Samstag, 13. Iümmr
1923 — Nr. L
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Neue Erinnerungen aus dem Brahms-Kreise.
Die Musikfreunde waren in der zweiten Hälfte de» dergaiv- öMen Jahrhunderts in zwei Lager geteilt, von denen das eine zu Wagner, das andere zu Brahms stand. Diese Kreis« scheiden sich auch sehr deutlich in der Geschichte der Musik, und der Stamm r^er Brahmsfreunde, der sich um Joses Joachim, Klara Schumann, me Herzogenbergs u. a. bildete, tritt uns aus den veröffentlichtem Briefwechseln anschaulich entgegen. Win« der getreuesten dieses Brahms-Kreises war Hedwig von Holstein, die feinsinnige tatkräftige Gattin des Komponisten und Dichter» Franz von Holstein, und so find denn ihre Briefe und Tagebuchblätter, di« ^^ter dem Titel „Eine Glückliche" soeben bei H. Haessel in Leipzig erscheinen, ein wichtiger Beitrag zur Musikgeschichte ihrer Zert.
. ^ent So&e ihres Mannes hat sie, die von Jugend auf in den MusiKreisen lebte und webte, das „Holsteinstift" gegründet, einHaus, in dein sieben junge Musiker, scherzweise „die sieben •2tapen genannt, Freiplähe erhielten und ausgebildet wurden Hedwig von Holstein, die kinderlose, die lange in der- Pflege ihres Mannes aufgegangen war, erhielt nun neue Pflichten und'hat c2 Pflegesöhne mit der Liebe einer wirklichen Mutter überwacht. Die „Raben" des Holsteinstiftes haben denn auch im Musikleben der Gegenwart bebrütende Stellungen errungen. Hedwig Salomon — wie ihr Mädchenname lautete — verbrachte ihre Jugend in lener Zeit, da FelixMendelssohndas Musi.lerer Leipzigs und ganz Deutschlands beherrschte. Mendelssohn war der König lund Herr des Kreises, in dem sie aufwuchs, und sie sagt von ihm rn spateren Erinnerungen: „Mendelssohns edle Natur, seine Männlichkeit und wahre Boblesse liest kein ilebermast zu, und keinem seiner Anhänger ist es eingefallen, Gvtzendienerei treiben zu wollen, wie es mit Liszt und Wagner so widerw ir.i j geschehen ist. Wer sich Mendelssohn vergegenwärtigt, die'en feinsten. Geist in einem transparenten Körper, eine Luft ausatmend, die alles Gemeine vernichtete, noch ehe es in seine Nähe kam, der weist, dast man ihm nicht den Hof machen bui-fie“ Die erschütternde Tragik seines frühen Todes hat sie aus nächster Bähe miterlebt. Sie war damals von einer tiefen Neigung zu einem jungen Musiker ergriffen, Der spater berühmt geworden ist, zu dem Dänen Niels Gäbe. Gade, der durch eine Sinfonie die Aufmerksamkeit des Leipziger Publikums erregt hatte, erschien dann selbst und berührte sonderbar durch seine auffallende Aehnl.ch'eit mit Mozarts Büste. Als er nun selbst dirigierte, hatte er einen glänzenden Erfolg. „Ich erinnere mich durchaus nicht," schreibt Hedwig, „jemals eine so rege Teilnahme des grohen Publikums bei einem so ernsten 'Werk, wie seine Sinfonie ist, bemerkt zu haben. Nie hat eine Mendelssohnsche Musik solchen Erfolg gehabt, und doch freute der sich wie ein Kind und streichelte seinem jungen Liebling die Wangen, als sich das Publikum zerstreut hatte und der Gefeierte auf dem Orchester beglückwünscht wurde."
1853 lernte sie den jungen Brahms kennen und schreibt darüber in einem Brief: „Er sah mir nun gegenüber, dieser junge Held des Tages, dieser von Schumann verheißene Messias,- blond, anscheinend zart und hat doch im 20. Jahr schon durchgearbeitete Zuge, obwohl rein von aller Leidenschaft. Neinheit, älnschuld, Natur, Kraft und Tiefe — das bezeichnet sein Wesen ... Er setzte sich mir an ein kleines Pseilertischchen und sprach so munter und unaufhörlich, dast seine Freunde am andern Tisch sich gar nicht ge« Jing verwundern konnten, da er im allgemeinen äußerst still und träumerisch sei. Wir hatten auch viele Anknüpfungspunkte: Joa
chim, Wehner» und unsere beiderseitigen Lieblingsdichter Jean Paul und Eichendorff und die {einigen Hoffmann und Schiller. Gr war ganz entrüstet, dast ich noch nicht „Die Räuber" geles«, und brach endlich los: „Dast es doch kein einziges kräftiges grauen* zimmer gibt, die so etwas vertragen kann." Er empfahl sie mir toif die Seele, auch „Kabale und Liebe" müsse ich lesen, sowie di« Serapionsbrüder, vor allem aber die Hoffmannschen musikalische« Novellen, von denen er mit wahrer Begeisterung sprach „Ich lege all mein Geld in Büchern an; Bücher sind meine höchste Lus^ ich habe von Kindesbeinen an so viel gelesen, wie ich nur konnte, und bin ohne alle Anleitung aus dem Schlechtesten zum Besten durchgedrungen, älnzählige Ritteronuine hab' ich als Kind verschlungen, bis nur die „Länder" in die Hände fielen, von denen ich nicht wußte, daß ein großer Dichter sie geschrieben. Ich verlangte aber mehr von demselben Schiller und kam so aufwärts»" Bei einem Besuch bei Klara Schumann in Düsseldorf traf sie ih« dann wieder; „Johannes Brahms sah vor Schumanns Klavier und hatte seine L-Dur-Sonate gespielt. Gr fei der armen Frau bester Trost, sagte man; sie könne nicht mehr selber spielen, aber Brahms sei all« Zeit bereit, ihr etwas vorzuspielen, was ihr viel besser gefalle."
Johann Martin Niederes — ein vergessener deutscher Meister.
Die lang« gering geschätzte Kunst der Romantiker und Nazarener aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird heut«, wo der Stil der Malerei verwandten Zielen zusirebt, in ihrer Bedeutung besser gewürdigt, und so wendet man di« Aufmerkfanv- keit Meistern zu, die noch vor kurzem vollkommen vergessen waren. Gin Buch, das in liebevoller Versenkung und aus persönlichem Erleben von diesem Künstlerkreis spricht, ist das soeben bei Georg Stille in Berlin erschienene 'Werk des Präsidenten des Reichsversicherungsamtes Dr. Paul Kaufmann „Auf den Pfaden na» zarenischen und romantischer Kunst". K., der sich schon in seinem Erinnerungsbuch „Aus rheinischen Tagen" als ein feiner Darsteller bewährt hat, erzählt hier di« Geschichte seiner reichen Sammlung von Bildern und Zeichnungen der Düsseldorfer und Deutschrömer, zu denen er schon von seinem kunstsinnigen Eltern hau» her persönlich« Beziehungen unterhielt. Viel .Unbekanntes und Unbeachtetes ist uns durch die Tätigkeit dieses Sammlers erhalten geworden; seine wichtigste Tat für die Kunstgeschichte war wohl sein nachdrücklicher Hinweis auf den vollständig ver-gessenen, jungverstorbenen Maler Johann Martin Niedere«.
„Ich betrachte es als besonderes Glück," so schreibt er, „daß ich diesem rheinischen Landsmann zu verdientem Nachruhm verhelfen durfte. 3n meinen Kinderjahren hatte ich bei einer Verwandten eine Federzeichnung des im Kysfhäu.er schlafenden Kaders Rotbart von Niedere« gesehen und von des Künstlers frühem, tragischem Ende gehört. Als mir viele Jahre später Legationsrat von Kehler und Generaldirektor Schöne in Berlin sowie Prof. Ernst AuS'n Weerth in Bonn von ihren Erinnerungen an Peter Cornelius erzählten, tauchte der Name Niederes wieder auf. Es war mir wie eine Mahnung, den fast verwehten Spuren des Künstlers nachzugehen. Ein über Erwarten reicher Erfolg, wahre En t deckerf reu den haben meine Mühe gelohnt. Was Niederes geschaffen, kam zum größten Teil wieder an den Tag." Der Künstwr, der in L i n z a Rh. 1830 das Licht der Welt erblickte, wuchs to engen kleinbürgerlichen Verhältnissen auf und konnte erst nach schweren Kämpfen seit 1848 die Düsseldorfer Akademie besuchen.


