Samstag, 4. März
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1922 — Nr. 9
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Aus neuen Erinnerungen an Kaiser Friedrich.
Die tragische Persönlichkeit Kaiser Friedrichs tritt in er» greifender Weise aus den Erinnerungen hervor, die aus dem Nachlaß seines langjährigen Bitlivthekars und literarischen Beraters, des Kunsthistorikers Robert Dohme, von Max Springer in der „Deutsche Revue" veröffentlicht werden. Lieber sein Verhältnis >zu Bismarck schreibt dieser intime Beobachter: »Das Verhältnis des Kronprinzen zu Bismarck toar kein gutes. Der feinfühlige Prinz wurde durch die rücksichtslose Zielstrebigkeit des Ministers, der zivilisierte Mann durch dessen Mangel an Verständnis für internationale Kultur zurückgeflosten. Es waren zwei Naturen, die sich abstosten muhten. Der Prinz liest gelegentlich seinem Groll gegen den Fürsten die Zügel schiesten, sein Gerechtigkeitssinn aber verkannte auch dann nicht die Bedeutung des Mannes in historischer Beziehung: „es sei leider für ihn unmöglich ein innerliches Verhältnis zum Fürsten zu gewinnen: seit 1871 seien sie sich gegenseitig darüber klar". Er beklagte den Mangel an Aufrichtigkeit im Fürsten, dem unter dem Anstrich größter Ehrlichkeit die brutalste Lüge und infolgedessen jede Llnzuverlässigkeit im intimen persönlichen Verkehr zuzutrauen sei. Stets sei des Fürsten Betragen gegen ihn unaufrichtig gewesen." Ein unüberbrückbarer Gegensatz wurde im Attentatsjahr von 1878 geschaffen, als der Kronprinz annahm, während der schweren Krankheit seines Vaters die „Regentschaft" zu führen. Statt dessen aber überbrachte ihm Bismarck im Namen des Königs die Mitteilung, daß er nur eine „Stellvertretung" erhalten werde, bei der der verantwortliche Minister die ausschlaggebende Persönlichkeit war. Friedrich verlangte, der Fürst solle die Regentschaft für ihn beim Kaiser durchsetzen. „Der Fürst weigerte sich, es gab eine sehr lebhafte Auseinandersetzung, im Verlauf deren er plötzlich seinen Helm ergriff und das Zimmer verlassen wollte. Schon, hatte er den Türgriff in der Hand, als ich ihm zurief: „Halt, ich 'verlange, daß Sie hier bleiben, mir Rede und Antwort stehen. Wenn nicht mehr, bin ich jetzt der Stellvertreter meines Vaters und verlange von Ihnen als. dem Ministerpräsidenten Rechenschaft über den Stand der Dinge im Staatsleben." Ich sah ihm an, wie schwer es ihm wurde, stehen zu bleiben, die Wut trieb ihm Tränen in die Augen; ich tat, als sähe ich dies nicht, und lieh ihn über eine Stunde sprechen,. auf seine Darlegungen mit Aufmerksamkeit eingehend und ohne jedes Zeichen von Verdruß sachlich diskutierend: er hat mir das nie vergeben." So erzählte der Kronprinz selbst Dohnie diese Szene. Ein andermal sagte er: wenn jemand die Ge
schichte eines Prinzen schreiben wollte, wie ich sie durchlebt, es wäre ein trauriges Buch, und den Leuten würde die Sehn- sucht, Prinz zu sein, darüber wahrlich 'vergehen. Aber es müßte eben ein Prinz selbst schreiben."
