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den Handel -«geschnitten. Riesige Kirchenbauten ragen tiom Ufer des Gaveflusses gegen Himmel und Tausende von Pilgern umlagern zur Zeit der Nationalpilgersahrt die Grotte und die.Stätte der Sakramentsprozessionen.
Arber die Ursache, die Lourdes zum Zielpunkt dieser Völkerwanderung gemacht hat, erzählt man, daß dort im Fahre 1858 einem 14jährigen Mädchen 18 Mal die Jungfrau Maria in einer Grotte erschienen sein soll. Diese Erscheinungen wurden 11862 von dem Bischof von Tarbes (Städtchen bei Lourdes) und seit 1874 in wiederholten Gnadenverweisungen vom Papste anerkannt, 1891 wurde für den 11. Februar, dein Tag der.ersten Erscheinung, .ein eigenes Offizium und eine Messe unserer lieben Frau von (Lourdes bewilligt. Lourdes hat damit seine Stelle tu der Liturgie der römischen Kirche gefunden.
Seit 1892 nun hat ein französischer Arzt, .Dr. nred. ^Loissaric, die Leitung des in Lourdes zwecks fachmännischer Konstatierung der Heilnngsvorgänge errichteten ärztlichen Konstatierungsbureaus übernommen. In ausführlichen, reichillustrierten Werken sind die Beobachtungen dieses ärztlichen Leiters von Lourdes festgelegt. Ausdrücklich sind dabei die wissenschaftlichen Einwände gegen das Wunder berücksichtigt und besonders alles, was an suggestiven Einflüssen in Betracht gezogen werden könnte, bei beit Wunder- konstatierungcn ausgescha'ltet. Zahllos sind die angeführten Krankenberichte, ein ärztliches Protokoll reiht sich an das andere, die Sprache ist außerordentlich überzeugend, und fast unmöglich ist cs dem Laien, die Lücken zu finden, um diesem engmaschigen Reh der Wundcrberichte zu entrinnen.
Im August vorigen Jahres versuchte ich es, in einem mehrwöchigen Aufenthalt in Lourdes selbst, mir ein Bild über die dortigen .Vorgänge zu schaffen. Die Reise ging über Paris', Bordeaux, Biarrih und Lourdes. Die erste Woche beobachteten wir — meine Frau und ich — vollkommen inkognito die Verhältnisse. Ein Gesinnungsgenosse und vorzüglicher Kenner der Verhältnisse, Professor der Philosophie A. Chide vom Lyceum in Eap, hatte in sehr dankenswerter Weise alles vorbereitet und für Unterkunft und Gelegenheit zu geeigneter Beobachtung gesorgt. Gerade waren die deutschen Pilgerzüge angekommcn, 700 deutsche Wallfahrer ans Straßburg, 100 aus der Pfalz. Tag für Tag sahen wir unsere Landsleute vor der Grotte knien, wir hörten die Gebete der deutschen Priester vor den Piscinen, wo die Kranken badeten und nachmittags fanden die Anrufungen bei der Sakranientsprozcssion in deutscher Sprache statt.
Unsere Aufmerksamkeit war begreiflicherweise in höchstem Grade auf das Erleben eines Wunders gerichtet. Wir brauchten nicht lange zu warten. Bereits in dcm ersten Tagen brachte die Abendausgabe der Lourder Tagespresse die Schilderung von der Heilung einer Deutschen. Ich legte anderen Tags den Bericht einem der Krankenträger vor. Auf meine Bitte nm Auskunft erhielt ich die ernüchternde Antwort: „Das' müssen Sie nicht glauben, wenn das wahr wäre, müßten wir es wissen." Tatsächlich stellte sich bei allen weiteren Nachforschungen heraus', daß die Tagespresse in Lourdes, in einer ganz unverantwortlichen Weise unter genauer .Angabe der Personalien, der Krankheit und der Heilungsvorgänge von Wundern erzählt, ohne daß auch nur das geringste an diesen Berichten überhaupt wahr wäre. ,
Es war am Donnerstag, den 14. August, am Feste Maria Himmelfahrt, als wir zum erstenmal ein „Wunder" mit eigenen Augen erlebten. Ein Mann in den 30er Jahren, ein Teilnehmer des irländischen Pilgerzuges, war bisher Tag für Tag in einem Rollwägelchen zur Grotte und zur Sakramentsprozession gefahren. Er war am ganzen Körper gelähmt. Tie Sakramentsprozession war eben vorüber, als tosendes Beifallsklatschen der nach Tan- senden zählenden Menschenmassen über den Riesenplah vor der Kirche dröhnte und die Meüge wild durcheinanderstürzte.. Inmitten des Knäuels sah ich unseren Irländer, wie er, gestützt aus zwei Französinnen, langsamen Schrittes über beit Platz ging. Ein halbes Dutzend der Krankenträger umringte den „Geheilten", um ihn vor den immer sich «erneuernden Ansturm der Kolksmassen zu schützen. Glückstrahlend schritt unser Irländer den Weg nach seinem Hotel zu. Es war ein Triumphzug, der an Enthusiasmus seiner Teilnehmer nicht zu überbieten war. Die zahllosen Pilger zogen mit vor das Hotel und stundenlang umlagerte gestikulierend Und diskutierend das erregte Volk den Hoteleingang, um immer aufs neue von den Angestellten das Unfaßliche des Ergebnisses sich erzählen zu lassen.
