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sich verschlossen hätke. Mancherlei war hinzugekomm'en: Miß- verstehen, Freundesverrat und schnöde Ignoranz, mit einem Quent­chen billiger Bosheit versetzt, hatten ihn ins Dunkel gescheucht. So war er aus Berlin geflohen hatte die Schweiz durchirrt, sich in München vergeblich zu betäuben gesucht und war nun Ker- tn seiner Heimat, in der alten, vieltürmigen Stadt, . . . bent Wunsche seiner Eltern folgend, die nach so langer Abwesenheit ihn Wiedersehen wollten. Er führte ein zurückgezogenes Leben, er ging wenig aus, und seine Freunde wußten kaum, baß er hier weilte. Ihm war es im Grunde recht. Er wollte nicht gekannt, nicht beachtet sein, er wollte in der Stille versuchen, bei ernsthafter und gesammelter Arbeit von den hundert Ent­täuschungen zu genesen, hie gleich Leichen die Straße seines Rückzuges deckten.

Unter den wenigen Trümmern und KunstsHerben, die er in Berlin am Tage des großen Gerichts vor dem Feuertode gerettet- befand sich der Plan zu einem kleinen Orchesterwerk, dessen Gegen­stand der Bibel entnommen war. Ein blondes Mädchen, das er um ihres glitzernden Haares willen ein paar Wochen geliebt Mit jener zerstreuten Zärtlichkeit, die wir für eine schöne Rose empfinden, die einen SomMertag lang unser Knopfloch schmückt, dieses Mädchen hatte ihm von dem Thema gesprochen, und achtlos, halb aus Galanterie, hatte er es ausgenommen und etwas dar­über geschrieben. Dann hatte das Unkraut anderer Ideen, das jn diesen schlimmen Monaten in Fülle, aufschoß, diesen Plan überwuchert, jenes Mädchen war beiseite geworfen worden, wie ein abgenutzter Gegenstand; neue Gestalten hätten die dämmerigen Kreise seines Erlebens gekreuzt, und erst an jenem Tage, da er fluchtartig Berlin verlassen, war ihm die Partitur wieder unter die Augen gekommen, und mit fiebernden Pulsen hatte er seine Musik zu den Worten gelesen:Gehe aus Deinem Vaterlande und aus Deiner Freundschaft und aus Deines Vaters Hause in ein Land, das ich Dir zeigen will. Und ich will Dich segnen mnd will Dich zum großen Volke machen und sollst ein Segen sein. . ." Er war seltsam erschüttert gewesen und hatte dies Werk des Aufbewahrens für würdig erachtet. Seitdem verließen ihn die Worte nicht mehr; überall in der Fremde, ,am Ufer himmelschöner Seen und in Lokalen, angefüllt mit Zigarettenrauch, Weinduft und dem Klang zügelloser Worte, tönten sie ihm int Ohr, und sobald er nach Hause kam, machte er sich von neuem an hie Arbeit. Aber ach, die Bleigewichte der schmerzlichen Erinnerung, die er an den Füßen trug, hemmten den schnellen Fortgang. Carl riß das ganze Gebäude ein, das er in Berlin aufgeführt, und begann auf den alten Fundamenten neu zu bauen. Schwerfällig und schwunglos fügte er Stein an Stein; er fühlte, daß er mit halber Kraft arbeitete.Ach, ich bin flügellahm," klagte er manchmal bei sich, in verzagtem Tone. Und dann ging er an das kleine Harmonium, das noch ans seiner Schülerzeit hier stand, und löste ein paar Takte aus einer Bachschen Fuge, die sie so sehr geliebt; aber während er weiter spielte, überfiel ihn die allmächtige Erinnerung: an ihr blondes Haar, an ihr hoch­mütiges, reserviertes Lächeln, an die holde Verstecksprache ihrer Augen . . . und mit zitternden Händen schloß er den Deckel, griff nach dem Hut und ging hinaus, in den Sommerabend, über die Berge vor dem Tor, int Herzen die schmerzliche Gewißheit, daß sein Bruch mit Lisbeth nie verheilen würde. 1

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Der GesangvereinMelodia" feierte sein Stiftungssest, und da sein Vater ihm angehörte, wohnte auch Carl diesem Fest bei, das an einem lauen Augustabend draußen, auf der Wiese an Jaeschkental, eine bunte und fröhliche Menge zusammenhielt. Lam­pions, an gespannten Drähten schaukelnd, verbreiteten ein heim­liches Dämmerlicht, und während vor dem Cafe an .kleinen Tischen bei Bier und Wein die alten Herren mit ihren Damen saßen, ergab sich auf der Wiese das junge Volk den zauberhaften Takten der Walzermnsik. Hinter blühenden Büschen klangen die Weisen der Kapelle hervor, man hüpfte und schwang sich int Kreise. Wie ein Schwarm von Leuchtkäfern tummelten sich am Arme ihrer Tänzer die schönsten Mädchen der Stadt. Carl führte ein junges Ting mit dürrem Halse: er hatte nicht gewollt, hatte sich scherzhaft geweigert, aber sie hatte so niedlich gebettelt, daß er sich mit fortziehen ließ. Man tanzte jenen ausgelassenen Tanz, derFranyaise" benannt, und der anerkannte König aller Münchner Faschingsbälle ist. Herrisch pochten die Herzen und die Stirnen standen in Schweiß. Man nahm die Partnerin um die Hüsten, drehte sie in rasendem Kreise und, wenn die Gelegen­heit günstig war, erhäschte man einen flüchtigen Kuß dabei, . ,

Carl war nach diesem Tanze wie int Taumel. Er ließ sich abseits ins weiche Gras fallen, stützte die Ellenbogen auf und sah verlorenen Blickes auf das lärmende Treiben vor ihm. Eine Pause war eingetreten, die Musik verstummte, mau lief und rief durcheinander. Carl lag wie entrückt da; sein Hirn durchlärmte die Erinnerung an ähnliche Feste, die er ausgesucht, um zu , ver­gessen. Und langsam glitten seine Gedanken hinüber zu jener Schlittenpartie, auf der er die entscheidende Aussprache mit Lis­beth gehabt hatte. Sein Herz schlug langsamer, als er daran dachte, erfüllt von der gemessenen Ruhe des Zurückschauenden. Das war nun schon fünf Jahre he« . . . und doch nicht ver­wunden! Als er sich damals von ihr losgerissen, aus dein Orgel­chor, unter den verzweifelten Klängen der Tristanmstfik, da hatte

er sich eine Wunde geschlagen, die Nicht einmäl der mächtigste Arzd heilen konnte: die Zeit. Seitdem stand sein Leben unter einem! Unstern. . . Und sie? Er dachte au sie und wie es ihr wohl gehen mochte. Sie war in Paris, wußte er, sie hatte ein paar Violinkonzerte gegeben und ihr Name war sehr beachtet worden- Er hatte sie nie wiedergesehen, , . Ob er sie je Wiedersehen würde? i($r erschrak, erzitterte, krampfte die Finger ins Gras und blickte Ivie gebannt geradeaus. Da ging, zehn Schritte von ihm, ein Mädchen über die Wiese, das ihr glich wie das Spiegel­bild dem' Bilde. Hochaufgerichtet ging es, mit schnellen Schritten- und als es den Kopf nach ihm wandte, glaubte.er auf seinen Lippen ihr hochmütig-reserviertes Lächeln zu sehen. . ,

Lisbeth," stammelte er erschüttert; er starrte ihr nach, wie sie entschwand. War es Möglich? War sie hier? - - < Er sprang plötzlich auf und stürzte ihr nach. Tse Pause war zu Ende/ die Musik hob an, Gruppen bildeten sich, gerieten in Fluß. < < man tanzte Walzer. Carl, durch die sich schwingenden Paare hindurchschlüpsend, erreichte sie, sah ihr ins Gesicht, ergriff, auf- wallend, ihre Hand und zog sie in den Strudel hinein; sie ließ es geschehen. Nein, sie war es nicht, es war nicht Lisbeth. Lisbeth machte älter sein. Aber dies Mädchen ähnelte ihr auf eine er­staunliche Weise, wie die rechte Hand der linken; es hatte ihren blonden Scheitel, ihre stahlgranen Augen, ihre ein wenig stumpfe Nase, es hatte ihren männlich gestrafften "Körper und um den schmalen Mnnd ihr fremdes Lächeln. Carl war wie int Rausch; wie im Rausch verlor er sich! an die holde Täuschung, die so tröst­lich war ... Er sprach mit ihr, kurz, abgerissen, in der Heftig­keit des Tanzes, und ihre Stimme, die wie von ferne zu ihm drang, klang ihm wie Lisbeths liebe Stimme. Er preßte sie enger an sich, er fühlte den Rhythmus ihres Herzens in seist Blut Hinüberströmen, er hörte mit wilder Freude ihre leisen­seligen, aufgelösten Seufzer. Und plötzlich, wie auf Verabredung- brachen sie aus den Reihen der Tanzenden und liefen Hand ist Hand davon.

Oben int Wald, am Hange lagen sie, zu ihren Füßen bunte Lichter und verhallende Musik. Verschlungen lagen sie da, sahen sich lächelnd in die Augen und sagten nichts. Er spielte mit ihrer Hand und küßte sie und schloß die Augen, denn er glaubte- Lisbeths Hand zu liebkosen. Zitternd umschlang sie fester seinen Hals und zog seine Wange an die ihre.Ich habe dich ja schon immer lieb gehabt," flüsterte sie,schon so lange. . . Aber dst hast mich nie gewollt!" Er erschrak. Er erinnerte sich uicht- sie jemals zuvor gesehen zu haben.Ich hab dich lieb, sei ruhig ... ich hab dich lieb," tröstete er und suchte ihre Lippen. Der Wald' rauschte um sie her. Carl streichelte mit zwei Fingern die Stirn des Mädchens. i t . '

Wie heißt du?" fragte er. i i <

,Lisbeth." i

Er vergaß sich, er war wie im Fieber. Zwischen tollen Küssen stammelte er:Lisbeth. . Lisbeth. . . Lisbeth!" Melodien wogten in ihm; ein paar getragene Sätze, aus einer Fuge von Bach... die hatte sie so sehr geliebt! ... Er summte sie und -bann küßte er sie wieber auf Lippen, Stirn und Augen. ,

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Am' andern 'Tage wollten sie sich Wiedersehen, nachmittags- int selben Jaeschkentaler Walde. Carl erwartete die Stunde mit Zittern. Er arbeitete den ganzen Vormittag nichts; er strich planlos in der Wohnung umher; er holte aus einem verborgenen Winkel die wenigen Kleinigkeiten hervor, die ihn noch an Lisbeth erinnerten und von denen er sich all die Jahre nicht ztt trennen vermocht hatte: einen Handschuh, den er ihr heimlich eutwendet- eine Haarschleife, die sie ihm geschenkt hatte uitd auf der, kaum noch leserlich, das Datum des Tages und die Anfangsbuchstaben ihres Namens standen. Und nachdem er diese Reliquien lange betrachtet hatte, eines aus Lust und Wehmut gemischten Gefühles voll, machte er sich auf den Weg.

Auf der verabredeten Bank saß eine junge Dame, die er nicht kannte, und schon wollte er, um sich den Anschein eines Spazier­gängers zu geben, mit flüchtigen Blicken vorüberstreichen, da hörte er seinen Namen nennen. 'Erschreckt sah er auf: .Sie war es, und sogleich senkte sein Herz die Schwingen, .wie eist tödlich verwundeter Vogel. Nein das war nicht Lisbeth! Das war sie nicht! Tas Ivar ein gleichgültiges Mädchen, mit ödem, fremdeut Gesicht! ... Sie nahm seine Hände und bot ihm den Mund. i

Er bog den Kopf zurück.Entschuldigen Sie Entschuldige," sagte er,ich habe aber einem fürchterlichen Schnupfen und möchte dich nicht anstecken . . ," . Er wurde nicht einmal rot dabei- wie sonst so leicht. i

Daun gingen sie eine Stunde lang nebeneinander her, und während unbeseelte und höchst belanglose Worte pon seinen Lippen glitten, dachte er: Mein Gott, wie ist es bloß möglich?! Wie kann es sein, daß das helle Licht den Menschen so beränberil? Oder tote? Hat sie vielleicht niemals so ausgefehen wie Lies­beth? War ich es, der sie so sah, weil ich sie so sehen wolltd- weil Meine Gedanken so fest an Lisbeth hingen, weil ihr Bild Mich ganz erfüllte. . . ? 1

Er war sehr verbindlich ztt dem' jungen Mädchen, das auch Lisbeth hieß. Aber ein paar Tage später schrieb er, daß er leider plötzlich abreisen müsse. Er wußte nun noch sicherer, daß feist Bruch mit Lisbeth nie verheilen würde. Wirklich packte «x,tn