827
Cäcilie, die junge, schwarzäugige Magd, verließ kopfschüttelnd den seinen Altan und ging nach dem Garten.
Die Herrin sah ihr nach, bis das weiße Kopftuch zwischen den Zwergzypvessen verschwunden war. Dann trat sie bis an die Brüstung des Altans und blickte! in die blauen Fluten des Sees.
Tas Glockenspiel von Maderno begann im selben Augenblick seine weichen Klänge durch die Abendstille zu fenben, und ganz, oben aus den Bergen, vielleicht vom Kirchlein St. Miguele, ertönte ebenfalls Feiertagsgeläute, aber schwach, wie die liebliche Stimme eines Kindes.
Signora Bianka Bardolino faltete die Hände zum Gebet Und flüsterte: „Heilige Mutter Maria, laß ihn das eine Mal noch heil zurückkommen — nur das eine Mal noch. Ich will ihn anflehen, morgen zum heiligen Leidensfreitag will ich ihn anslehen, nie wieder solch Schändliches zu tun. Beschütze ihn heute noch!"
Ta fam urplötzlich ein Zischen und Sausen durch die Luft wie machtvolles Flügelrauschen. Der See, der soeben noch im reinsten Blau erstrahlte, sichtete weiß auf, große Wasserschaum- flocken tänzelten auf den unruhigen Wellenkämmen, und ein feuchter, sickernder Nebel schob 'sich durch die Luft. Drüben sprühten die hohen, stolzen Zypressen von St. Bigtlio an ihren Gipfeln kleine Flammen aus. St. Elmsfeuer! Und einen Augenblick später raste >es in Sturmesbrausen durch die Luft.
„O mi Madonna! Der Burraska!" schrie Sigrrora Bianka auf. Jener furchtbare, heimtückische Sturm, der Schrecken des Gardasees, der die sonst so friedlichen Wellen zu Meereswogen peitscht, hatte sich wie ein gieriges Raubtier Wer den See gemacht. „O mi Madonna! O santa Maria! Wie wird es Bernardo ergehen und seinen Helfern?"
Sie trat in das Haus, schloß die Fensterläden bis auf einen, und an dieses Fenster setzte sie eine Lampe mit einem starken Reflektor, und der lange, spitze Lichtkegel stach grell in die sturmessinstere Nacht.
Eäcilia kam still herein, kauerte sich zitternd an das Marieir- bild und schien zu beten, aber ihre Äugen huschten angstvoll von der Herrin zu der grellen Lampe, die da einem Signal gleich in die Nacht schimmerte.
Tas heulte und stöhnte und peitschte draußen im Garten, und der See riß grimmig an den Quadern der Gartenmauern, und die langen, spitzen Wellen züngelten lüstern nach dem Altan.
„Signora?! Signora, wo bleibt nur der Herr heute? 'Wo mag er nur sein?! Er ging mit tert Gewehr nach Mittag fort. Ich habe solche Angst um den Herrn."
Ta trat Bianka vom Fenster zurück und fragte dumpf: „Kennst Tu den Weg durch die Toskolanerschlucht auf den Pizzocolo?"
Eäcilia sprang auf: „Nach dem Schmug'glerbe'rg?!"
„Kennst Tu ihn?"
„Hundertmal bin ich ihn gegangen. Doch was soll das . ."
„So mach' Dich fertig und komm'. Der Signor steht dort droben und ..."
„Ter Signor?! Der Signor?! Heute vor dem Karfreitag der Signor am Schmugglerberg! Mein Gott, mir ist so wirr! Was macht unser Herr da droben?"
Ta trat Bianka dicht zu Eäcilia und stieß hervor: „Was man nachts droben am Pizzocolo macht!"
Eäcilia schrie auf: „Er ist ein Schmugglet! Mein Herr ein Schmuggler!" Und die treue Magd schlug die Hände vor das Antlitz und weinte. Dann aber faßte sie sich und sprang auf: „Und was soll ich, was wollen wir droben am Pizzocolo?" „Wir müssen ihm Kunde bringen, daß der See rast, daß er nicht jenseits durch die Schürfe zum Ufer herunter kann und dann Wer den See ins Haus. Sie merken nichts in den Bergen vom Burraska und müssen gewarnt wenden."