Der Kronprinz litt schwer unter dem Argwohn des Kaisers, der ihn von jeder selbständigen Tätigkeit bei der Regierung fernhielt; nicht minder schwer aber drückte auf ihn der Gegensatz zu seinem Sohn, über den Dohme den folgenden bezeichnenden Zug berichtet: Für seine kommende Regierungszeit dachte er lebhaft an einen Ausbau des Berliner Schlosses und ließ, verschiedene Pläne aufstellen, die er mit großem Anteil besichtigte. Als aber dann die Ausführungsmöglichkeiten näher besprochen wurden, da rief er seiner Gemahlin zu: „Wie wunderschön wäre das gewesen — vor 10 Jahren. Heute ist es zu
spätl" „Aber nein, Fritz," entgegnete sie, „es ist nicht zu spät. Wir beginnen es und freuen uns dessen; und was tut es, wenn Wilhelm es erst beendet!" „Wilhelm?" rief er schmerzlich aus, „liebes Kind, vergib nicht, daß nach uns alle diese Interessen erlöschen. Nach uns werden nur noch Kasernen und Dethäuser gebaut; die Kunst, wie wir sie 'verstehen, ist dann tot!" Bon der Erkrankung des Kronprinzen an Masern schreibt Dohme eine deutliche Abnahme seiner Lebensfrische her. Der Prinz erklärte nun öfters, daß er früh sterben werde, daß er das „beste Teil seiner Kraft" schwinden fühle. . Der Gedanke an die Zukunft seiner so hochverehrten Gemahlin, an die Mißverständnisse mit seinem ältesten Sohn, von dem er wenig ihm sympathische Anschauungen erwartete, bedrückten rhn: „Komme ich noch zur Regierung, so bin ich ein alter abgebrauchter Mann, ohne die. Frische und Kraft, welche der Thron verlangt." Lieber das Wachsen der Krankheit erzählt Dohme, der im Winter 1886/87 den Kronprinzen fast regelmäßig wöchentlich zweimal sah, folgendes: „Schon im Herbst 1886 wurde er heiser. ES hatte diese leichte Heiserkeit aber wenig Auffälliges, da seine Stimme, so lange ich ihn kenne, keine recht sonore war. Die Heiserkeit aber wuchs im Laufe der Wintermonate; war sie wirklich einmal verschwunden, so kam schnell ein Rezidiv und bei einiger Inanspruchnahme versagte das Organ auffällig, schon im Dezember und Januar (1887). Zugleich war seit Monaten, eigentlich von den Masern an, ein Schlaffwerden seines ganzen Organismus zu beobachten .... Wir sprachen oft im Lauf des Winters über die Heiserkeit des Prinzen — der Prinz und ich. Daß Ernstes daraus werden könnte, muhte sich ein Mensch, der medizinisch Leuten kann, viel früher sagen, als die Leibärzte und Gr. Gerhardt es wenigstens offen taten. Bei 'der Eröffnung des neuerbauten Völkermuseums vertrat der Kronprinz seinen Vater. Es war, glaube ich, am.11. Februar. Wie war er da schon so müde wie schwer wurde ihni das Ablesen der Rede: inan fühlte wer ihn genau kannte, den Zwang, den die Feier auf ihn ausübte.
Der Einzige.
Von Richard Voß.
1.
Im Mittelländischen Meere, nahe bei den wonnigen Gestaden Campaniens, liegt ein Felseneiland, kaum größer als eine Klippe. Es besitzt eine einzige Bucht, in welcher Barken landen können, und auch das nur bei ruhiger oder mäßig bewegter See. Der kleine Hafen liegt nach Süden, offen, ist 'also gegen den Nordwind durch mächtige Felsenmauern. geschützt. Weht ein heißer Süd, so schlagen die empörten Wogen hoch über den Strand hinauf und die Riffe empor. Zu solchen Zeiten kann keine Seele die Insel verlassen,' kann keine/Seele/hingelangen, und es können solche Zeiten durch Wochen dauern. Dann gleicht das Eiland einen: Aufenthalt von Gott und Menschen Verlassener.
Es hat nur wenige Bewohner, die in aufgemauerten Höhlen hausen. Diese „Häuser" haben der" wütenden Stürme wegen flache Dächer, auf Denen die Leute die glühend heißen Sommernächte verbringen. Mann, Frau, Kind. Es gibt auf der Insel keine Quelle, und das Wasser 'wird jn Zisternen gesammelt, die antiken LlrsprungS: sind. Denn in alten Zssiten diente die Klippe Bem gewaltigen Rom als Derbannüngsort. Alles, was von jenen Geschlechtern übrig geblieben, sind die mächtigen Wasserbehälter