Die Menge hatte ihr Wunder. Die Presse hatte ihr Wunder. Und damit war mau zufrieden. Ich versuchte, mich weiter über den Verlaus dieses interessanten.Vorkommnisses zu erkundigen und fragte schließlich Tr. Boissarie selbst. Es stellte sich heraus, das; der Mann seit Jahren au einer schweren Nervenerkrankung litt, jedoch das Gehvermögrn keineswegs ganz erloschen gewesen war, die. enorme physische Erregung, die die Erlebnisse in 'Lourdes in dem Kranken erzeugt hatten, riefen momentan eine Steigerung der Willenskraft und dadurch der Leistungsfähigkeit hervor, die jedoch andern Tags dem alten Zustand wieder Platz machte. Begreiflicherweise blieb diese letzte Konstatierung der breiten Oeffent- lichkeit vorenthalten und das Erlebnis allein, das dem Unkundigen ein Wunder vortäuschte, blieb in der Erinnerung der Pilger bestehen.
Die zweite Woche Unseres Aufenthaltes sollte systematischen Beobachtungen int Konstatieruugsbureau dienen. Dr. Boissarie
empfing uns mit ausgesuchter Höflichkeit, er begrüßte mich wie einen alten Bekannten. Man gab mir das Abzeichen der Merzte, gestattete mir jede Untersuchung der Kranken und jeden Besuch der Spitäler.
Das Konstatieruugsbureau befaßt sich mit der Feststellung der Heilungsvorgänge. Einem Stab von Aerzten, der leider fast ständig wechselt, von dem einzelne Herren oft nur einige Stunden in Lourdes sind, fällt fast ausschließlich die Aufgabe der Konstatierungen zu. Diese durchreisenden Merzte entfernen die Ver- bände, machen die ersten Untersuchungen und zeichnen auch die offiziellen Berichte tut Journal de la Grotte. In diesem Wechsel und in dem Mangel einer ständig verantwortlichen einheitlichen' Leitung liegt für den wissenschaftlichen Beobachter ein gruudsätz- ltcher systematischer Fehler des KonstatierUitgsbüreaus'.
Aber von den zahlreichen Eindrücken, die ick; in diesem Bureau gehabt habe, das ständig von Leuten in Ekstase überfüllt oder umdrängt 'war, blieb als! wichtigster nur der, daß — der Glaube Berge zu versetzen vermag. Die suggestive Wirkung der ganzen Aufmachung in Lourdes ist unvergleichlich. Sie ist vielleicht auch auf organische sTrkranküugen bedeutsamer als der Arzt im allgemeinen annimmt. Wenn mau die beispiellose Hingabe, das grenzenlose Vertrauen der armen Kranken sieht, möchte man wünschen, daß diese suggestive Wirkung noch viel größer wäre. Aber wenn Man nun beurteilt, daß allein tuberkulöse Erkrankungen, die keiner suggestiven Heilwirkung zugänglich sind, ungefähr die Hälfte der in Lourdes' Heilung suchenden Krankheiten ausmachen, daß ferner für viele dieser Kranken eine ganz unabsehbare Schädigung durch die Reise, durch die Aufregung und den Mangel jede« ärztlichen Beratung Mit Sicherheit konstatiert werden kann, dann mUß der Arzt — darin stimme ich mit manchem katholischgläubigen Kollegen überein — vor solchen Lourdesreisen aufs nachdrücklichste warnen. Das Experiment ist als gesundheitsschädlich, als gefährlich zu bezeichnen. So ist denn auch Enttäuschung und Reue nur zu ost das Resultat der mit so viel Begeisterung angetretcnen Wallfahrt. ____________
ttaiser Wilhelm als Leser und Sriefschreiber.
