M - Nr. 204
Samstag den 50. Dezember f ft
W
Mw
u«
üMM''Wsä>
Silvester.
Schon geht der Zeiger auf Mitternacht, Es stürmt und wogt in den Lüften Wie eine unheimliche Geisterschlacht — Da ertönen die Glocken : Es ist vollbracht! Von Lichtern und Tannendüften Erfüllt ist einsames Stübchen und Saal, Und es kreist der schäumende Weinpokal: Wohlan, klingt an! Dir bringen wir's dar, Du bist unsre Hoffnung, du neues Jahrl*
Das alte Jahr, es machte uns müb’, Es gab uns Schmerzen und Zähren, Doch wie unS der perlende Wein durchglüht, Wie ein seliges, stürmisches, heißes Lied, So wollen wir deiner begehren, Du neues, das neue Blüten uns bringt, Mit neuer Kraft unsre Seelen durchdringt; Vergessen sei alles, was vorher war: Du bist unsre Hoffnung, du neues Jahr!
Es rauschen die Glocken weit über das Land In festlich frohen Akkorden, Sie mahnen an das gemeinsame Band, Das ein Gott um die ganze Menschheit wand, Als er ihr Führer geworden.
Er wies euch die Liebe als höchstes Symbol, Hier ruht euer Segen, hier blüht euer Wohl, Die Sonne der Liebe schein' hell euch und klar, Dann bringt euch Erfüllung das neue Jahrl
Max Kempner-Hochstädt.
Prost Neujahr!
Plauderei von Johannes Trojart.
(Nachdruck verboten.)
„Prost Neujahr!" Das ist der allgemeine Ruf tn der Silvesternacht, wenn es geschlagen hat, und zwar wird dabei gewöhnlich der Ton auf die zweite Silbe von Neujahr" gelegt, das geschieht, wie leicht zu ernennen ist, weil der Ruf dann lauter, gedehnter und wirkungsvoller ans kling eil kann. Man versuche es nur einmal und rufe Neujahr" aus rnit dem Ton auf der ersten Silbe, den es sonst von. rechtswegen hat; es wird als Trochäus nrcht halb so großartig klingen wie als Jambus.
Wahrhaftig betäubend pflegt das „Prost Neujahr!" um Silvester in den inneren Teilen der Hauptstadt des Dent- schen Leichez zu, erschallen, Uicht ganz nngefährlich ist es
dann, zumal für die Kopfbedeckung, wenn sie in einem Zylinder besteht, sich auf die Friedrichstraße in ihrem nntt- leren Teil zu wagen. Wer les doch tut, kann froh sein, daß hm außer dem Hut nicht auch der Kopf, wenn nrcht verloren geht, so doch stark beschädigt wird. Wer wird sich aber auch mit einem Zylinder auf dem Kopf jetzt noch in den johlen- den Silvestertrubel hineinwagen! x .
Mich hat dieser Trubel amüsiert, als ich noch ein junger Mensch war, wenn ich in Begleitung guter GeMen, mit jenen ich bis Mitternacht gezecht hatte, dann auf diXStraße kam, wo der „Radau" losging. Ob es noch tn der s^vester- nacht in Berlin so hergeht, wie es vor Jahren Brauch war i Ich möchte es wohl glauben, denn die Freude am armen und Entzweimachen vererbt sich von Geschlecht auf Geschlecht. Auch Wohl heute noch, wenn Silvester glücklich vorüber ist, gratulieren die Berliner Schutzmänner einander dazu.
Auch in den stilleren Gegenden des Berliner Westens, wo man am Silvesterabend im engen Familienkreise oder in kleiner Gesellschaft bei einer Bowle imd den beliebten Pfannkuchen mit und ohne Füllung versammelt sitzt, wird mit Spannung darauf gewartet, daß das neue Jahr eintritt. Wenn man dann einander beglückwünscht hat und von draußen das erste „Prost Neujahr!" erschallt, geschieht es sicherlich auch jetzt noch, daß wan sich auf den Balkon begibt, um auf die Straße hinunter und nach den gegenüberliegenden Balkons hin denselben Neujahrsgruß erklingen zu lassen. Auch bei starkem Schneegestöber darf das nicht unterbleiben. Man hülle sich aber dazu ein wenig ein, sonst kann man sich, da der Punsch warm gemacht hat, leicht erkälten.
Ein nicht ganz uninteressantes Wort ist das „Prost". Es ftannnt aus dem Studentenlatein, das mit dem Pfaffen- und dem Küchenlatein zusammen zu den wilden Lateinarten gehört. Indessen ist das „Prost", in der unverkürzten Form „Prosit", ein ganz richtiger Konjunktiv von „prodesse“, das , nützen" bedeutet. Es heißt also soviel Jute „Es sei von Nutzen!" oder „Wohl bekomm' es!" „Prost!" sagt man,- toeitn man als Student einem zutriiikt, und „Prost Blume!", wenn es aus vollem Seidel geschieht. Es ist der kürzeste und hübscheste Trinkspruch, und sollte als solcher auch in den Zusammenkünften der Herrscher eingeführt werden, bei denen die Trinksprüche eine so große Rolle spielen. Auch „Prosit die Mahlzeit!" oder „Prostmahlzeit!" wird in Ge- ellschaft gesagt, wenn man vom Tisch aussteht. „Gesegnete Mahlzeit!" ist etwas feiner. Daneben wird „Prostmahl- zeit!" oder „Prostemahlzeit!" auch in irnnisweni Sw„-> braucht und soll dann besagen, daß nichts los oder nichts da ist, wozu man Glück wünschen kann. .....*1
Endlich wird auch dem Mejeuoen „Prosit!" oder Prost'" zngerufen, und das führt auf einen alten Aberglauben zurück. Mesen kann darauf hindeuten, daß man etwas Gutes zu erwarten hat, im besonderen, wenn man ganz nüchtern vor dem ersten Frühstück niest.. Geht das. Riesen aber beim Anziehen der Schuhe vor sich, so muß man sich gewöhnlich Wl e.tilW’ bchstiNmeD gefaßt wachen^ doch