„Ja, Herrin, ja, das wollen wir tun." Und sie rannte fort, aber unter der Tür blieb sie stehen und schauderte zusammen. „Es geht nicht, Signora, 63' geht nicht."
„Es geht nicht? Warum nicht?"
„Weil wir — weil ich und Sie — weil wir sonst des gleichen Verbrechens uns schuldig machen, und weil — weil. . ."
„So sprich doch! Du marterst mich."
Eäcilia schlug die Augen nieder und griff mit der Hand nach dem SchürzensauM, und errötend sagte sie: „Weil mein — weil mein — Liebster ein — Finanzer (Grenzwächter) ist."
Ta brach die Signora zusammen: „Mein Gott, was habe ich da getan?! Eäcilia, ich beschwöre dich, ich flehe dich an, schweige, verrate uns nicht! Ach, Eäcilia, glaube nicht, was ich dir sagte. Es ist alles erlogen. All die Uhren und all der Schmuck, die der Signor in Gardone und Fasone und Maderno verkaufen läßt, ist nicht über die Grenze gepascht, ist alles ehrlich und rechtlich verzollt — ja, ja, ich habe im Wähne gesprochen und . .
Tas arme Weib stürzte vor der Magd in die Knie und packte ihre Hände und bettelte und log und widersprach sich hundertmal in wahnsinniger Angst um ihren Mann.
Aber Eäcilia hob die Herrin auf und streichelte sie und beruhigte sie und schwur, nie — nie jemals ein Wort davon
zu verraten. Und sie wollte gern und gleich mit der Herrin nach der Schlucht gehen bis hinauf nach dem Pizzocolo.
Es waren drei Stunden Wegs, und jetzt in der Nacht und und bei dem Sturme konnte man vier rechnen.
Sie ging in ihre Kammer, um ein dickeres Kopftuch und den Bergstock zu holen. Beim schwachen Lichtschein fiel ihr Blick auf eine schlecht ausgeführte Photographie, die auf dem Spinde lang. Ein schmucker, junger Bursch' in Zollwächtersuniform, mit fröhlichen, ehrlichen Äugen und kleinem, eitlem Schnurrbärtchen blickte ihr entgegen.
Sie starrte aus das Bild und griff dann mechanisch nach dem Briefe, der daneben lag. Sie überlas flüchtig die Zeilen und schien nach einer Stelle zu suchen. Da, halblaut las sie: „Freilich, o dolce Eäcilia, mit dem Heiraten kann es noch Jahre dauern. Du weißt, mein Sold ist so klein und langt nicht für zweie oder mehr. Es sei denn, daß das Glück uns hold ist und ich einmal einen Kapitalfang mache — vielleicht einmal ein paar schwere Schmuggler wegnehme —, bann werde ich avancieren und kann Dich dann als Mein Weib in meine Hütte führen."
Ein Gedanke schoß ihr durch den Kopf, ein wahnsinniger Gedanke, der sie erschauern machte und sie doch auch wieder mit dämonischer Gewalt anzog. Sie mußte ihn denken, so sehr ich auch ihr treues, ehrliches Herz sträubte. Und immer las ie dabei mechanisch die Worte: Wenn ich einmal ein paar chwere Schmuggler wegnehme.
Kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn. Sie dachte an die Signorina und an den Signor, der imniör so gütig zu ihr gv- wesen war. Erst gestern hatte er ihr eine Hand voll Soldi! geschenkt, und Heute hatte er ihr für morgen zum Karfreitag Urlaub gegeben, damit sie mit ihrem Seppo ausgehen konnte. Tie Lustfahrt nach Jsola di Garda wollten sie mitmachen. Uni» sie dachte an Emanuelo, den kleinen Liebling, den einzigen Sprossen ihrer Herrschaft. Ster würde dann vaterlos sein, wenn der Herr lange Jahre im Kerker schmachten müßte.
