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Frau zu. „Der Herr, der sich mir bei der Beerdigung vorstellte . . . Senator Brügge. Ich werde ihn doch wohl annehmen müssen. Vielleicht, ich weiß nicht, vielleicht geht ihr so lange ins Schlafzimmer." Und dann sagte er laut: „Ich lasse bitten." Aber als der Kellner die Tür hinter stich geschlossen hatte, überkam ihn schon wieder etwas wie ein Anklammerungsgesühl: „Du bleibst doch besser hier, Eberhard . . . ich" meine, als Nettester . . ."
Es klopfte wieder. Gerade als die andern verfchwun- den waren. Der Major erhob sich. Er fühlte das Bedürfnis, dein Fremden gegenüber die Familie zu repräsentieren, straffte sich, knöpfte den Rock zu, zog ihn her-, unter und ging dem Eintretenden ein paar Schritte entgegen. Nicht ohne Würde. „Es ist sehr liebenswürdig, Herr Senator. Erlauben Sie: mein ältester Sohn. Wollen Sie nicht Platz nehmen."
Der kleine rundliche Herr war stark verlegen. Er schlug die Frackschöße auseinander, ehe er sich setzte, stellte umständlich den sehr hohen Zylinderhut neben sich auf den Teppich, konnte nicht recht das erste Wort finden, räusperte sich, griff an die schwarze Krawatte. —
„Wir haben es als besondere liebe Aufmerksamkeit empfunden, Herr Senator, daß die Heimatstadt des Verewigten ihm gleichsam eine letzte Ehre durch Ihre und« Ihrer Herren Kollegen Anwesenheit erwiest Tie Verlegenheit des andern gab Gudareza ein sicheres Gefühl. „Mein guter Oheim hat Neustadt stets ein treues Gedenken bewahrt." ;
„Hat er — hat er!" Senator Brügge suchte Haltung zu gewinnen, warf sich ein wenig in die Brust, und reckte den weißhaarigen Kopf. „Mir ist die Fühlung mit ihm nie ganz verloren gegangen. Wir sind nämlich in unserer Jugend befreundet gewesen, Herr Major. Reinhard war freilich ein paar Jährchen älter, aber die Häuser unserer Eltern stießen aneinander, und da ergibt stich das so von selber. Dann und wann haben wir uns guch immer geschrieben. Wie das so geht" — „kehl", sag e er mit stark sächsischem Provinzialdialekt — „zu Neujahr mal, zum Geburtstag mal. Manchmal vergaß er'§ ja auch. Tut nichts . . . er hatte ja hier so viel zu tun. Ja, und hatte so viel Glück. Wenn man's überlegt, ein erstaunliches Glück. So mancher geht nach Berlin und verliert hier sein Letztes. .Aber er . . . immer reicher ist er geworden!"
„Was will der gute Mann eigentlich nur?" dachte Eberhard, der sich iic eine Sofaecke "geschmiegt hatte und den kleinen Greis ziemlich ungeniert voi: beit großen rindsleder- neu Stiefeln bis zum roten, von dichtem weißem Haar bekrönten Kopf musterte. „Er will doch etwas. Die vielen Worte sind doch nur eine Einleitung. Und Vater kommt nicht mit der Sprache heraus. Man muß ihm helfen."
„Onkel Reinhard hat ja wohl int Frühjahr Ihr Neustadt noch einmal besucht, Herr Senator?"
„Jawohl, Herr Leutnant. Im Mai war er bei uns. Und so wohl uttb' frisch, tote ein Fisch int Wasser. Ja. . . wer hätte das gedacht. Ich sage Ihnen, er saß ein paar Abende mit uns im Bären zusammen, das heißt, er hatte uns eingeladen, und da hat er uns eigentliche alle unter den Tisch. . . bitte jtnt Verzeihung, ich wollte nur sagen, wie gesund und rüstig er noch war. Und wir haben es alle mit großer Rührung empfunden, tote anhänglich er an unser kleines Neustadt war. Nämlich..." i
Senator Brügge machte eine kleine Panse. Es wurde ihm doch schwer, mit seinem eigentlichen Anliegen herauszukommen.
In der Erinnerung des Majors aber stieg wieder das Bild des Sterbenden empor, sein Ringen nach Worten, das halbverständliche: „Neustadt" — „Testament". Rührung überkam ihn dabei und auch ein Gefühl der Unsicherheit, des Unbehagens. Er wich dem Mick des Besuchs aus. Aber er sagte doch: „Jawohl, Herr Senator — noch in der Todesstunde hat Onkel von Neustadt gesprochen."
„Hat er? Sehen Sie, Herr Major — nämlich, er hat uns Hoffnungen erweckt, sehr große Hoffnungen. Nämlich eüt paar Male hat er uns gesagt: „Nach meinem Tode sollt ihr erfahren, daß ich tut Herzen immer ein Neustädter geblieben hin." Und dabei sprach er von einem Elektrizitätswerk und von einem Schlachthause und von einem Hospital. Er faßte ja alles immer ganz im großen Stil an. Sehen Sie, Herr Major - Sie werden es gewiß natürlich und nicht unbescheiden finden, ich bin ja persönlich auch ganz uninteressiert r- nämlich, ich möchte mir
nur im Namen unseres Städtchens die Frage erlauben!! hat er ein Testament hinterlassen?"
Er atmete auf. Gottlob, nun war es heraus.
Und da kam auch schon ein kurzes, scharfes „Nein !" vom Sofa herüber. Eberhard hatte es gesprochen. Zu scharf, zu bestimmt klang es dem Vater.
„Das heißt," schränkte er ein, „ein Testament hat sich! in der Tat nicht vorgefunden. Auch der langjährige Anwalt unseres lieben Onkels glaubt, daß keine letztwillige Verfügung vorhanden ist, Onkel fühlte sich ja bis zuletzt so frisch, er dachte nicht an Sterben. Vielleicht hatte er auch die Scheu vieler Menschen gegen das Testieren . . ."
Während er sprach, trat wieder das Bild des Sterbenden vor seine Seele. Aber nun war ihm mit einem Male ganz klar: „Onkel kann kein Testament hinterlassen haben. Sonst hätte er ja nicht so, mit Anspannung der letzten Kraft, nach dem Notar verlangt. Daß du das jetzt erst einsiehst!" Es war eine große Beruhigung, es gab Gudareza plötzlich eine starke Sicherheit. Jetzt erst fühlte er sich ganz als Erbe der Reinhardscheu Millionen. Aber daraus erwachte ihm auch ein Gefühl der Großmut. In gewissem Sinne mußte mau Onkels Absichten doch respektieren. Ganz leer durften diese braven Neustädter nicht ausgehen. Das verlangt die Gerechtigkeit; nicht die juristische, aber die moralische. Unter allen Umständen: Anstandspflicht war's!
Der Neustadter Großwürdeuträger war unter dem Druck der Eröffnungen ganz tief in den Sessel zurückgesunken. Ein paar Male glitt seine Rechte wie im Versuch! des Beruhigens über die Weißen Haare, glättete sie von rückwärts nach der Stirn zu. Dann griff er nach seinem Zylinder und bügelte den Filz mit dem Rockärmel. Er überlegte: nun müßte er Wohl gehen? Und erhob sich doch nicht. In die herbe Enttäuschung mischte sich ein wenig Mißtrauenspfiffigkeit: „Machen dir die beiden da nicht am Ende Wind vor? Der alte geriebene Reinhard und nicht testieren! Solch ein guter Geschäftsmann. Es gibt Exempel von Beispielen, daß Testamente sehr zur rechten Zeit verschwunden sind."
„Herr Reiuharo hatte uns wirklich sehr bestimmte Zu- sagen gemacht —" sagte er schließlich, und es klang ziemlich gallig.
Doch nun hatte Gudareza sich völlig gefaßt: „Ich bebau re aufrichtig, wenn ich Ihnen eine Enttäuschung bereiten mußte," meinte er. „Aber ich kann Ihnen der-, sichern, daß wir, wenn sich int Nachlaß bes Verewigten noch irgenb eine Aufzeichnung finden sollte, die auf Ihre Vaterstadt Bezug hat — baß wir sie selbstverständlich respektieren werben. Und mehr als bas: wir werden auch ohnedem nicht vergessen, daß der Verstorbene die Absicht hatte, seine Heimat zu bedenken."
Er erhob sich, tote zum Zeichen, daß er nicht mehr zu sagen hatte, daß er die llnterrcbuitg für beendet an sah. Auch der Neustädter stand auf. Er drehte den Zylinder noch ein paar Male zwischen den Händen. Eigentlich hatte er die größte Lust, sich in die Brust zu werfen und die „beN stimmten Zusagen" noch einmal stark zu Betonen. Aber daun beschlich ihn doch das Gefühl, daß es mit solchen Zusagen eine eigene Sache und daß ein Sperling in ben Hand besser sei als eitle Taube auf dem Dache. So sagte er mit einiger UeBertoitibuitg: „Ich darf wohl im 9irtmen meiner Mitbürger versichern, daß wir für jedes Entgegen- kommett sehr dankbar setn würden. Und . . . nämlich. . . ein Krankenhaus täte uns besonders not. . ."
Man schüttelte sich die Hände. Der Senator ging mit mehrfachen Verbeugungen. Als sich die Tür hinter ihm geschlossen, hatte, war's mit der mühsam erkämpften Ruhe Gudarczas vorbei. Er schritt ein paar Male hastig durchs Zimmer und wiederholte immer wieder: „Zu peinlich, zu peinlich!"
(Fortsetzung folgt.)
Der peterle.
Eine Dreikönigsfest-Erinnerung von Hans Brandeck.
Als ich noch ein Junge war und die Schule besuchte, endete für mich die Weihnachtsfreude erst mit dem Dreikönigstage; denn an dessen Vorabend hielt uns' eine Ortssitte in ganz besonderen Spannung.
Da zogen die heiligen Dreikönige mit dem Stern um.
Am Abend des 5. Januar, sobald die Dunkelheit hereinge-- brvchcn war, zogen drei stimmbegabte Knaben von Haus zu Haus., lieber ihre Neider hatten sie lange weiße Hemden gezogen, eine


