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Das nette Mädel.
Vornan von Fedor von Zobeltitz,
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Die Komteß gab jedem die Hand. „Was hat dies Mädchen für eine eisig kälte Haut," sagte sich Traute bei der Begrüßung. Sie war der jungen Gräfin schon gelegentlich auf dem Tennisplatz bekannt geworden, hatte aber nur ein paar Worte mit ihr gewechselt. Henny begann sie sofort in ein eifriges Gespräch zu ziehen; Traute hielt sich zurück. Sie fühlte eine Spannung im Herzen; etwas Neues und Unbekanntes, einen heftigen Widerstand, der ihr für einen Augenblick fast den Atem benahm.
Sie stand halbschräg hinter der Gräfin und sah ihr schönes Profil. Es lag ein etwas hochmütiger Ausdruck auf ihrem Gesicht, der sie aber nicht unsympathisch machte: ier paßte zu dieser stolzen Erscheinung, die viel fraulicher als mädchenhaft war. Traute zergliederte sie mit unbewußt kritischer Schärfe. „Wenn man so üppig rst, soll man sich nicht so stark dekolletieren", sagte sie sich. Aber der Hals war schön, der Arm ein wenig zu lang, das Gelenk starkknochig. „Nach dreijähriger Ehe sieht sie wie ein Grenadier aus," urteilte Traute. Dann erschrak sie über die Kritik und suchte nach Milderungen. Das Kostüm der Komteß war von der Hübner; es hatte ihren Schnitt. Sehr geschmackvoll; etwas zu reich für ein junges Mädchen. Und dann fragte sich Traute: „Wenn ich ein Mann wäre ■— ob ich mich wohl in sie verlieben könnte?" . . .
Gräfin Höntgswald hatte ihren Gatten herangewinkt. ^Wer fehlt denn noch, Axel?"
„Der junge Everstedt, Hannchen."
„Es ist ja halb acht durch," sagte sie vorwurfsvoll.
Er rief einen der Diener. Aber da trat auch schon Everstedt ein. Er entschuldigte sich lebhaft: Panne mit seinem Automobil; am Jägerhäuschen hatte man zwanzig Minuten rasten müssen.
Vorstellung und Begrüßung waren schnell crledrgt. Mit lachender Freude auf dem hübschen Gesicht nahm Everstedt die Hand Trautes. „'Tag, gnädiges Fräulem — tme geht es?" . . . Dann flüsterte ihm Hönigswald tn das Ohr: „Führen Sie bitte die Komteß Liebenau. . "
Nun saß man bei Tisch: Traute zwischen Hans Eggers und Herrn von Löneysen, und gerade gegenüber hatte sre Everstedt, flankiert von Komteß Andrea und Henny. Ihre beiden Nachbarn nahmen sie sehr in Anspruch. Wenn der Polizeihauvtmann ihr nicht sein martialisches Nußknacker- tzesicht zuwandte und sie mit heiserem Grunzen zu unterhalten versuchte, so sprach von der anderen Seite Hans Eggers in sie hinein. Das war ein boshafter kleiner Kerl, über dessen flinke Zunge die Moquerien wie Selbstverständ- Mkeiten glitten. Er machte dabei immer ein völlig un
schuldiges Gesicht, neigte sich ein wenig zu Traute hinüber und sprach in einem merkwürdigen Halblaut, das fast ein rhetorisches Kunststück war und nur von der Nachbarin verstanden wurde.
„Ein interessantes Pärchen, unser Visavis," raunte er Traute zu. „Verstehen Sie sich aus Physiognomik? Dann beobachten Sie einmal vorsichtig das Riesenkomtessel. Wenn Ever mit ihr spricht, tritt ein heller Glanz in ihr Auge, und ihr Gesicht wird warm — und wenn Ever mit Hennychen plaudert, vereisen sich ihre Züge. Ein jungfräulicher Janns- kopf. Trinken Sie die Bouillon nicht, sie schmeckt fischig. Aber halten Sie sich nachher an die Seezunge. Ich kenne die Menus in diesem Hause: es gibt nur noch Geflügel, das immer in anatomisch unmögliche Teile zerlegt wird." . .
Jetzt grunzte Löneysen wieder von der anderen Seite. Mer Traute hörte nicht zu. Sie hatte das kleine Komödienspiel der Gesellschaft erlernt. Sie nickte und lächelte und tat so, als amüsiere sie jedes Wort des Herrn von Löneysen. Dabei flog ihr Blick umher und streifte zu öfteren, wie achtlos, ihr Gegenüber. Gerade jetzt sprach Everstedt mit eindringlichem Ausdruck zu der Komteß. Wovon? Traute verstand nur abgerissene Sätze. Er bewegte sich auf der Höhe; er wollte seiner stolzen Nachbarin imponieren. Er sprach in Anlehnung eines derzeit viel gegebenen russischen Dramas von der Verwandlung int Wesen der Dichtkunst, von der Berechtigung der Poesie, auch für die Nachtseiten des Lebens Anteilnahme zu erwecken und von der kräftigeren Wirksamkeit der Eindrücke durch den modernen Realismus. So sprach er lebhaft angeregt, und die Komteß lauschte ihm, als höre sie jeder Weisheit letzte Schlüsse. In diesem Augenblick empfand Traute wieder das Spannungsgefühl im Herzen, das langsam aufwärts stieg, gewissermaßen bis in die Luftröhre, und ihr das Atmen erschwerte.
Die Unterhaltung wechselte. In den Sturmtagen war ein schweres Unglück passiert. Ein Boot war auf hoher See umgeschlagen, und die Wellen hatten einen alten Fischer und seinen Sohn begraben. Der Bürgermeister und der Gesandte stritten über den Wert der Raketenapparate und der Cordesschen Rettungsbüchsen. Und von ungefähr warf die Exzellenz bedauernd dazwischen, es sei doch sehr schade, daß aus dem diesjährigen Maifest nichts geworden ser: nun käme das Seemannsheim um seine gewohnte Emnahme.
Daran sei ganz allein Herr von Löneysen schuld, rref Henny mit lustiger Stimme über den Tisch.^ Der Ponzer- hauptmann grinste unter dem gewaltigen Schnauzbart und meinte, er sei immer nur die ausführende Gewalt. Nun geriet der Bürgermeister in Verlegenheit. Seine schmalen Schultern zuckten, und sein Gesicht wurde verkniffen. Man müsse sich an Herrn Everstedt wenden, sagte er; der habe plötzlich andere Zwecke und Ziele dazwischen geschoben.
„Doch nicht, Herr Oberbürgermeister," erwiderte Eberstedt. „Das Maisest sollte nach wie vor dem Seemannsheim gelten. Aber es, sollte einmal etwas Kunstlerthyes.