Nein, es ging nicht, es wäre gemein,. es wäre ein Verrat. Sie zuckte zusammen, denn die Judasgeschichte kam ihr in den Sinn. An diesem Tage, am Donnerstag vor Ostern, hatte bet nicht Judas seinen Herrn verraten?! Sie wäre dann so gemein wie Judas. Und nun packte sie eine entsetzliche Angst vor sich selbst. Sie nahm den Brief und hielt ihn mit zitternder Hand über die Flamme, daß er in flüchtiger Äsche herabbröselte. Sie nahm ihres Liebsten Bild und versenkte es tief im Spind unter der Wäsche, damit sie die lockenden Augen nicht mehr sähe, die da sagten: „Tu' es doch, dann ist unser Glück gemacht! Es ist kein Verrat, Betrüger und Verbrecher ans Gesetz zu liefern." Äber ein unsichtbarer Mund schrie ihr ins Ohr: „Judas ! Judas! Verräter!" Da schrie sie auf und hielt sich die Ohren zu Und rannte zur Türe hinaus, und doch hörte sie mit grausiger Stimme die Worte: „Tu's doch! Tu's doch!"
Die Herren kam ihr entgegen, und sie. klammerte sich an ihr an und schrie: „Ich tu's nicht — nein, nein — haben Sie keine Angst, Signora — ich Bin kein Judas."
Und die Signora sah sie an, las in ihren Augen ihre Seele, erkannte ihre Gedanken und schrie auf und stieß sie fort: „So gehe doch hin zu deinem Liebsten, gehe doch und führe ihn hinauf zum Pizzocolo — dann ist es aus, alles, alles, das Glück und' die Qual!"
Aber Cacilia hielt der Herrin den Mund zu und zog sie fort aus dem Hause. Sie rannten durch die engen Gassen von Tos- kolano. Alles menschenleer und öde. Grauenhaft höhl erklangen ihre Schritte auf dem Gestein. Ter Sturm tobte in wahnsinniger Wut, riß und zerrte an Dach und First und Stein und Schindel und peitschte den Regen in hohlen Böen durch die Gassen.
Äus der Wachtstube der Finanzer fiel ein matter Lichtschein auf den Platz. Eine hohe, schlanke Gestalt stand mit dem Rücken nach dem Fenster. Eäcilia erschrak so, daß sie einen Augenblick stehen blieb und die Hand aufs Herz legte. „Peppo!" ächzte sie. aber sie schritt der Herrin nach, an der Sagemühle vorbei und nun in die enge Schlucht. Ms käme man in das Land der Toten, so unheimlich ruhig, so grauenhaft still erschien es einem hier nach dem Tosen Und Lärmen draußen. Von den gewölbten Decken und Wänden der in das Kalkgeschiebe eingehanenen Tunnelstraße ging es: tropf, tropf, tropf — einförmig und mit einem' ganz, ganz schwachen Echo.
Und nun ging es weiter hinaus, an der letzten großen Fabrik vorbei, über den kleinen Steg mit der Quirltür und bann in die eigentliche enge Schlucht.
Steg um Steg, Brücks um Brücke haspelten sie weiter, an1 dem Geländer dahingeh'antelt und Griff um Griff vorwärts. Tie steilen, hohen Wände starrten sie an wie finstere Gefcmgnis- mauern, aus der Tiefe gischtete und brodelte und dröhnte die schäumende Wut des Wildbaches in unaufhaltsamer Gewalt und übergoß sie mit einem steten, feinen Sprühregen, der sie bis auf die Haut durchnäßte. Ab und zu blieben sie stehen, um zu verschnaufen, aber die Signora trieb zur Eile. „Komm', du Treue, daß wir nicht umsonst das Schaurige wagten. Um zehn Uhr wollten sie drobeü weggehen jenseits durch die Schürfe hinab in den See."
Und so hasteten sie weiter und weiter, immer höher die


