MI — Nr. so
W-h elÄJÄ! iilQTjo
UW Wi/K ■|
■1
Das Witwenhaus.
Roman von Helene von Mühlau.
Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Achtes Kapitel.
„In der Küstern ihrem Kopf sind auch nicht alle Schrauben fest!" hatte die Kosy behauptet, und damit hätte sie recht und doch auch wieder nicht.
„Witwe sein, selbst wenn man es nach einer unglücklichen Ehe geworden ist, hat sehr seine zwer Seiten!" hatte sie auch einmal philosophiert, „und am schlechsten sind eigentlich die dran, die nach dem Tod von ihrem Mann so viel haben, daß sie ohne Arbeit von ihrem Geld leben können, denn wenn ein Mensch noch nicht ganz stumpfsinnig ist, muß er was haben, was seine Tage ausfüllt. Ein Mann füllt aber eine Frau in den meisten Fällen aus : der verlangt was Ordentliches zu essen, eine aufgeräumte Stube, em bißchen Unterhaltung am Abend. Dann sieht er es auch gern, wenn sich die Frau hin und wieder putzt, damit er ein bißchen Staat mit ihr machen kann. Mit dem allen ist aber eine Frau vollkommen ausgefüllt, wenn sie ihre Ansprüche nicht zu hoch stellt, auch wenn sie keine Kinder hat. Legt sich aber der Mann hin und stirbt und hinterläßt die Frau in einem Alter, wo sie selbst noch nicht ans Sterben denken mag, dann ist das noch längst kein Glück, wenn er ihr vor dem ewigen Abschied sagen kann: „Du kannst die Hände in den Schoß legen, liebe Frau. Du hast genug zu leben bis an dein Ende!" Denn, wie gesagt, etwas, was seine Tage ausfüllt, mutz der Mensch haben, ist es nicht der Mann, so muß es die Arbeit sein. Sagen Sie mal selbst, Frau von Hilbach, fliegen Ihnen jetzt, wo alles drunter und drüber geht im Hause, die Tage nicht nur so hin? Ehe Sie sich versehen, ist der Herbst da, und dann, nu, ich will nichts sagen. Aber nu stellen Sie sich mal die Küstern vor. Zum Vermieten dünkt sie sich zu viel, weil sie's nicht nötig hat. Nu sitzt sie in ihrer Wohnung und hat mir noch gestern gesagt, daß der schöne Blick keinen Eindruck mehr auf sie macht, und spielen täte sie nur auf ihrem Harmonium, weil andere sich darüber ärgerten; es wäre ihr überhaupt alles schnuppe geworden, freuen könnte st« sich nur noch, wenn andere sich ärgerten."
Sie machte eine Pause, und da Frau von Hilbach schwieg, fuhr sie fort:
„Nu hab ich in der Nacht einmal ernstlich darüber nachgedacht, wieso ein Mensch so werden kann, und hab Vergleiche mit ihr und der Lengerich gezogen. Der Len- Kich ihr Unglück war auch, daß sie grad so viel zu en hatte, wie sie brauchte. R!u kam ja bei der noch der Umstand zu, daß ihr Mann ein Mörder war, was bei unserer Küstern ja das Gegenteil ist, denn ihr Mann stand hei der Kirche in Großheringen in gutem Ansehen, aber wie sesagt, Aohnlichkeit mit der Lengerich iß doch vor
handen. Arbeiten muß der Mensch nu einmal und og was Reelles denken. Wenn ich heute so viel hätte, daß es mir kein Unterschied ist, ob ich bte Mandel Eier für zehn Pfennig höher oder niedriger verkaufe, dann wär« mir das Leben bald langweilig, denn dazu hab ich nrcht den Charakter, die Hände in den Schoß zu legen. Unsere Küstern ist auch nicht zum Nichtstun geschaifen -- die leidet schwer darunter, wenn sie es auch selbst nrcht weiß; denn, sehen Sie mal, Frau von Hilbach wenn ein Mensch erst so abgestumpft wird, daß er unfern schöE Blick nicht mehr schön finden kann, dann ist nicht mehr richtig mit ihm, und so hart es auch für L>re ™, Frau von Hilbach, Sie müssen doch Ihrem, Gott danken, daß er Sie arm hat werden lassen. Wer weiß, was mrt Jhneu passiert wär, wenn Ihr Mann Ihnen nicht all Jht Hab und Gut durchgebracht hätte!"
Frau von Hilbach mußte lächeln, und doch sand st», daß die Alte nicht ganz unrecht hatte.
„Nu ja, bei Ihnen liegt ja überhaupt alles anders weil Sie noch so jung sind," fuhr die Kosh fort. „Unser« Kiistern ist wohl über die Mitte der Vierzrg heraus, aber darum ist sie lange nicht alt, im Gegenteil! Der steckt das Leben noch in allen Poren, und die ist nur so unglücklich, weil sie zum Stillsitzen verdammt ist. Sehen Sie, Frau von Hilbach, Sie sind ja verheiratet und darum kann man mit Ihnen über so was reden: Uns Frauen ist nu einmal der Mann notwendig, man braucht das ja vor dem Mann selbst nicht zuzugeben. Aber wir wollen nu einmal einen haben, der über uns steht, einen, auf den man sich verlassen kann, der einen hin itnb wieder mal m den Arm nimmt und--Nu, was mich betrifft, ich hab
ja genug vom Mann. Wenn man drei begraben hak, sagt man sich doch endlich: „Mr riskierst du's nicht noch einmal! Ich hatte ja auch schon graue Haare, wie mein letzter unter die Erde kam. Aber was meinen Sie, ich hab bitter mit mir gekämpft, bis ich mich ans Alleinsein gewöhnt hab, und ich kann jeder Frau, die ohne Mann leben muß, alles nach- fühlen und bin nicht erstaunt, wenn eine was Verrücktes tut aus lauter Langeweile und Verzweiflung. Urrd unsere Küstern macht auch noch mal einen dummen Streich, denn wenn man der so recht tief in die Augen sieht, dann mertt man, daß da was nicht stimmt. Die denkt auch zu vier, und Denken ist nu einmal schädlich- für eine allem,teh ende Frau. Darum bin ich so froh, daß Sie Ihren Doktor kriegen, Frau von Hilbach, und hier herauskonimen, denn so schon unser Haus ist, es steckt was drin, ich kann nrrch nrcht so ausdrücken, aber man kommt zum Denken in so eurem Haus wie unseres, und das ist nicht gut!" —
Die Küsterin litt wirklich, wie die Kosy sagte, am unaus- gefüllten Leben, und weil sie unverträglich war und kerne Freundin fand, war sie einsam geworden und verstand mrt ihrer Einsamkeit nichts anzufangen.
Ihr Mann hatte ihr die Zügel zertlevens straff gehalte«, nicht mit Roheit oder Tyrannei, v nein. Der MMr