Der Großherzoglich Mecklenburg-Strelitzsche Kammerherr Baron von Dewitz veröffentlicht in der amerikanischen Monatsschrift „Muusey's Magazine" ein anschauliches Bild des deutschen Kaisers, in dem 'er u. a. folgendes erzählt: Noch ehe der Kanzler und Minister des Morgens beit Kaiser ausgesucht haben, ist bieser bereits mit ber Lektüre der wichtigsten Zeitungen Deutsch- lands und des Auslandes fertig. Natürlich kann der Kaiser nicht alle Zcituugen selbst lesen. Damit ihm nun nichts Wichtiges entgehe, hat er seit Fahren einen ganzen Stab von (geübten Lesern in seinem Dienste, die in sieben Sprachen arbeiten und alle wesentlichen Neuigkeiten oder was sich sonst auf Dinge bezieht/ an beiten der Kaiser besonbcren Anteil nimmt, ausschneiden. Diese Zeitungsausschnitte werben ans große Papptaseln geklebt und! dann in ein Portefeuille ans Maroquin getan, das Has kaiserliche Wappen trägt. Schlag sieben Uhr legt ber Offizier, der ine Leitung dieses Dienstes in Händen hat, dieses Portefeuille vor/ aus dem der Kaiser seine Informationen bezieht.
Beim Lesen macht der Kaiser am Rande Anmerkungen mit Blaustift, indem er kritisiert ober seine Billigung ausdrückt.- Durch diese planmäßige Auswahl aus Zcituugen und Zcit- fchristcn hat der Kaiser cs dazu gebracht, daß er der best bcnackj- richtigtc und technisch unterrichtete Herrscher ist. Als Beispiel hierfür erwähnt Baron von Dewitz, daß bet der Einführung von Turbinen in die Kriegsflotte c3 der Kaiser war, nicht aber bie Minister, der bie technischen Grundlagen lieferte. Die Nachtlektüre, ber der Kaiser sich int Bette liegeitb widmet, unterscheidet sich von dem Schnellesen des Morgens. Sie tst beschaulicherer Natur, aber auch durchaus plaurnäßig angelegt. Ent großer Stapel Papier und ein .angebundener Blaustift liegen zur Hand. Das Licht piuß auf das fallen, was der Kaiser heft,- darf ihm aber nicht inS Gesicht scheinen. Zu dieser Nachtbibliothek hat niemand Zutritt. Sie soll gegenwärtig ein paar starke Bande umfassen. Wenn der Kaiser bei der Lektüre Bemerknngeii auf- schreibt, soll er sich einer eigentümlich aus Antiqua- und Frakturlettern gemischten Schrift bedienen, und dieses Gemisch soll sich sogar in einzelnen Wörtern finden. Dabei soll er eine große Vorliebe für Abkürzungen haben, und z. B ledes überflüssige e auslassen. Beispielsweise soll er „Infantin' statt ^nfanterte, ober anstelle von fliegender Adler „sligndr. Adr" schreiben. Für seine Briefe, soweit sie nicht persönlicher Korresponbenzj angehoreii/ verwendet der Kaiser bestes .Pergament, das natürlich mit den kaiserlichen und königlichen Siegeln versehen ist. Privatbriefe soll der Kaiser auf ziemlich einfachem Leiuenpapter mit rauher Oberfläche und bräunlichem Farbtone, ober auf ganz schwerent/ stcisem, iveißcin Elfenbeinpapier schreiben. Das ganze erstes Viertel des Blattes wird von Monogramm und Krone eingenommen, so daß nur drei Viertel ber Fläche zum Schreiben übrig bleiben. Da der Kaiser ziemlich große Buchstaben schreibt, müssen die Blatter sehr groß fein, und da es ettikettenwidrig wäre, einen kaiscr- lichen Brief zu falten, müssen die Briefumschläge ungewöhnlich groß sein. Sie werden übrigens nicht zU'gPklcbt, sondern durch ein großes schwarzes Siegel verschlossen:


