, das wußten sie nicht, aber Grotzmutter glaubte selber jedes Wort, waÄ sie erzählte. Wenn sie etwas gar zu Merkwürdiges berichtete, pflegte sie den Kindern tief in die Augen zu schauen und in ihrem überzeugendsten Tone zu sagen: „Alles dieses ist so wahr, wie ich euch sehe und wie ihr mich seht."
Eines Morgens, als sie zum .Frühstück heruntergekommen waren, durften sie nicht in Grotzmutters Zimmer gehen und ihr guten Morgen sahen, wie sie sonst zu tim pflegten, denn Grotzmutter war krank. Dann war das Ecksofa im Schlafzimmer tagelang leer geblieben, und die Kinder wuhten nicht, wie sie die langen Stunden herumbringen sollten.
Nach einigen weiteren Tagen sagte man den Kindern, di«
*) Wir entnehmen den im Verlag Alb. Langen in München unter dem Titel Marbacka erschienenen Lebenserinnerungen Der groben nordischen Dichterin einen gröberen Abschnitt, der in di« den Menschen unserer gehetzten Gegenwart so fremd, gewiß aber auch bald wieder anheimelnd anmutenden Welt etnführt, der die Dichterin die Gestalten ihrer großen Werke entnommen hat.


